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Floskeln, die man gerne liest

Die meisten Nachrichtenseiten hierzulande haben sich, um einer diffusen „Web-2.0“-Begeisterung nachzukommen, in den letzten Jahren offizielle Kommentarbereiche eingerichtet, in denen jeder und jede im Prinzip alles schreiben kann, was ihm oder ihr gerade in den Sinn kommt. Dass das nicht immer ein gutes Licht auf die Menschheit wirft, und in vielen Köpfen eher Durchzug herrscht, habe ich schon öfters anklingen lassen. Jetzt ist es für mich an der Zeit, diesem Thema einen weiteren Artikel zu widmen. Auch wenn viele vernunftbegabte Menschen bereits gewisse Vorahnungen haben dürften, werde ich im Folgenden einige der beliebtesten Phrasen aufzählen, anhand derer man im Internet mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit Vollidioten erkennen kann.

„1984 lässt grüßen“: Ausdruck eines Bedürfnisses, sich mit rudimentären Kenntnissen über Weltliteratur zum Bildungsbürger aufzuspielen, meist ohne das besagte Buch gelesen zu haben. Findet meist Verwendung bei selbsternannten Freiheitskämpfern, die regelmäßig für das Recht eintreten, auch als dummes Arschloch von der Öffentlichkeit respektiert zu werden.

„Armes Deutschland“: Soll eine gewisse persönliche Trauer darüber zum Ausdruck bringen, dass sich der Ruf Deutschlands seit den 1940er Jahren eher auf dem absteigenden Ast befindet. Die Kommentierenden sehnen sich daher meist eine Art Comeback früheren Weltruhms zurück. (Originell übrigens, dass „Armes Deutschland“ damals auch der Titel der APPD-Zeitung war.)

„braucht kein Mensch“: Bedeutet übersetzt soviel wie: „Ich kenne es zwar nicht einmal, aber wenn es nach meiner unheimlich wichtigen Meinung ginge, würde man es verbieten!“ Oft stellt sich dabei heraus, dass eine intellektuelle Hürde der tatsächliche Grund für die Abwehrhaltung ist.

„das wird man doch wohl noch sagen dürfen“: Solche Leute stellen sich unter Meinungsfreiheit vor, dass idiotische Meinungen nicht mehr als solche herausgestellt werden dürfen. (Ähnlicher Begriff: „Meinungsdiktatur“, siehe auch 1984)

„der Steuerzahler (alternativ: Verbraucher, kleine Mann) ist mal wieder der Dumme“: Bestätigt sich dann zumindest in einem Fall.

„die Journaille“, „die Systempresse“: Ausdrücke von Menschen, die PI-News für ein seriöses Medium halten, das sich „mutig“ mit den wirklich schlimmen Problemen der Gesellschaft auseinandersetzt (z. B. „politische Korrektheit“).

„einfach nur peinlich“: Meist ist einfach nur peinlich, dass die kommentierende Person zu schlicht im Geiste ist, eine reflektierte Meinung zu formulieren und/oder einen Sachverhalt in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

„Gutmenschen“: Synonym für „ich bin dumm“.

„haben die sonst keine Probleme?“/„gibt es nichts Wichtigeres?“: Bringt die überaus realitätsnahe Auffassung zum Ausdruck, dass man sich ausschließlich mit Dingen zu beschäftigen habe, die das sofortige Ende jeglicher Armut und Herstellung des Weltfriedens zum Ziel haben.

„Herr, lass Hirn regnen!“: Schwachkopf-Slang für: „Ich kann mich schlecht in andere Menschen hineinversetzen, also halte ich sie einfach pauschal für dumm.“ Zeugt fast immer von unberechtigtem geistigem Übermut.

„wes Brot ich ess, des Lied ich sing“: Dieser Satz kommt vielfach von Leuten, die hauptsächlich mal mit der Kenntnis dieser originellen Redewendung glänzen wollen. Außerdem wollen dieselben in Diskussionen dafür bewundert werden, alle Sachverhalte in Politik und Wirtschaft durchschaut zu haben, wobei sie aber leider einem falschen Glauben aufsitzen.

„wir“: Ausdruck des Bedürfnisses, sich über ein Kollektiv zu definieren; deutet daher auf mangelnde geistige Reife hin.

Zu den genannten Phrasen gesellen sich noch einige gerade für Volltrottel typische Stilelemente. Das wäre zum einen die vollkommen grundlose Verwendung von Abkürzungen („In D. läuft einiges besser, seit A. Merkel an der Reg. ist“), zum anderen die Benutzung von Auslassungspunkten oder Sternchen in Ausdrücken, die man sich vor lauter kleinbürgerlicher Spießigkeit nicht auszuschreiben traut („Überall diese Sch… Gutmenschen“), und natürlich das absolut sinnlose persönliche Ansprechen von Politikern oder ähnlichen Persönlichkeiten („Sehr peinlich, Herr Lafontaine!“).

