Archiv der Kategorie: Fernsehen

The Bosshoss

Zu den lächerlichsten Aussagen, die man überhaupt in deutscher Sprache tätigen kann, gehört: „Manchmal höre ich auch gerne Country wie The Bosshoss.“ Diese Variante des Satzes rangiert sogar noch weiter unten als diejenige mit Gunter Gabriel am Ende. Das Bandkonzept ist erstaunlich (?) simpel: Da geben sich ein paar Typen, die so aussehen als gehörten sie zum örtlichen Social-Distortion-Fanclub, allen Ernstes Künstlernamen wie „Boss Burns“ oder „Hoss Power“ und spielen dann wirklich wirklich furchtbare Lieder, die zum musikalischen Bodensatz des Dudelfunks gehören, als überflüssige „Country“-Versionen nach. Garniert wird das Ganze mit noch überflüssigeren eigenen Lagerfeuerromantikliedern.

Mal ehrlich: Songs wie „All the Things She Said“, „Hot in Herre [sic]“, „Drop It Like It’s Hot“ oder „Last Christmas“ (!) will man schon im Original nicht hören. So wie man über eine ironische (das Zauberwort!) Coverversion eines David-Hasselhoff-Songs höchstens ein Mal lachen und auf eine Wiederholung gerne verzichten würde. Letztendlich klingen die neuen Singles von The Bosshoss noch nicht einmal mehr nach Country, sondern nach der Grütze, mit der sich offenbar mehr Geld verdienen lässt als mit belangloser LKW-Fahrer-Musik, die ein Gefühl von Feierabendverkehr am Kamener Kreuz ins eigene Wohnzimmer transportiert.

Zu den bereits erwähnten Mängeln gesellt sich außerdem noch der lächerliche öffentliche Auftritt der Band als Vollproleten in Feinrippunterhemden, die all den Klischees entsprechen, die intelligente Künstler in dieser Situation zu brechen versuchen würden. Immerhin haben es „Boss Burns“ und „Hoss Power“ (in den entsprechenden Wikipedia-Artikeln stehen ernsthaft Formulierungen wie „Powers Tochter“ oder „Burns hat einen Sohn“) mit der Masche weit gebracht, da sie in die Jury von „The Voice of Germany“ rücken durften, als keine richtigen Prominenten mehr verfügbar waren. Es sind tatsächlich beide als „Coaches“ dabei – betrachtet man die Plattencover der Band, bekommt man den Eindruck, dass sie sich ohnehin für die einzig wichtigen Mitglieder halten. Geschenkt ist da die Bemerkung, dass das Gesangs-„Talent“ der Gesangs-Coaches von The Bosshoss weit unter Null liegt, und zwar in Kelvin.

Alles in allem demonstriert die Brokeback-Mountain-Gruppe wunderbar, wie es selbst eine durchschnittliche Stadtfest-Coverband zu Erfolg bringen kann, wenn sie ein großes Label mit entsprechender Promotion im Rücken hat.

Fun Fact: Teile der Band produzieren in ihrer Freizeit auch gerne Werbejingles für „Firmen wie McDonald’s, BMW oder Tchibo“ (Wikipedia).

2 Kommentare

Eingeordnet unter Fernsehen, Musik

Die schlechtesten Comedy-Programmtitel

Passend zum Comedypreis 2013 (beziehungsweise mit ein paar Wochen Verspätung) habe ich mich mal wieder in den Comedy-Abgründen herumgetrieben und bin auf derart übersprudelnde Originalität gestoßen, dass ich sie unbedingt teilen möchte.

15. „Erwachsen werde ich nächste Woche!!“ (Mirja Boes, 2009)
Ein Titel für ein Comedyprogramm sollte eigentlich entweder lustig sein, originell, ironisch oder im besten Falle geistreich. Wenn einem nichts dergleichen einfällt, kann man auch irgendeinen inhaltlichen Bezug nehmen. Dieser Titel hier ist allerdings ein Paradebeispiel für einen unfassbar langweiligen Titel, den sich auch ein Zwölfjähriger hätte ausdenken können. Dabei sollte man doch zumindest über das Aushängeschild eines Programms ein bisschen länger als zwei Minuten nachdenken, damit man nicht wie in diesem Falle einfach an einem Plakat vorbei geht und denkt: „Aha.“

14. „Hart Backbord – Noch ist die Welt zu retten“ (Paul Panzer, 2012)
Was soll einem das sagen? Streng genommen handelt es sich hier um Titel und Untertitel, die allerdings weder etwas miteinander zu tun haben noch Interesse wecken. Was schade ist, weil einem dabei so viel Spitzenhumor entginge.

