Schlagwort-Archive: ZSK

Terrorgruppe

Ich sitze also hier bei einem guten Glas Hansa Kölsch in bedächtiger Adventsstimmung im abgeranzten aber gemütlichen Fernsehsessel und sehe, wie die Toten Hosen beim Jahresrückblick von Günther Jauch ihren einfallslosen Radiohit „Altes Fieber“ vorgrölen. Da kommt mir der folgende, doch sehr philosophische Gedanke: Was haben Slime, WIZO und ZSK gemeinsam? Richtig, ich habe mich über alle drei unnötigen Reunions (zurecht) lustig gemacht. Warum gehörte die Terrorgruppe nach all den Jahren immer noch zu den geschätztesten „älteren“ deutschen Punkbands? Weil die Typen immer ihr Ding durchgezogen haben und im richtigen Moment in Würde abgetreten sind. Weil sie es im Zweifel nicht nötig hatten, sich beim Publikum mit irgendeiner Scheiße anzubiedern. Und Archi hatte im Zweifelsfall immer Weisheiten parat wie:

Wir sind zu stolz für so’n Quatsch! Finanziell vielleicht dumm, aber wir waren halt auch schon immer hoffnungslose Idealisten! Außerdem hab ich weder das Geld einer solchen Reunion nötig noch den Fame. Und das sind ja die Hauptgründe aller Reunions. Um die pure Kunst geht’s da schon lange nicht mehr! (Plastic-Bomb-Interview vom November 2009)

Recht hatte er! Eine sehr sympathische Einstellung in einer Zeit, in der so manche Herren mittleren Alters die allzu voreilige Auflösung ihrer einst bei den Teenies beliebten Band bereuen. Vor allem natürlich, wenn sie das finanzielle Potential bedenken, das ihnen durch die Lappen geht, wenn sie die alljährlichen Anfragen für Reunionauftritte bei Punk im Pott oder beim Ruhrpott-Rodeo weiterhin so konsequent ablehnen. Der Terrorgruppe war das aber zum Glück immer ziemlich egal:

Und darum könnte ich nie, wie andere, sagen: OK, wir haben mal wieder Bock! Lass uns ein paar Shows spielen. Die Angebote haben wir schon oft gekriegt und da ging’s auch um Geld. Es wäre ein Leichtes für mich, mit dieser Band mal eben ein bisschen Kohle zu verdienen und dann in den Urlaub zu düsen. Das Ding ist: Ich kann es nicht so. Es war eine lange Vorbereitungsphase, bis die Terrorgruppe so funktionierte wie wir es wollten. Das hat ein bis zwei Jahre gedauert, dass wir so zufrieden damit waren, dass wir irgendwo hinfahren können und es rockt und wir haben alles im Griff. Wie man das heute neu hinbekommen sollte, wüsste ich nicht – so dass es in irgendeiner Form funktioniert und ich damit zufrieden bin. (Plastic-Bomb-Interview vom Februar 2013)

Gut, dass seitdem immerhin fast ein Jahr vergangen ist, denn hier ist sie auch schon, die befürchtete Ankündigung: Die Terrorgruppe tritt beim Ruhrpott-Rodeo 2014 auf! Damit ist es endlich möglich geworden, dass die gewieften Wahlberliner demnächst mit „Black Flag“ auftreten. Und ich freue mich schon auf die sensationellen Auftritte von Minor Threat, Cotzbrocken, der Vorkriegsjugend (die vermutlich großzügige Gage wird für die Kaution vorgestreckt) und den Ramones zu Weihnachten 2014 bei Punk im Pott. In diesem Sinne Respekt an die Toten Hosen, denn wer sich gar nicht auflöst, erspart sich immerhin die Reunion. Was auch immer in diesem Fall besser wäre.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Musik

Deutschland braucht Deutschpunk II

ZSK, die Green Day des deutschen Punkrocks, haben sich bekanntlich vor Kurzem wiedervereinigt und mittlerweile auch eine neue Platte herausgebracht. Ich konnte es mir als bekennender Fan nicht nehmen lassen, hier etwas darüber zu schreiben. Auch wenn es sich streng genommen natürlich nicht um Deutschpunk, sondern um Skatepunk handelt!

