Monatsarchiv: Juli 2013

Küchen-Punks

Mit dem Punk-Begriff wird viel Schindluder getrieben. So manchen Schwachsinn wie „Business-Punk“ oder „Golf-Punk“ mussten wir schon über uns ergehen lassen. Immer wieder finden sich in der Elite der BWLer Koryphäen, die den Klang des Wortes Punk irgendwie toll vermarktbar finden, ansonsten aber eigentlich genau das Gegenteil von Punk sind.

Den im Folgenden behandelten Personen gestehe ich immerhin zu, den Punk-Begriff nicht auf gleiche Weise zu besudeln, sonden sich lediglich ein wenig zum Affen zu machen. Lassen Sie bitte diese Szene aus einer typischen Doku-Soap auf RTL II auf sich wirken, auf die ich letzte Woche zufällig gestoßen bin:

Moep moep

„Brüllen, zertrümmern und weg“: Screenshot vom RTL-II-Programm am 25. Juli 2013.

Der Mann mit dem linksextremen Pulli wird nicht etwa von einem Team der RTL II News dabei gefilmt, wie er irgendwo randaliert und alles kaputt macht, sondern er arbeitet für RTL II. Es handelt sich um Ole Plogstedt, gelernter Koch und Mitbegründer der „RGF“ („Rote Gourmet Fraktion“), einer Firma für „Punkrock-Catering“ (Referenzen: Die Toten Hosen, Jan Delay, Rammstein, Rosenstolz, Element of Crime, Earth Wind and Fire, Die Fantastischen Vier, Nightwish). In der Sendung „Die Kochprofis“ testet er auf eben genanntem Sender Restaurants.

Man kennt ja den üblichen Ablauf von Sendung dieser Art: Drei besonders stark von sich überzeugte Köche besuchen ein schlecht laufendes Restaurant und finden das Essen dort grundsätzlich scheiße (und wenn es nicht scheiße ist, ist es trotzdem scheiße, weil es „nichts Besonderes“ ist). Ein Wort, das Fernsehköche übrigens in diesem Zusammenhang gerne verwenden, ist „furztrocken“, was jedoch einerseits widerlich klingt, und andererseits sachlich falsch ist, da in einem Furz durchaus ein gewisser Anteil Sprühwurst mit drin sein kann.

So weit, so unspektakulär; das Ganze dient eigentlich auch nur als Aufhänger für die richtige Pointe: Noch punkiger ist nämlich sein Kollege Stefan Marquard, der findet: „Cooking is like Punkrock!“ Also dass Kochen wahrscheinlich hauptsächlich aus Saufen besteht, oder „Brüllen, Zertrümmern und weg“. Dazu fiel mir dann nämlich neulich noch ein, dass ich doch vor ein paar Jahren am Bahnhof sehr lachen musste:

Moep moep

„100 % Küchen-Punk“: Fotografiert 2008 in einem namhaften Hauptbahnhof in Nordrhein-Westfalen.

Hier zeigt sich dann doch noch das Vermarktungspotential echter Punks. Das Fazit entfällt, weil ich an dieser Stelle keine Lust mehr habe. Ich bin jetzt für die nächsten Stunden erst mal 100 % Schlafzimmer-Punk.

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Deutschland braucht Deutschpunk II

ZSK, die Green Day des deutschen Punkrocks, haben sich bekanntlich vor Kurzem wiedervereinigt und mittlerweile auch eine neue Platte herausgebracht. Ich konnte es mir als bekennender Fan nicht nehmen lassen, hier etwas darüber zu schreiben. Auch wenn es sich streng genommen natürlich nicht um Deutschpunk, sondern um Skatepunk handelt!

Schwanz für die Sache

Zunächst fällt dem Punkrocker natürlich das romantische Covermotiv auf. Es sieht so aus, als wären ZSK nie weggewesen, sodass sich alle Befürchtungen, die Band könnte zwischenzeitlich erwachsen geworden sein, schnell in Wohlgefallen auflösen. Gleich der erste Song klingt wie die Vertonung einer Antifa-Demo und nimmt sich dafür den bekannten linken Slogan alerta antifascista zur Grundlage. Als wäre das aber noch nicht klischeebeladen genug, spricht der Sänger auch noch das Wort alerta penetrant „Aleata“ aus. So ungefähr wie ein Ruhrgebiets-Proll den Lehrter Bahnhof in der Bundeshauptstadt Berlin nennen würde, wo sich die ursprünglich Göttinger Band aus taktischen Gründen bekanntlich niedergelassen hat. Soundtechnisch fällt direkt der prollige Metal-Einschlag auf, mit der Kombination aus diesem bolzenden Schlagzeug und unnötig tiefem Gitarren-Sound, die man auch aus Songs wie „Glück auf“ von Betontod kennt.

Was haben ZSK 2013 textlich noch so zu bieten? Zeilen, die jeden rebellischen 16jährigen sofort ansprechen, wie zum Beispiel: „Ich gehe niemals ohne Feuerwerk raus, ich mag es wenn es knallt und raucht. Ich stehe auf das Gegenteil von gefahrlos: Kapuze auf, in beiden Händen Bengalos.“ Ansonsten in fast jedem Song die Erzeugung eines diffusen Kollektivbewusstseins durch die Anhäufung von Personalpronomen der ersten Person Plural („wir“, „uns“). Dazu gesellen sich Medienkritik auf Anfängerniveau („Was wollt ihr hören?“), englischsprachige Songs mit provinzdeutschem Akzent (das Pflichtprogramm für jede Schülerband), Fließbandkritik an Spießern („Soll das alles gewesen sein?“) und ostentative Untermauerung der eigenen Credibility („Viel Glück“). Letzteres versuchen ZSK auch noch auf die ironische Art („Punkverrat“, mit Gastauftritt von Bela B.), was aber leider nicht immer gleichbedeutend mit gut oder originell ist.

Garniert wird das Ganze dann noch mit zusammengeklauten Zitaten anderer Punkbands wie But Alive („Bis jetzt ging alles gut“), Die Goldenen Zitronen (Textzeile in „Lichterketten“) oder Slime (Textzeile in „Bis jetzt ging alles gut“). Von den meisten dieser Vorbilder sind ZSK zwar meilenweit entfernt, aber bei Slime zeigt sich eine erstaunliche Parallele:

Aleata Antifaschista!

„Foto: Joe Dilworth – Nutzung für Promozwecke honorarfrei bei Nennung des Fotografen.“ (Selbstverständlich ist dieser Artikel als Promo zu verstehen!)

Jedoch hat Dirk von Slime eindeutig die schöneren Schuhe:

„Slime“ 2012

„Foto: Mirja Nicolussi“

Zusammenfassend lasse ich am Schluss nur noch eine Amazon-Rezension sprechen: „Das zweite Album ‚From Protest to Resistance‘ war und ist das wahrscheinlich beste Punkrock Album [sic] aller Zeiten. Ich glaube nicht das [sic] irgendeine Band jemals wieder ein besseres Album machen wird. ‚Herz für die Sache‘ kommt diesem zweiten Album sehr nahe.“

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Die beste Schlagerwerbung

Wie ich bereits anklingen lassen habe, schätze ich die Dauerwerbesendungen der Firma Shop24Direct sehr, die man desöfteren im Nachtprogramm zweitklassiger Privatsender sehen kann. Da das Œuvre dieses „Labels“ teilweise wie eine Kuriositätensammlung anmutet, habe ich hier zu Unterhaltungszwecken die meiner Meinung nach „besten“ Werbespots herausgesucht. Viel Spaß!

Los geht es mit der Kelly Family, mit unvergessenen Hits wie „Hiroshima, I’m Sorry“ (7:54), „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ (13:05), „Old MacDonald“ (2:50) und „Ain’t gonna pee-pee my bed tonight“ (4:01):

Ernst Mosch, direkt aus dem Moschpit in die Volksmusik-Hitparaden:

Die Kirmesmusikanten:
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Deutschland braucht Deutschpunk I

In dieser neuen Rubrik möchte ich mich den Heldentaten unseres Lieblingsgenres widmen. Inspiriert von meinem letzten Eintrag machen die ergrauten Legenden von Normahl den Anfang, deren Platten eigentlich schon in den 80ern nur Durchschnitt waren, die sich aber bis heute immer noch erstaunlich „treu geblieben“ sind. Ihr letztes Studioalbum stammt aus dem Jahre 2005, heißt „Voll Assi“ und beeindruckt schon mit folgendem Cover:

Ton-Assis

Man beachte das „D-Punk“-Qualitätssiegel unten rechts. Das ist immerhin nicht zu viel versprochen, was man ihnen zugute halten kann. Zwischen Uffta-Uffta gesellen sich allerdings noch Elemente von Proll-Rock’n’Roll, Schlager und Stadionrock, was an sich eher nicht so vielversprechend klingt, sofern es sich nicht um eine Parodie handelt. Dem Auftreten der Band nach außen nach zu beurteilen ist das nicht der Fall, also gehen wir mal davon aus, dass Normahl uns mit folgenden tiefsinnigen Zeilen ihr Weltbild ganz ernsthaft näherbringen wollen:

Friss und stirb, Scheiß Staat! Friss und stirb, Scheiß Staat! Friss und stirb, Scheiß Bullenstaat!

