Archiv der Kategorie: Internet

Punkrocködnis

Punk und Humor – zwei große Begriffe, die sich meistens jedoch ausschließen. Wer sich das schon bei Betrachten dieses bescheidenen Blogs gedacht hat, dem empfehle ich als selbsternanntes Punkrock-Feuilleton mal einen Blick auf das neue Blog „Punkrocködnis“, das sich im Gegensatz zu mir auf ehrliche Reviews spezialisiert hat.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Internet, Musik

Jugendlicher Schwachsinn

Der Spiegel hat einen neuen Chefredakteur. Für mich Anlass genug, um zwei der journalistisch herausragendsten Abteilungen von Spiegel Online zu loben, nämlich den Schul-Spiegel und den Uni-Spiegel. Junge Leute kann man mit alten Pressetugenden wie Seriosität oder Relevanz schließlich kaum noch hinterm Ofen hervorlocken, muss sich mal jemand in der Redaktion gedacht haben, und heraus kamen dabei diese beiden frischen und frechen und lockeren Rubriken, die leider noch viel zu unbekannt sind. Der bereits an dieser Stelle behandelte Artikel über Musik auf Silvesterfeiern, der auch aus diesen Ablegern stammt, legte die Messlatte zwar bereits weit unten an, doch weitere Nachforschungen meinerseits haben gezeigt, dass hier durchaus noch ein wenig Limbo möglich ist, weshalb ich einmal einige Höhepunkte präsentieren möchte.

25. Dezember 2012: Kai (23) ist in Inga (24) verliebt, die gerne Mate-Tee trinkt; sie will hingegen nichts von ihm. Heutzutage erzählt man solche Geschichten aber nicht mehr einfach seinem Tagebuch oder Freundeskreis, denn eine der meistfrequentierten deutschen Internetseiten veröffentlicht sie gerne für die Allgemeinheit. Meiner Meinung nach genau das Richtige auf einer Nachrichtenseite zwischen Euro-Rettung und Champions League.

14. Februar 2013: Studentin Annkathrin (26) mag Rockabilly und hört zum Beispiel gerne die Peacocks. So sympathisch das auch sein mag – um mehr geht es im Artikel eigentlich nicht. Sollte man starke Nerven haben, kann man sich aber immerhin noch an der dümmlichen „Diskussion“ im Kommentarbereich erfreuen.

16. April 2013: Student Christian (30) hat einen langen Bart. Das war’s im Prinzip auch schon.

23. April 2013: Janine (16) benutzt eine Woche lang im Rahmen eines Schulprojekts kein Handy. Die Woche war nicht nur „ganz anders, als ich erwartet hatte“, sondern führte auch zu der großartigen Erkenntnis, dass der Schülerin ihr Handy zwar wichtig, aber doch nicht soo wichtig ist.

27. April 2013: Judith „wagt“ sich mit „Partyfachfrau“ Sarah durch Kneipen in Marburg. Was zunächst nach einer gescheiten Idee klingt, wird gleich zu Beginn des Artikels durch die von mir in Anführungszeichen gesetzten Wörter wieder relativiert. Die beiden besuchen also von 21 Uhr bis 1 Uhr drei Kneipen, worauf sich die Partyfachfrau bereits verabschiedet – eine vernünftige Entscheidung, wenn man die Impressionen aus dem Artikel zum Maßstab nimmt.

29. April 2013: „Beinahe-Abiturient“ Jan Felix (19) erzählt, wie viel Mühe er sich beim Lernen fürs Abi gibt. Obwohl er aber „jeden Tag mindestens zwei Stunden“ lernt, gönnt er sich mal den Besuch eines Konzerts seiner Lieblingsband. Dies sind übrigens die Toten Hosen, und das, obwohl er aus Düsseldorf kommt! Am Tag des Konzerts ist das Wetter schön, er trifft an der Halle in Essen eine Bekannte, Campino versingt sich, und nach dem Konzert muss der Beinahe-Abiturient doch noch für Bio lernen.