Schwanz für die Sache

Zunächst fällt dem Punkrocker natürlich das romantische Covermotiv auf. Es sieht so aus, als wären ZSK nie weggewesen, sodass sich alle Befürchtungen, die Band könnte zwischenzeitlich erwachsen geworden sein, schnell in Wohlgefallen auflösen. Gleich der erste Song klingt wie die Vertonung einer Antifa-Demo und nimmt sich dafür den bekannten linken Slogan alerta antifascista zur Grundlage. Als wäre das aber noch nicht klischeebeladen genug, spricht der Sänger auch noch das Wort alerta penetrant „Aleata“ aus. So ungefähr wie ein Ruhrgebiets-Proll den Lehrter Bahnhof in der Bundeshauptstadt Berlin nennen würde, wo sich die ursprünglich Göttinger Band aus taktischen Gründen bekanntlich niedergelassen hat. Soundtechnisch fällt direkt der prollige Metal-Einschlag auf, mit der Kombination aus diesem bolzenden Schlagzeug und unnötig tiefem Gitarren-Sound, die man auch aus Songs wie „Glück auf“ von Betontod kennt.

Was haben ZSK 2013 textlich noch so zu bieten? Zeilen, die jeden rebellischen 16jährigen sofort ansprechen, wie zum Beispiel: „Ich gehe niemals ohne Feuerwerk raus, ich mag es wenn es knallt und raucht. Ich stehe auf das Gegenteil von gefahrlos: Kapuze auf, in beiden Händen Bengalos.“ Ansonsten in fast jedem Song die Erzeugung eines diffusen Kollektivbewusstseins durch die Anhäufung von Personalpronomen der ersten Person Plural („wir“, „uns“). Dazu gesellen sich Medienkritik auf Anfängerniveau („Was wollt ihr hören?“), englischsprachige Songs mit provinzdeutschem Akzent (das Pflichtprogramm für jede Schülerband), Fließbandkritik an Spießern („Soll das alles gewesen sein?“) und ostentative Untermauerung der eigenen Credibility („Viel Glück“). Letzteres versuchen ZSK auch noch auf die ironische Art („Punkverrat“, mit Gastauftritt von Bela B.), was aber leider nicht immer gleichbedeutend mit gut oder originell ist.

Garniert wird das Ganze dann noch mit zusammengeklauten Zitaten anderer Punkbands wie But Alive („Bis jetzt ging alles gut“), Die Goldenen Zitronen (Textzeile in „Lichterketten“) oder Slime (Textzeile in „Bis jetzt ging alles gut“). Von den meisten dieser Vorbilder sind ZSK zwar meilenweit entfernt, aber bei Slime zeigt sich eine erstaunliche Parallele:

Aleata Antifaschista!

„Foto: Joe Dilworth – Nutzung für Promozwecke honorarfrei bei Nennung des Fotografen.“ (Selbstverständlich ist dieser Artikel als Promo zu verstehen!)

Jedoch hat Dirk von Slime eindeutig die schöneren Schuhe:

„Slime“ 2012

„Foto: Mirja Nicolussi“

Zusammenfassend lasse ich am Schluss nur noch eine Amazon-Rezension sprechen: „Das zweite Album ‚From Protest to Resistance‘ war und ist das wahrscheinlich beste Punkrock Album [sic] aller Zeiten. Ich glaube nicht das [sic] irgendeine Band jemals wieder ein besseres Album machen wird. ‚Herz für die Sache‘ kommt diesem zweiten Album sehr nahe.“

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Musik

ZSK

Was haben wir 2009 darüber gelacht, als WIZO nach nicht einmal fünf Jahren Pause ihre Reunion bekannt gaben. Die meisten dürften sich noch erinnern: Seit Ende der 90er waren sie praktisch von der Bildfläche verschwunden gewesen und alle Fans sehnten eine neue Platte und eine Tour herbei. Als beides dann 2004 als Abschiedsalbum und -tour angekündigt wurde, konnte die Band sich sicher sein, dass man ausschließlich vor ausverkauftem Haus spielen würde, entsprechende Einnahmen und Aufmerksamkeit inklusive. Weil ich darüber schon eine gewisse Vorahnung hatte, ersparte ich mir die Anwesenheit bei einem der Konzerte, und schwupp: Ende 2009 vermeldete die Band auf ihrer Website:

WIZO kommt zurück! Und zwar mit einem fetten, absolut geilen, neuen Album im Anschlag, neuem Bassisten und einigen absoluten Kracherkonzerten auf coolen Festivals im kommenden Sommer! Zur Zeit steht die Band im Studio und feilt an knapp 20 nagelneuen Songs! Das Album kommt im Sommer 2010, rechtzeitig zu den Festivals!

