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Terrorgruppe

Ich sitze also hier bei einem guten Glas Hansa Kölsch in bedächtiger Adventsstimmung im abgeranzten aber gemütlichen Fernsehsessel und sehe, wie die Toten Hosen beim Jahresrückblick von Günther Jauch ihren einfallslosen Radiohit „Altes Fieber“ vorgrölen. Da kommt mir der folgende, doch sehr philosophische Gedanke: Was haben Slime, WIZO und ZSK gemeinsam? Richtig, ich habe mich über alle drei unnötigen Reunions (zurecht) lustig gemacht. Warum gehörte die Terrorgruppe nach all den Jahren immer noch zu den geschätztesten „älteren“ deutschen Punkbands? Weil die Typen immer ihr Ding durchgezogen haben und im richtigen Moment in Würde abgetreten sind. Weil sie es im Zweifel nicht nötig hatten, sich beim Publikum mit irgendeiner Scheiße anzubiedern. Und Archi hatte im Zweifelsfall immer Weisheiten parat wie:

Wir sind zu stolz für so’n Quatsch! Finanziell vielleicht dumm, aber wir waren halt auch schon immer hoffnungslose Idealisten! Außerdem hab ich weder das Geld einer solchen Reunion nötig noch den Fame. Und das sind ja die Hauptgründe aller Reunions. Um die pure Kunst geht’s da schon lange nicht mehr! (Plastic-Bomb-Interview vom November 2009)

Recht hatte er! Eine sehr sympathische Einstellung in einer Zeit, in der so manche Herren mittleren Alters die allzu voreilige Auflösung ihrer einst bei den Teenies beliebten Band bereuen. Vor allem natürlich, wenn sie das finanzielle Potential bedenken, das ihnen durch die Lappen geht, wenn sie die alljährlichen Anfragen für Reunionauftritte bei Punk im Pott oder beim Ruhrpott-Rodeo weiterhin so konsequent ablehnen. Der Terrorgruppe war das aber zum Glück immer ziemlich egal:

Und darum könnte ich nie, wie andere, sagen: OK, wir haben mal wieder Bock! Lass uns ein paar Shows spielen. Die Angebote haben wir schon oft gekriegt und da ging’s auch um Geld. Es wäre ein Leichtes für mich, mit dieser Band mal eben ein bisschen Kohle zu verdienen und dann in den Urlaub zu düsen. Das Ding ist: Ich kann es nicht so. Es war eine lange Vorbereitungsphase, bis die Terrorgruppe so funktionierte wie wir es wollten. Das hat ein bis zwei Jahre gedauert, dass wir so zufrieden damit waren, dass wir irgendwo hinfahren können und es rockt und wir haben alles im Griff. Wie man das heute neu hinbekommen sollte, wüsste ich nicht – so dass es in irgendeiner Form funktioniert und ich damit zufrieden bin. (Plastic-Bomb-Interview vom Februar 2013)

Gut, dass seitdem immerhin fast ein Jahr vergangen ist, denn hier ist sie auch schon, die befürchtete Ankündigung: Die Terrorgruppe tritt beim Ruhrpott-Rodeo 2014 auf! Damit ist es endlich möglich geworden, dass die gewieften Wahlberliner demnächst mit „Black Flag“ auftreten. Und ich freue mich schon auf die sensationellen Auftritte von Minor Threat, Cotzbrocken, der Vorkriegsjugend (die vermutlich großzügige Gage wird für die Kaution vorgestreckt) und den Ramones zu Weihnachten 2014 bei Punk im Pott. In diesem Sinne Respekt an die Toten Hosen, denn wer sich gar nicht auflöst, erspart sich immerhin die Reunion. Was auch immer in diesem Fall besser wäre.

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Tri tra trullala

Wer ist wieder da? Casperle! Der Mann, der nach Cro und Oli P. die poppigste Rapmusik in Deutschland macht, bringt demnächst den „lang ersehnten“ Nachfolger seines Nummer-Eins-Albums „XOXO“ heraus. Selbstverständlich reißen sich sofort alle Dudelfunksender um die Vorab-Single, weshalb ebenso selbstverständlich meine Meinung gefragt ist.

