Schlagwort-Archive: Autotune

Dudelfunk IV

Weil es bei Sat 1 in den letzten Jahren quotentechnisch immer mehr bergab geht, wittern viele Musiklabels die Chance, dort möglichst günstige Werbezeit einzukaufen. Neulich wurde mir in einem solchen Werbespot die ideale CD für Fans ehrlicher, handgemachter Rockmusik empfohlen, denen Silbermond und Revolverheld aber zu hart sind. Es handelt sich dabei um das Debutalbum „Grenzenlos“ einer Band namens „F.R.E.I.“ (ausgesprochen: „frei“), das mit der sensationellen ersten Single „Wo bist du jetzt?“ beworben wird. Diese gefiel mir auf Anhieb so gut, dass ich sie an dieser Stelle näher besprechen möchte.

Zunächst fiel mir aber natürlich erst einmal der kreative Bandname auf. Wer kennt das als Musiker nicht: Partout will einem kein Titel für seine Band oder seine Platte einfallen. Nimmt man also einfach irgendein beliebiges Wort und setzt Punkte zwischen die Buchstaben, hat man im Handumdrehen einen tiefgründig wirkenden Namen, denn Abkürzungen wirken immer so, als hätte man sich dabei etwas gedacht. Unbekannt ist mir jedoch, ob den Mitgliedern dabei bewusst war, dass viele Leute, wenn sie „F.R.E.I.“ hören, erst einmal an „Frei.Wild“ denken. Aber Schwamm drüber: Wer steckt eigentlich hinter dieser Band, die gleich mit ihrer ersten Platte einen derartigen Hype (haha) losgetreten hat? „Fünf unterschiedliche Typen, die ein ungewöhnliches Ganzes ergeben“, lehrt mich ihre Website. So weit, so nichtssagend. „Zu den Stationen der Bandmitglieder zählen illustre Namen wie Sarah Connor, James Blunt, Doro, LaFee, Mousse T, Krypteria, Terenzi, Mike Posner, Caliban, Letzte Instanz, Nino De Angelo oder Kreator. Eine ungewöhnliche Mischung, die neugierig macht.“ Immerhin ihren Pressetextschreiber, mich hingegen nicht.

Was für einen Song kann eine Band nun veröffentlichen, um sich direkt in möglichst viele Gehörgänge zu katapultieren? Jeder erfahrene Komponist kennt die Lösung: Man setzt einfach auf die allseits bekannte magische Akkordfolge vi-IV-I-V, in diesem Fall Em-C-G-D, macht den Refrain dann so schmalzig wie möglich, und schon ist der Hit fertig – funktioniert schließlich auch bei gefühlt 75 % aller Chart-Songs*. Am emotionalsten kommt das rüber, wenn die Melodie im Chorus langgezogene hohe Tönen aufweisen kann, die als Ohrwurmfaktor dienen. Sollten einem Sänger die Töne zu hoch sein, hat man ja auch immer noch Autotune, um subtil nachzubessern (vgl. Stelle 2:22 im Video unten). Um dem Song noch die nötige Epicness zu verpassen, sollte man den Refrain am Ende unbedingt instrumental weiterlaufen lassen, während der Sänger „wohoho“ oder ähnliche Laute von sich gibt. 90 % aller Radiohörer (in diesem Falle vermutlich von WDR 4) wird somit das Herz aufgehen, denn für sie könnte eine komplette CD nur aus Songs mit Em-C-G-D als Akkordfolge bestehen, ohne dass ihnen etwas auffallen würde. So einfach ist das heutzutage für Songwriter. Viel E.R.F.O.L.G. also mit dem Lied!

Überzeugen Sie sich selbst:

PS: Fällt Ihnen beim Vergleich mit „Patience“ von Take That, einem der besten Popsongs des letzten Jahrzehnts, vielleicht etwas auf?

* Natürlich ist die Akkordfolge auch bei Punkbands gängig, aber es ist ein Unterschied, ob sie energisch geschrammelt wird oder schnulzig auf Airplay getrimmt ist.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Musik

Gamescom-Festival 2012

Apropos Köln: Da ich in dieser Stadt wohne, ist mir die ungewöhnliche Trotteldichte am Deutzer Bahnhof in den letzten Tagen aufgefallen. Dies kann für gewöhnlich nur zwei Ursachen haben: Entweder ist in der Köln-Arena mal wieder ein Finale von „Germany’s Next Topmodel“, oder es ist schon wieder Gamescom-Zeit, wofür Trilliarden an Spieleinteressierten aus ganz Europa extra nach Köln fahren, bloß um ein paar Minuten lang irgendwelche neuen „Games“ (wie sie es nennen) als erstes zocken zu können. Ein angenehmer Nebeneffekt dabei ist hingegen das sogenannte Gamescom-Festival, eine dreitägige Musikveranstaltung, die jährlich zeitgleich zur eponymen Messe auf dem Ring stattfindet, und zwar mit freiem Eintritt.