Von weiteren Kommentaren der Band ist mir nichts bekannt. Nicht mal das übliche „wir haben uns getroffen und sofort war auf ganz magische Weise die alte Energie wieder da“ war zu hören, aber Reunions wurden auf jeden Fall zum großen Knaller-Thema, da fast zeitgleich auch Slime ihre Sozusagen-Reunion ankündigten.

Eine Band gab es da aber noch, bei der ich schon seit der Auflösung die Tage bis zur Wiedervereinigung gezählt habe: ZSK aus Berlin. Diese Band, deren Konzept immer daraus bestanden hatte, den 90er-Jahre-Epitaph-Fat-Wreck-Stil mit deutscher Scheiß-Bullen-Antifa-Mentalität zu verknüpfen („What the fuck’s this, the German Anti-Flag?“, MRR), hat sich von ca. 2002 bis zur ihrer Auflösung 2007 einen beträchtlichen Fankreis unter Punks im Teenager-Alter erarbeitet, und das ganze Abschiedstour-Ding kam irgendwie sehr plötzlich und scheinbar grundlos. Obwohl es damals so glaubwürdig klang:

Wir denken einfach, dass nach 10 Jahren ZSK ein guter Zeitpunkt ist um aufzuhören. Wir haben im letzten Jahr unser bestes Album das wir je aufgenommen haben rausgebracht. Wir waren mit den Bands gemeinsam auf Tour die uns am meisten beeinflusst haben und uns so wichtig sind. […] In den vergangenen 10 Jahren hatten wir mit ZSK definitiv die schönste Zeit unseres Lebens. Was kann man sich als Band noch größeres Wünschen? [Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler übernommen, R.]

ZSK

Rockstars bei der Autogrammstunde

Mir waren die Typen schon immer suspekt, weil ihre Erfolgsstory immer etwas kalkuliert wirkte. Das galt auch für ihre Auflösung, dabei dürften sich ZSK bis dahin auch zu einer der finanziell erfolgreichsten deutschen Punkbands gemausert haben (zumindest allem Anschein nach). Und jetzt diese Überraschung! Genau wie WIZO hatten sie mit „Auflösung“ wohl auch nur eine kleine Pause gemeint, denn seit 2011 gibt es ZSK auch schon wieder! Zum vollen Programm gehörte nicht nur eine „Reunion-Tour“, sondern natürlich auch eine neue Platte, die demnächst bei I Used to Fuck People Like You in Prison Records (im EMI-Vertrieb) erscheint. Und warum das Ganze?

Genau wie ihr, haben wir ZSK sehr vermisst. Vier Jahre nach unserer Auflösung hat uns die Band immernoch nicht losgelassen. Beeindruckt hat uns vor allem, dass wir nach wie vor sehr viele Briefe und Mails bekommen, in denen uns Leute schreiben, dass sie zu jung waren, um uns Live gesehen zu haben. Für alle unsere Freunde von früher und auch diejenigen, die uns erst nach unserer Auflösung 2007 entdeckt haben, wollen wir jetzt noch einmal eine große Sause veranstalten. […] Eigentlich war das ganze als kurze eine einmalige Sache geplant. Aufgrund der ziemlich überwältigenden Reaktionen haben wir uns dann aber doch entschlossen nochmal ein paar Songs aufzunehmen. Herausgekommen ist ein neues Album, das am 26. April 2013 erscheinen wird. Dazu gibt es natürlich auch eine Tour.

Selbstverständlich! Sehr interessiert stimmt mich schon einmal die parallel zur LP erscheinende 7″-Single mit dem Namen „Bis jetzt ging alles gut“ (irgendwie kommt mir der Titel bekannt vor). Sie enthält zwei Songs und kostet 7,50 €, weil die Bandmitglieder sie handsigniert haben! Ein echter Punk muss die also haben! Außerdem das ganze neue Hochglanz-Merch, das ebenfalls pünktlich in den Startlöchern steht. Ich bin gespannt, mit welchen Marketing-Kniffen uns die selbsternannten „Skatepunks“ in den nächsten Jahren noch überraschen werden! Vielleicht mit einer weiteren, „endgültigen“ Auflösung?

2 Kommentare

Eingeordnet unter Musik