Zunächst einmal scheint sich der Mädchenschwarm und Wahl-Berliner das ehrgeizige Ziel gesetzt zu haben, das hässlichste Albencover des Jahres auf den Markt zu bringen, und dabei ausnahmsweise durchaus gute Arbeit geleistet:

hinterlader

Da das Cover so aufgemacht ist, dass der Betrachter denken soll, es stecke eine tiefere Bedeutung dahinter, will ich nach anfänglichem Lachen auch eine passende Interpretation des Gezeigten mitliefern: Wenn man die Musik von Casper hört, oszilliert der eigene Gesichtsausdruck zwischen den beiden auf dem Bild gezeigten Zuständen.

Auch das neue Video „Im Ascheregen“ wurde so produziert, dass sich die Hauptzielgruppe (Jugendliche im Übergang vom Emo zum Hipster, die der Coolness wegen auch Rap und Elektro hören, wenn auch jeweils die weichgespülteste Variante) denkt, sie sehe gerade etwas voll tiefgründiges Künstlerisches:

Was soll man dazu sagen: „Im Aschenbecher“ klingt wie eine Mischung aus Safri Duo und dem Gesang von Dieter Bohlen bei Blue System. Dazu hopst ein gesichtsbehaarter tätowierter Vogel im Wald herum und gestikuliert in die Kamera, als müsste er den Text simultan in Gebärdensprache übersetzen, und zwar für eine in 50 Metern Entfernung stehende Person. Der Text an sich fällt zwar nicht gerade durch sinnvolle und verständliche Aussagen auf, lässt sich bei Bedarf jedoch gut in kleinste Bestandteile zerlegen und per iPhone an Twitter schicken, um sich mit rebellisch klingenden Zeilen in einem gewissen Indie-Glanz zu sonnen. Hey! Hey! Hey! Hey! Der herbste Rückschlag ist allerdings, dass Casper es sich nicht nehmen lässt, die altbekannte Heizöl-Benzin-Zeile von Slime in seinen Text zu integrieren, wobei ich nicht ausschließen würde, dass er sie für eine Kettcar-Zeile („48 Stunden“) gehalten haben könnte. Da würde ich mein Radio auch am liebsten untergehen lassen.

Die Video-Darsteller in den weißen Nachthemden kamen sich hoffentlich bei den Dreharbeiten genau so albern vor, wie es im Endeffekt wirkt: „Für 50 Euro muss ich in diesem dämlichen Aufzug im Tümpel stehen, die Hände nach oben strecken und dabei versuchen, nicht zu lachen. Aber in der fertig geschnittenen Fassung wird das Ganze bestimmt irgendwie seinen Sinn haben!“ – Leider nein! Das Feuilleton der Kommentarschreiber ist sich allerdings jetzt schon einig: „Casper ist die Perfektion in Person. Wahnsinn!♥“ – „hamma geil !! <3“ – „einfach nur liebe.“ – „Ich freu mich so aufs Album ahhhhh <3 so toll Caaaaas *o*“ – „Ein Drittel Heizöl, 2 Drittel Benzin – ist das nicht aus ’nem Betontod Text? :))“ – „Casper is Gott!“ – „Am 27.9.2013 wird sich uns eine neue Ära der Musik erwarten.“

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Küchen-Punks

Mit dem Punk-Begriff wird viel Schindluder getrieben. So manchen Schwachsinn wie „Business-Punk“ oder „Golf-Punk“ mussten wir schon über uns ergehen lassen. Immer wieder finden sich in der Elite der BWLer Koryphäen, die den Klang des Wortes Punk irgendwie toll vermarktbar finden, ansonsten aber eigentlich genau das Gegenteil von Punk sind.

Den im Folgenden behandelten Personen gestehe ich immerhin zu, den Punk-Begriff nicht auf gleiche Weise zu besudeln, sonden sich lediglich ein wenig zum Affen zu machen. Lassen Sie bitte diese Szene aus einer typischen Doku-Soap auf RTL II auf sich wirken, auf die ich letzte Woche zufällig gestoßen bin:

Moep moep

„Brüllen, zertrümmern und weg“: Screenshot vom RTL-II-Programm am 25. Juli 2013.