So spannend diese Geschichten auch klingen, so sehr fühle ich mich dabei an einen der schönsten Songtexte von Knochenfabrik erinnert, der aus dem Jahre 1998 stammt:

Im Reality-TV erklärt uns eine Frau
welche Stellung ihr beim Sex am liebsten ist
Das Frühstücksradio kommt heute live vom Klo
im Interview ein Rentner, der grad pisst

Sehr interessant, ich wollte immer schon mal wissen
warum Männer über 60 auf dem Klo im Sitzen pissen
Sehr interessant, und ich schalte wieder ein
wenn es nächste Woche heißt: Wessen Pimmel ist zu klein?

Irgendwer hat sich verwählt, trotzdem hat er mir erzählt
dass er dreimal täglich onaniert
Abends auf dem Klo, mittags im Büro
und morgens, kurz bevor er sich rasiert

Sehr interessant, bitte ruf mich wieder an
und erzähl mir bitte alles über deinen krummen Hahn
Sehr interessant, du hast dich zwar verwählt
doch hättest du mich nicht erreicht, hätte mir etwas gefehlt

Natürlich kann selbst eine professionelle Redaktion nicht jeden Tag solch interessante Storys aus dem Ärmel schütteln. Falls also gerade kreative Flaute herrschen sollte, haben echte Journalisten ein Geheimrezept parat, das ich an dieser Stelle einmal verraten möchte: Wenn alle Stricke reißen, kann man immer noch einen Artikel über „Prokrastination“ schreiben!

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Verfahren im Prinzip auch im wöchentlichen Rhythmus möglich wäre, ohne dass es der Zielgruppe negativ auffiele. Dazu noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Ich habe diesen Blog-Eintrag hier größtenteils heute Mittag geschrieben, ihn aber noch nicht veröffentlicht, um ihn abends (also jetzt) noch mal Korrektur zu lesen. Und was sehe ich spontan als neue Sensationsmeldung bei Spiegel Online?

Und die Moral von der Geschicht: Der Erfinder des Wortes „Aufschieberitis“ sollte für seine Phantasie im Bereich Neologismen vielleicht mit einer rektalen Einschieberitis der eigenen Faust belohnt werden.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Internet, Presse

Floskeln, die man gerne liest

Die meisten Nachrichtenseiten hierzulande haben sich, um einer diffusen „Web-2.0“-Begeisterung nachzukommen, in den letzten Jahren offizielle Kommentarbereiche eingerichtet, in denen jeder und jede im Prinzip alles schreiben kann, was ihm oder ihr gerade in den Sinn kommt. Dass das nicht immer ein gutes Licht auf die Menschheit wirft, und in vielen Köpfen eher Durchzug herrscht, habe ich schon öfters anklingen lassen. Jetzt ist es für mich an der Zeit, diesem Thema einen weiteren Artikel zu widmen. Auch wenn viele vernunftbegabte Menschen bereits gewisse Vorahnungen haben dürften, werde ich im Folgenden einige der beliebtesten Phrasen aufzählen, anhand derer man im Internet mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit Vollidioten erkennen kann.

„1984 lässt grüßen“: Ausdruck eines Bedürfnisses, sich mit rudimentären Kenntnissen über Weltliteratur zum Bildungsbürger aufzuspielen, meist ohne das besagte Buch gelesen zu haben. Findet meist Verwendung bei selbsternannten Freiheitskämpfern, die regelmäßig für das Recht eintreten, auch als dummes Arschloch von der Öffentlichkeit respektiert zu werden.

„Armes Deutschland“: Soll eine gewisse persönliche Trauer darüber zum Ausdruck bringen, dass sich der Ruf Deutschlands seit den 1940er Jahren eher auf dem absteigenden Ast befindet. Die Kommentierenden sehnen sich daher meist eine Art Comeback früheren Weltruhms zurück. (Originell übrigens, dass „Armes Deutschland“ damals auch der Titel der APPD-Zeitung war.)

„braucht kein Mensch“: Bedeutet übersetzt soviel wie: „Ich kenne es zwar nicht einmal, aber wenn es nach meiner unheimlich wichtigen Meinung ginge, würde man es verbieten!“ Oft stellt sich dabei heraus, dass eine intellektuelle Hürde der tatsächliche Grund für die Abwehrhaltung ist.

