Schlagwort-Archive: Die Kassierer

Deutschland braucht Deutschpunk I

In dieser neuen Rubrik möchte ich mich den Heldentaten unseres Lieblingsgenres widmen. Inspiriert von meinem letzten Eintrag machen die ergrauten Legenden von Normahl den Anfang, deren Platten eigentlich schon in den 80ern nur Durchschnitt waren, die sich aber bis heute immer noch erstaunlich „treu geblieben“ sind. Ihr letztes Studioalbum stammt aus dem Jahre 2005, heißt „Voll Assi“ und beeindruckt schon mit folgendem Cover:

Ton-Assis

Man beachte das „D-Punk“-Qualitätssiegel unten rechts. Das ist immerhin nicht zu viel versprochen, was man ihnen zugute halten kann. Zwischen Uffta-Uffta gesellen sich allerdings noch Elemente von Proll-Rock’n’Roll, Schlager und Stadionrock, was an sich eher nicht so vielversprechend klingt, sofern es sich nicht um eine Parodie handelt. Dem Auftreten der Band nach außen nach zu beurteilen ist das nicht der Fall, also gehen wir mal davon aus, dass Normahl uns mit folgenden tiefsinnigen Zeilen ihr Weltbild ganz ernsthaft näherbringen wollen:

Friss und stirb, Scheiß Staat! Friss und stirb, Scheiß Staat! Friss und stirb, Scheiß Bullenstaat!

Eigentlich bist du ja quasi noch viel schlimmer als die Stasi, kurz gesagt du bist die neue DDR!

Drum scheiß ich auf Gelaber, auf scheinheiliges Gequatsch. Vielen Dank, auf Wiedersehen, fuck you very much!

Ich wäre gern Politiker mit tausend Nebenjobs, würd meinen Tag verplempern in Kneipen und Sexshops. Würd alles was ich hab an einem Tag versaufen und müsst mit meinem Minijob nicht mehr beim Aldi kaufen.

Wir wollen lieber Schnaps und Bier, auf Arbeitsplätze scheißen wir! Wir wollen lieber Schnaps und Bier, leck mich am Arsch, wir scheißen auf Hartz IV!

Meine Freundin wartet schon seit Stunden auf meinen Besuch. Ich geb es zu, es lastet auf mir wie ein böser Fluch. Denn manchmal kommt man einfach nicht an einer Kneipe vorbei, und dann bleibt es leider auch nicht bei den berühmten zwei. Denn im ersten, zweiten, dritten Buch – ich weiß es nicht genau – steht drin: Erst kommt die Kneipe, und dann kommt erst die Frau, denn gegen Wein und Tabaksdunst ist all Weiberlist umsonst.

Ob Meter oder Zoll, ich krieg heut einfach den Kanal nicht voll.

Eins, zwei, drei, vier: 32 Kisten Bier. Fünf, sechs, sieben, acht: heute wird Krawall gemacht. Ding Dong, Punk Rock Song, Gruppensex im Waschsalon. Gangbang, Sexy Thing, überall wo ich rumhäng.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass alle Bandmitglieder jenseits der 40 sein dürften, schlägt man entweder die Hände überm Kopf zusammen oder lacht aus Verlegenheit. So wie ein junger, „cooler“ evangelischer Pfarrer, der zum ersten Mal ein Kassierer-Album vorgespielt bekommt und kein Spielverderber sein will. Von der satirischen Rafinesse dieser Gruppe sind Normahl allerdings so weit entfernt wie Green Day von Punkrock, also bleibt selbst bei gutem Willen nichts Positives mehr übrig, das man über „Voll Assi“ noch schreiben könnte. Konsequenterweise müsste die Band ihr Album eigentlich auf Kassette herausgebracht haben, da die augenscheinliche Zielgruppe der Bahnhofs-Penner-Punks mit diesem Medium am besten zurechtkommen dürfte. Und wo die Kassierer noch „Asis mit Niwoh“ (Zeltinger) verkörpern, sind Normahl so etwas wie Kamera-Assis oder besser gesagt Ton-Assis, die dem Begriff Deutschpunk den Ruf verleihen, den er für viele seit langem inne hat.