Der Mann mit dem linksextremen Pulli wird nicht etwa von einem Team der RTL II News dabei gefilmt, wie er irgendwo randaliert und alles kaputt macht, sondern er arbeitet für RTL II. Es handelt sich um Ole Plogstedt, gelernter Koch und Mitbegründer der „RGF“ („Rote Gourmet Fraktion“), einer Firma für „Punkrock-Catering“ (Referenzen: Die Toten Hosen, Jan Delay, Rammstein, Rosenstolz, Element of Crime, Earth Wind and Fire, Die Fantastischen Vier, Nightwish). In der Sendung „Die Kochprofis“ testet er auf eben genanntem Sender Restaurants.

Man kennt ja den üblichen Ablauf von Sendung dieser Art: Drei besonders stark von sich überzeugte Köche besuchen ein schlecht laufendes Restaurant und finden das Essen dort grundsätzlich scheiße (und wenn es nicht scheiße ist, ist es trotzdem scheiße, weil es „nichts Besonderes“ ist). Ein Wort, das Fernsehköche übrigens in diesem Zusammenhang gerne verwenden, ist „furztrocken“, was jedoch einerseits widerlich klingt, und andererseits sachlich falsch ist, da in einem Furz durchaus ein gewisser Anteil Sprühwurst mit drin sein kann.

So weit, so unspektakulär; das Ganze dient eigentlich auch nur als Aufhänger für die richtige Pointe: Noch punkiger ist nämlich sein Kollege Stefan Marquard, der findet: „Cooking is like Punkrock!“ Also dass Kochen wahrscheinlich hauptsächlich aus Saufen besteht, oder „Brüllen, Zertrümmern und weg“. Dazu fiel mir dann nämlich neulich noch ein, dass ich doch vor ein paar Jahren am Bahnhof sehr lachen musste:

Moep moep

„100 % Küchen-Punk“: Fotografiert 2008 in einem namhaften Hauptbahnhof in Nordrhein-Westfalen.

Hier zeigt sich dann doch noch das Vermarktungspotential echter Punks. Das Fazit entfällt, weil ich an dieser Stelle keine Lust mehr habe. Ich bin jetzt für die nächsten Stunden erst mal 100 % Schlafzimmer-Punk.

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Deutschland braucht Deutschpunk II

ZSK, die Green Day des deutschen Punkrocks, haben sich bekanntlich vor Kurzem wiedervereinigt und mittlerweile auch eine neue Platte herausgebracht. Ich konnte es mir als bekennender Fan nicht nehmen lassen, hier etwas darüber zu schreiben. Auch wenn es sich streng genommen natürlich nicht um Deutschpunk, sondern um Skatepunk handelt!

Schwanz für die Sache

Zunächst fällt dem Punkrocker natürlich das romantische Covermotiv auf. Es sieht so aus, als wären ZSK nie weggewesen, sodass sich alle Befürchtungen, die Band könnte zwischenzeitlich erwachsen geworden sein, schnell in Wohlgefallen auflösen. Gleich der erste Song klingt wie die Vertonung einer Antifa-Demo und nimmt sich dafür den bekannten linken Slogan alerta antifascista zur Grundlage. Als wäre das aber noch nicht klischeebeladen genug, spricht der Sänger auch noch das Wort alerta penetrant „Aleata“ aus. So ungefähr wie ein Ruhrgebiets-Proll den Lehrter Bahnhof in der Bundeshauptstadt Berlin nennen würde, wo sich die ursprünglich Göttinger Band aus taktischen Gründen bekanntlich niedergelassen hat. Soundtechnisch fällt direkt der prollige Metal-Einschlag auf, mit der Kombination aus diesem bolzenden Schlagzeug und unnötig tiefem Gitarren-Sound, die man auch aus Songs wie „Glück auf“ von Betontod kennt.

Was haben ZSK 2013 textlich noch so zu bieten? Zeilen, die jeden rebellischen 16jährigen sofort ansprechen, wie zum Beispiel: „Ich gehe niemals ohne Feuerwerk raus, ich mag es wenn es knallt und raucht. Ich stehe auf das Gegenteil von gefahrlos: Kapuze auf, in beiden Händen Bengalos.“ Ansonsten in fast jedem Song die Erzeugung eines diffusen Kollektivbewusstseins durch die Anhäufung von Personalpronomen der ersten Person Plural („wir“, „uns“). Dazu gesellen sich Medienkritik auf Anfängerniveau („Was wollt ihr hören?“), englischsprachige Songs mit provinzdeutschem Akzent (das Pflichtprogramm für jede Schülerband), Fließbandkritik an Spießern („Soll das alles gewesen sein?“) und ostentative Untermauerung der eigenen Credibility („Viel Glück“). Letzteres versuchen ZSK auch noch auf die ironische Art („Punkverrat“, mit Gastauftritt von Bela B.), was aber leider nicht immer gleichbedeutend mit gut oder originell ist.

