Archiv der Kategorie: Presse

Jugendlicher Schwachsinn

Der Spiegel hat einen neuen Chefredakteur. Für mich Anlass genug, um zwei der journalistisch herausragendsten Abteilungen von Spiegel Online zu loben, nämlich den Schul-Spiegel und den Uni-Spiegel. Junge Leute kann man mit alten Pressetugenden wie Seriosität oder Relevanz schließlich kaum noch hinterm Ofen hervorlocken, muss sich mal jemand in der Redaktion gedacht haben, und heraus kamen dabei diese beiden frischen und frechen und lockeren Rubriken, die leider noch viel zu unbekannt sind. Der bereits an dieser Stelle behandelte Artikel über Musik auf Silvesterfeiern, der auch aus diesen Ablegern stammt, legte die Messlatte zwar bereits weit unten an, doch weitere Nachforschungen meinerseits haben gezeigt, dass hier durchaus noch ein wenig Limbo möglich ist, weshalb ich einmal einige Höhepunkte präsentieren möchte.

25. Dezember 2012: Kai (23) ist in Inga (24) verliebt, die gerne Mate-Tee trinkt; sie will hingegen nichts von ihm. Heutzutage erzählt man solche Geschichten aber nicht mehr einfach seinem Tagebuch oder Freundeskreis, denn eine der meistfrequentierten deutschen Internetseiten veröffentlicht sie gerne für die Allgemeinheit. Meiner Meinung nach genau das Richtige auf einer Nachrichtenseite zwischen Euro-Rettung und Champions League.

14. Februar 2013: Studentin Annkathrin (26) mag Rockabilly und hört zum Beispiel gerne die Peacocks. So sympathisch das auch sein mag – um mehr geht es im Artikel eigentlich nicht. Sollte man starke Nerven haben, kann man sich aber immerhin noch an der dümmlichen „Diskussion“ im Kommentarbereich erfreuen.

16. April 2013: Student Christian (30) hat einen langen Bart. Das war’s im Prinzip auch schon.

23. April 2013: Janine (16) benutzt eine Woche lang im Rahmen eines Schulprojekts kein Handy. Die Woche war nicht nur „ganz anders, als ich erwartet hatte“, sondern führte auch zu der großartigen Erkenntnis, dass der Schülerin ihr Handy zwar wichtig, aber doch nicht soo wichtig ist.

27. April 2013: Judith „wagt“ sich mit „Partyfachfrau“ Sarah durch Kneipen in Marburg. Was zunächst nach einer gescheiten Idee klingt, wird gleich zu Beginn des Artikels durch die von mir in Anführungszeichen gesetzten Wörter wieder relativiert. Die beiden besuchen also von 21 Uhr bis 1 Uhr drei Kneipen, worauf sich die Partyfachfrau bereits verabschiedet – eine vernünftige Entscheidung, wenn man die Impressionen aus dem Artikel zum Maßstab nimmt.

29. April 2013: „Beinahe-Abiturient“ Jan Felix (19) erzählt, wie viel Mühe er sich beim Lernen fürs Abi gibt. Obwohl er aber „jeden Tag mindestens zwei Stunden“ lernt, gönnt er sich mal den Besuch eines Konzerts seiner Lieblingsband. Dies sind übrigens die Toten Hosen, und das, obwohl er aus Düsseldorf kommt! Am Tag des Konzerts ist das Wetter schön, er trifft an der Halle in Essen eine Bekannte, Campino versingt sich, und nach dem Konzert muss der Beinahe-Abiturient doch noch für Bio lernen.

So spannend diese Geschichten auch klingen, so sehr fühle ich mich dabei an einen der schönsten Songtexte von Knochenfabrik erinnert, der aus dem Jahre 1998 stammt:

Im Reality-TV erklärt uns eine Frau
welche Stellung ihr beim Sex am liebsten ist
Das Frühstücksradio kommt heute live vom Klo
im Interview ein Rentner, der grad pisst

Sehr interessant, ich wollte immer schon mal wissen
warum Männer über 60 auf dem Klo im Sitzen pissen
Sehr interessant, und ich schalte wieder ein
wenn es nächste Woche heißt: Wessen Pimmel ist zu klein?

