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Esoterik im Teleshopping

Wer im Fernsehen gerne Menschen in Extremsituationen sieht, kommt an Teleshoppingsendern nicht vorbei. Da preisen die sogenannten Moderatoren kitschige Bastelsets an oder erklären der kaum technikaffinen Zielgruppe, dass man mit einem Laptop auch ins Internet gehen kann. Neulich habe ich aber wieder einen ganz besonderen Moment von „wat is dat denn?“ erlebt, als in einer Sendung für Haushaltsutensilien der „Cleanergizer“ präsentiert wurde, ein Plastikklötzchen, das herkömmliches Leitungswasser „vitalisiert“ und den Benutzer damit „bares Geld“ sparen lässt.

Den „Cleanergizer“ gibt es in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen: zum Putzen, zum Trinken und für Garten und Haustiere. Und er wirkt, wenn man der Präsentation (siehe Video auf der Produktseite) glaubt, wahre Wunder: Man kann mit dem „vitalisierten Wasser“ alles ohne Putz- und Spülmittel sauber kriegen! Aber nicht nur das: Das „vitalisierte Wasser“ schmeckt auch noch besser und ist gesund, weil es basischer als normales Leitungswasser ist! Und außerdem bleiben Blumen länger frisch, in Teichen bilden sich weniger Algen, den Haustieren geht es besser, und wahrscheinlich wird das Wetter auch schlagartig schöner.

Der „Cleanergizer“ besteht laut Produktbeschreibung „zu 100 % aus Polyamid PA 6“, also einem nylonähnlichen Kunststoff, der chemisch gesehen eigentlich zu gar nichts zu gebrauchen ist, außer um daraus Fasern oder Ähnliches herzustellen. Wie soll dieses Ding also zu derartigen Leistungen fähig sein? Das fragt sich der mündige Konsument, der sich mit der Angabe „in Deutschland hergestellt und in Österreich vitalisiert“ nicht zufrieden geben will.

Die offizielle Produktseite ist leider „aus Gründen technischer Revision derzeit nicht verfügbar“, aber zum Glück gibt es ja das Internet Archive, das einen Einblick auf die Seite von Mitte 2012 gewährt. Darauf finden sich erste Indizien für die Funktionsweise wieder: „Energetisiertes Wasser verfügt über aktiven Wasserstoff und kann Helfen [sic], den Kalziumhaushalt des Körpers auszugleichen und Ammoniak und Histamine zu neutralisieren.“ Aktiver Wasserstoff, wat is dat denn schon wieder? Man könnte da an naszierenden Wasserstoff denken, oder an atomaren. Gegen ersteren spricht, dass Polyamid 6 mit Wasser sozusagen überhaupt nichts macht, außer sich ein wenig damit vollzusaugen. Gegen letzteren spricht, dass Polyamid 6 das Wasser nicht auf „einige tausend Grad“ erhitzen kann, und auch keine „elektrische Durchladung bei hoher Stromdichte und niedrigem Druck, Bestrahlung mit dem ultravioletten Licht eines Quecksilberbogens, Bombardierung mit Elektronen im 10–20 eV-Energiebereich, Mik­ro­wel­len­be­strah­lung“ bewirken kann (Holleman-Wiberg: Lehrbuch der Anorganischen Chemie. 102. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin 2007, S. 271). Oder hat es vielleicht etwas mit dem Spin zu tun? Darüber kann die Seite leider nichts sagen, sonst könnte es ja womöglich noch jemand überprüfen. Google findet zu „aktivem Wasserstoff“ jedenfalls nur esoterischen Quatsch. Um eine Base wie Ammoniak zu neutralisieren, empfiehlt der Chemieunterricht der achten Klasse übrigens, eine Säure zu verwenden, haha. Es wird aber noch hanebüchener:

Durch die Energetisierung des Leitungswassers wird die Molekularstruktur neu geordnet und in den Zustand natürlichen Quellwassers gebracht. Gleichzeitig ionisiert Cleanergizer das Wasser. Dabei werden deformierte Wassercluster neu strukturiert und in neue, kleinere Molekülverbindungen gewandelt. Durch diese Vorgänge verwandelt Cleanergizer das Leitungswasser in wenigen Minuten zu einem weicheren Wasser, vermindert dabei die Oberflächenspannung und spaltet den Kalk vom Wasser ab.

