Schlagwort-Archive: Stefan Raab

„Me-too“-Sendungen

Unter Wirtschaftsschlaumeiern gibt es einen Fachbegriff namens „Me-too-Produkt“ für „Produkte, die einem meist innovativen Original-Produkt in vielen Eigenschaften und Fähigkeiten gleichen und bei Erfolg des Erstanbieters – möglichst kurz darauf – auf den Markt kommen“ (Wikipedia). Ein Beispiel: Seit es die Erfindung „Coca Cola Zero“ gibt, haben nach und nach sogar Discounter damit angefangen, ihre Billigcolas mit coolen Namenszusätzen wie „Zero“ oder „0 % Zucker“ zu versehen, selbst wenn exakt das Gleiche drin ist wie in Cola light.

Auch beim Fernsehen kann man sich oft quasi bildlich vorstellen, wie jemand in einer Senderredaktion sitzt, neiderfüllt über den Erfolg eines Konkurrenzsenders liest und seinen Kollegen ganz clever vorschlägt: „So eine Sendung brauchen wir auch!“ Oder wie Oliver Kalkofe einmal sehr treffend formulierte: „Die wichtigste Regel, die man beim Fernsehen heute lernt, ist die: Wenn ein anderer Sender einmal aus Versehen ein erfolgreiches Format gebracht hat, dann ärger dich kurz und mach es so schnell wie möglich nach.“

Um die Kreativität der Fernsehbranche angemessen zu würdigen, habe ich eine kleine Liste der revolutionärsten Formatideen aufgestellt. Ich berücksichtige hierbei nur Sendungen der letzten 15 Jahre, die zumindest teilweise parallel nebeneinander her liefen, und außerdem nur deutsche Produktionen – schließlich ist es eigentlich der Normalfall, dass selbst innovative Formate im deutschen Fernsehen ursprünglich aus anderen Ländern stammen.

„Stalker“ (Sat 1) – „Verfolgt“ (RTL)
An diesem aktuellen Fall kann man erkennen, dass Sender mit ähnlichen Formaten teilweise darum kämpfen, bei der Ausstrahlung unbedingt der erste zu sein. Auch wenn die Relevanz des Formats zu wünschen übrig lässt. Dies ist aber natürlich nicht immer der Fall; manchmal lassen sich Sender auch schon mal mehrere Jahre Zeit.

„Die 10…“ (RTL) – „32Eins!“ (Sat 1)
Altes Archivmaterial noch mal wegzusenden um preiswert Quote zu generieren klappt eigentlich immer ganz gut, nur halt bei Sat 1 nicht. Dazu kommt noch die Ratlosigkeit beim Blick ins TV-Programm, wie man „Zweiunddreißig Eins!“ eigentlich aussprechen soll. Wer sich solche Sendungen gerne ankuckt, riecht meistens streng.

Den Rest gibt’s hier.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen

Die große TV-total-Prunksitzung

Die Küchenpsychologie lehrt mich, dass Stefan Raab irgendeinen Komplex aufzuarbeiten hat: Alles, was ihm irgendwie gefällt, will er unbedingt auch mal machen, aber nur solange er selbst dabei im Mittelpunkt stehen kann. In der gestern zum ersten Mal ausgestrahlten „großen TV-total-Prunksitzung“ wollte Raab mit dem Thema Karneval mal wieder seinen kölschen Lokalpatriotismus zeigen, so wie er sich auch zu jeder Gelegenheit als treuer FC-Köln-Fan gibt. Das soll ihn sehr publikumsnah präsentieren, dabei dürfte er vermutlich seit zehn Jahren nicht viel mehr von Köln gesehen haben als sein Studio und das Villenviertel Hahnwald. Derart abgehoben von der plebs wirkte er bei der ganzen Veranstaltung auch nicht wie ein kölscher Jung, sondern nur wie ein Mann, der sich seinen großen Kindheitswunsch erfüllen wollte, einmal in einer Karnevalssitzung aufzutreten. Weil sein Ego es ihm aber grundsätzlich nicht erlaubt, in Shows aufzutreten, die nicht von ihm selbst stammen, kaufte er sich kurzerhand seine eigene Sitzung.

