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Jupiter Jones

Es ist ja nichts Neues, dass in letzter Zeit viele Leute, die sich zumindest selbst für Künstler halten, in Medien wie Spiegel Online herumjammern, weil sie Angst vor der Piratenpartei haben. Diese werden dann seitenweise in den Kommentarbereichen von Leuten gefeiert, deren Verständnis von Musik oder Kultur gleichbedeutend mit dem ist, was Major-Labels und ähnliche Konzerne so im Programm haben (also Leute, wie man sie auf eben solchen Seiten auch häufig findet). Nun hat sich auch der Gitarrist von Jupiter Jones dazugesellt; einer Band, deren Musik ich zwar nie besonders mochte, die mir aber wegen ihrer Ursprünge in der Punkszene nicht ganz unsympathisch war. Ich bin 2007 aus Neugier mal auf einem Konzert von ihnen gewesen, also in jener Zeit, in der die Band „allenfalls gut unterrichteten Musikfans ein Begriff“ (Spiegel Online) war, und fand, dass die Musik wie Muff Potter in ihrer Major-Zeit klang, nur noch seichter, kombiniert mit langweiligen Befindlichkeitstexten, und deswegen nicht so richtig was für mich war. Weil ich damals allerdings noch nicht wusste, dass die sympathischen Indie-Veröffentlichungen von damals für die Band nur eine Vorstufe auf dem kontinuierlichen Weg in Richtung Major-Vertrag waren, muss ich, der den Punk mit Löffeln gefressen hat, nun ein paar Anmerkungen zu dem loswerden, was der Gitarrist (der mit seinem albernen Vollbart, dem überdimensionierten Brillengestell und der Wollmütze, „obwohl er gar nicht friert“ (frei nach Chefdenker), jeden Hipster-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnen würde) nun sagt*:

  • „Ohne die geht es im Musikgeschäft nicht.“ Gemeint sind die Major-Labels, und der scheint das ernst zu meinen. Warum? Weil eine Albumproduktion 300.000 bis 400.000 € koste. Die meisten Punkbands, die ich so kenne, und die teilweise seit 30 Jahren regelmäßig Platten veröffentlichen, würden bei dieser Behauptung verdutzt schauen. Denn irgendwie haben diese Gruppen auch ohne „40 Tage Studiomiete, Gage für den Produzenten, Promotion und Videos“ im Wert eines großen Einfamilienhauses ein paar Fans gefunden und sind so zufrieden damit, dass sie immer noch weitermachen, und zwar auch heute noch, und die Platten klingen auch nach weniger Studiotagen so wie sie sollen, wenn man ordentlich geprobt hat. Auf Leute, die wegen eines Fernsehwerbespots zu meinen Konzerten kämen, könnte ich außerdem auch ganz gut verzichten, da qualitative Musik ohnehin ganz gut über Mundpropaganda oder Fanzines bekannter wird.
  • Aber auch Konzerte sind für eine Punkband eher eine lästige Qual. Man kennt das ja: Die Vorfreude steigt, wenn man eine tolle neue Auftrittsmöglichkeit gefunden hat; wenn es dann endlich soweit ist, werden nachmittags die Sachen in den Kombi oder einen geliehenen VW-Bus geladen und man fährt abends dann zur Kneipe oder zum Kulturzentrum, wo man dann seinen Auftritt hat. Wie das halt unzählige Bands seit Jahrzehnten tun, weil es ihnen Spaß macht. Oder aus der Perspektive des Jupiter-Jones-Gitarristen: „Zwischen 4000 und 5000 Euro pro Tour-Tag kosten Crew, Tourmanager und Booking-Agentur. Allein der Nightliner-Bus, in dem die Band fährt und auch schläft, verschlinge 1000 Euro täglich, so Eigner.“ Stimmt, das habe ich vergessen. Wenn man aber nicht in ganz so unmenschlichen Verhältnissen wie er übernachten will, kommen allerdings noch mal 1.000 € für die Hotelsuite dazu. Das ist einfach das Minimum, das man an Komfort braucht, um „gescheiten Rock’n’Roll“ (Sven Regener) auf die Bühne zu bringen.
  • Aber auch die Fans sind wohl meistens scheiße: „Und niemand, der sich ein Album runtergeladen hat, geht zwei Wochen später in den Laden und kauft es sich.“ Ich habe zwar leider keine entsprechende Statistik parat, aber ich bin mir relativ sicher, mir Platten, die mich begeistert haben, zumindest schon einmal 13 und 15 Tage, manchmal auch nur einen Tag nach dem erstmaligen Probehören gekauft zu haben, und kenne auch viele, die das ähnlich handhaben. Oder zumindest handhabten, bis sie es einfach aufgegeben haben, unbekanntere Bands im Internet kennenzulernen, um sich vor raffgierigen Anwälten in Sicherheit zu bringen, die sich ihre neuen „soliden deutschen Mittelklassewagen“ dadurch finanzieren, dass sie im Fließbandverfahren Abmahnungen an irgendwelche Jugendliche schicken lassen. Und dies geschieht auf Veranlassung der Major-Labels, die der Mann mit dem lustigen Bart hier verteidigt. Die Piratenpartei pinkelt solchen Leuten ja quasi ins Gesicht, wenn sie etwas dagegen tun will!