Nachdem ich am Freitag anderweitig beschäftigt gewesen war, kam ich nun am gestrigen Samstag in den Genuss, mir auf der großen Bühne am Friesenplatz die Musikgruppen „Captain Capa“, „Fuck Art, Let’s Dance!“, „Der König tanzt“ und „Überraschungsact“ anzusehen. Angetrieben von einer mit Gemeinplätzen um sich werfenden Moderatorin ging es gegen 18 Uhr auch schon los mit Captain Capa, einer Audiolith-Band, und das sagt heutzutage eigentlich schon alles. Da standen zwei junge Männer auf der Bühne, die auf Knöpfchen drückten, ein bisschen Gitarre spielten, und ernsthaft bei einem Live-Auftritt ihren Gesang mit Autotune „verbesserten“. Alles wurde unterlegt mit immer gleichen Bumm-Bumm-Beats, zu denen man möglicherweise „super tanzen kann“, die aber musikalisch völlig anspruchslose Fließbandware sind. Zudem wusste man nie, was eigentlich wirklich live gespielt wird und was vorher aufgenommen worden war, denn sogar Teile des Gesangs kamen ganz offensichtlich als Vollplayback aus dem Rechner.

Als nächstes kam dann „Fuck Art, Let’s Dance!“, ebenfalls von Audiolith, und dieser Bandname fasst eigentlich perfekt zusammen, was ich an der aktuellen Hipster-Kultur scheiße finde: Was kümmern einen in der Musik schon irgendwelche Inhalte, solange man sein Gehirn abschalten und stattdessen „heftig Party machen“ kann? Musikalisch präsentierte die Gruppe Indierock mit Elektrogedudel, wobei in meinen Ohren alle Songs so ähnlich klangen, dass mit der Zeit alles zu einem Einheitsbrei verschmolz. Es wurde zwar auf Autotune verzichtet, dafür bestanden die Texte aber gefühlt aus immer denselben Textzeilen in ständiger Wiederholung. Zudem sieht der Sänger, den das Label liebevoll aber übertrieben „Talent und Sängerfront“ nennt, aus wie ein 14jähriger Schülerband-Frontmann mit einer viel zu großen Gitarre (und vor allem Brille). Das gehört aber alles bestimmt zum Image, denn man ist bei sowas schließlich super-ironisch. Mir persönlich war es hingegen zu prätentiös. Warum sind „Die Atzen“ eigentlich noch nicht bei Audiolith?

Es folgte „Der König tanzt“, das Soloprojekt eines „Fettes-Brot“-Mitgliedes. Im Gegensatz zu dem ganzen nivellierten Audiolith-Kram erhebte diese Gruppe sympathischerweise nicht den Anspruch, irgendwie alternativ herüberzukommen. Die Musik war zwar nicht so mein Fall, allerdings ist mir aber besonders negativ in Erinnerung geblieben, dass einige Songs mehrfach gespielt wurden, was eigentlich ein Armutszeugnis für eine Band ist, die gerade mal eine Stunde zu füllen hat. Und die Ansage, dass geschminkte Männer (wie der Sänger)  in Köln nicht so stark auffielen, erntete bestenfalls Höflichkeitslacher.

Am Ende kam dann noch der „Überraschungsact“, der gar nicht mehr so überraschend war, nachdem es schon im Radio bekanntgegeben und Stunden vorher ein Merch-Stand aufgebaut worden war: Es spielten die Donots, eine der erfolgreichsten deutschen Poppunk-Band, die ich allerdings schon mit 14 zu belanglos fand, als sie gerade besonders angesagt waren. Da ich zugegebenermaßen kaum Songs kenne, habe ich mich gefreut, direkt zu Beginn das Lied „Calling“ zu erkennen – ein wirklich netter Song, wie ich zugeben muss! An der Stelle war ich auch noch völlig offen, mich eines Besseren belehren zu lassen; immerhin haben die Donots Sympathiepunkte bei mir gesammelt, als sie vor ein paar Jahren auf dem Die-Kassierer-Tribute-Sampler den Hit „Ich töte meinen Nachbarn und verprügel seine Leiche“ nachgespielt haben. Was die Band dann gestern bot, war allerdings über weite Strecken enttäuschender Stadionrock, der mit „Hey-Ho“-Mitklatsch-Spielen und Sprüchen wie „ich will eure Hände sehen“ leichten Ekel bei mir erregte. Das kommt sicherlich bei denen gut an, die heute 14 sind, oder die mit 14 Donots-Fans geworden sind, oder bei Bon-Jovi-Fans, aber ich fand es furchtbar. Sagen wir mal so: Es hatte mich nicht gewundert, die Band während der EM im Playback zwischen all den Rentnern auf dem „ZDF-Fußballstrand“ spielen zu sehen. Demnächst vielleicht auch ein Fall für den Fernsehgarten?