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Vince Ebert

Da ich eine Naturwissenschaft studiert habe und politischem Kabarett nicht ganz abgeneigt bin, wurde ich schon desöfteren von Bekannten und Kommilitonen gefragt, ob ich Vince Ebert gut fände, der doch beide Bereiche miteinander verbindet. Ich muss dann darauf hinweisen, dass Ebert leider weder den einen, noch den anderen Bereich gut hinbekommt. Nicht nur verabscheue ich an ihm, dass er naturwissenschaftliche Methodik gerne auf unpassende Weise mit seiner politischen Agenda vermischt; auch seine politische Agenda allein ist schon so verabscheuungswürdig, dass die Medien ihn nicht immer mangels Alternativen als vermeintlich einzigen „humorvollen Wissenschaftler“ immer wieder zur Wort kommen lassen sollten. Als reiche es nicht, dass er allein durch seine gepresste Sprechweise und Überbetonung schon anstrengend anzuhören ist!

Sein aktuelles Programm hat er „Freiheit ist alles“ genannt, und dieses wurde leider sogar im WDR ausgestrahlt, wie ich gestern gesehen habe. Sein Freiheitsbegriff ist allerdings durch und durch neoliberal geprägt, was er selbst nicht einmal als Beleidigung empfinden würde, denn er schreibt nicht nur Kolumnen für die Quatschseite „Achse des Guten“ und lästert gerne über von ihm als links empfundene Kabarettisten, sondern versucht auch in seinen Programmen, die kapitalistische Wirtschaftsform unter naturwissenschaftlicher Perspektive als folgerichtig darzustellen. Aus seinem aktuellen Programm stammt beispielsweise der Satz: „Natürlich wird der freie Markt nie perfekt funktionieren, aber er funktioniert immer noch besser als irgendwelche staatlichen Lenkungen.“ Schließlich hat ja „der Kommunismus“ bewiesen, dass er nicht überlebensfähig ist. Das sinniert Ebert und versucht anscheinend wie so viele, die darwinsche Evolutionstheorie auf Dinge anzuwenden, für die sie gar nicht bestimmt ist. Kein Wunder, dass Vince Ebert auch gerne auf Wirtschaftsveranstaltungen auftritt, wo er den Anwesenden gut zureden kann. Wirklich widerlich finde ich es allerdings, dass er sich selbst schon allein durch die Betitelung seiner Programme und Bücher („Denken lohnt sich“, „Denken Sie selbst“) einen aufklärerischen Anstrich zu geben versucht, den er in keiner Weise einzulösen vermag, wenn man mal von seinen religionskritischen Scherzen absieht, die allerdings in diesem Kontext auch eher plump ausfallen. Gutes, aufklärerisches Kabarett hinterfragt die Verhältnisse anstatt sie zu stützen; der schlaue Dialektiker Ebert hingegen meint, er sei die Speerspitze der Aufklärung, wenn er das als links empfundene aufklärerische Kabarett „hinterfragt“ und damit wieder beim affirmativen, systemkonformen Standpunkt landet, für den auch ein paar weitere seiner Kollegen (wie Dieter Nuhr) bekannt sind. Wenig erstaunlich, dass er auch noch zu den „Klimaskeptikern“ gehört, wahrscheinlich bloß um sich noch weiter vom verhassten Gutmenschen-Mainstream abzuheben. Bitte denkt daran, liebe Nachwuchskabarettisten: Wer sich gegen einen herbeihalluzinierten „linken Mainstream“ auflehnt, gehört mitnichten zu einer mutigen Avantgarde, als die sich solche Künstler gerne darstellen, sondern zu genau dem spießigen Einheitsbrei, gegen den es überhaupt erst aufzulehnen wert ist.

Da frage ich mich immer: Und warum wird jemand so? Mein Verdacht ist, dass schon Vince Eberts autistisch anmutendes äußeres Auftreten auf eine Unfähigkeit zur Empathie hinweist. Da versucht man natürlich schon aus Hilflosigkeit, Menschen nicht nur in naturwissenschaftliche, sondern auch gleich in wirtschafts-„wissenschaftliche“ Formeln zu pressen. Es könnte womöglich seine Strategie sein, sein eigenes Selbstwertgefühl dadurch zu stärken, dass er Zuspruch von den Reichen und Mächtigen sucht. Das ist zwar legitim und wird schon seit Menschengedenken häufig praktiziert, ist aber alles andere als aufklärerisch. Dabei wäre das Konzept „Naturwissenschaft und Kabarett“ doch so vielversprechend, wenn man es richtig umsetzen würde. Vielleicht lernt Herr Ebert, der eigentlich auch gar nicht Vince heißt, ja irgendwann noch, die Dinge richtig zu hinterfragen, und vor allem, dass Freiheit ein zweischneidiges Schwert ist (und auch Joachim Gauck nicht die Deutungshoheit über diesen Begriff besitzt). Das wusste schon Georg Kreisler gekonnt zu erklären, und auch Herrn Ebert sei Folgendes gesagt:

Und wo wir schon dabei sind:

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Blitzkrieg Bop

Obwohl ich Casting-Sendungen nicht leiden kann, habe ich heute zufällig „X-Factor“ im Fernsehen gesehen, und das Einschalten hat sich schon alleine dafür gelohnt, dass ich dort die unpassendste Version von „Blitzkrieg Bop“ aller Zeiten hören durfte! Den Song hier großartig vorzustellen ist natürlich unnötig, aber er gilt als erste Ramones-Single ja nicht umsonst als Prototyp schlechthin für den simplen, energischen Rock and Roll, der sich Ende der 70er als eigenes Genre namens Punkrock etablierte. Allein schon der Titel zeigte allen, wo es langgeht!

All dies hat die zweiköpfige Band „Mrs. Greenbird“ heute Abend mal eben komplett in die Tonne getreten, indem sie den Song in einem Anfall vermeintlicher Originalität als Schmuse-Folk-Version mit Indie-Verpackung nachspielte. Ich als Zuschauer schwankte während der Performance nach anfänglichem Unglauben zwischen Erheiterung und peinlicher Berührung, wobei erstere letzendlich überwog. Ich bekam sogar Respekt vor ihrem beeindruckenden Triple, was im Grabe rotierende Ramones betrifft.

Und weil ich meine Kritik immer konstruktiv formulieren will, habe ich mir ein paar Gedanken darüber gemacht, was sich Mrs. Greenbird in den nächsten Runden sonst noch so als Herausforderung stellen könnten:

  • „California über alles“ (Dead Kennedys) als einfühlsame Piano-Ballade
  • „Six Pack“ (Black Flag) als Elektro-Tanzversion mit Dubstep-Einflüssen
  • „Straight Edge“ (Minor Threat) als Swing-Version, falls es das noch nicht gab
  • „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“ (Die Kassierer) in der souligen R&B-Fassung (mit Autotune).

Gute Idee? Gute Idee!

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Gamescom-Festival 2012

Apropos Köln: Da ich in dieser Stadt wohne, ist mir die ungewöhnliche Trotteldichte am Deutzer Bahnhof in den letzten Tagen aufgefallen. Dies kann für gewöhnlich nur zwei Ursachen haben: Entweder ist in der Köln-Arena mal wieder ein Finale von „Germany’s Next Topmodel“, oder es ist schon wieder Gamescom-Zeit, wofür Trilliarden an Spieleinteressierten aus ganz Europa extra nach Köln fahren, bloß um ein paar Minuten lang irgendwelche neuen „Games“ (wie sie es nennen) als erstes zocken zu können. Ein angenehmer Nebeneffekt dabei ist hingegen das sogenannte Gamescom-Festival, eine dreitägige Musikveranstaltung, die jährlich zeitgleich zur eponymen Messe auf dem Ring stattfindet, und zwar mit freiem Eintritt.

Nachdem ich am Freitag anderweitig beschäftigt gewesen war, kam ich nun am gestrigen Samstag in den Genuss, mir auf der großen Bühne am Friesenplatz die Musikgruppen „Captain Capa“, „Fuck Art, Let’s Dance!“, „Der König tanzt“ und „Überraschungsact“ anzusehen. Angetrieben von einer mit Gemeinplätzen um sich werfenden Moderatorin ging es gegen 18 Uhr auch schon los mit Captain Capa, einer Audiolith-Band, und das sagt heutzutage eigentlich schon alles. Da standen zwei junge Männer auf der Bühne, die auf Knöpfchen drückten, ein bisschen Gitarre spielten, und ernsthaft bei einem Live-Auftritt ihren Gesang mit Autotune „verbesserten“. Alles wurde unterlegt mit immer gleichen Bumm-Bumm-Beats, zu denen man möglicherweise „super tanzen kann“, die aber musikalisch völlig anspruchslose Fließbandware sind. Zudem wusste man nie, was eigentlich wirklich live gespielt wird und was vorher aufgenommen worden war, denn sogar Teile des Gesangs kamen ganz offensichtlich als Vollplayback aus dem Rechner.