Irgendwer hat sich verwählt, trotzdem hat er mir erzählt
dass er dreimal täglich onaniert
Abends auf dem Klo, mittags im Büro
und morgens, kurz bevor er sich rasiert

Sehr interessant, bitte ruf mich wieder an
und erzähl mir bitte alles über deinen krummen Hahn
Sehr interessant, du hast dich zwar verwählt
doch hättest du mich nicht erreicht, hätte mir etwas gefehlt

Natürlich kann selbst eine professionelle Redaktion nicht jeden Tag solch interessante Storys aus dem Ärmel schütteln. Falls also gerade kreative Flaute herrschen sollte, haben echte Journalisten ein Geheimrezept parat, das ich an dieser Stelle einmal verraten möchte: Wenn alle Stricke reißen, kann man immer noch einen Artikel über „Prokrastination“ schreiben!

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Verfahren im Prinzip auch im wöchentlichen Rhythmus möglich wäre, ohne dass es der Zielgruppe negativ auffiele. Dazu noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Ich habe diesen Blog-Eintrag hier größtenteils heute Mittag geschrieben, ihn aber noch nicht veröffentlicht, um ihn abends (also jetzt) noch mal Korrektur zu lesen. Und was sehe ich spontan als neue Sensationsmeldung bei Spiegel Online?

Und die Moral von der Geschicht: Der Erfinder des Wortes „Aufschieberitis“ sollte für seine Phantasie im Bereich Neologismen vielleicht mit einer rektalen Einschieberitis der eigenen Faust belohnt werden.

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Floskeln, die man gerne liest

Die meisten Nachrichtenseiten hierzulande haben sich, um einer diffusen „Web-2.0“-Begeisterung nachzukommen, in den letzten Jahren offizielle Kommentarbereiche eingerichtet, in denen jeder und jede im Prinzip alles schreiben kann, was ihm oder ihr gerade in den Sinn kommt. Dass das nicht immer ein gutes Licht auf die Menschheit wirft, und in vielen Köpfen eher Durchzug herrscht, habe ich schon öfters anklingen lassen. Jetzt ist es für mich an der Zeit, diesem Thema einen weiteren Artikel zu widmen. Auch wenn viele vernunftbegabte Menschen bereits gewisse Vorahnungen haben dürften, werde ich im Folgenden einige der beliebtesten Phrasen aufzählen, anhand derer man im Internet mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit Vollidioten erkennen kann.

„1984 lässt grüßen“: Ausdruck eines Bedürfnisses, sich mit rudimentären Kenntnissen über Weltliteratur zum Bildungsbürger aufzuspielen, meist ohne das besagte Buch gelesen zu haben. Findet meist Verwendung bei selbsternannten Freiheitskämpfern, die regelmäßig für das Recht eintreten, auch als dummes Arschloch von der Öffentlichkeit respektiert zu werden.

„Armes Deutschland“: Soll eine gewisse persönliche Trauer darüber zum Ausdruck bringen, dass sich der Ruf Deutschlands seit den 1940er Jahren eher auf dem absteigenden Ast befindet. Die Kommentierenden sehnen sich daher meist eine Art Comeback früheren Weltruhms zurück. (Originell übrigens, dass „Armes Deutschland“ damals auch der Titel der APPD-Zeitung war.)

„braucht kein Mensch“: Bedeutet übersetzt soviel wie: „Ich kenne es zwar nicht einmal, aber wenn es nach meiner unheimlich wichtigen Meinung ginge, würde man es verbieten!“ Oft stellt sich dabei heraus, dass eine intellektuelle Hürde der tatsächliche Grund für die Abwehrhaltung ist.

„das wird man doch wohl noch sagen dürfen“: Solche Leute stellen sich unter Meinungsfreiheit vor, dass idiotische Meinungen nicht mehr als solche herausgestellt werden dürfen. (Ähnlicher Begriff: „Meinungsdiktatur“, siehe auch 1984)

„der Steuerzahler (alternativ: Verbraucher, kleine Mann) ist mal wieder der Dumme“: Bestätigt sich dann zumindest in einem Fall.

„die Journaille“, „die Systempresse“: Ausdrücke von Menschen, die PI-News für ein seriöses Medium halten, das sich „mutig“ mit den wirklich schlimmen Problemen der Gesellschaft auseinandersetzt (z. B. „politische Korrektheit“).