Am Ende war mir dann so schlecht, dass ich beim Stagediving in hohem Bogen quer über eine maximale Anzahl an Zielpersonen brechen musste. Teile des Erbrochenen habe ich extra aufgehoben und gerade hier in diesen Blog getippt. Aber jetzt mal Ernst beiseite: Letztendlich war der Abend dennoch besser als die Summe seiner doch ganz akzeptablen Einzelteile. Heute Abend werde ich mir dann noch Thees Uhlmann anschauen, aber für einen weiteren Blogeintrag wird es mir bestimmt zu warm sein!

Weil es so schön ist:

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Musik

Dudelfunk II

Europa – jedenfalls der Teil, der sich für den Schlager-Grand-Prix interessiert – hat gestern mal wieder einen furchtbaren Musikgeschmack bewiesen, denn beim diesjährigens Eurovision Song Contest hat das schreckliche Lied „Euphoria“ von einer schwedischen Sängerin namens Loreen gewonnen. ARD-Standardkommentator Peter Urban meinte in der gestrigen Livesendung, als sich der schwedische Sieg während der Punktevergabe immer mehr abzeichnete, dass es einen echten Siegertitel auszeichne, wenn er aus allen Ländern Punkte bekäme. Wenn der schwedische Song also gewissermaßen ein europäischer „Grundkonsens“ in musikalischer Hinsicht sein soll, dann ist es wirklich so schlimm, wie man es als kritischer Mensch erwartet.

Der Siegertitel ist nämlich so unterirdisch, dass es der Vergleich Peter Urbans mit diesem aktuell angesagten DJ David Gütta gut traf: „Euphoria“ ist nervigster Kirmes-Techno, den man üblicherweise an Straßenkreuzungen hört, wenn Ed Hardy tragende Sonnenstudiobewohner das Fenster ihres gebrauchten 3er-BMWs herunterkurbeln und Passanten an ihrem „Musikgeschmack“ teilhaben lassen. Oder aber wenn man Bus oder Straßenbahn fährt und die Nachwuchssonnenstudiobewohner sich rudelweise gegenseitig ihre eigene Männlichkeit bestätigen, indem sie ihre Mobiltelefone laut aufdrehen. Das einzige, was „Euphoria“ in dieser Hinsicht noch zur „Perfektion“ fehlt, ist ein großzügiger Autotune-Einsatz, was uns aber vermutlich wegen der Regularien des Wettbewerbs bislang glücklicherweise erspart geblieben ist.

Singen kann die Loreen, das kann man ruhig zugeben, aber das extrem anstrengende Synthesizer-Gedudel, das an 90er-Jahre-Eurodance erinnert („Saw Lead“ sagt der Musiker dazu, siehe auch Zypern) unterstreicht nur das primitive Songwriting, das dem Zuhörer rücksichtslos die immer gleichen vier Takte Refrain ins Gehör prügeln will. Besonders schlimm fand ich persönlich schon im Halbfinale die Stelle im Refrain, in der die Instrumentierung der Gesangsmelodie folgt, und zwar in etwa so:

Noten

Ich hielt dies eigentlich immer für einen Anfängerfehler im Songwriting, wenn man Akkordbegleitung noch nicht von Melodie abstrahieren kann, aber bei „Tanzmusik“ gilt das wohl nicht. Die Sängerin macht zu der Musik dann „mystische“ Handbewegungen und Tanzbewegungen, die wie eine Mischung aus Dr. Zoidberg und einem Waldorfschüler, der den Songtext tanzt, aussehen. Besonders kitschig wird dann die Bridge, in der Loreen am Boden kriecht, während Kunstschnee aus Polystyrolkügelchen auf sie regnet. Ganz schön schmalzig! Und nichts für mich.

Denn wenn man schon schmalzige Lieder zum Song Contest schicken will, dann sollten es auch gute Kompositionen sein, so wie der britische Beitrag (ja, wirklich!). Denn „Love Will Set You Free“ von Kultsänger Engelbert Humperdinck ist zum Beispiel ein rundum gelungener Song, der mit passenden Tonartwechseln tolle Spannungsbögen aufbaut, aber leider die undankbare erste Startposition zugelost bekam. Dass solch eine qualitative Komposition letztendlich nur den vorletzten Platz erreichte, und auch so viele andere aus dem Bumm-Bumm-Einheitsbrei herausstechende Songs auf den hinteren Rängen landeten (oder es gar nicht erst ins Finale schafften), müsste dem NDR (und der BBC, und so weiter) eigentlich zeigen, wie sinnlos dieser Wettbewerb geworden ist, zumal selbst in Ländern mit Jury-Abstimmung die miesesten Songs trotzdem ganz oben standen. Schöne Grüße gehen hier von mir an Italien, das als einziges Land dem schwedischen Beitrag null Punkte gab. Ich werde nun in den kommenden Wochen versuchen, an Straßenkreuzungen dem Song von Loreen aus dem Weg zu gehen.

Überzeugen Sie sich selbst:

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen, Musik