„das wird man doch wohl noch sagen dürfen“: Solche Leute stellen sich unter Meinungsfreiheit vor, dass idiotische Meinungen nicht mehr als solche herausgestellt werden dürfen. (Ähnlicher Begriff: „Meinungsdiktatur“, siehe auch 1984)

„der Steuerzahler (alternativ: Verbraucher, kleine Mann) ist mal wieder der Dumme“: Bestätigt sich dann zumindest in einem Fall.

„die Journaille“, „die Systempresse“: Ausdrücke von Menschen, die PI-News für ein seriöses Medium halten, das sich „mutig“ mit den wirklich schlimmen Problemen der Gesellschaft auseinandersetzt (z. B. „politische Korrektheit“).

„einfach nur peinlich“: Meist ist einfach nur peinlich, dass die kommentierende Person zu schlicht im Geiste ist, eine reflektierte Meinung zu formulieren und/oder einen Sachverhalt in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

„Gutmenschen“: Synonym für „ich bin dumm“.

„haben die sonst keine Probleme?“/„gibt es nichts Wichtigeres?“: Bringt die überaus realitätsnahe Auffassung zum Ausdruck, dass man sich ausschließlich mit Dingen zu beschäftigen habe, die das sofortige Ende jeglicher Armut und Herstellung des Weltfriedens zum Ziel haben.

„Herr, lass Hirn regnen!“: Schwachkopf-Slang für: „Ich kann mich schlecht in andere Menschen hineinversetzen, also halte ich sie einfach pauschal für dumm.“ Zeugt fast immer von unberechtigtem geistigem Übermut.

„wes Brot ich ess, des Lied ich sing“: Dieser Satz kommt vielfach von Leuten, die hauptsächlich mal mit der Kenntnis dieser originellen Redewendung glänzen wollen. Außerdem wollen dieselben in Diskussionen dafür bewundert werden, alle Sachverhalte in Politik und Wirtschaft durchschaut zu haben, wobei sie aber leider einem falschen Glauben aufsitzen.

„wir“: Ausdruck des Bedürfnisses, sich über ein Kollektiv zu definieren; deutet daher auf mangelnde geistige Reife hin.

Zu den genannten Phrasen gesellen sich noch einige gerade für Volltrottel typische Stilelemente. Das wäre zum einen die vollkommen grundlose Verwendung von Abkürzungen („In D. läuft einiges besser, seit A. Merkel an der Reg. ist“), zum anderen die Benutzung von Auslassungspunkten oder Sternchen in Ausdrücken, die man sich vor lauter kleinbürgerlicher Spießigkeit nicht auszuschreiben traut („Überall diese Sch… Gutmenschen“), und natürlich das absolut sinnlose persönliche Ansprechen von Politikern oder ähnlichen Persönlichkeiten („Sehr peinlich, Herr Lafontaine!“).

Ich hoffe, unerfahrenen Lesern von Spiegel Online und Co. hiermit wichtige Tips auf den Weg gegeben zu haben. Am Sinnvollsten wäre es aber natürlich für alle, Kommentarbereichen (oder auch direkt Spiegel Online selbst) gleich vollständig aus dem Weg zu gehen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Internet, Presse

Suchmaschinenbenutzer I

Nach den ersten Monaten des „Bloggens“ halte ich es für eine gute Idee, ein Zwischenresümee zu ziehen, was die statistischen Auswertungen betrifft. Wie manch einer möglicherweise nicht weiß, übertragen Suchmaschinen die Begriffe, über die man auf bestimmte Seiten stößt, standardmäßig als sogenannter referrer mit an die Zielseite, was interessante Einblicke in die Psyche von Internetbenutzern ermöglicht. Da ich Suchanfragen immer auch irgendwie als Fragen interpretiere, beantworte ich diese hilfsbereiterweise einfach mal:

wie heißt das lied a a follow
aa follow honey

Ich glaube, es ist eine der zwei Möglichkeiten.

i i follow rivers nervt
euphoria ist ein furchtbarer song
ich sagen nur fuck of bonjovi
„we are young“ fun nervig
silbermond schwachsinn musik