Man konnte Raab die ganze Sitzung über anmerken, dass er auch gerne ein Teil der Kölner Kultur wäre. Zum einen wäre da sein aufgesetztes Kölsch, das aber nicht mal über Immi-Niveau herausgeht. Dann wären da noch seine zwei selbstgeschriebenen kölschen Lieder, die er jedoch, da ihm jegliche street credibility abgeht, zusammen mit den Höhnern vorspielte, die in Köln als äußerst true gelten. Trotzdem ließen Raabs Stimme und mangelndes Kompositionstalent keinerlei Flair aufkommen. Ebenso wenig wie die Nummer mit seinem Kollegen Alexander Duszat alias „Elton“, die vermutlich an das Colonia-Duett angelehnt war, nur dass statt Hans Süper er selbst die Ukulele klingen ließ. Der Sketch wirkte wie mit heißer Nadel gestrickt und baute auch nur auf einer einzigen Pointe auf, da habe ich bei jeder „Du-Ei!“-Wiederholung mehr gelacht.

Es gab aber erfreulicherweise auch einige Lichtblicke: Raabs Büttenrede, die aus seinen bekannten Video-Samples zusammengebastelt war, war wirklich lustig und zeigte, was die frühen „TV-total“-Jahre eigentlich so unterhaltsam gemacht hatte. Auch die Auftritte von Carolin Kebekus (mit sehr viel kölscher credibility), Martin Klempnow als Robert Geiß, Lena Meyer-Landrut (die sich zum Glück nur aufs Optische konzentrierte), Helge Schneider und Bastian Pastewka als Ottmar Zittlau wussten zu überzeugen: Gerade letzterer war sehr witzig, weil er mit einem albernen Karnevalslied samt lächerlich simplem Text über die Reihenfolge der Wochentage mal eben die Primitivität herkömmlicher Karnevalslieder auf gelungene Weise parodierte. Außerdem traten neben den Höhnern auch noch die Brings auf. Wenn man einmal davon absieht, dass die meisten ihrer Hits auf immer derselben Akkordfolge basieren (vi-ii-V-I…), war der Auftritt okay wie immer, man könnte „routiniert“ dazu sagen.

Dann war dort neben Licht aber auch noch viel Schatten, sofern man auf gute Fernsehunterhaltung aus war und deshalb nicht den deutlich niedrigeren Maßstab für Karnevalssitzungen anlegte. Da wäre der Ruhrpottler Markus Krebs, der einfach aus dem Internet und alten Witzebüchern heraus­ge­schrie­be­ne Gags der Reihe nach vorlas. Einige davon waren zwar nicht schlecht, die Präsentation ließ allerdings zu wünschen übrig. Dann waren da noch die meist deplaziert wirkenden Mundstuhl mit ihrem pointenarmen Haudrauf-Humor, der mittlerweile als Fußballparodist etablierte Matze Knop, den ich persönlich völlig uninteressant finde, und zu allem Überfluss auch noch Dave Davis. Zu dessen Auftritt kann ich nicht viel schreiben, weil ich immer reflexhaft wegschalte, wenn er wieder einmal irgendwo mit seiner Klischeefigur des schwarzen Toilettenputzers auftritt, so auch dieses Mal. Warum müssen deutsche Komiker mit Migrationshintergrund ihre Bühnenfiguren fast immer auf Stereotypen aufbauen? Ist es bekömmlicher für das deutsche Publikum, sich in Vorteilen mehr bestätigt zu sehen als sie zu hinterfragen? Dabei könnte Dave Davis es doch viel besser, wie er beispielsweise bei der kurzlebigen „Wochenshow“-Neuauflage gezeigt hat.

Am Ende bleibt als Fazit doch nur ein weiteres Raab-Selbst­­be­weih­räu­che­­rungs­­pro­j­ekt, das seine Fans unter den Feuilletonisten auf ihrer „dieser-Raab-kann-ein­fach-al­les“-Lis­te verbuchen können. Leider ist die Veranstaltung aber nicht wegen, sondern trotz Raab doch noch unterhaltsamer ausgefallen als richtige Karnevalssitzungen. Er hätte sich vielleicht ein Beispiel an Cro nehmen sollen, der als prominenter Gast eingeladen war und während der gesamten Sendung im Hintergrund saß und absolut gar nichts machte.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen

Stefan Raab

Dass Stefan Raab sich in Musik- und Fernsehdingen gewissermaßen für allmächtig hält, ist ein Eindruck, der sich schon seit vielen Jahren bei mir eingestellt hat. So langsam scheint es aber auch noch mit dem letzten Rest bescheidener Zurückhaltung vorbei zu sein, denn in letzter Zeit wollte Raab nicht nur zeigen, dass er eigentlich auch der beste Polit-Talkshow-Moderator im deutschen Fernsehen ist („Absolute Mehrheit“), sondern hat auch noch eine eigene Karnevalssendung angekündigt. Und weil Pro Sieben anscheinend so sehr auf den Mann angewiesen ist, dass der Sender ihm Gerüchten zufolge (wie die FAZ berichtete) gerne einen neunstelligen Geldbetrag hinterhergeschmissen hat (Leistung muss sich ja lohnen, wie der FDP-Applaus in „Absolute Mehrheit“ gezeigt hat), wird dort offenbar auch ausnahmslos jede seiner Ideen bereitwillig gesendet. Ich habe mir deshalb einmal ein paar ähnlich kreative Gedanken darüber gemacht, womit Stefan Raab auch in Zukunft noch die Medienöffentlichkeit „überraschen“ könnte. Seine Witze und Interviews in „TV total“ zeigen schließlich, dass er sich bei Vorbereitungen gerne auch mal Arbeit abnehmen lässt.