„einfach nur peinlich“: Meist ist einfach nur peinlich, dass die kommentierende Person zu schlicht im Geiste ist, eine reflektierte Meinung zu formulieren und/oder einen Sachverhalt in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

„Gutmenschen“: Synonym für „ich bin dumm“.

„haben die sonst keine Probleme?“/„gibt es nichts Wichtigeres?“: Bringt die überaus realitätsnahe Auffassung zum Ausdruck, dass man sich ausschließlich mit Dingen zu beschäftigen habe, die das sofortige Ende jeglicher Armut und Herstellung des Weltfriedens zum Ziel haben.

„Herr, lass Hirn regnen!“: Schwachkopf-Slang für: „Ich kann mich schlecht in andere Menschen hineinversetzen, also halte ich sie einfach pauschal für dumm.“ Zeugt fast immer von unberechtigtem geistigem Übermut.

„wes Brot ich ess, des Lied ich sing“: Dieser Satz kommt vielfach von Leuten, die hauptsächlich mal mit der Kenntnis dieser originellen Redewendung glänzen wollen. Außerdem wollen dieselben in Diskussionen dafür bewundert werden, alle Sachverhalte in Politik und Wirtschaft durchschaut zu haben, wobei sie aber leider einem falschen Glauben aufsitzen.

„wir“: Ausdruck des Bedürfnisses, sich über ein Kollektiv zu definieren; deutet daher auf mangelnde geistige Reife hin.

Zu den genannten Phrasen gesellen sich noch einige gerade für Volltrottel typische Stilelemente. Das wäre zum einen die vollkommen grundlose Verwendung von Abkürzungen („In D. läuft einiges besser, seit A. Merkel an der Reg. ist“), zum anderen die Benutzung von Auslassungspunkten oder Sternchen in Ausdrücken, die man sich vor lauter kleinbürgerlicher Spießigkeit nicht auszuschreiben traut („Überall diese Sch… Gutmenschen“), und natürlich das absolut sinnlose persönliche Ansprechen von Politikern oder ähnlichen Persönlichkeiten („Sehr peinlich, Herr Lafontaine!“).

Ich hoffe, unerfahrenen Lesern von Spiegel Online und Co. hiermit wichtige Tips auf den Weg gegeben zu haben. Am Sinnvollsten wäre es aber natürlich für alle, Kommentarbereichen (oder auch direkt Spiegel Online selbst) gleich vollständig aus dem Weg zu gehen.

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Die fünf schlechtesten Punk-Parodisten

Nicht erst seit Dieter Hallervordens „Punker Maria“ von 1980 kann man feststellen, dass sich alle paar Jahre mal jemand findet, der den guten Ruf des Punk in den Dreck ziehen will. Die perfideste Methode ist dabei die der Anmaßung, da die allgemeine Öffentlichkeit dabei nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Fälschung unterscheiden kann. Um eine kleine Orientierungshilfe zu bieten, habe ich eine Liste derjenigen Personen erstellt, die sich am schamlosesten ungerechtfertigterweise im Glanz der Punk-Szene sonnen wollen. Falls man eines dieser Imitate entgegen aller Erwartungen trotzdem jemals auf Punk-Konzerten sehen, so sollte sich jeder aufgefordert sehen, die Person freundlich zum Ausgang zurück zu geleiten.

Platz 5: Markus Söder
Der bayerische Finanzminister hat es sich anscheinend vor einigen Jahren zum Ziel gesetzt, an Karneval (in dortiger Landessprache „Fasching“ genannt) stets mit dem dämlichsten Kostüm aufzufallen. Letztes Jahr war es das „Punker“-Kostüm, wie man Punks in reaktionären Kreisen wie der CSU nennt. An der wenig realitätsgetreuen Ausführung ist jedoch glücklicherweise schon für den Laien zu erkennen, dass es sich um einen Schwindel handelt. Insofern würde ich hier von einer eher geringen Gefährdung des Punk-Ethos ausgehen.