„Ohne die Gema gäbe es Jupiter Jones vielleicht nicht mehr.“ Erstaunlich gut fasst dieser Satz des Spiegel-Online-Redakteurs die offensichtliche Einstellung von Jupiter Jones zu ihrer Musik und zu ihrer ehemaligen Subkultur zusammen, denn Spaß und Selbstverwirklichung sind schließlich nur sekundäre Motivationen, um Musik zu machen, wenn es doch auch so geht, wie der Titel verspricht: „Rocken auch fürs Bankkonto“.

* Ich unterstelle hierbei einmal, dass er auch korrekt zitiert wurde und der vom Artikel vermittelte Grundtenor dessen ursprünglichen Aussagen nicht entgegensteht.

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Die RTL Comedy-Woche

Am Freitag lief, wie im letzten Beitrag bereits erwähnt, die erste Folge des neuen RTL-Wochenrückblicks „Die RTL Comedy-Woche“ (eigentlich mit „Leer Zeichen“; „Eigenschreibweise: Die RTL Comedy Woche“, würde Wikipedia schreiben), und schon die Ankündigung machte deutlich, dass man hier mit der lustigsten Sendung aller Zeiten zu rechnen habe:

Wenn die besten Comedians Deutschlands aufeinandertreffen, dann ist der Lachanfall garantiert. Das Zwerchfell zwickt und kein Auge bleibt mehr trocken. So viel geballte Comedy gibt es nur selten im Deutschen [sic] TV.

Also gut. Wenn die das versprechen, dann wird da ja wohl auch was dran sein! Die Sendung beginnt denn also mit der theatralischen Vorstellung der Protagonisten, die in albernen Astronautenkostümen das etwas überdimensionierte Studio betreten. Dies sind der unvermeidliche „Atze Schröder“, Bülent Ceylan, der ehemalige Kabarettist und jetzt Comedian Dieter Nuhr, sowie „Paul Panzer“, dessen Darsteller schon erstaunlich lange damit Erfolg hat, Humor nahezu ausschließlich durch eine komische Aussprache zu erzeugen. Laut Vorankündigung wird in den nächsten Ausgaben auch Eckart von Hirschhausen dazustoßen, der zwar meines Erachtens ganz gut moderieren kann, als Komiker jedoch meist die gleichen Witze aus seinem Programm erzählt (man schaue sich sämtliche Fernsehauftritte der letzten Monate von ihm an und zähle dann nach, wie oft er seinen „Ich-suche-eine/n-Frau/Mann-mit-Humor“-Witz vorträgt). So weit, so gut; die Besetzung ist also qualitativ auch nicht viel besser oder schlechter als damals bei „7 Tage, 7 Köpfe“, der Sendung, die hier in den Medien oft als Vergleich herangezogen wurde. Der große Unterschied ist, dass bei der „Comedy-Woche“ dieselben Nasen sitzen, die man sowieso ständig in anderen RTL-Shows sieht, bei „7 Tage, 7 Köpfe“ hingegen außer einer Supernase eher unbekannte Gesichter von Rudi Carrell zusammengesucht worden waren.

Entsprechend überraschungsfrei lief deswegen der neue Sendungsversuch ab. „Atze Schröder“ legte mit seinen Witzen zum Thema „Promi-Väter“ die Niveau-Messlatte schon mal ganz nach unten. Haha, Sigmar Gabriel zählt als Frau, weil er so große Brüste hat. Haha, Ulrich Wickert ist ganz schön alt, der ist sogar schon abgelaufen. Und der obligatorische Reiner-Calmund-Witz: „Selbst die dickste Kerze hat irgendwo ’nen Docht.“ All das reißt mich zu einem „Facepalm“ hin und lässt mich persönlich vermuten, dass der Darsteller hinter dieser Kunstfigur entweder ein Zyniker sein muss, der bei seiner Selbstvermarktung alle Skrupel beiseitelegen kann, oder dass der Darsteller ähnlich intelligent sein muss wie der Dargestellte, da ihn ja andernfalls sämtliche intellektuelle Alarmglocken eigentlich daran gehintert haben müssten, solch eine Art von Witzen vorzutragen.