13. „Wilde Kreatürken“ (Bülent Ceylan, 2011)
Was für ein Wortspiel! Die immer nach den gleichen Strickmustern ablaufende sogenannte „Ethno-Comedy“ scheint auch über zehn Jahre nach Kaya Yanars Erscheinen auf der Bildfläche noch nichts von ihrem ohnehin kaum vorhandenen Reiz verloren zu haben.

12. „Nicht jeder Prinz kommt uff’m Pferd“ (Cindy aus Marzahn, 2009)
Das habe ich mir gedacht, Prince Charles kommt zum Beispiel meistens mit dem Auto.

11. „Endlich Freizeit – Was für’n Stress!“ (Paul Panzer, 2010)
Man würde hinter dem „Endlich Freizeit“ normalerweise einen originellen Zusatz erwarten, aber natürlich nicht bei einem Komiker, dessen Konzept ausschließlich darauf beruht, Wörter falsch auszusprechen, und der entsprechend talentiert im Formulieren von Pointen ist.

10. „Döner for one – mit alles“ (Bülent Ceylan, 2002)
Ahahaha! Muss denn bei jedem türkischstämmigen Comedian alles mit den naheliegendsten Anspielungen vollgekleistert sein? Und was sollen eigentlich ständig die ganzen Bindestriche, die dann letztendlich doch nichts zur Verbesserung beitragen?

9. „Schizophren – Ich wollte ’ne Prinzessin sein“ (Cindy aus Marzahn, 2007)
Herzlichen Glückwunsch! Und?

8. „Morgen mach ich Schluss! … Wahrscheinlich“ (Mirja Boes, 2007)
Herzlichen Glückwunsch! Und?

7. „Pink is Bjutiful“ (Cindy aus Marzahn, 2013)
Ein Titel so originell wie ein Buch namens „Sänk ju vor träwweling wis Deutsche Bahn“: In den 80er Jahren hätte man eventuell sogar darüber gelacht, der aufgeklärte Mensch von heute durchschaut aber natürlich, dass dies nur ein typischer Verlegenheitstitel einer „Künstlerin“ (im allerweitesten Sinne, no pun intended) ist, der kein lustiger Titel eingefallen ist.

6. „Wenn Sie lachen, ist es Oschmann“ (Ingo Oschmann, 2005)
Kennt noch jemand Ingo Oschmann? Der Typ hat mal bei „Star Search“ in der Kategorie „Comedy“ gewonnen, obwohl er eigentlich gar nich mal so lustig ist. Zur Strafe musste Sat 1 dann auch noch eine eigene Reihe mit ihm produzieren, und die hieß „Wenn Sie lachen, ist es Oschmann“. Dabei war der Titel eigentlich schon das Lustigste an der ganzen Geschichte, haha.

5. „Kill Bernd – aber vorher bringt er noch den Müll runter“ (Lisa Feller, 2010)
Lisa Feller ist eine Art dauergrinsender weiblicher Mario Barth, und dieser Titel hier ist wirklich ein Meisterwerk. Ob vor dem Bindestrich oder dahinter: Jeder Bestandteil allein ist schon den Eintrittspreis wert.

1.–4. „Männer sind Schweine, Frauen aber auch!“, „Männer sind primitiv, aber glücklich!“, „Männer sind peinlich, Frauen manchmal auch!“, „Männer sind schuld, sagen die Frauen!“ (Mario Barth, 2003–2012)
(Ohne Worte)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen

Küchen-Punks

Mit dem Punk-Begriff wird viel Schindluder getrieben. So manchen Schwachsinn wie „Business-Punk“ oder „Golf-Punk“ mussten wir schon über uns ergehen lassen. Immer wieder finden sich in der Elite der BWLer Koryphäen, die den Klang des Wortes Punk irgendwie toll vermarktbar finden, ansonsten aber eigentlich genau das Gegenteil von Punk sind.

Den im Folgenden behandelten Personen gestehe ich immerhin zu, den Punk-Begriff nicht auf gleiche Weise zu besudeln, sonden sich lediglich ein wenig zum Affen zu machen. Lassen Sie bitte diese Szene aus einer typischen Doku-Soap auf RTL II auf sich wirken, auf die ich letzte Woche zufällig gestoßen bin:

Moep moep

„Brüllen, zertrümmern und weg“: Screenshot vom RTL-II-Programm am 25. Juli 2013.

Der Mann mit dem linksextremen Pulli wird nicht etwa von einem Team der RTL II News dabei gefilmt, wie er irgendwo randaliert und alles kaputt macht, sondern er arbeitet für RTL II. Es handelt sich um Ole Plogstedt, gelernter Koch und Mitbegründer der „RGF“ („Rote Gourmet Fraktion“), einer Firma für „Punkrock-Catering“ (Referenzen: Die Toten Hosen, Jan Delay, Rammstein, Rosenstolz, Element of Crime, Earth Wind and Fire, Die Fantastischen Vier, Nightwish). In der Sendung „Die Kochprofis“ testet er auf eben genanntem Sender Restaurants.

Man kennt ja den üblichen Ablauf von Sendung dieser Art: Drei besonders stark von sich überzeugte Köche besuchen ein schlecht laufendes Restaurant und finden das Essen dort grundsätzlich scheiße (und wenn es nicht scheiße ist, ist es trotzdem scheiße, weil es „nichts Besonderes“ ist). Ein Wort, das Fernsehköche übrigens in diesem Zusammenhang gerne verwenden, ist „furztrocken“, was jedoch einerseits widerlich klingt, und andererseits sachlich falsch ist, da in einem Furz durchaus ein gewisser Anteil Sprühwurst mit drin sein kann.

So weit, so unspektakulär; das Ganze dient eigentlich auch nur als Aufhänger für die richtige Pointe: Noch punkiger ist nämlich sein Kollege Stefan Marquard, der findet: „Cooking is like Punkrock!“ Also dass Kochen wahrscheinlich hauptsächlich aus Saufen besteht, oder „Brüllen, Zertrümmern und weg“. Dazu fiel mir dann nämlich neulich noch ein, dass ich doch vor ein paar Jahren am Bahnhof sehr lachen musste:

Moep moep

„100 % Küchen-Punk“: Fotografiert 2008 in einem namhaften Hauptbahnhof in Nordrhein-Westfalen.

Hier zeigt sich dann doch noch das Vermarktungspotential echter Punks. Das Fazit entfällt, weil ich an dieser Stelle keine Lust mehr habe. Ich bin jetzt für die nächsten Stunden erst mal 100 % Schlafzimmer-Punk.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen

Die beste Schlagerwerbung

Wie ich bereits anklingen lassen habe, schätze ich die Dauerwerbesendungen der Firma Shop24Direct sehr, die man desöfteren im Nachtprogramm zweitklassiger Privatsender sehen kann. Da das Œuvre dieses „Labels“ teilweise wie eine Kuriositätensammlung anmutet, habe ich hier zu Unterhaltungszwecken die meiner Meinung nach „besten“ Werbespots herausgesucht. Viel Spaß!

Los geht es mit der Kelly Family, mit unvergessenen Hits wie „Hiroshima, I’m Sorry“ (7:54), „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ (13:05), „Old MacDonald“ (2:50) und „Ain’t gonna pee-pee my bed tonight“ (4:01):

Ernst Mosch, direkt aus dem Moschpit in die Volksmusik-Hitparaden:

Die Kirmesmusikanten:
Weiter geht’s hier.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Fernsehen, Musik, Werbung

Neues vom Teleshopping

Welche Energieeffizienzklasse hat dieses beim Teleshoppingsender HSE24 als energiesparend angepriesene Bügeleisen?

Bügeleisen

Antwort: Energieeffizienzklasse A, die drei Pluszeichen sind natürlich nur ein künstlerisch originell gestalteter Rahmen, der das A besonders hervorheben soll!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen

„Me-too“-Sendungen

Unter Wirtschaftsschlaumeiern gibt es einen Fachbegriff namens „Me-too-Produkt“ für „Produkte, die einem meist innovativen Original-Produkt in vielen Eigenschaften und Fähigkeiten gleichen und bei Erfolg des Erstanbieters – möglichst kurz darauf – auf den Markt kommen“ (Wikipedia). Ein Beispiel: Seit es die Erfindung „Coca Cola Zero“ gibt, haben nach und nach sogar Discounter damit angefangen, ihre Billigcolas mit coolen Namenszusätzen wie „Zero“ oder „0 % Zucker“ zu versehen, selbst wenn exakt das Gleiche drin ist wie in Cola light.

Auch beim Fernsehen kann man sich oft quasi bildlich vorstellen, wie jemand in einer Senderredaktion sitzt, neiderfüllt über den Erfolg eines Konkurrenzsenders liest und seinen Kollegen ganz clever vorschlägt: „So eine Sendung brauchen wir auch!“ Oder wie Oliver Kalkofe einmal sehr treffend formulierte: „Die wichtigste Regel, die man beim Fernsehen heute lernt, ist die: Wenn ein anderer Sender einmal aus Versehen ein erfolgreiches Format gebracht hat, dann ärger dich kurz und mach es so schnell wie möglich nach.“

Um die Kreativität der Fernsehbranche angemessen zu würdigen, habe ich eine kleine Liste der revolutionärsten Formatideen aufgestellt. Ich berücksichtige hierbei nur Sendungen der letzten 15 Jahre, die zumindest teilweise parallel nebeneinander her liefen, und außerdem nur deutsche Produktionen – schließlich ist es eigentlich der Normalfall, dass selbst innovative Formate im deutschen Fernsehen ursprünglich aus anderen Ländern stammen.

„Stalker“ (Sat 1) – „Verfolgt“ (RTL)
An diesem aktuellen Fall kann man erkennen, dass Sender mit ähnlichen Formaten teilweise darum kämpfen, bei der Ausstrahlung unbedingt der erste zu sein. Auch wenn die Relevanz des Formats zu wünschen übrig lässt. Dies ist aber natürlich nicht immer der Fall; manchmal lassen sich Sender auch schon mal mehrere Jahre Zeit.

„Die 10…“ (RTL) – „32Eins!“ (Sat 1)
Altes Archivmaterial noch mal wegzusenden um preiswert Quote zu generieren klappt eigentlich immer ganz gut, nur halt bei Sat 1 nicht. Dazu kommt noch die Ratlosigkeit beim Blick ins TV-Programm, wie man „Zweiunddreißig Eins!“ eigentlich aussprechen soll. Wer sich solche Sendungen gerne ankuckt, riecht meistens streng.

Den Rest gibt’s hier.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen

Esoterik im Teleshopping

Wer im Fernsehen gerne Menschen in Extremsituationen sieht, kommt an Teleshoppingsendern nicht vorbei. Da preisen die sogenannten Moderatoren kitschige Bastelsets an oder erklären der kaum technikaffinen Zielgruppe, dass man mit einem Laptop auch ins Internet gehen kann. Neulich habe ich aber wieder einen ganz besonderen Moment von „wat is dat denn?“ erlebt, als in einer Sendung für Haushaltsutensilien der „Cleanergizer“ präsentiert wurde, ein Plastikklötzchen, das herkömmliches Leitungswasser „vitalisiert“ und den Benutzer damit „bares Geld“ sparen lässt.

Den „Cleanergizer“ gibt es in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen: zum Putzen, zum Trinken und für Garten und Haustiere. Und er wirkt, wenn man der Präsentation (siehe Video auf der Produktseite) glaubt, wahre Wunder: Man kann mit dem „vitalisierten Wasser“ alles ohne Putz- und Spülmittel sauber kriegen! Aber nicht nur das: Das „vitalisierte Wasser“ schmeckt auch noch besser und ist gesund, weil es basischer als normales Leitungswasser ist! Und außerdem bleiben Blumen länger frisch, in Teichen bilden sich weniger Algen, den Haustieren geht es besser, und wahrscheinlich wird das Wetter auch schlagartig schöner.

Der „Cleanergizer“ besteht laut Produktbeschreibung „zu 100 % aus Polyamid PA 6“, also einem nylonähnlichen Kunststoff, der chemisch gesehen eigentlich zu gar nichts zu gebrauchen ist, außer um daraus Fasern oder Ähnliches herzustellen. Wie soll dieses Ding also zu derartigen Leistungen fähig sein? Das fragt sich der mündige Konsument, der sich mit der Angabe „in Deutschland hergestellt und in Österreich vitalisiert“ nicht zufrieden geben will.

Die offizielle Produktseite ist leider „aus Gründen technischer Revision derzeit nicht verfügbar“, aber zum Glück gibt es ja das Internet Archive, das einen Einblick auf die Seite von Mitte 2012 gewährt. Darauf finden sich erste Indizien für die Funktionsweise wieder: „Energetisiertes Wasser verfügt über aktiven Wasserstoff und kann Helfen [sic], den Kalziumhaushalt des Körpers auszugleichen und Ammoniak und Histamine zu neutralisieren.“ Aktiver Wasserstoff, wat is dat denn schon wieder? Man könnte da an naszierenden Wasserstoff denken, oder an atomaren. Gegen ersteren spricht, dass Polyamid 6 mit Wasser sozusagen überhaupt nichts macht, außer sich ein wenig damit vollzusaugen. Gegen letzteren spricht, dass Polyamid 6 das Wasser nicht auf „einige tausend Grad“ erhitzen kann, und auch keine „elektrische Durchladung bei hoher Stromdichte und niedrigem Druck, Bestrahlung mit dem ultravioletten Licht eines Quecksilberbogens, Bombardierung mit Elektronen im 10–20 eV-Energiebereich, Mik­ro­wel­len­be­strah­lung“ bewirken kann (Holleman-Wiberg: Lehrbuch der Anorganischen Chemie. 102. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin 2007, S. 271). Oder hat es vielleicht etwas mit dem Spin zu tun? Darüber kann die Seite leider nichts sagen, sonst könnte es ja womöglich noch jemand überprüfen. Google findet zu „aktivem Wasserstoff“ jedenfalls nur esoterischen Quatsch. Um eine Base wie Ammoniak zu neutralisieren, empfiehlt der Chemieunterricht der achten Klasse übrigens, eine Säure zu verwenden, haha. Es wird aber noch hanebüchener:

Durch die Energetisierung des Leitungswassers wird die Molekularstruktur neu geordnet und in den Zustand natürlichen Quellwassers gebracht. Gleichzeitig ionisiert Cleanergizer das Wasser. Dabei werden deformierte Wassercluster neu strukturiert und in neue, kleinere Molekülverbindungen gewandelt. Durch diese Vorgänge verwandelt Cleanergizer das Leitungswasser in wenigen Minuten zu einem weicheren Wasser, vermindert dabei die Oberflächenspannung und spaltet den Kalk vom Wasser ab.

Die Molekularstruktur des Wassers ist ja jedem Schüler bekannt. Man weiß, dass die zahlreichen Wasserstoffbrückenbindungen tatsächlich zur Bildung von Clustern führen, und man kann davon ausgehen, dass sich diese von der Quelle bis zum Wasserhahn ungefähr eine Milliausend mal umgruppiert haben dürften. Angesichts der Anzahl der Möglichkeiten (in einem Liter Wasser befinden sich ungefähr 3,35×1025 Moleküle) dürfte ein Klötzchen dem Wasser kaum dazu verhelfen, sich an die gute alte Zeit an der Quelle zu erinnern, selbst wenn es ein Gehirn hätte. Und schon gar nicht dürfte es so aussehen wie im Fernsehen angedeutet:

Über den „Cleanergizer“ werden übrigens „keine Inhaltsstoffe abgegeben“, „sondern der Molekulare [sic] Aufbau des Wassers optimiert“. Die Putzwirkung kommt nämlich durch „einen überdurchschnittlichen Anstieg des PH-Wertes [sic]“, das Klötzchen macht also das Wasser basischer. Jetzt weiß man auch, was mit der Ionisierung des Wassers gemeint ist: Aus H2O soll offensichtlich OH werden. Die versprochene Wirkung müsste sich also überprüfen lassen können, genau wie die Verminderung der Wasserhärte zu einem „weicherem Wasser“. Und jetzt kommt’s: Es gibt sogar schon Messwerte!