Dagegen kann eigentlich keiner was sagen.

deutschland muss sterben rockabilly cover

Das würde ich auch gerne hören.

razzia tag ohne synthesizer

So könnten Razzia vielleicht ihr Best-of-Album nennen.

auf der couch sitzende frau hört schlager

Sehr schön, aber warum schreiben Sie nicht einfach ein Buch drüber?

sibylle berg lifting
sibylle berg geliftet
sybile berg lifting
sibille berg lifting
warum ist sibylle berg geliftet

Das Thema ist wohl äußerst beliebt. Vielleicht sollte man sie selber mal fragen?

david werker unlustig
bülent ceylan wenig niveau
dieter nuhr selbstgefällig

Braucht man dafür wirklich noch eine Bestätigung über Google?

sperm on andrea kiewel

Wer möchte denn sowas sehen? Was für Phantasien manche Menschen haben…

ich wohne neben gaby köster

Herzlichen Glückwunsch!

maler hässliche bilder

In meinem Blog gibt es überhaupt keine Bilder!

joko klaas hipster

Da ist duchaus was dran.

der mit dem bart bei jupiter jones

Der würde eigentlich in dieselbe Kategorie fallen.

eine frage falls man rouladen zu macht kann man durch kamera sehen

Einigen Leuten sollte man wirklich erklären, wie man das Internet benutzt. „Sag mal Google, wie heißt eigentlich die eine Moderatorin grad auf RTL? Ey, warum antwortest du nicht?“

durchfall extrem

Schön, dass mein Blog auch bei jüngeren Menschen gut anzukommen scheint.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Internet, Metaebene

Jupiter Jones

Es ist ja nichts Neues, dass in letzter Zeit viele Leute, die sich zumindest selbst für Künstler halten, in Medien wie Spiegel Online herumjammern, weil sie Angst vor der Piratenpartei haben. Diese werden dann seitenweise in den Kommentarbereichen von Leuten gefeiert, deren Verständnis von Musik oder Kultur gleichbedeutend mit dem ist, was Major-Labels und ähnliche Konzerne so im Programm haben (also Leute, wie man sie auf eben solchen Seiten auch häufig findet). Nun hat sich auch der Gitarrist von Jupiter Jones dazugesellt; einer Band, deren Musik ich zwar nie besonders mochte, die mir aber wegen ihrer Ursprünge in der Punkszene nicht ganz unsympathisch war. Ich bin 2007 aus Neugier mal auf einem Konzert von ihnen gewesen, also in jener Zeit, in der die Band „allenfalls gut unterrichteten Musikfans ein Begriff“ (Spiegel Online) war, und fand, dass die Musik wie Muff Potter in ihrer Major-Zeit klang, nur noch seichter, kombiniert mit langweiligen Befindlichkeitstexten, und deswegen nicht so richtig was für mich war. Weil ich damals allerdings noch nicht wusste, dass die sympathischen Indie-Veröffentlichungen von damals für die Band nur eine Vorstufe auf dem kontinuierlichen Weg in Richtung Major-Vertrag waren, muss ich, der den Punk mit Löffeln gefressen hat, nun ein paar Anmerkungen zu dem loswerden, was der Gitarrist (der mit seinem albernen Vollbart, dem überdimensionierten Brillengestell und der Wollmütze, „obwohl er gar nicht friert“ (frei nach Chefdenker), jeden Hipster-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnen würde) nun sagt*:

  • „Ohne die geht es im Musikgeschäft nicht.“ Gemeint sind die Major-Labels, und der scheint das ernst zu meinen. Warum? Weil eine Albumproduktion 300.000 bis 400.000 € koste. Die meisten Punkbands, die ich so kenne, und die teilweise seit 30 Jahren regelmäßig Platten veröffentlichen, würden bei dieser Behauptung verdutzt schauen. Denn irgendwie haben diese Gruppen auch ohne „40 Tage Studiomiete, Gage für den Produzenten, Promotion und Videos“ im Wert eines großen Einfamilienhauses ein paar Fans gefunden und sind so zufrieden damit, dass sie immer noch weitermachen, und zwar auch heute noch, und die Platten klingen auch nach weniger Studiotagen so wie sie sollen, wenn man ordentlich geprobt hat. Auf Leute, die wegen eines Fernsehwerbespots zu meinen Konzerten kämen, könnte ich außerdem auch ganz gut verzichten, da qualitative Musik ohnehin ganz gut über Mundpropaganda oder Fanzines bekannter wird.
  • Aber auch Konzerte sind für eine Punkband eher eine lästige Qual. Man kennt das ja: Die Vorfreude steigt, wenn man eine tolle neue Auftrittsmöglichkeit gefunden hat; wenn es dann endlich soweit ist, werden nachmittags die Sachen in den Kombi oder einen geliehenen VW-Bus geladen und man fährt abends dann zur Kneipe oder zum Kulturzentrum, wo man dann seinen Auftritt hat. Wie das halt unzählige Bands seit Jahrzehnten tun, weil es ihnen Spaß macht. Oder aus der Perspektive des Jupiter-Jones-Gitarristen: „Zwischen 4000 und 5000 Euro pro Tour-Tag kosten Crew, Tourmanager und Booking-Agentur. Allein der Nightliner-Bus, in dem die Band fährt und auch schläft, verschlinge 1000 Euro täglich, so Eigner.“ Stimmt, das habe ich vergessen. Wenn man aber nicht in ganz so unmenschlichen Verhältnissen wie er übernachten will, kommen allerdings noch mal 1.000 € für die Hotelsuite dazu. Das ist einfach das Minimum, das man an Komfort braucht, um „gescheiten Rock’n’Roll“ (Sven Regener) auf die Bühne zu bringen.
  • Aber auch die Fans sind wohl meistens scheiße: „Und niemand, der sich ein Album runtergeladen hat, geht zwei Wochen später in den Laden und kauft es sich.“ Ich habe zwar leider keine entsprechende Statistik parat, aber ich bin mir relativ sicher, mir Platten, die mich begeistert haben, zumindest schon einmal 13 und 15 Tage, manchmal auch nur einen Tag nach dem erstmaligen Probehören gekauft zu haben, und kenne auch viele, die das ähnlich handhaben. Oder zumindest handhabten, bis sie es einfach aufgegeben haben, unbekanntere Bands im Internet kennenzulernen, um sich vor raffgierigen Anwälten in Sicherheit zu bringen, die sich ihre neuen „soliden deutschen Mittelklassewagen“ dadurch finanzieren, dass sie im Fließbandverfahren Abmahnungen an irgendwelche Jugendliche schicken lassen. Und dies geschieht auf Veranlassung der Major-Labels, die der Mann mit dem lustigen Bart hier verteidigt. Die Piratenpartei pinkelt solchen Leuten ja quasi ins Gesicht, wenn sie etwas dagegen tun will!

„Ohne die Gema gäbe es Jupiter Jones vielleicht nicht mehr.“ Erstaunlich gut fasst dieser Satz des Spiegel-Online-Redakteurs die offensichtliche Einstellung von Jupiter Jones zu ihrer Musik und zu ihrer ehemaligen Subkultur zusammen, denn Spaß und Selbstverwirklichung sind schließlich nur sekundäre Motivationen, um Musik zu machen, wenn es doch auch so geht, wie der Titel verspricht: „Rocken auch fürs Bankkonto“.

* Ich unterstelle hierbei einmal, dass er auch korrekt zitiert wurde und der vom Artikel vermittelte Grundtenor dessen ursprünglichen Aussagen nicht entgegensteht.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Internet, Musik

Sven Regener

Sven Regener steht anscheinend nicht auf Natursektspiele. Er ist wütend darüber, dass es immer mehr Menschen in Deutschland gibt, die sich nicht mehr alles von Großkonzernen diktieren lassen wollen. Beispielsweise das, was diese unter sogenanntem „geistigem Eigentum“ verstehen und was eine mächtige Lobby jedem von klein auf durch die Medien einimpft. Sven Regener, der von vielen Leuten geschätzt wird, die sich als „alternativ“ bezeichnen würden, hat in Wirklichkeit ein Verständnis von Musik, wie man es auch von Leuten wie Ralph Siegel kennt: Musiker ist ein Beruf, und ein Beruf ist nur zum Geldverdienen da. Doch durch dieses Internet da bekommen wir weniger Geld, und darüber sind wir sauer. Erstaunlich, dass sogar jemand wie Dieter Bohlen eine vernünftigere Einstellung zum Thema hat als Sven Regener, der ja bislang teilweise als sympathisch galt.