Als nächstes kam dann „Fuck Art, Let’s Dance!“, ebenfalls von Audiolith, und dieser Bandname fasst eigentlich perfekt zusammen, was ich an der aktuellen Hipster-Kultur scheiße finde: Was kümmern einen in der Musik schon irgendwelche Inhalte, solange man sein Gehirn abschalten und stattdessen „heftig Party machen“ kann? Musikalisch präsentierte die Gruppe Indierock mit Elektrogedudel, wobei in meinen Ohren alle Songs so ähnlich klangen, dass mit der Zeit alles zu einem Einheitsbrei verschmolz. Es wurde zwar auf Autotune verzichtet, dafür bestanden die Texte aber gefühlt aus immer denselben Textzeilen in ständiger Wiederholung. Zudem sieht der Sänger, den das Label liebevoll aber übertrieben „Talent und Sängerfront“ nennt, aus wie ein 14jähriger Schülerband-Frontmann mit einer viel zu großen Gitarre (und vor allem Brille). Das gehört aber alles bestimmt zum Image, denn man ist bei sowas schließlich super-ironisch. Mir persönlich war es hingegen zu prätentiös. Warum sind „Die Atzen“ eigentlich noch nicht bei Audiolith?

Es folgte „Der König tanzt“, das Soloprojekt eines „Fettes-Brot“-Mitgliedes. Im Gegensatz zu dem ganzen nivellierten Audiolith-Kram erhebte diese Gruppe sympathischerweise nicht den Anspruch, irgendwie alternativ herüberzukommen. Die Musik war zwar nicht so mein Fall, allerdings ist mir aber besonders negativ in Erinnerung geblieben, dass einige Songs mehrfach gespielt wurden, was eigentlich ein Armutszeugnis für eine Band ist, die gerade mal eine Stunde zu füllen hat. Und die Ansage, dass geschminkte Männer (wie der Sänger)  in Köln nicht so stark auffielen, erntete bestenfalls Höflichkeitslacher.

Am Ende kam dann noch der „Überraschungsact“, der gar nicht mehr so überraschend war, nachdem es schon im Radio bekanntgegeben und Stunden vorher ein Merch-Stand aufgebaut worden war: Es spielten die Donots, eine der erfolgreichsten deutschen Poppunk-Band, die ich allerdings schon mit 14 zu belanglos fand, als sie gerade besonders angesagt waren. Da ich zugegebenermaßen kaum Songs kenne, habe ich mich gefreut, direkt zu Beginn das Lied „Calling“ zu erkennen – ein wirklich netter Song, wie ich zugeben muss! An der Stelle war ich auch noch völlig offen, mich eines Besseren belehren zu lassen; immerhin haben die Donots Sympathiepunkte bei mir gesammelt, als sie vor ein paar Jahren auf dem Die-Kassierer-Tribute-Sampler den Hit „Ich töte meinen Nachbarn und verprügel seine Leiche“ nachgespielt haben. Was die Band dann gestern bot, war allerdings über weite Strecken enttäuschender Stadionrock, der mit „Hey-Ho“-Mitklatsch-Spielen und Sprüchen wie „ich will eure Hände sehen“ leichten Ekel bei mir erregte. Das kommt sicherlich bei denen gut an, die heute 14 sind, oder die mit 14 Donots-Fans geworden sind, oder bei Bon-Jovi-Fans, aber ich fand es furchtbar. Sagen wir mal so: Es hatte mich nicht gewundert, die Band während der EM im Playback zwischen all den Rentnern auf dem „ZDF-Fußballstrand“ spielen zu sehen. Demnächst vielleicht auch ein Fall für den Fernsehgarten?

Am Ende war mir dann so schlecht, dass ich beim Stagediving in hohem Bogen quer über eine maximale Anzahl an Zielpersonen brechen musste. Teile des Erbrochenen habe ich extra aufgehoben und gerade hier in diesen Blog getippt. Aber jetzt mal Ernst beiseite: Letztendlich war der Abend dennoch besser als die Summe seiner doch ganz akzeptablen Einzelteile. Heute Abend werde ich mir dann noch Thees Uhlmann anschauen, aber für einen weiteren Blogeintrag wird es mir bestimmt zu warm sein!

Weil es so schön ist:

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