Platz 4: Die Redaktion von „Business Punk“
Als würden Business und Punk sich nicht schon wie selbstverständlich ausschließen, müssen die Macher dieses merkwürdigen „Business-Lifestyle-Magazins“, das sich augenscheinlich an die Rebellen unter den BWL-Studenten richtet (die durchaus gerne auch mal Green Day oder Kings of Leon hören), als Motto auch noch die Weisheit raushauen: „Work hard, play hard.“ Was zunächst an die alte Punkrock-Weisheit „Live fast, diarrhea“ (The Vandals) erinnert, zeugt doch nur von einem verkürzten Verständnis von dem, was Punk ausmacht: Tun was man will ist zwar schön und gut, aber nutzlos, solange es nicht gegen dem Scheiß System ist! (Dieses falsche Gleichsetzung ist auch die Krux bei den folgenden zwei Plätzen.) Die Zeitschrift gehört zum Verlag Gruner + Jahr, bei dem auch intellektuell ähnlich gelagerte Publikationen wie „Brigitte“, „Neon“ und „Gala“ erscheinen.  Laut Aussage des Verlags sind die Zielgruppe von Business Punk „junge Männer zwischen 20 und 35 Jahren. Sie sind berufstätig, überdurchschnittlich gebildet, mit einem hohen Haushaltsnettoeinkommen, urban und kosmopolitisch“. (Quelle) Also durchweg Attribute, die denen von Punks diametral entgegenstehen, wenn man davon absieht, dass auch echte Punks sehr urban sind (insbesondere was Fußgängerzonen, Parks und Bahnhöfe betrifft). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass diejenigen die tatsächliche Zielgruppe ausmachen, die diese Eigenschaften gerne hätten.

Platz 3: Sascha Lobo
Eine der bedenklichsten Entwicklungen der letzten Jahre ist es, dass selbst halbwegs seriöse Medien glauben, es sei auch nur von rudimentärer Relevanz, was irgendwelche Blog-Schreiber, Twitter-Benutzer und der Facebook-Pöbel täglich an uninteressanten Gedanken ins Internet stuhlen. Wer schon einmal den Kommentarbereich von Medien wie Spiegel Online gelesen hat, merkt schnell, dass es für das menschliche Zusammenleben eigentlich besser wäre, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen von der Meinungsbildung ausgeschlossen würden, da sie argumentativ auf dem Stande eines Dreizehnjährigen stehengeblieben und insofern gar nicht als wirklich mündig zu betrachten sind. Am Anfang dieser krampfhaft auf das sogenannte „Web 2.0“ ausgerichteten Entwicklung stand allerdings Sascha Lobo: Der Erfinder des Begriffs „Digitale Bohème“ (als Euphemismus für seine eigene Arbeitslosigkeit, Computersucht und Irrelevanz) hatte mit allen Mitteln versucht, irgendwie Beachtung in den richtigen Medien zu finden, und dachte sich irgendwann vor ein paar Jahren: „Wenn ich mir einen roten Iro machen lasse und dazu mit einer 80er-Jahre-Rotzbremse herumlaufe, bekomme ich bestimmt endlich die Aufmerksamkeit, die mein Ego schon immer nötig hatte!“ Gesagt, getan: Als „Aushängeschild“ der Blogger-„Szene“ wurde er seitdem dank seines Rufs als „bunter Vogel“ ins Fernsehen eingeladen, von Vodafone für Werbespots eingekauft und mittlerweile sogar von besagtem Spiegel Online für das Verfassen meist belangloser wöchentlicher Kolumnen bezahlt. Zwar hat er mit echten Punks gemeinsam, dass er auch nicht richtig arbeiten will, ansonsten merkt glücklicherweise jeder Leser und Zuhörer aber nach wenigen Minuten, dass Herr Lobo keiner von „uns“ ist.