Es hat natürlich auch mich überrascht, so etwas von ihm zu hören. Daher drängte es mich danach, einige Behauptungen, die auf der oben verlinkten Seite nachzulesen sind, richtigzustellen:

  • „Es wird so getan, als ob wir Kunst machen als Hobby.“ Es mag sein, dass Sven Regener seine Musik als Business ansieht, aber schätzungsweise 95 % aller Bands, die es in Deutschland gibt, betreiben das Musikmachen tatsächlich als Hobby. Und zwar nicht um damit finanziellen Gewinn zu machen, sondern um sich kreativ auszuleben, aus Liebe zur Musik. Und sie geben Geld für Proberäume und Studioaufnahmen aus, weil es ihnen Spaß macht, anderen Leuten die Musik zu zeigen.
  • „Das Rumgetrampel darauf, dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben […]“ Ich glaube nicht, dass eine Band auf die Idee kommt, eine CD von Element of Crime nachzupressen und ihren eigenen Bandnamen auf das Cover zu drucken. Wer ein Werk geschaffen hat, wird für gewöhnlich auch anerkannt, und das hat ergibt sich allein schon aus Höflichkeit und Fairness. Muss man dafür Gerichte bemühen? Das ist wirklich uncool.
  • „Zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler übernehmen und dabei würde noch gescheiter Rock’n’Roll rauskommen – das kann man knicken.“ Jetzt reicht es mit dem Schwachsinn! Eine kleine Nachhilfe: So ziemlich jede musikalische Innovation der letzten 30 Jahre ist aus Subkulturen erwachsen. Hätte es Anfang der 80er zum Beispiel keine Hardcore-Punk-Szene gegeben, dann wäre auch kein Indie-Rock, kein Grunge, kein Crossover oder überhaupt das meiste, das man heutzutage an „Rock’n’Roll“ hören kann, so entstanden, wie man es kennt. Es hätte sich kaum jemand getraut, etwas Eigenes zu machen, solange es nur verhältnismäßig wenige interessiert. Und in dieser Punk-Szene war es der Idealismus, der zählte, und die Leidenschaft, seine Musik unter die Leute zu bringen. DIY bedeutet eigentlich nichts anderes als eine antikommerzielle Grundeinstellung. Für die Bands wäre es damals eine Offenbarung gewesen, wenn man eine Plattform wie das Internet gehabt hätte, auf der man die eigene Musik kostenlos an alle Interessierten verteilen und damit auch seine Bekanntheit steigern kann. Die Dead Kennedys brachten ihre EP „In God We Trust, Inc.“ auf einer Kassette heraus, auf der die B-Seite unbespielt war. Darauf war gedruckt: „Home taping is killing record industry profits! We left this side blank so you can help.“* Trotzdem und gerade deswegen waren die Dead Kennedys eine der prägendsten Bands im Rock’n’Roll (und ich nenne das „gescheiten“ Rock’n’Roll). Niemand hat sie bezahlt! Und die Bands, die heute am meisten darüber rumheulen, dass sie sich als „Künstler“ nicht angemessen bezahlt fühlen, bringen meistens die beschissenste Musik heraus, auf die sich in 30 Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit keine Nachwuchsband mehr berufen wird.

Was aber genau so schlimm ist wie Sven Regeners Gelaber, ist der Kommentarbereich bei Spiegel Online, in dem sich wie immer der Bodensatz der deutschsprachigen Internetdebattierer trifft. Auf so viel unreflektierten Konformismus stößt man sonst nur in der Wirtschaftsfakultät einer Universität, oder natürlich bei den Juristen (denn die Klugscheißer von Spiegel Online sehen die aktuelle Gesetzeslage offenbar als gottgegeben an und „argumentieren“ auch dementsprechend ohne Kritikfähigkeit). Ich habe mich, obwohl ich es eigentlich längst besser wissen müsste, angeekelt durch 13 Seiten Kommentare gelesen, und bin dabei pausenlos auf ein unfassbar naives und ökonomisches Verständnis von „Kunst“ gestoßen.