Bülent Ceylan verschwand irgendwann hinter der Bühne und kam als Pirat verkleidet wieder zurück, angekündigt von einem Einspieler, der ihn mit der „Fluch-der-Karibik“-Filmmusik als „Türk der Karibik“ vorstellte. Ich habe ehrlich gesagt den Witz daran nicht verstanden. War dort irgendein Wortspiel versteckt, das an mir vorbeigegangen ist, oder haben die tatsächlich einfach nur „Fluch“ durch „Türk“ ersetzt und gedacht, das sei schon eine Pointe? Als kleines Kind im Grundschulalter fand ich mal Superhelden ganz toll, also hängte ich beim Spielen eine Zeit lang „Super-“ vor meinen Vornamen (also „Superroulade“). Dies entspräche ungefähr der kreativen Humorleistung eines bezahlten Comedy-Autors für RTL.

Ergänzt wurde „Türk der Karibik“ dann vom säbelrasselnden Ceylan, der in die Kamera ruft: „Ich mach Hackfleisch aus dir…“ – na, wie geht der Gag wohl weiter? Kleiner Hinweis: Es ist der vorhersehbarste und unlustigste in dieser Situation vorstellbare Witz. Selbstverständlich: „…oder besser: Döner.“ Das Publikum applaudiert und jubelt dabei. Und es lacht richtig laut, obwohl bei den Kamerazooms auf einzelne Zuschauerreihen oft nur leicht schmunzelnde Höflichkeitsklatscher zu sehen sind. Es folgen noch weitere leicht vorhersehbare Witze wie „Depp“/„Johnny Depp“, die Piratenpartei (versteht ihr? Piraten!) und natürlich dieser nervige Standardsoziolekt für türkischstämmige Komiker, der schon bei „Was guckst du?“ alt war.

„Paul Panzer“ redete mal wieder mit seinem aufgesetzten Sprachfehler, und auch Dieter Nuhr machte das, was er halt immer so macht, und spielte den zurückhaltenden Intellektuellen, der ab und zu mit den anderen über die FDP herzog, aber erstaunlicherweise nicht über Linke. Höchstens natürlich über die Piratenpartei, wenn das zählt, oder gleich Nordkorea. Da ging es um den dort vor kurzem fehlgeschlagenen Raketentest, den er kommentierte mit: „Wir kennen das so’n bisschen vom Silvesterfeuerwerk: Man denkt, gleich knallt es richtig, und dann macht es: pfff!“ Im F.A.Z.-Fernsehblog steht treffend, dass dies die Gemeinsamkeit zwischen Nordkorea, Silvesterfeuerwerken und „RTL-Programminnovationen“ sei.

Oh, und David Werker war auch schon wieder dabei (unglaublich, dass einem die Medienpräsenz dieses Mannes bereits nach zwei Tagen völlig übertrieben vorkommen kann!), und zwar als Außenreporter beim Piratenpartei-Stammtisch irgendwo auf der Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld, wo er anscheinend so schnell wieder rausgeschmissen wurde, dass er nicht einmal mehr einen vorbereiteten Witz in die Kamera sagen konnte.

Spontaneität oder Kreativität waren für mich in der gesamten Sendung kaum zu erkennen, auch das ist eine Gemeinsamkeit mit „7 Tage, 7 Köpfe“. Die Witze wirkten hundertprozentig durchgeplant, anscheinend von einem Autorenteam mitverfasst, genau wie die Dialoge. Das Furchtbarste ist ja, dass die hier auftretenden Komiker auch noch viel Geld dafür bekommen, dass sie genau das tun, was man im Fernsehen sehen konnte. Ich bin insgesamt also eher skeptisch, ob das eine neue Lieblingssendung für mich werden könnte. Zum Abschluss noch ein Zitat aus der Programmankündigung: „Achtung: Vor dieser lustigen Truppe ist kein Thema sicher!“ Ich schlage als Thema die Piratenpartei vor, darüber gab es nämlich bisher zu wenig.