Ich hoffe, unerfahrenen Lesern von Spiegel Online und Co. hiermit wichtige Tips auf den Weg gegeben zu haben. Am Sinnvollsten wäre es aber natürlich für alle, Kommentarbereichen (oder auch direkt Spiegel Online selbst) gleich vollständig aus dem Weg zu gehen.

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Ein Kommentar

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Cotzbrocken

Ich möchte an dieser Stelle wieder einmal meine Position als selbsternanntes Aushilfs-Feuilleton des deutschen Punkrocks wahrnehmen und an eine ganz besondere Band erinnern, die trotz ihres in jeder Hinsicht begrenzten künstlerischen Outputs bis heute einen erstaunlich großen Fankreis für sich verbuchen kann: Die Kölner Streetpunk-Band Cotzbrocken. Nicht viel ist heute noch über sie bekannt, und die Mitglieder sind seit der Auflösung um 1982 nicht mehr öffentlich (zumindest im Punk-Bereich) in Erscheinung getreten, was eine eventuelle Reunion – obwohl von vielen heiß herbeigesehnt – unwahrscheinlich erscheinen lässt.

Die Band Cotzbrocken brachte im Laufe ihrer kurzen Karriere lediglich eine einzige LP heraus und war ansonsten noch mit drei Songs an einem Sampler beteiligt. Das war’s! Was Cotzbrocken dabei aber trotzdem so besonders macht ist ihre unerreichte Qualität: Gäbe es eine Rangliste der schlechtesten deutschen Punk-Platten aller Zeiten, dann wäre ihr 1981er Album „Jedem das Seine“ ein ganz heißer Anwärter auf die Spitzenposition, und das ist ausnahmsweise noch nicht einmal wirklich Geschmackssache. Natürlich könnte man skeptisch anmerken, dass viele Punk-Platten der frühen 80er heutzutage peinlich wirken, und dass es damals doch nichts Besonderes gewesen sei, dass Punkbands nicht nur harte und direkte, sondern mitunter auch ganz schön primitive Songs schrieben. Man müsse ja den Kontext der Zeit beachten! Aber bei „Jedem das Seine“ von Cotzbrocken kann man selbst beim besten Willen keinen Nostalgie-Bonus geltend machen, mit dem sich andere plumpe Deutschpunk-Kapellen wie Normahl eventuell schönhören lassen. Die Gründe dafür lassen sich sogar anhand von „objektiven“ Faktoren festhalten:

Zunächst einmal ist die Band musikalisch vollkommen talentlos. Der Schlagzeuger kennt nur zwei Rhythmen, und zwar einen schnellen und einen langsamen. Beide bekommt jeder Anfänger nach der ersten Schlagzeugstunde genauso gut hin. Der Gitarrist schrammelt dazu Powerchords und darf hin und wieder primitivste Solos darüberspielen, bei denen sich die linke Hand nicht allzu sehr bewegen muss. Der Bassist spielt sowieso nur die Grundtöne. Aber es kommt noch schlimmer sobald der Gesang einsetzt! Der Sänger hat im wahrsten Sinne des Wortes keinerlei Taktgefühl und verteilt sein Gebrüll unregelmäßig über jede Strophe. Betonung ist ihm dabei genauso fremd wie das Konzept von Tonhöhen, sodass die Brüllerei immer gleich monoton und unmotiviert klingt.

Das Songwriting knüpft nahtlos an diese Voraussetzungen an. Die 13 Lieder sind so einfach gestrickt, dass es keinen Musiker überfordern würde, sich deren Abläufe sofort zu merken. Die Akkordfolgen gehorchen keinen musikalischen Gesetzmäßigkeiten, sondern wurden vermutlich willkürlich auf dem Papier festgelegt. Die Refrains werden so oft es geht wiederholt. Am Ende der Songs spielt die Band einfach immer langsamer, bis sich daraus irgendein Schlussakkord ergibt. Der Höhepunkt ist ein achtminütiges (!) Instrumental, das aus einer Endlosschleife aus Bass und Schlagzeug besteht, für die die Beschreibung primitiv eigentlich noch zu schwach ist. Dazu dudelt der Gitarrist die immer gleichen Tonfolgen, welche jeder Mensch auf Anhieb spielen könnte, der gerade gelernt hat, wie man eine Gitarre hält.