Garniert wird das Ganze dann noch mit zusammengeklauten Zitaten anderer Punkbands wie But Alive („Bis jetzt ging alles gut“), Die Goldenen Zitronen (Textzeile in „Lichterketten“) oder Slime (Textzeile in „Bis jetzt ging alles gut“). Von den meisten dieser Vorbilder sind ZSK zwar meilenweit entfernt, aber bei Slime zeigt sich eine erstaunliche Parallele:

Aleata Antifaschista!

„Foto: Joe Dilworth – Nutzung für Promozwecke honorarfrei bei Nennung des Fotografen.“ (Selbstverständlich ist dieser Artikel als Promo zu verstehen!)

Jedoch hat Dirk von Slime eindeutig die schöneren Schuhe:

„Slime“ 2012

„Foto: Mirja Nicolussi“

Zusammenfassend lasse ich am Schluss nur noch eine Amazon-Rezension sprechen: „Das zweite Album ‚From Protest to Resistance‘ war und ist das wahrscheinlich beste Punkrock Album [sic] aller Zeiten. Ich glaube nicht das [sic] irgendeine Band jemals wieder ein besseres Album machen wird. ‚Herz für die Sache‘ kommt diesem zweiten Album sehr nahe.“

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ZSK

Was haben wir 2009 darüber gelacht, als WIZO nach nicht einmal fünf Jahren Pause ihre Reunion bekannt gaben. Die meisten dürften sich noch erinnern: Seit Ende der 90er waren sie praktisch von der Bildfläche verschwunden gewesen und alle Fans sehnten eine neue Platte und eine Tour herbei. Als beides dann 2004 als Abschiedsalbum und -tour angekündigt wurde, konnte die Band sich sicher sein, dass man ausschließlich vor ausverkauftem Haus spielen würde, entsprechende Einnahmen und Aufmerksamkeit inklusive. Weil ich darüber schon eine gewisse Vorahnung hatte, ersparte ich mir die Anwesenheit bei einem der Konzerte, und schwupp: Ende 2009 vermeldete die Band auf ihrer Website:

WIZO kommt zurück! Und zwar mit einem fetten, absolut geilen, neuen Album im Anschlag, neuem Bassisten und einigen absoluten Kracherkonzerten auf coolen Festivals im kommenden Sommer! Zur Zeit steht die Band im Studio und feilt an knapp 20 nagelneuen Songs! Das Album kommt im Sommer 2010, rechtzeitig zu den Festivals!

Von weiteren Kommentaren der Band ist mir nichts bekannt. Nicht mal das übliche „wir haben uns getroffen und sofort war auf ganz magische Weise die alte Energie wieder da“ war zu hören, aber Reunions wurden auf jeden Fall zum großen Knaller-Thema, da fast zeitgleich auch Slime ihre Sozusagen-Reunion ankündigten.

Eine Band gab es da aber noch, bei der ich schon seit der Auflösung die Tage bis zur Wiedervereinigung gezählt habe: ZSK aus Berlin. Diese Band, deren Konzept immer daraus bestanden hatte, den 90er-Jahre-Epitaph-Fat-Wreck-Stil mit deutscher Scheiß-Bullen-Antifa-Mentalität zu verknüpfen („What the fuck’s this, the German Anti-Flag?“, MRR), hat sich von ca. 2002 bis zur ihrer Auflösung 2007 einen beträchtlichen Fankreis unter Punks im Teenager-Alter erarbeitet, und das ganze Abschiedstour-Ding kam irgendwie sehr plötzlich und scheinbar grundlos. Obwohl es damals so glaubwürdig klang:

Wir denken einfach, dass nach 10 Jahren ZSK ein guter Zeitpunkt ist um aufzuhören. Wir haben im letzten Jahr unser bestes Album das wir je aufgenommen haben rausgebracht. Wir waren mit den Bands gemeinsam auf Tour die uns am meisten beeinflusst haben und uns so wichtig sind. […] In den vergangenen 10 Jahren hatten wir mit ZSK definitiv die schönste Zeit unseres Lebens. Was kann man sich als Band noch größeres Wünschen? [Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler übernommen, R.]