Die Molekularstruktur des Wassers ist ja jedem Schüler bekannt. Man weiß, dass die zahlreichen Wasserstoffbrückenbindungen tatsächlich zur Bildung von Clustern führen, und man kann davon ausgehen, dass sich diese von der Quelle bis zum Wasserhahn ungefähr eine Milliausend mal umgruppiert haben dürften. Angesichts der Anzahl der Möglichkeiten (in einem Liter Wasser befinden sich ungefähr 3,35×1025 Moleküle) dürfte ein Klötzchen dem Wasser kaum dazu verhelfen, sich an die gute alte Zeit an der Quelle zu erinnern, selbst wenn es ein Gehirn hätte. Und schon gar nicht dürfte es so aussehen wie im Fernsehen angedeutet:

Über den „Cleanergizer“ werden übrigens „keine Inhaltsstoffe abgegeben“, „sondern der Molekulare [sic] Aufbau des Wassers optimiert“. Die Putzwirkung kommt nämlich durch „einen überdurchschnittlichen Anstieg des PH-Wertes [sic]“, das Klötzchen macht also das Wasser basischer. Jetzt weiß man auch, was mit der Ionisierung des Wassers gemeint ist: Aus H2O soll offensichtlich OH werden. Die versprochene Wirkung müsste sich also überprüfen lassen können, genau wie die Verminderung der Wasserhärte zu einem „weicherem Wasser“. Und jetzt kommt’s: Es gibt sogar schon Messwerte!

Das Ganze ist ja schließlich „laborgeprüft“, und zwar vom Fraunhofer-Institut, weil man ja auch seriöse Fakten auf den Tisch legen will. Der entsprechende Prüfbericht ist sogar gleich an die Produktbeschreibung angehängt, also habe ich ihn mir mal angekuckt. Darin heißt es zunächst einmal: „Vom Auftraggeber wurde [sic] 4 Wasserproben geliefert.“ Das heißt, der Vertrieb selbst hat vier Proben hergestellt und eingeschickt, und zwar „Leitungswasser“, „Leitungswasser – energetisiert“, „gechlortes Leitungswasser“ und „gechlortes Leitungswasser – energetisiert“. Was war nun das Ergebnis? Der pH-Wert des Leitungswassers stieg durch die „Energetisierung“ von 8,1 auf spektakuläre 8,1; derjenige des chlorierten Wassers von 9,0 auf 9,0. Die Wasserhärte (also die Konzentration an unlöslichen Salzen wie Kalk, die eh immer in Wasser vorhanden sind) stieg durch die Zauberverwandlung um 0,2 respektive 0,1 °dH an. Wohlbemerkt bei einer Skala, deren Werte üblicherweise von 0 bis über 20 schwanken können. Und nebenbei bemerkt bedeutet ein höherer Wert, dass das Wasser härter wird, nicht weicher. Kein Wunder, wenn die Konzentration der Calcium-Ionen teilweise sogar deutlich ansteigt. Man kann also feststellen: Die Firma widerlegt mehrere ihrer Behauptungen gleich selbst, vermutlich in der Hoffnung, dass die Analyse Seriosität vermittelt, und die Leute das sowieso nicht genauer lesen. Was man auch am im Fernsehen gewählten Maßstab erkennen kann:

Screenshot 2

Die drei Geschmacksrichtungen der Klötzchen sind übrigens in ihrer „Funktion“ identisch, der Vertrieb gibt auf der FAQ-Seite sogar selbst an, dass die Farben den Benutzern lediglich „die Anwendung erleichtern“ sollen. „Denn nicht jeder möchte seinen Cleanergizer zuerst im Putzeimer nutzen und denselben im Anschluss dann in die Wasserkaraffe geben.“ Also kauft man sich am Besten gleich mehrere – ein „Cleanergizer“ kostet schließlich nur 40 Euro (bei HSE24 als Sonderangebot nur 35 Euro)! Eine Übersicht des Herstellers empfiehlt schon einmal die dauerhafte Anschaffung jeweils einzelner Klötzchen für das Scheißhaus, die Regentonne, den Gartenteich (einer pro 500 l), das Aquarium und die Kaffeemaschine; wenn man jetzt noch die universellen „Cleanergizer“ für Trinkwasser, Putzen und Garten dazuzählt, kommt man im Idealfall (für den Hersteller) auf acht Stück à 35–40 Euro (immerhin gibt es aber Mengenrabatt).