Platz 2: Gerald Hörhan
Ähnlich wie Herr Lobo hat es auch der österreichische Investmentbanker und Multimillionär Gerald Hörhan (38) gemacht: Um Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen, zog er sich irgendwann regelmäßig ein improvisiertes Punk-Kostüm an und bezeichnete sich als „Investment Punk“, um gutgläubige Zeitungen und Fernsehsender mit der ach so überraschenden eingeplanten Symbiose aus Punk-Aussehen und Kapitalistenmentalität zu ködern. Logisch, dass die ersten schnell anbissen, schließlich hat er auf die Frage, was ihn denn zum Punk mache, auch die passendste (siehe oben) Plattitüde parat: Er mache halt, was er will. Im Gegensatz zu uns echten Punks versuche er aber, das System wirtschaftlich zu durchschauen und zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Dass er mit seiner marktliberalen Mentalität tatsächlich das genaue Gegenteil eines Punk-Standpunktes vertritt, fällt ihm natürlich nicht selber auf: Punks wollen das System, das solchen Leuten ihre Geschäfte ermöglicht, bekanntlich abschaffen, und außerdem ist ihnen bei aller „ich-mach-was-ich-will“-Mentalität eine gewisse Ablehnung materieller Oberflächlichkeit und ein Hang zur Solidarität wichtig. Schließlich dürfte ebenso allgemein bekannt sein, wozu die Einstellung „mach, was du willst“ auf wirtschaftlicher Ebene führt. Herrn Hörhan ist das aber vermutlich auch völlig egal, denn sein großes Ziel der Medien­auf­merk­samkeit hat er mit seiner Marketing-Masche ja schon erreicht, mit leider steigender Tendenz. Dazu passt auch sein Dauergrinsen, das auch beim Sprechen so wirkt, als hätte ihm jemand die Mundwinkel an die Backen festgetackert. Mit Punk hat jemand, der die schlimmsten neoliberale Positionen propagiert und öffentlich mit seinem Millionenvermögen prahlt, aber leider doch nur so viel gemeinsam wie Guttenberg mit einem Wissenschaftler.

Platz 1: Campino
(Selbsterklärend)

Und nicht vergessen:

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Studenten auf Silvesterpartys

Der Spiegel-Online-Redakteur André Bosse hat gestern einen nützlichen Ratgeber-Artikel für Gastgeber von Silvesterpartys veröffentlicht. Darin geben „erfahrene DJs“ wirklich originelle Musiktips, die nur echte Profis in petto haben. Besonders die bedeutungsvollen Begründungen haben mich dazu inspiriert, den 20 genannten Songs noch ein paar ähnliche Geheimtips von meiner Seite hinzuzufügen:

21. Deichkind: „Remmidemmi“ (2006)
Ein Song wie ein Zauberstab: Plötzlich tanzen alle, Erstsemester, Hauptschüler, Denkverweigerer. Wer bei diesem Song still in der Ecke steht, der ist erwachsen genug geworden, dass ihm diese ganze elektronische Hipster-Scheiße mit „ironischen“ Texten über hartes Feiern nach dem millionsten Mal in der Indie-Disco endlich auf den Sack gehen.

22. Foo Fighters: „The Pretender“ (2007)
Eine Minute lang gibt der Song die Ruhe vor dem Sturm. Geübte Spätsemester gehen nach draußen um eine zu rauchen, um nicht mit ansehen zu müssen, wie die BWLer am Wochenende mal den Rock’n’Roller heraushängen lassen und mit den 16jährigen Langhaarigen um die Wette pogen.

23. Nirvana: „Smells Like Teen Spirit“ (1991)
So perfekt, so perfekt, alles wird perfekt. Die Partygäste mit den albernen bunten Retro-Shirts mit Atari-Motiven spielen sofort die Gitarre im Intro auf der Club-Mate-Flasche nach, und erfahrene Beobachter fühlen sich dann auch auf „Studipartys“ in Berlin oder Heidelberg, als seien sie in einer Provinzdisco im Sauerland.

24. Ramones: „Blitzkrieg Bop“ (1976)
Diesen Song kennt zwar auch kaum jemand, aber wenn er aus den Boxen klingt, kommen die sportlichen Typen auf die Tanzfläche und schütteln standesgemäß mit dem Kopf. Die coolen Juristen können hier ihre bei H&M gekauften Ramones-Shirts präsentieren (alternativ auch „Cash“) und mit ihrer Textkenntnis („Hey ho, let’s go“) überraschen. Für nachdenkliche Schlagerfreunde gibt es übrigens auch noch eine gelungene Coverversion von „Mrs. Greenbird“.