ZSK

Rockstars bei der Autogrammstunde

Mir waren die Typen schon immer suspekt, weil ihre Erfolgsstory immer etwas kalkuliert wirkte. Das galt auch für ihre Auflösung, dabei dürften sich ZSK bis dahin auch zu einer der finanziell erfolgreichsten deutschen Punkbands gemausert haben (zumindest allem Anschein nach). Und jetzt diese Überraschung! Genau wie WIZO hatten sie mit „Auflösung“ wohl auch nur eine kleine Pause gemeint, denn seit 2011 gibt es ZSK auch schon wieder! Zum vollen Programm gehörte nicht nur eine „Reunion-Tour“, sondern natürlich auch eine neue Platte, die demnächst bei I Used to Fuck People Like You in Prison Records (im EMI-Vertrieb) erscheint. Und warum das Ganze?

Genau wie ihr, haben wir ZSK sehr vermisst. Vier Jahre nach unserer Auflösung hat uns die Band immernoch nicht losgelassen. Beeindruckt hat uns vor allem, dass wir nach wie vor sehr viele Briefe und Mails bekommen, in denen uns Leute schreiben, dass sie zu jung waren, um uns Live gesehen zu haben. Für alle unsere Freunde von früher und auch diejenigen, die uns erst nach unserer Auflösung 2007 entdeckt haben, wollen wir jetzt noch einmal eine große Sause veranstalten. […] Eigentlich war das ganze als kurze eine einmalige Sache geplant. Aufgrund der ziemlich überwältigenden Reaktionen haben wir uns dann aber doch entschlossen nochmal ein paar Songs aufzunehmen. Herausgekommen ist ein neues Album, das am 26. April 2013 erscheinen wird. Dazu gibt es natürlich auch eine Tour.

Selbstverständlich! Sehr interessiert stimmt mich schon einmal die parallel zur LP erscheinende 7″-Single mit dem Namen „Bis jetzt ging alles gut“ (irgendwie kommt mir der Titel bekannt vor). Sie enthält zwei Songs und kostet 7,50 €, weil die Bandmitglieder sie handsigniert haben! Ein echter Punk muss die also haben! Außerdem das ganze neue Hochglanz-Merch, das ebenfalls pünktlich in den Startlöchern steht. Ich bin gespannt, mit welchen Marketing-Kniffen uns die selbsternannten „Skatepunks“ in den nächsten Jahren noch überraschen werden! Vielleicht mit einer weiteren, „endgültigen“ Auflösung?

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Slime – Sich fügen heißt lügen (2012)

Ich mag Slime! Ich hatte früher auch einen punkigen Aufnäher von denen auf meinem Rucksack (haha), und ich halte „Schweineherbst“ (1994) sogar immer noch für eines der besten deutschen Punkrock-Alben. Nun ist mittlerweile also die erste Platte der „Slime Revival Band“ erschienen, und nachdem ich ja neulich schon mal ein paar Gedanken zur Slime-Reunion losgeworden bin, habe ich die Platte nun erworben und angehört. Der erste Eindruck war allerdings enttäuschend, was wohl auch daran liegt, dass die Erwartungen an ein Slime-Album naturgemäß unheimlich hoch sein müssen.

„Sich fügen heißt lügen“ geht vielversprechend los mit dem schnellen Titeltrack, der tatsächlich den alten Flair von der letzten LP herüberbringt. Der Sound ist aggressiv und nicht zu glatt, das Riff ist super und die Texte auf der Platte passen erstaunlich gut zum Charakter von Slime. Diese wurden ja bekanntlich alle von Erich Mühsam übernommen, weil die Band ihren wichtigsten Songschreiber, Stephan Mahler, nicht für die Reunion gewinnen konnte. (Dieser nahm das Versprechen von 1994, Slime wolle sich endgültig auflösen, nämlich tatsächlich ernst.) Nach einem wirklich tollen ersten Song kommt dann an zweiter Stelle allerdings gleich eine alberne Punk-Reggae-Mischung, wo man eigentlich froh ist, dass Slime, Razzia und andere klassische 80er-Jahre-Bands nach ihren jeweiligen Debut-LPs von solchen Experimenten abgesehen haben. The Clash nachzueifern war um 1980 zwar sehr beliebt, ging aber damals schon meist schief, und Punk mit Ska oder Reggae zu mischen gehört eigentlich zum Standardrepertoire schlechter Schülerbands, obwohl das Riff von „Rebellen“ doch ziemlich vielversprechend ist. Derartige musikalische Versuche, genau wie auch der Klaviereinsatz im darauf folgenden Lied, erwecken zusammen mit den vielen im Midtempo-Bereich dümpelnden, äußerst rockig ausgefallen Songs Erinnerungen an die „experimentelle“ 1992er LP „Viva la Muerte“, die von Fans eher weniger geschätzt wird, trotz ein paar Hits (von denen „Wind“ immer mein Favorit gewesen ist). So schlecht wie diese ist „Sich fügen heißt lügen“ allerdings meiner Ansicht nach nicht. „Freiheit in Ketten“ hat wieder eine eingängige Mitsing-Melodie zu bieten, und „Bett aus Lehm und Jauche“ erinnert schon vom Aufbau her an den Hit „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

Ich werde allerdings den Eindruck nicht los, dass die Band hier insgesamt mit dem Songwriting etwas überfordert war, denn viele Songs sind mit unkreativen 08/15-Melodien aufgefüllt („Wir geben nicht nach“, „Bürgers Alptraum“, „Zum Kampf“), obwohl „Schweineherbst“ doch so eine große Hit-Dichte hatte. Nur wenige Songs sind direkt auf den Punkt gebracht, kaum ein Song ist kürzer als drei Minuten, viele sind sogar länger als vier Minuten. Man merkt eindeutig, dass die Protagonisten älter geworden sind und lieber den Rock’n’Roll-beeinflussten Punkrock mit viel Gitarrengedudel spielen wollen, den sie selber wohl am liebsten hören. Dies automatisch mit „Weiterentwicklung“ oder dem Etikett „moderner Punk“ erklären zu wollen finde ich zu simpel, siehe 1992. Ganz ehrlich fand ich sogar die Rubberslime-LP „Rock’n’Roll-Genossen“ (2005) besser, weil dort ganz unverkrampft auf Deutschpunk-Klischees verzichtet wurde und die Songs ausgefeilt und voller richtig guter Melodien waren.

Dies sind bis zu dieser Stelle allerdings bloß meine ersten Gedanken gewesen. (Ich habe diesen Artikel tatsächlich in zwei Schritten geschrieben!) Nach ein paar weiteren Durchläufen ist mir in der Zwischenzeit nämlich bewusst geworden, dass ich mit „Schweineherbst“ vielleicht die falsche Messlatte angesetzt hatte, denn wenn ich die neue LP mit dem Klassiker „Alle gegen alle“ (1983) vergleiche, fallen mir doch mehr Parallelen auf als gedacht. Hätte es in den 90ern keine Slime-Alben mehr gegeben, würde „Sich fügen heißt lügen“ sich musikalisch eigentlich wesentlich besser in die Reihe einfügen, denn wie die 80er-Jahre-Platten ist die neue LP von einer durchaus sympathischen Einfachheit geprägt, ohne natürlich vom Nostalgie-Bonus der Klassiker profitieren zu können. Möglicherweise vernebelten die moderne Produktion und das viele Gitarrengedudel meinen Blick, aber ich verstehe mittlerweile die Begeisterung vieler Fans über die neue Platte, und meine Enttäuschung liegt möglicherweise einfach nur daran, dass ich „Schweineherbst“ für den musikalischen Höhepunkt von Slimes Schaffen halte. Derart hin- und hergerissen kann ich an dieser Stelle gar keine richtige Bewertung abgeben. Sicher ist für mich nur, dass die Leute von Slime für ein möglicherweise doch ganz gutes Comeback-Album leider ihren Kultfaktor eingebüßt haben.