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Sven Regener

Sven Regener steht anscheinend nicht auf Natursektspiele. Er ist wütend darüber, dass es immer mehr Menschen in Deutschland gibt, die sich nicht mehr alles von Großkonzernen diktieren lassen wollen. Beispielsweise das, was diese unter sogenanntem „geistigem Eigentum“ verstehen und was eine mächtige Lobby jedem von klein auf durch die Medien einimpft. Sven Regener, der von vielen Leuten geschätzt wird, die sich als „alternativ“ bezeichnen würden, hat in Wirklichkeit ein Verständnis von Musik, wie man es auch von Leuten wie Ralph Siegel kennt: Musiker ist ein Beruf, und ein Beruf ist nur zum Geldverdienen da. Doch durch dieses Internet da bekommen wir weniger Geld, und darüber sind wir sauer. Erstaunlich, dass sogar jemand wie Dieter Bohlen eine vernünftigere Einstellung zum Thema hat als Sven Regener, der ja bislang teilweise als sympathisch galt.

Es hat natürlich auch mich überrascht, so etwas von ihm zu hören. Daher drängte es mich danach, einige Behauptungen, die auf der oben verlinkten Seite nachzulesen sind, richtigzustellen:

  • „Es wird so getan, als ob wir Kunst machen als Hobby.“ Es mag sein, dass Sven Regener seine Musik als Business ansieht, aber schätzungsweise 95 % aller Bands, die es in Deutschland gibt, betreiben das Musikmachen tatsächlich als Hobby. Und zwar nicht um damit finanziellen Gewinn zu machen, sondern um sich kreativ auszuleben, aus Liebe zur Musik. Und sie geben Geld für Proberäume und Studioaufnahmen aus, weil es ihnen Spaß macht, anderen Leuten die Musik zu zeigen.
  • „Das Rumgetrampel darauf, dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben […]“ Ich glaube nicht, dass eine Band auf die Idee kommt, eine CD von Element of Crime nachzupressen und ihren eigenen Bandnamen auf das Cover zu drucken. Wer ein Werk geschaffen hat, wird für gewöhnlich auch anerkannt, und das hat ergibt sich allein schon aus Höflichkeit und Fairness. Muss man dafür Gerichte bemühen? Das ist wirklich uncool.
  • „Zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler übernehmen und dabei würde noch gescheiter Rock’n’Roll rauskommen – das kann man knicken.“ Jetzt reicht es mit dem Schwachsinn! Eine kleine Nachhilfe: So ziemlich jede musikalische Innovation der letzten 30 Jahre ist aus Subkulturen erwachsen. Hätte es Anfang der 80er zum Beispiel keine Hardcore-Punk-Szene gegeben, dann wäre auch kein Indie-Rock, kein Grunge, kein Crossover oder überhaupt das meiste, das man heutzutage an „Rock’n’Roll“ hören kann, so entstanden, wie man es kennt. Es hätte sich kaum jemand getraut, etwas Eigenes zu machen, solange es nur verhältnismäßig wenige interessiert. Und in dieser Punk-Szene war es der Idealismus, der zählte, und die Leidenschaft, seine Musik unter die Leute zu bringen. DIY bedeutet eigentlich nichts anderes als eine antikommerzielle Grundeinstellung. Für die Bands wäre es damals eine Offenbarung gewesen, wenn man eine Plattform wie das Internet gehabt hätte, auf der man die eigene Musik kostenlos an alle Interessierten verteilen und damit auch seine Bekanntheit steigern kann. Die Dead Kennedys brachten ihre EP „In God We Trust, Inc.“ auf einer Kassette heraus, auf der die B-Seite unbespielt war. Darauf war gedruckt: „Home taping is killing record industry profits! We left this side blank so you can help.“* Trotzdem und gerade deswegen waren die Dead Kennedys eine der prägendsten Bands im Rock’n’Roll (und ich nenne das „gescheiten“ Rock’n’Roll). Niemand hat sie bezahlt! Und die Bands, die heute am meisten darüber rumheulen, dass sie sich als „Künstler“ nicht angemessen bezahlt fühlen, bringen meistens die beschissenste Musik heraus, auf die sich in 30 Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit keine Nachwuchsband mehr berufen wird.