  • „Raab kocht“: Was sich Johannes B. Kerner eventuell als Verlegenheitslösung ausgedacht hat und von seinem ähnlich kreativen Nachfolger Markus Lanz sogar übernommen wurde, könnte Raab zu neuen Höhen führen. „Das Genre der Kochsendungen ist mittlerweile so ausgelutscht“, würde Raab bei der Ankündigung des Formats möglicherweise sagen, nicht ohne dabei noch einen Witz mit „ausgelutscht“ und Essen mitzunehmen. „Dabei bin ich mir sicher, dass man mit ein bisschen mehr Wettbewerbsgedanke eine unterhaltsame Samstagabendshow daraus machen könnte.“ Gesagt – getan: In der natürlich von Brainpool produzierten Show würde rundenweise jeweils ein (fernsehbekannter) Profikoch gegen einen Kandidaten antreten, wobei eine Jury aus Raab, Elton und anderen Sendergesichtern am Ende für die Verkostung zuständig ist. Als Gewinn gäbe es 100.000 Euro, die aber in einen Jackpot fließen, sofern der Profikoch gewinnt. Alle zehn Minuten gibt es außerdem ein Auto zu gewinnen, dessen Ankündigung mit Raabs üblichem leisen Schlagzeugbeat unterlegt ist. Am Ende kocht Raab natürlich auch noch persönlich, aber qua Spielregel ist er automatisch der Beste des Abends.
  • „Wer wird Milliardär?“: Weil sich Quizshows im deutschen Fernsehen momentan konjunkturgemäß wieder in der Rezession befinden, sähe es Raab gerade als besondere Herausforderung an, einer eigenen Quizshow zu Quotenerfolgen zu verhelfen, da er so gerne die Feuilletonartikel darüber läse, dass diesem „Genie [i. e. Raab] doch alles gelingt, was er anfässt“. Dies gelingt natürlich nur mit einer bislang unerhörten Gewinnsumme, nämlich einer Milliarde Euro, die Raab mal eben aus seiner privaten Portokasse vorstreckt. Dass die Zeitungen vorher ethische Debatten darüber anstellen würden, ob man einen solch hohen Gewinn überhaupt ausloben dürfe, juckt ihn mit seinem unverkrampftem Verhältnis zu Geld wenig, dafür steigert es die Aufmerksamkeit so sehr, dass sich selbst RTL nicht traut, parallel Dieter Bohlen gegen die Sendung antreten zu lassen und lieber einen zehn Jahre alten mittelmäßigen Actionfilm wiederholt. Weil Raab aber ausgefuchst ist und den Kandidaten zu Beginn der Sendung per SMS von den Zuschauern bestimmen lässt, die bei einer Auswahl von fünf Vorschlägen erwartungsgemäß für einen sympathischen aber naiven bauernhaften Sportstudenten stimmen, gewinnt zum Schluss natürlich er persönlich. Alle zehn Minuten gibt es außerdem ein Auto zu gewinnen, und als Quizfrage für dieses SMS-Gewinnspiel gibt es die Frage, an der der Sportstudent später scheitern wird.
  • „Das Wort zum Samstag“: Die Fernsehpredigt sieht der katholisch erzogene Raab als „letzte Bastion der öffentlich-rechtlichen Sender“ (fiktives Zitat, genau wie alles andere hier), und lässt daher das Fernsehpublikum in einer vierstündigen großen Samstagabendshow über den besten Nachwuchsprediger abstimmen. Nach der ersten Runde, in der jeder der zehn Kandidaten einen fünfminütigen moralischen Appell an die Zuschauer richten kann, werden die besten drei für das Finale der Show ausgesiebt. Dabei kann man vom heimischen Wohnzimmer aus jederzeit per kostenpflichtiger SMS über seinen Favoriten abstimmen, wobei während der Sendung stets ein „Live-Ranking“ eingeblendet wird, in dem man den aktuellen Zwischenstand sieht. „Dies sorgt dafür, dass es gleich zweimal pro Sendung ein Maximum in der Ertragskurve, ääh, dass es so richtig spannend wird.“ Zusätzlich kann man zuhause ein Auto gewinnen, denn „die Bibel lehrt uns zwar, dass Habgier zu den sieben Todsünden gehört, aber lehrt uns die Fernsehwerbung nicht auch: ‚Geiz ist geil?‘ Hahaha“, wie Raab möglicherweise gekonnt über kritische Kommentare hinweggehen würde. Am Ende gewinnt übrigens der Kandidat Wolfgang Kubicki mit einer Predigt für mehr Eigeninitiative.
  • „Quarks und Raab“: Angestoßen vom Erfolg des „Quarks-und-Co“-Spinoffs „Quarks und Caspers“ im WDR könnte Stefan Raab eines Tages per Pressemitteilung bekannt geben, dass man „auch mit Naturwissenschaften ein Millionenpublikum erreichen“ könne, „wenn man es so unterhaltsam macht wie ich [i. e. Raab]“. Prompt wird in den Feuilletons wieder diskutiert, ob denn ausgerechnet er der Richtige dafür sei, doch die Redakteure sind sich am Ende darüber einig, dass Raab eigentlich wirklich alles könne, „also warum nicht auch Wissenschaft?“ In der Show dürfen dann Physik- und Chemielehrer aus ganz Deutschland als Kandidaten gegen Raab antreten und im Wettstreit die buntesten und lautesten Experimente mit dem größten Erkenntnisgewinn vorführen. Für die nötige wissenschaftliche Tiefe sorgt mit passenden Erklärungen übrigens Pro-Sieben-Senderkollege Aiman Abdallah, den Raab mit der Frage begrüßt, ob es bei seinen Freunden in der Wüste denn überhaupt andere Wissenschaftler als Kamelforscher gäbe (derartige Pointen sind bei seinem Publikum gut erprobt). Obwohl Raab kein einziges Experiment gelingt, tobt der Saal bei ihm jedes Mal, weil das Studiopublikum vom „Warm-Upper“ per Handzeichen dazu angewiesen wird (wie es das bereits von „TV total“ gewöhnt ist). Alle zehn Minuten gibt es außerdem ein Auto zu gewinnen. Die größte Überraschung könnte Raab allerdings mit folgender Fernsehidee gelingen:
  • Eine einstündige Show, in der Raab prominente Gäste einlädt, die gerade keine Werbung für ihre Filme/Sendungen/CDs machen müssen. Mit diesen spricht er dann über Dinge, die in keiner anderen Talkshow behandelt werden, und stellt mitunter auch unverschämte Fragen, wobei es für eine besondere Atmosphäre sorgt, dass während der Aufzeichnung nur wenig bis gar kein Studiopublikum anwesend ist. Zwischendurch zeigt Raab originelle, selbst ausgedachte Einspieler oder witzige Liedideen, die sich angenehm von der gewohnten Ernsthaftigkeit abheben. Der Qualität zuträglich ist, dass er sich dabei zur Abwechslung selbst inhaltlich auf die Sendung vorbereitet und keine von „mit Recht unterbezahlten“ Studenten geschriebenen Billig-Pointen von Pappkartons abliest. Das Ganze ist zudem keinem bestimmten Genre zuzuordnen, weil Raab in dieser Sendung zahlreiche Fernsehkonventionen subversiv missachtet.

Letztere Sendung würde zwar möglicherweise unterdurchschnittliche Quoten einfahren, weil dem Publikum die Orientierungshilfe fehlen würde, an welcher Stelle man zu lachen hat, allerdings würde ich persönlich für eine solche Show vielleicht sogar mal wieder bei ihm einschalten.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen