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Punkrock mit Iro nie

Woher kommt eigentlich der neuerliche Trend, dass Mitglieder von Popgruppen als Nebenprojekte Punkbands gründen? Die Musik dieser Bands klingt dann so, als wollten sie sich von ihrer eigentlich angestammten Chartgrütze distanzieren, die ihnen hoffentlich zumindest selber auf den Sack geht, und nicht nur mir. Also wird der Knüppel aus demselbigen geholt und schneller, simpler Uffta-Uffta-Punkrock zelebriert. Textlich geht es dann beispielsweise ums Saufen und andere punkige Themen, optisch wird hingegen alles auf Hochglanz gebügelt. Meistens werden alle greifbaren Deutschpunk-Klischees aus der Kiste geholt, aber weil das ja eigentlich total unterste Schublade wäre, und man nicht mit Bands wie Normahl in einen Topf geschmissen werden will, sichert man sich heutzutage selbstverständlich mit der Ironie-Strategie dagegen ab.

Bisherige Erfolge dieser Strategie bei Bands wie Kotzreiz (Jennifer Rostock) oder Schrappmeser (Donots) werden bald dazu führen, dass sämtliche Fernsehgarten-Rockbands aus Deutschland auch mal die Sau bei Ruhrpott-Rodeo und Co. rauslassen wollen: Man munkelt schon, dass dieser eine Langhaarige von den Sportfreunden Stiller demnächst mit seiner neuen Deutschpunk-Kapelle „Kotzbrocken“ auf Tour gehen wird, und auch Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß zeigt ironisch distanziert ihre Deutschpunk-Einflüsse mit ihrem neuen Nebenprojekt „Fuck.The.Bullen“. Von Xavier Naidoos neuer Truppe „Mannheim Asozial“ ganz zu schweigen. Wie man hier sieht, kann Ironie schnell anstrengend werden, also will ich hiermit davon abraten.

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Dudelfunk IV

Weil es bei Sat 1 in den letzten Jahren quotentechnisch immer mehr bergab geht, wittern viele Musiklabels die Chance, dort möglichst günstige Werbezeit einzukaufen. Neulich wurde mir in einem solchen Werbespot die ideale CD für Fans ehrlicher, handgemachter Rockmusik empfohlen, denen Silbermond und Revolverheld aber zu hart sind. Es handelt sich dabei um das Debutalbum „Grenzenlos“ einer Band namens „F.R.E.I.“ (ausgesprochen: „frei“), das mit der sensationellen ersten Single „Wo bist du jetzt?“ beworben wird. Diese gefiel mir auf Anhieb so gut, dass ich sie an dieser Stelle näher besprechen möchte.

Zunächst fiel mir aber natürlich erst einmal der kreative Bandname auf. Wer kennt das als Musiker nicht: Partout will einem kein Titel für seine Band oder seine Platte einfallen. Nimmt man also einfach irgendein beliebiges Wort und setzt Punkte zwischen die Buchstaben, hat man im Handumdrehen einen tiefgründig wirkenden Namen, denn Abkürzungen wirken immer so, als hätte man sich dabei etwas gedacht. Unbekannt ist mir jedoch, ob den Mitgliedern dabei bewusst war, dass viele Leute, wenn sie „F.R.E.I.“ hören, erst einmal an „Frei.Wild“ denken. Aber Schwamm drüber: Wer steckt eigentlich hinter dieser Band, die gleich mit ihrer ersten Platte einen derartigen Hype (haha) losgetreten hat? „Fünf unterschiedliche Typen, die ein ungewöhnliches Ganzes ergeben“, lehrt mich ihre Website. So weit, so nichtssagend. „Zu den Stationen der Bandmitglieder zählen illustre Namen wie Sarah Connor, James Blunt, Doro, LaFee, Mousse T, Krypteria, Terenzi, Mike Posner, Caliban, Letzte Instanz, Nino De Angelo oder Kreator. Eine ungewöhnliche Mischung, die neugierig macht.“ Immerhin ihren Pressetextschreiber, mich hingegen nicht.

Was für einen Song kann eine Band nun veröffentlichen, um sich direkt in möglichst viele Gehörgänge zu katapultieren? Jeder erfahrene Komponist kennt die Lösung: Man setzt einfach auf die allseits bekannte magische Akkordfolge vi-IV-I-V, in diesem Fall Em-C-G-D, macht den Refrain dann so schmalzig wie möglich, und schon ist der Hit fertig – funktioniert schließlich auch bei gefühlt 75 % aller Chart-Songs*. Am emotionalsten kommt das rüber, wenn die Melodie im Chorus langgezogene hohe Tönen aufweisen kann, die als Ohrwurmfaktor dienen. Sollten einem Sänger die Töne zu hoch sein, hat man ja auch immer noch Autotune, um subtil nachzubessern (vgl. Stelle 2:22 im Video unten). Um dem Song noch die nötige Epicness zu verpassen, sollte man den Refrain am Ende unbedingt instrumental weiterlaufen lassen, während der Sänger „wohoho“ oder ähnliche Laute von sich gibt. 90 % aller Radiohörer (in diesem Falle vermutlich von WDR 4) wird somit das Herz aufgehen, denn für sie könnte eine komplette CD nur aus Songs mit Em-C-G-D als Akkordfolge bestehen, ohne dass ihnen etwas auffallen würde. So einfach ist das heutzutage für Songwriter. Viel E.R.F.O.L.G. also mit dem Lied!

Überzeugen Sie sich selbst:

PS: Fällt Ihnen beim Vergleich mit „Patience“ von Take That, einem der besten Popsongs des letzten Jahrzehnts, vielleicht etwas auf?

* Natürlich ist die Akkordfolge auch bei Punkbands gängig, aber es ist ein Unterschied, ob sie energisch geschrammelt wird oder schnulzig auf Airplay getrimmt ist.

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Sven Regener

Sven Regener steht anscheinend nicht auf Natursektspiele. Er ist wütend darüber, dass es immer mehr Menschen in Deutschland gibt, die sich nicht mehr alles von Großkonzernen diktieren lassen wollen. Beispielsweise das, was diese unter sogenanntem „geistigem Eigentum“ verstehen und was eine mächtige Lobby jedem von klein auf durch die Medien einimpft. Sven Regener, der von vielen Leuten geschätzt wird, die sich als „alternativ“ bezeichnen würden, hat in Wirklichkeit ein Verständnis von Musik, wie man es auch von Leuten wie Ralph Siegel kennt: Musiker ist ein Beruf, und ein Beruf ist nur zum Geldverdienen da. Doch durch dieses Internet da bekommen wir weniger Geld, und darüber sind wir sauer. Erstaunlich, dass sogar jemand wie Dieter Bohlen eine vernünftigere Einstellung zum Thema hat als Sven Regener, der ja bislang teilweise als sympathisch galt.

Es hat natürlich auch mich überrascht, so etwas von ihm zu hören. Daher drängte es mich danach, einige Behauptungen, die auf der oben verlinkten Seite nachzulesen sind, richtigzustellen:

  • „Es wird so getan, als ob wir Kunst machen als Hobby.“ Es mag sein, dass Sven Regener seine Musik als Business ansieht, aber schätzungsweise 95 % aller Bands, die es in Deutschland gibt, betreiben das Musikmachen tatsächlich als Hobby. Und zwar nicht um damit finanziellen Gewinn zu machen, sondern um sich kreativ auszuleben, aus Liebe zur Musik. Und sie geben Geld für Proberäume und Studioaufnahmen aus, weil es ihnen Spaß macht, anderen Leuten die Musik zu zeigen.
  • „Das Rumgetrampel darauf, dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben […]“ Ich glaube nicht, dass eine Band auf die Idee kommt, eine CD von Element of Crime nachzupressen und ihren eigenen Bandnamen auf das Cover zu drucken. Wer ein Werk geschaffen hat, wird für gewöhnlich auch anerkannt, und das hat ergibt sich allein schon aus Höflichkeit und Fairness. Muss man dafür Gerichte bemühen? Das ist wirklich uncool.
  • „Zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler übernehmen und dabei würde noch gescheiter Rock’n’Roll rauskommen – das kann man knicken.“ Jetzt reicht es mit dem Schwachsinn! Eine kleine Nachhilfe: So ziemlich jede musikalische Innovation der letzten 30 Jahre ist aus Subkulturen erwachsen. Hätte es Anfang der 80er zum Beispiel keine Hardcore-Punk-Szene gegeben, dann wäre auch kein Indie-Rock, kein Grunge, kein Crossover oder überhaupt das meiste, das man heutzutage an „Rock’n’Roll“ hören kann, so entstanden, wie man es kennt. Es hätte sich kaum jemand getraut, etwas Eigenes zu machen, solange es nur verhältnismäßig wenige interessiert. Und in dieser Punk-Szene war es der Idealismus, der zählte, und die Leidenschaft, seine Musik unter die Leute zu bringen. DIY bedeutet eigentlich nichts anderes als eine antikommerzielle Grundeinstellung. Für die Bands wäre es damals eine Offenbarung gewesen, wenn man eine Plattform wie das Internet gehabt hätte, auf der man die eigene Musik kostenlos an alle Interessierten verteilen und damit auch seine Bekanntheit steigern kann. Die Dead Kennedys brachten ihre EP „In God We Trust, Inc.“ auf einer Kassette heraus, auf der die B-Seite unbespielt war. Darauf war gedruckt: „Home taping is killing record industry profits! We left this side blank so you can help.“* Trotzdem und gerade deswegen waren die Dead Kennedys eine der prägendsten Bands im Rock’n’Roll (und ich nenne das „gescheiten“ Rock’n’Roll). Niemand hat sie bezahlt! Und die Bands, die heute am meisten darüber rumheulen, dass sie sich als „Künstler“ nicht angemessen bezahlt fühlen, bringen meistens die beschissenste Musik heraus, auf die sich in 30 Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit keine Nachwuchsband mehr berufen wird.

Was aber genau so schlimm ist wie Sven Regeners Gelaber, ist der Kommentarbereich bei Spiegel Online, in dem sich wie immer der Bodensatz der deutschsprachigen Internetdebattierer trifft. Auf so viel unreflektierten Konformismus stößt man sonst nur in der Wirtschaftsfakultät einer Universität, oder natürlich bei den Juristen (denn die Klugscheißer von Spiegel Online sehen die aktuelle Gesetzeslage offenbar als gottgegeben an und „argumentieren“ auch dementsprechend ohne Kritikfähigkeit). Ich habe mich, obwohl ich es eigentlich längst besser wissen müsste, angeekelt durch 13 Seiten Kommentare gelesen, und bin dabei pausenlos auf ein unfassbar naives und ökonomisches Verständnis von „Kunst“ gestoßen.

Demnach habe Kunst nichts mit Kreativität zu tun, sondern sei in erster Linie ein handwerklicher Beruf wie jeder andere, und müsse daher auch nach Tarif entlohnt werden. Kunst sei ja auch Arbeit (obwohl man doch schon in der Antike wusste, dass zur künstlerischen Betätigung eher Muße gehört), und es wird allen Ernstes das Erlernen eines Musikinstruments, was Millionen von Jugendlichen freiwillig rein zum Spaß tun, mit Arbeitszeit gleichgestellt. Jemand fragte berechtigterweise, wo denn heutzutage bloß die Künstler seien, die Kunst um der Kunst willen machen. Die zu erwartende „lustige“ Antwort, die bei jeder Wiederholung noch lustiger wurde: „Die sind verhungert!“ Ho ho ho. Falsch! Sie haben verdammt noch mal einen normalen Beruf und nehmen dafür ihr Hobby ernst! Wenigstens ein Kommentator hat die Qualität seiner eigenen Beiträge eingesehen und schrieb: „Peinlich, peinlich.“ Noch peinlicher wäre es höchstens, wenn jemand jetzt alle Alben von Element of Crime (mit gescheitem Rock’n’Roll) aus Protest kaufen würde, nur um es diesem kommunistischen Gutmenschenpack namens Piratenpartei einmal richtig zu zeigen. Aber bei Spiegel Online dürfte es niemanden mehr wundern, dass ein Kommentator dies tatsächlich geschrieben hat.

Und die Moral von der Geschicht: Wenn man für seine Kunst kein Geld bekommt, dann könnte es vielleicht auch daran liegen, dass die Kunst scheiße ist (siehe evtl. Element of Crime)! Und es gilt weiterhin, was für Menschen mit rationalem Weltbild eigentlich schon immer galt: Wer einen kreativen Drang in sich verspürt, der wird ihn auch ausleben, völlig unabhängig davon, ob es dafür Geld gibt. Wenn man eine Familie ernähren will, dann sucht man sich gefälligst richtige Arbeit, so wie es Millionen anderer Künstler tun, in denen hundertmal mehr Kreativität steckt als in den beschwerdeführenden „Künstlern“ wie Silbermond et al.

Das lustigste Argument ist natürlich so vorhersehbar wie falsch: „Sie würden so etwas nicht schreiben, wenn Sie selbst Künstler wären!“ (Und es kann eigentlich nur von Leuten kommen, die entweder selbst im Glashaus sitzen oder ein besonders reaktionäres Verständnis von Kunst haben). Aber jetzt kommt’s: Ich als Künstler (haha) verdiene mein Geld ganz herkömmlich und sehe Kunst selbstverständlich als Hobby. Und wenn mich niemand dafür bezahlen will, dann heule ich nicht beim Gesetzgeber darüber herum und will eine Bezahlung erzwingen, sondern halte verdammt noch mal die Fresse und überlege mir, warum das niemand will. Wenn ich gerne Fußball spiele, kündige ich auch nicht meinen Beruf und beschwere mich dann darüber, dass mich niemand fürs Spielen bezahlen will! Ich freue mich lieber über jeden neu dazugewonnenen Fan, der die eigene Kunst ehrlich zu schätzen weiß. Aber Sven Regener hat wohl schon längst vergessen, wie das war, als man bei einem neuen Fan noch nicht sofort dessen Kaufkraft gesehen hat. Insofern sagt sein Gemecker viel mehr darüber aus, wie sehr er Fans schätzt, als wie sehr seine Fans ihn und seine Musik schätzen.

NB: Wer jetzt denkt, ich wäre der Ansicht, man solle Musikern keine Gegenleistung bieten, der sollte noch einmal von vorne anfangen zu lesen.

* „Home taping is killing music“ hieß in den 80er Jahren die Trotzkampagne der damaligen Sven Regeners.

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