Das Ganze ist ja schließlich „laborgeprüft“, und zwar vom Fraunhofer-Institut, weil man ja auch seriöse Fakten auf den Tisch legen will. Der entsprechende Prüfbericht ist sogar gleich an die Produktbeschreibung angehängt, also habe ich ihn mir mal angekuckt. Darin heißt es zunächst einmal: „Vom Auftraggeber wurde [sic] 4 Wasserproben geliefert.“ Das heißt, der Vertrieb selbst hat vier Proben hergestellt und eingeschickt, und zwar „Leitungswasser“, „Leitungswasser – energetisiert“, „gechlortes Leitungswasser“ und „gechlortes Leitungswasser – energetisiert“. Was war nun das Ergebnis? Der pH-Wert des Leitungswassers stieg durch die „Energetisierung“ von 8,1 auf spektakuläre 8,1; derjenige des chlorierten Wassers von 9,0 auf 9,0. Die Wasserhärte (also die Konzentration an unlöslichen Salzen wie Kalk, die eh immer in Wasser vorhanden sind) stieg durch die Zauberverwandlung um 0,2 respektive 0,1 °dH an. Wohlbemerkt bei einer Skala, deren Werte üblicherweise von 0 bis über 20 schwanken können. Und nebenbei bemerkt bedeutet ein höherer Wert, dass das Wasser härter wird, nicht weicher. Kein Wunder, wenn die Konzentration der Calcium-Ionen teilweise sogar deutlich ansteigt. Man kann also feststellen: Die Firma widerlegt mehrere ihrer Behauptungen gleich selbst, vermutlich in der Hoffnung, dass die Analyse Seriosität vermittelt, und die Leute das sowieso nicht genauer lesen. Was man auch am im Fernsehen gewählten Maßstab erkennen kann:

Screenshot 2

Die drei Geschmacksrichtungen der Klötzchen sind übrigens in ihrer „Funktion“ identisch, der Vertrieb gibt auf der FAQ-Seite sogar selbst an, dass die Farben den Benutzern lediglich „die Anwendung erleichtern“ sollen. „Denn nicht jeder möchte seinen Cleanergizer zuerst im Putzeimer nutzen und denselben im Anschluss dann in die Wasserkaraffe geben.“ Also kauft man sich am Besten gleich mehrere – ein „Cleanergizer“ kostet schließlich nur 40 Euro (bei HSE24 als Sonderangebot nur 35 Euro)! Eine Übersicht des Herstellers empfiehlt schon einmal die dauerhafte Anschaffung jeweils einzelner Klötzchen für das Scheißhaus, die Regentonne, den Gartenteich (einer pro 500 l), das Aquarium und die Kaffeemaschine; wenn man jetzt noch die universellen „Cleanergizer“ für Trinkwasser, Putzen und Garten dazuzählt, kommt man im Idealfall (für den Hersteller) auf acht Stück à 35–40 Euro (immerhin gibt es aber Mengenrabatt).

Soviel zum Vertrieb. Der Hersteller selbst heißt übrigens „ZARO“ (vermutlich vom Namen des Gründers abgeleitet), und dessen mit Kommafehlern nicht geizende Website „zarobiotec.com“ macht einen noch weniger überzeugenden Eindruck als die bisher genannten Produktpräsentationen: „Menschen glauben nur was sie sehen oder anfassen können“, heißt es dort, und da denkt man sich doch schon: „Oooooch! :-(“ – „Trotzdem glauben sie an elektrischen Strom, obwohl man den nicht sehen kann.“ Stimmt, aber vielleicht sollten die Macher es hier ja mal mit Anfassen probieren, haha. Es folgen noch so einige physikalische Fachbegriffe (Quantenphysik, Photonen, Quarks, Energie), deren völlig willkürliche und sinnfreie Verwendung darauf schließen lässt, dass der Autor des Textes nicht einmal über rudimentäre Realschulkenntnisse in Physik verfügen dürfte, und darauf vertraut, dass es seiner Zielgruppe genauso geht. Vermutlich um Google mit positiven Suchergebnissen über die eigenen Produkte zu füllen, wurde zusätzlich noch eine „PresseAgentur“ [sic] namens „zaronews.com“ gegründet, und um allen haltlosen Behauptungen einen… äääh… „akademischen“ Unterbau zu verleihen, gibt es zusätzlich noch die Seite „zarolightacademy.org“ zu Themen wie Lichtnahrung oder Geistheilung, die an Universitäten bislang komischerweise keinen Platz gefunden haben.

Also, liebe HSE24-Kundinnen: Wenn Sie sich auch drei Wochen lang von Licht ernähren würden, dann greifen Sie beim „Cleanergizer“ zu! Und hier noch ein guter Tip an die christlichen Zuschauerinnen: Den gleichen Effekt beim Putzen erzielen Sie übrigens auch, wenn Sie nach der Befüllung des Eimers einfach ganz doll beten, dass das Wasser den Boden auch ohne Putzmittel sauber bekommt. Denn: „Sie werden feststellen, je mehr cleanergized Wasser Sie auftragen, desto schneller wird es sauber und rein.“ Was bei uncoolem Leitungswasser bekanntlich nicht der Fall ist.

Und hier noch der Punk-Bezug:

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen, Werbung, Wissenschaft