25. Avril Lavigne: „Sk8er Boi“ (2002)
Launiger Punkrocksong mit nachdenklicher Zeile: „He was a boy, she was a girl, can I make it any more obvious?“ Achtung, dieser Rock’n’Roll ist schmutzig! Nachdenkliche Punks, die auch Blink 182 für eine Kackband halten, flüchten – bloß weg von Spiegel Online.

DIE JURY

Roulator Krause
Als DJ Gehkakken (ruhrdeutsch für „hau ab“) hat der studierte Polyhistor eine feste Größe. Geheimtip: „Basket Case“ von Green Day: „Einer der wenigen Songs in meiner Playlist, die nur fast vollkommen ausgelutscht sind.“

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Eingeordnet unter Musik, Presse

Süddeutsche Zeitung

Da sehe ich auf der Website der Süddeutschen Zeitung heute ganz groß den falsch betitelten Artikel „Rechtsextremistische Tendenzen entzweien Burschenschaften“. Korrekt muss die Überschrift selbstverständlich lauten: „Rechtsextremistische Tendenzen vereinen Burschenschaften“. Darauf wollte ich schnell noch hinweisen, bevor dieser Lapsus korrigiert wird.

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Eingeordnet unter Presse

„Deutschland“ rundet auf

Was habe ich nun schon wieder im Fernsehen gesehen, mit der Befürchtung, davon in nächster Zeit noch viel mehr sehen zu müssen? Es gibt ab Donnerstag eine Spendenaktion namens „Deutschland rundet auf“, mit der sich ein paar Einzelhandelsunternehmen in ein etwas freundlicheres Licht rücken lassen wollen. Denn wer kann einen Konzern schon einen Ausbeuter nennen, wenn dieser sich doch nachweislich für das Menschliche einsetzt? Also hat man die coole, junge Marketingfirma „Dorland“ aus Berlin engagiert, die schon mit Werbung für soziale Einrichtungen wie Vattenfall, Bruno Banani oder HUK Coburg glänzen konnte, um die groß angelegte Kampagne in den Medien breitzutreten. Es geht in dieser Kampagne darum, dass „der Verbraucher“, wie man so schön sagt, in ausgesuchten Läden wie Kik, Kaufland, Netto oder Penny-Markt an der Kasse „aufrunden bitte“ sagen soll, um ein paar Cent an wohltätige Zwecke zu spenden. Hier ein Werbespot:

Hierzu fällt mir einiges ein. Erstens: „Deutschland“ macht gar nichts, es sucht keinen Superstar, schafft sich nicht ab und rundet erst recht nicht auf, es fängt höchstens Kriege an. Es rundet schließlich nicht jeder Deutsche auf, sondern nur jeder, dem Spendenaktionen wie diese nicht blöd genug sind. Zweitens: Die Spendeneinnahmen sollen an wohltätige Zwecke gehen wie Projekte gegen Kinderarmut und für Integration und den ganzen üblichen Kram. Aber da frage ich mich doch, wie heuchlerisch man als Unternehmer sein kann. Wenn den wenigen Menschen, die in einem Unternehmen wie Kik viel Geld verdienen, die Menschen wirklich so doll am Herzen liegen, warum fangen sie dann nicht an, etwas an den Arbeitsbedingungen ihres eigenen Personals in Deutschland wie in Bangladesch zu verbessern? Wenn man für „soziale Verantwortung“ ist, warum will man dann selbst nichts damit zu tun haben, sondern wälzt sie auf die eigenen Kunden ab? Warum nicht gleich im Pelzgeschäft eine Spendendose für Tierschutzorganisationen hinstellen? Wenn ein Unternehmen wie Netto laut Wikipedia etwa 10.400.000.000 € Umsatz im Jahr macht, warum sollen dann diejenigen, die dort einkaufen, in ihre Taschen greifen? Diejenigen, die eigentlich eher nichts entbehren können? „Für mich ist das nicht viel“, haha, grins, klar, du bist ja auch für eine Werbung engagiert worden, aber was ist mit der Manageretage, für die das durchschnittliche Monatsgehalt eines der eigenen Kunden eigentlich auch nicht viel ist? Ähnliches denke ich auch immer wieder bei Aktionen wie dem alljährlichen „RTL-Spendenmarathon“, den man sich zur Imageverbesserung ja auch gerne gönnt. Was sind die paar Millionen Euro an Spenden, die von Zuschauern mühsam zusammengekratzt werden, gegen die paar Milliarden, die RTL selber einnimmt, von denen aber weniger gerne etwas an Unterprivilegierte abgegeben will?