Überzeugen Sie sich selbst:

Und als Klassiker noch folgender optischer Leckerbissen:

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Slime

Nun sind ja schon seit geraumer Zeit die Deutschpunk-Legenden von Slime, die uns Nietenlederjacken tragenden, Karlsquell oder Oettinger trinkenden Punx von der Straße zahlreiche Hits wie „Deutschland muss streben“, „Polizei SA/SS“ oder „Bullenschweine“ gebracht haben, mit ihren Reunion-Konzerten unterwegs. Jedenfalls eine Band, die sich so nennt, aber nur zu 3/5 aus Originalmitgliedern besteht. Das ist an sich nicht so tragisch, da ja viele klassische 80er-Jahre-Bands noch erfolgreich auf Tour sind, von denen auch nicht mehr viel übriggeblieben ist. Social Distortion sind ja seit zehn Jahren auch nur noch die Begleitband von Mike Ness. Dass viele Leute Anstoß an der Slime-Reunion nehmen, liegt nun nicht nur daran, dass die Band 1994 noch stets versicherte, sich auf jeden Fall endgültig auflösen zu wollen. Das große Problem wird nämlich sein, dass die neuen Slime schon seit geraumer Zeit eine Comeback-Platte angekündigt haben, von der nun Titel und Cover bekannt gegeben wurden.

Die Platte soll den Titel „Sich fügen heißt lügen“ tragen und auf ihr sollen Texte von Erich Mühsam vertont werden. Das ist soweit zwar unspektakulär, aber nicht schlimm. Die eigentliche Gefahr der aktuellen Reunion droht nämlich mit der Musik evident zu werden: Es fehlt nämlich der alte Schlagzeuger Stephan Mahler, der die Band seit jeher mit vielen der großartigen Melodien (und Texten) bereichert hatte, die auch das 1994er Abschiedsalbum „Schweineherbst“ so großartig gemacht hatten (nachdem man zuvor auf der 1992er Platte „Viva la Muerte“ im mittelmäßigen Metal-Rock herumgedümpelt war, auch wenn die Geschmäcker hier natürlich auch verschieden sind). Dass er nicht mehr dabei ist, hat wahrscheinlich ideelle Gründe, schließlich hat er sich seit Mitte der 90er nicht vom Punkrock verabschiedet, sondern in den 2000er Jahren noch für Hamburger Top-Bands wie Oma Hans oder Kommando Sonne-nmilch getrommelt. Anhand späterer halbherziger Quasi-Reunion-Versuche wie Rubberslime konnte man vermuten, dass Stephan Mahler immer derjenige war, der die Band in die musikalisch aggressivere Richtung gelenkt hatte. Und Elfs Vorliebe für rockigeren Punk à la Social Distortion in allen Ehren – wenn man das auf deutsch macht, muss man immer gut aufpassen, dass man nicht schnell in einen üblen Altherrenrock-Sound abdriftet.

Nun will ich die neue Platte natürlich nicht vorverurteilen, sondern den 15. Juni abwarten, an dem sie erscheinen soll (interessanterweise beim mittlerweile zu EMI gehörenden Label I Used to Fuck People Like You in Prison Records, das ja auch eher für englischsprachigen Rock’n’Roll und Rockabilly bekannt ist). Aber die nun erschienene Presseinfo und insbesondere das Pressefoto stimmen mich eher skeptisch:

„Slime“ 2012

Nicht nur, dass die Gruppe hier in meinen Augen irgendwie wie ein Haufen Proleten aussieht (da war mir Elfs Metal-Mähne von damals sympathischer); der Infotext wirkt irgendwie völlig unangebracht mit Formulierungen wie „Slime – des Bürgers Alptraum sind zurück“ oder „der Mann singt wie ein Fussballstadion [sic]!“ in Bezug auf den Sänger Dirk. Auch folgender Satz ließ mich eher schmunzeln:

„Sich fügen heisst [sic] lügen“ ist das Ergebnis und eine Antwort auf eine Welt ausser [sic] Rand und Band, ein klärender Faustschlag im diffusen «Occupy»-Zeitalter.

Aber das alles muss natürlich noch gar nichts heißen. Die „Legende“ um Slime haben sie zwar für mich zerstört, aber ich bin trotzdem neugierig und würde mittlerweile sogar sehr gerne ein gelungenes neues Slime-Album hören (auch wenn die Erwartungen heutzutage natürlich denkbar hoch sind). Denn auch Anfang der 90er machten einzelne Bandmitglieder einen prolligen Eindruck (ich sag nur Vokuhila), und „Schweineherbst“ ist trotzdem immer noch eine meiner Lieblings-Punkplatten der 90er. Hoffen wir also das Beste!

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