Was aber genau so schlimm ist wie Sven Regeners Gelaber, ist der Kommentarbereich bei Spiegel Online, in dem sich wie immer der Bodensatz der deutschsprachigen Internetdebattierer trifft. Auf so viel unreflektierten Konformismus stößt man sonst nur in der Wirtschaftsfakultät einer Universität, oder natürlich bei den Juristen (denn die Klugscheißer von Spiegel Online sehen die aktuelle Gesetzeslage offenbar als gottgegeben an und „argumentieren“ auch dementsprechend ohne Kritikfähigkeit). Ich habe mich, obwohl ich es eigentlich längst besser wissen müsste, angeekelt durch 13 Seiten Kommentare gelesen, und bin dabei pausenlos auf ein unfassbar naives und ökonomisches Verständnis von „Kunst“ gestoßen.

Demnach habe Kunst nichts mit Kreativität zu tun, sondern sei in erster Linie ein handwerklicher Beruf wie jeder andere, und müsse daher auch nach Tarif entlohnt werden. Kunst sei ja auch Arbeit (obwohl man doch schon in der Antike wusste, dass zur künstlerischen Betätigung eher Muße gehört), und es wird allen Ernstes das Erlernen eines Musikinstruments, was Millionen von Jugendlichen freiwillig rein zum Spaß tun, mit Arbeitszeit gleichgestellt. Jemand fragte berechtigterweise, wo denn heutzutage bloß die Künstler seien, die Kunst um der Kunst willen machen. Die zu erwartende „lustige“ Antwort, die bei jeder Wiederholung noch lustiger wurde: „Die sind verhungert!“ Ho ho ho. Falsch! Sie haben verdammt noch mal einen normalen Beruf und nehmen dafür ihr Hobby ernst! Wenigstens ein Kommentator hat die Qualität seiner eigenen Beiträge eingesehen und schrieb: „Peinlich, peinlich.“ Noch peinlicher wäre es höchstens, wenn jemand jetzt alle Alben von Element of Crime (mit gescheitem Rock’n’Roll) aus Protest kaufen würde, nur um es diesem kommunistischen Gutmenschenpack namens Piratenpartei einmal richtig zu zeigen. Aber bei Spiegel Online dürfte es niemanden mehr wundern, dass ein Kommentator dies tatsächlich geschrieben hat.

Und die Moral von der Geschicht: Wenn man für seine Kunst kein Geld bekommt, dann könnte es vielleicht auch daran liegen, dass die Kunst scheiße ist (siehe evtl. Element of Crime)! Und es gilt weiterhin, was für Menschen mit rationalem Weltbild eigentlich schon immer galt: Wer einen kreativen Drang in sich verspürt, der wird ihn auch ausleben, völlig unabhängig davon, ob es dafür Geld gibt. Wenn man eine Familie ernähren will, dann sucht man sich gefälligst richtige Arbeit, so wie es Millionen anderer Künstler tun, in denen hundertmal mehr Kreativität steckt als in den beschwerdeführenden „Künstlern“ wie Silbermond et al.

Das lustigste Argument ist natürlich so vorhersehbar wie falsch: „Sie würden so etwas nicht schreiben, wenn Sie selbst Künstler wären!“ (Und es kann eigentlich nur von Leuten kommen, die entweder selbst im Glashaus sitzen oder ein besonders reaktionäres Verständnis von Kunst haben). Aber jetzt kommt’s: Ich als Künstler (haha) verdiene mein Geld ganz herkömmlich und sehe Kunst selbstverständlich als Hobby. Und wenn mich niemand dafür bezahlen will, dann heule ich nicht beim Gesetzgeber darüber herum und will eine Bezahlung erzwingen, sondern halte verdammt noch mal die Fresse und überlege mir, warum das niemand will. Wenn ich gerne Fußball spiele, kündige ich auch nicht meinen Beruf und beschwere mich dann darüber, dass mich niemand fürs Spielen bezahlen will! Ich freue mich lieber über jeden neu dazugewonnenen Fan, der die eigene Kunst ehrlich zu schätzen weiß. Aber Sven Regener hat wohl schon längst vergessen, wie das war, als man bei einem neuen Fan noch nicht sofort dessen Kaufkraft gesehen hat. Insofern sagt sein Gemecker viel mehr darüber aus, wie sehr er Fans schätzt, als wie sehr seine Fans ihn und seine Musik schätzen.

NB: Wer jetzt denkt, ich wäre der Ansicht, man solle Musikern keine Gegenleistung bieten, der sollte noch einmal von vorne anfangen zu lesen.

* „Home taping is killing music“ hieß in den 80er Jahren die Trotzkampagne der damaligen Sven Regeners.

Ein Kommentar

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