Soviel zum Vertrieb. Der Hersteller selbst heißt übrigens „ZARO“ (vermutlich vom Namen des Gründers abgeleitet), und dessen mit Kommafehlern nicht geizende Website „zarobiotec.com“ macht einen noch weniger überzeugenden Eindruck als die bisher genannten Produktpräsentationen: „Menschen glauben nur was sie sehen oder anfassen können“, heißt es dort, und da denkt man sich doch schon: „Oooooch! :-(“ – „Trotzdem glauben sie an elektrischen Strom, obwohl man den nicht sehen kann.“ Stimmt, aber vielleicht sollten die Macher es hier ja mal mit Anfassen probieren, haha. Es folgen noch so einige physikalische Fachbegriffe (Quantenphysik, Photonen, Quarks, Energie), deren völlig willkürliche und sinnfreie Verwendung darauf schließen lässt, dass der Autor des Textes nicht einmal über rudimentäre Realschulkenntnisse in Physik verfügen dürfte, und darauf vertraut, dass es seiner Zielgruppe genauso geht. Vermutlich um Google mit positiven Suchergebnissen über die eigenen Produkte zu füllen, wurde zusätzlich noch eine „PresseAgentur“ [sic] namens „zaronews.com“ gegründet, und um allen haltlosen Behauptungen einen… äääh… „akademischen“ Unterbau zu verleihen, gibt es zusätzlich noch die Seite „zarolightacademy.org“ zu Themen wie Lichtnahrung oder Geistheilung, die an Universitäten bislang komischerweise keinen Platz gefunden haben.

Also, liebe HSE24-Kundinnen: Wenn Sie sich auch drei Wochen lang von Licht ernähren würden, dann greifen Sie beim „Cleanergizer“ zu! Und hier noch ein guter Tip an die christlichen Zuschauerinnen: Den gleichen Effekt beim Putzen erzielen Sie übrigens auch, wenn Sie nach der Befüllung des Eimers einfach ganz doll beten, dass das Wasser den Boden auch ohne Putzmittel sauber bekommt. Denn: „Sie werden feststellen, je mehr cleanergized Wasser Sie auftragen, desto schneller wird es sauber und rein.“ Was bei uncoolem Leitungswasser bekanntlich nicht der Fall ist.

Und hier noch der Punk-Bezug:

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Vince Ebert

Da ich eine Naturwissenschaft studiert habe und politischem Kabarett nicht ganz abgeneigt bin, wurde ich schon desöfteren von Bekannten und Kommilitonen gefragt, ob ich Vince Ebert gut fände, der doch beide Bereiche miteinander verbindet. Ich muss dann darauf hinweisen, dass Ebert leider weder den einen, noch den anderen Bereich gut hinbekommt. Nicht nur verabscheue ich an ihm, dass er naturwissenschaftliche Methodik gerne auf unpassende Weise mit seiner politischen Agenda vermischt; auch seine politische Agenda allein ist schon so verabscheuungswürdig, dass die Medien ihn nicht immer mangels Alternativen als vermeintlich einzigen „humorvollen Wissenschaftler“ immer wieder zur Wort kommen lassen sollten. Als reiche es nicht, dass er allein durch seine gepresste Sprechweise und Überbetonung schon anstrengend anzuhören ist!

Sein aktuelles Programm hat er „Freiheit ist alles“ genannt, und dieses wurde leider sogar im WDR ausgestrahlt, wie ich gestern gesehen habe. Sein Freiheitsbegriff ist allerdings durch und durch neoliberal geprägt, was er selbst nicht einmal als Beleidigung empfinden würde, denn er schreibt nicht nur Kolumnen für die Quatschseite „Achse des Guten“ und lästert gerne über von ihm als links empfundene Kabarettisten, sondern versucht auch in seinen Programmen, die kapitalistische Wirtschaftsform unter naturwissenschaftlicher Perspektive als folgerichtig darzustellen. Aus seinem aktuellen Programm stammt beispielsweise der Satz: „Natürlich wird der freie Markt nie perfekt funktionieren, aber er funktioniert immer noch besser als irgendwelche staatlichen Lenkungen.“ Schließlich hat ja „der Kommunismus“ bewiesen, dass er nicht überlebensfähig ist. Das sinniert Ebert und versucht anscheinend wie so viele, die darwinsche Evolutionstheorie auf Dinge anzuwenden, für die sie gar nicht bestimmt ist. Kein Wunder, dass Vince Ebert auch gerne auf Wirtschaftsveranstaltungen auftritt, wo er den Anwesenden gut zureden kann. Wirklich widerlich finde ich es allerdings, dass er sich selbst schon allein durch die Betitelung seiner Programme und Bücher („Denken lohnt sich“, „Denken Sie selbst“) einen aufklärerischen Anstrich zu geben versucht, den er in keiner Weise einzulösen vermag, wenn man mal von seinen religionskritischen Scherzen absieht, die allerdings in diesem Kontext auch eher plump ausfallen. Gutes, aufklärerisches Kabarett hinterfragt die Verhältnisse anstatt sie zu stützen; der schlaue Dialektiker Ebert hingegen meint, er sei die Speerspitze der Aufklärung, wenn er das als links empfundene aufklärerische Kabarett „hinterfragt“ und damit wieder beim affirmativen, systemkonformen Standpunkt landet, für den auch ein paar weitere seiner Kollegen (wie Dieter Nuhr) bekannt sind. Wenig erstaunlich, dass er auch noch zu den „Klimaskeptikern“ gehört, wahrscheinlich bloß um sich noch weiter vom verhassten Gutmenschen-Mainstream abzuheben. Bitte denkt daran, liebe Nachwuchskabarettisten: Wer sich gegen einen herbeihalluzinierten „linken Mainstream“ auflehnt, gehört mitnichten zu einer mutigen Avantgarde, als die sich solche Künstler gerne darstellen, sondern zu genau dem spießigen Einheitsbrei, gegen den es überhaupt erst aufzulehnen wert ist.

Da frage ich mich immer: Und warum wird jemand so? Mein Verdacht ist, dass schon Vince Eberts autistisch anmutendes äußeres Auftreten auf eine Unfähigkeit zur Empathie hinweist. Da versucht man natürlich schon aus Hilflosigkeit, Menschen nicht nur in naturwissenschaftliche, sondern auch gleich in wirtschafts-„wissenschaftliche“ Formeln zu pressen. Es könnte womöglich seine Strategie sein, sein eigenes Selbstwertgefühl dadurch zu stärken, dass er Zuspruch von den Reichen und Mächtigen sucht. Das ist zwar legitim und wird schon seit Menschengedenken häufig praktiziert, ist aber alles andere als aufklärerisch. Dabei wäre das Konzept „Naturwissenschaft und Kabarett“ doch so vielversprechend, wenn man es richtig umsetzen würde. Vielleicht lernt Herr Ebert, der eigentlich auch gar nicht Vince heißt, ja irgendwann noch, die Dinge richtig zu hinterfragen, und vor allem, dass Freiheit ein zweischneidiges Schwert ist (und auch Joachim Gauck nicht die Deutungshoheit über diesen Begriff besitzt). Das wusste schon Georg Kreisler gekonnt zu erklären, und auch Herrn Ebert sei Folgendes gesagt:

Und wo wir schon dabei sind:

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World Business Dialogue 2012

Lassen teure Autos Ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen und es regt sich auch untenrum etwas bei Ihnen, wenn für Sie die Aussicht auf nutzlose Statussymbole besteht?

Teure Autos an der Uni

Dann studieren Sie Wirtschaftswissenschaften an der Universität zu Köln und treffen sich mit Gleichgesinnten beim „World Business Dialogue“ zum Gruppen… äh, …diskutieren!

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