Demnach habe Kunst nichts mit Kreativität zu tun, sondern sei in erster Linie ein handwerklicher Beruf wie jeder andere, und müsse daher auch nach Tarif entlohnt werden. Kunst sei ja auch Arbeit (obwohl man doch schon in der Antike wusste, dass zur künstlerischen Betätigung eher Muße gehört), und es wird allen Ernstes das Erlernen eines Musikinstruments, was Millionen von Jugendlichen freiwillig rein zum Spaß tun, mit Arbeitszeit gleichgestellt. Jemand fragte berechtigterweise, wo denn heutzutage bloß die Künstler seien, die Kunst um der Kunst willen machen. Die zu erwartende „lustige“ Antwort, die bei jeder Wiederholung noch lustiger wurde: „Die sind verhungert!“ Ho ho ho. Falsch! Sie haben verdammt noch mal einen normalen Beruf und nehmen dafür ihr Hobby ernst! Wenigstens ein Kommentator hat die Qualität seiner eigenen Beiträge eingesehen und schrieb: „Peinlich, peinlich.“ Noch peinlicher wäre es höchstens, wenn jemand jetzt alle Alben von Element of Crime (mit gescheitem Rock’n’Roll) aus Protest kaufen würde, nur um es diesem kommunistischen Gutmenschenpack namens Piratenpartei einmal richtig zu zeigen. Aber bei Spiegel Online dürfte es niemanden mehr wundern, dass ein Kommentator dies tatsächlich geschrieben hat.

Und die Moral von der Geschicht: Wenn man für seine Kunst kein Geld bekommt, dann könnte es vielleicht auch daran liegen, dass die Kunst scheiße ist (siehe evtl. Element of Crime)! Und es gilt weiterhin, was für Menschen mit rationalem Weltbild eigentlich schon immer galt: Wer einen kreativen Drang in sich verspürt, der wird ihn auch ausleben, völlig unabhängig davon, ob es dafür Geld gibt. Wenn man eine Familie ernähren will, dann sucht man sich gefälligst richtige Arbeit, so wie es Millionen anderer Künstler tun, in denen hundertmal mehr Kreativität steckt als in den beschwerdeführenden „Künstlern“ wie Silbermond et al.

Das lustigste Argument ist natürlich so vorhersehbar wie falsch: „Sie würden so etwas nicht schreiben, wenn Sie selbst Künstler wären!“ (Und es kann eigentlich nur von Leuten kommen, die entweder selbst im Glashaus sitzen oder ein besonders reaktionäres Verständnis von Kunst haben). Aber jetzt kommt’s: Ich als Künstler (haha) verdiene mein Geld ganz herkömmlich und sehe Kunst selbstverständlich als Hobby. Und wenn mich niemand dafür bezahlen will, dann heule ich nicht beim Gesetzgeber darüber herum und will eine Bezahlung erzwingen, sondern halte verdammt noch mal die Fresse und überlege mir, warum das niemand will. Wenn ich gerne Fußball spiele, kündige ich auch nicht meinen Beruf und beschwere mich dann darüber, dass mich niemand fürs Spielen bezahlen will! Ich freue mich lieber über jeden neu dazugewonnenen Fan, der die eigene Kunst ehrlich zu schätzen weiß. Aber Sven Regener hat wohl schon längst vergessen, wie das war, als man bei einem neuen Fan noch nicht sofort dessen Kaufkraft gesehen hat. Insofern sagt sein Gemecker viel mehr darüber aus, wie sehr er Fans schätzt, als wie sehr seine Fans ihn und seine Musik schätzen.

NB: Wer jetzt denkt, ich wäre der Ansicht, man solle Musikern keine Gegenleistung bieten, der sollte noch einmal von vorne anfangen zu lesen.

* „Home taping is killing music“ hieß in den 80er Jahren die Trotzkampagne der damaligen Sven Regeners.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Internet, Musik