Nicht dass ich Spenden vom „kleinen Mann“ prinzipiell für schlecht halte. Ich will auch den Machern der Aufrundungsaktion nicht grundsätzlich etwas Böses unterstellen, aber solche Aktionen sind eben nur in dem Rahmen positiv erwähnenswert, den der Kapitalismus allen bietet. Und solange sich daran nichts Grundsätzliches ändert, ist ein bisschen Heuchelei immer dabei.

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Sibylle Berg

Eigentlich bin ich ja selber Schuld, dass ich ohne triftige Ausrede eine Kolumne bei Spiegel Online angeklickt habe, aber der Titel hat mich aufmerken lassen, denn es geht in Sibylle Bergs neuester Kolumne um „Sexismus im Alltag“. Als vernunftorientiert denkender Mensch bin ich natürlich immer dafür zu haben, wenn berechtigterweise Missstände wie Sexismus aufgedeckt werden, aber dann bitte nicht so. Zu diesem Artikel sollten nämlich einige Dinge klargestellt werden:

  • Erstens hat sich Madonna, wenn man sich ihre Musikvideos von Anfang an betrachtet, schon immer als Sexsymbol vermarkten lassen und ihren Arsch gerne in jede Kamera gewackelt, bei Preisverleihungen dem geilen Männerpublikum alberne Lesbenspiele vorgeführt sowie zu den meisten Anlässen Klamotten getragen, die eigentlich nur dazu gedacht scheinen, Männerfantasien zu befriedigen.
  • Sie tut weiterhin alles dafür, um möglichst jugendlich auszusehen. Bei männlichen Prominenten wird solches Verhalten ebenfalls belächelt. (Ich habe leider die Namen dieser gelifteten Schauspieler vergessen, weil ich mich nicht für sowas interessiere.)
  • Die Red Hot Chili Peppers haben sich meines Wissens nie in einem erotischen Kontext in der Öffentlichkeit präsentiert, und wenn, dann höchstens ironisch.
  • Die Red Hot Chili Peppers sind ebenfalls peinlich und hätten sich längst auflösen sollen.

Wenn Frau Berg beklagt, dass die Leistung von Frauen nur dann geschätzt werde, wenn diese gut aussähen, dann meint sie eigentlich die Welt der Popkultur. Leider hat sie sich offenbar selber auf dieses System eingelassen, denn sie setzt es mit allem anderen absolut. Es bleibt immer noch jeder (und jedem) selbst überlassen, ob sie (oder er) sich in diese Welt der Mode und der Kosmetik begeben möchte, oder sich lieber mit wesentlicheren Dingen beschäftigen will. Hätte Madonna sich beim Musikmachen für zweiteres entschieden, wäre ihre Vermarktung natürlich anders gelaufen, und man hätte statt dem Aussehen den Maßstab des Talentes angewandt. Dann wäre sie zwar vermutlich nicht berühmt geworden, aber sie hätte immerhin die Würde gewahrt, die Frau Berg nicht so richtig definieren kann. Fragt jemand bei ernstzunehmenden Künstlerinnen wie Patti Smith, Kate Bush oder Björk nach dem Alter? Angela Merkels Politik wird auch nicht danach beurteilt, wie sie aussieht, und wenn es Witze darüber gegeben hat, dann sind die genauso legitim wie Witze über Westerwelles Grubenvisage. Niemand fordert den Rücktritt von Politikerinnen aus Altersgründen. Wenn Frau Merkel sich plötzlich liften ließe, müsste sie sich natürlich auch Witze darüber gefallen lassen. Die „sexistische Frechheit“ (Berg) ist nämlich nicht, dass Frauen wie Madonna nach oberflächlichen Maßstäben beurteilt werden, sondern dass sie sich diese als eigentlich mündige Bürgerinnen selbst haben auferlegen lassen.

Fairerweise muss ich Frau Berg gegenüber aber zugeben, dass es mir selber auch oft schwer fällt, mir mehrmals im Monat halbwegs sinnvolle neue Artikel auszudenken.

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