Der wichtigste Aspekt an Cotzbrocken sind aber zweifellos die Texte, die uns den Horizont von vier jungen Punks eröffnen, die zu Beginn der 80er Jahre zufällig einen Plattenvertrag bei Rock-O-Rama Records (damals noch ein halbwegs akzeptables Punk-Label) ergattert haben und ihr hartes Leben in ihren ersten eigenen Texten verarbeiten wollen. Heraus kommen dabei Songs wie „Wie sieht der denn aus?“, mit folgenden nachdenklichen Versen:

Du kommst total besoffen
in die letzte Bahn
Da hörst du schon
den Ersten schreien:

Wie sieht der denn aus?
Wie sieht der denn aus?
Oh Mann, wie sieht der denn aus?

Du willst deine Mutter mal besuchen
Ist ja Muttertag
Du klingelst, die Tür geht auf
Du hörst nur:

Wie siehst du denn aus?
Wie sieht der denn aus?
Oh Mann, wie sieht der denn aus?

Das ist allerdings nicht etwa ein zufälliges Negativbeispiel, sondern eine repräsentative Kostprobe für die lyrischen Qualitäten der LP. Noch ein paar Beispiele gefällig? Selbstverständlich: „Und haben die Bullen mich am Kragen, dann kotz ich in ihren Streifenwagen!“ („Bullenlied“) – „Ich möchte frei sein! Keiner soll mein Herr sein! Saufen, saufen, jeden Tag nur saufen! Saufen, saufen, jeden Tag nur saufen!“ („Das wahre Leben“) Hiermit lieferte die Band wohl den Wahlspruch, mit dem die APPD in den 90er Jahren noch große Erfolge feiern sollte. Die Band scheut aber nicht davor zurück, sich in einem anderen Song selbst direkt zu widersprechen: „Ich setz mich nicht besoffen in die Ecke, ich knall nicht jeden Tag die Birne voll, das ist nicht die Art wie ich verrecke.“ („Wir wollen keine Penner sein“) Widersprüche sind allerdings sowieso ihr Steckenpferd, es geht nämlich auch noch dämlicher: „RAF, verbinde dich mit dem rechten Kern, dann geht in Deutschland auf der Terrorstern!“ („RAF“) Als wäre das noch nicht komisch genug, entschied sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften damals dazu, das alles komplett ernst zu nehmen und die LP – mehrere Jahre später – zu indizieren.

Nach unten hin abgerundet wird die Schallplatte dann noch mit dem unvergleichlichen Studioklang, für den Labelchef Herbert Egoldt höchstpersönlich die Regler bediente. Das Ergebnis ist der typische Schrott-Sound, für den beispielsweise auch die frühen OHL-Platten berüchtigt sind, wo man sich fragt, warum sogar die heimlichen Aufnahmen von DDR-Punkbands damals besser klangen. Das alles macht „Jedem das Seine“ zu einem sehr interessanten Zeitdokument und zu einer Quelle des unfreiwilligen Humors, die auch heute noch zu begeistern weiß. Woran die Band allerdings bei der Namensgebung der Platte gedacht hat, kann man nur mutmaßen. Ist es eine Hommage an den römischen Rechtsgrundsatz suum cuique oder an die Aufschrift am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald? Eigentlich erscheint es wahrscheinlicher, dass die Band sich, wie bei ihren sonstigen Texten, überhaupt nichts gedacht hat.

Als würde das noch nicht genügen, ließ Egoldt die Band im Folgejahr noch einmal ins „Studio“, um drei neue Songs für seinen Köln-Leverkusen-Sampler mit dem albernen Titel „Die Deutschen kommen“ aufzunehmen. Heraus kam dabei beispielsweise der Song „Kiffer“, der mühelos an das Niveau der LP heranreicht: „Was uns schon lange auf die Eier geht, du hast schon zu lange diese Ärsche gesehen: Überall nur Langhaarige, Kiffer Kiffer Kiffer! Schlagt sie kaputt! Schlagt sie kaputt!“ Nicht zu vergessen auch das Lied mit dem vielversprechenden Titel „Oi Oi Oi“, bei dem die Bandmitglieder von ihren damaligen Lieblingsbands schwärmen: „Exploited, Discharge, Rejects, Oi Oi Oi! Exploited, Discharge, Rejects, Oi Oi Oi! Exploited, Discharge, Rejects, Oi Oi Oi!“

Damit endet auch schon diese kleine Werkschau einer kuriosen alten Band. Wie bereits gesagt, haben Cotzbrocken trotzdem damals wie heute ihre Fans gehabt, sodass schon die West-Berliner Vorkriegsjugend Mitte der 80er einen ihrer Songs coverte und heutzutage sogar Tocotronic-Mitglieder „Jedem das Seine“ zu ihren Lieblingsplatten zählen. Man konnte also immer schon Musik abfeiern, für die eigentlich überhaupt kein Anlass dazu besteht. Dazu brauchte es keine ach so ironische Hipster-Kultur.

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