Eigentlich bist du ja quasi noch viel schlimmer als die Stasi, kurz gesagt du bist die neue DDR!

Drum scheiß ich auf Gelaber, auf scheinheiliges Gequatsch. Vielen Dank, auf Wiedersehen, fuck you very much!

Ich wäre gern Politiker mit tausend Nebenjobs, würd meinen Tag verplempern in Kneipen und Sexshops. Würd alles was ich hab an einem Tag versaufen und müsst mit meinem Minijob nicht mehr beim Aldi kaufen.

Wir wollen lieber Schnaps und Bier, auf Arbeitsplätze scheißen wir! Wir wollen lieber Schnaps und Bier, leck mich am Arsch, wir scheißen auf Hartz IV!

Meine Freundin wartet schon seit Stunden auf meinen Besuch. Ich geb es zu, es lastet auf mir wie ein böser Fluch. Denn manchmal kommt man einfach nicht an einer Kneipe vorbei, und dann bleibt es leider auch nicht bei den berühmten zwei. Denn im ersten, zweiten, dritten Buch – ich weiß es nicht genau – steht drin: Erst kommt die Kneipe, und dann kommt erst die Frau, denn gegen Wein und Tabaksdunst ist all Weiberlist umsonst.

Ob Meter oder Zoll, ich krieg heut einfach den Kanal nicht voll.

Eins, zwei, drei, vier: 32 Kisten Bier. Fünf, sechs, sieben, acht: heute wird Krawall gemacht. Ding Dong, Punk Rock Song, Gruppensex im Waschsalon. Gangbang, Sexy Thing, überall wo ich rumhäng.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass alle Bandmitglieder jenseits der 40 sein dürften, schlägt man entweder die Hände überm Kopf zusammen oder lacht aus Verlegenheit. So wie ein junger, „cooler“ evangelischer Pfarrer, der zum ersten Mal ein Kassierer-Album vorgespielt bekommt und kein Spielverderber sein will. Von der satirischen Rafinesse dieser Gruppe sind Normahl allerdings so weit entfernt wie Green Day von Punkrock, also bleibt selbst bei gutem Willen nichts Positives mehr übrig, das man über „Voll Assi“ noch schreiben könnte. Konsequenterweise müsste die Band ihr Album eigentlich auf Kassette herausgebracht haben, da die augenscheinliche Zielgruppe der Bahnhofs-Penner-Punks mit diesem Medium am besten zurechtkommen dürfte. Und wo die Kassierer noch „Asis mit Niwoh“ (Zeltinger) verkörpern, sind Normahl so etwas wie Kamera-Assis oder besser gesagt Ton-Assis, die dem Begriff Deutschpunk den Ruf verleihen, den er für viele seit langem inne hat.

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Dr. Best empfiehlt

Wer kennt nicht diese Grabbeltische im Drogeriemarkt, aus denen sich Oma und Opa kurz vor der Kasse noch spontan eine Flippers- oder Kastelruther-Spatzen-CD mit den „größten Hits“ herausnehmen können, weil sie ja seit neuestem auch ein Autoradio mit CD-Funktion haben. Oder aber auch diese Werbespots nachts auf Super RTL, in denen Schleimgesichter mit übermäßig geheuchelter Freundlichkeit 10-CD-Boxen von Gruppen wie den „Amigos“ oder „Captain Cook und seine singenden Saxophone“ anpreisen. Mangels musikalischer Qualität muss dabei oft sogar noch der Verweis auf die „Top-Tonqualität“ der Aufnahmen als Verkaufsargument herhalten. Der Punkrock-Bereich ist dabei bislang dankbarerweise eher unterrepräsentiert gewesen, doch ich sah neulich zufällig einen Ausblick in die Zukunft des Genres:

Voll Normahl

Wahnsinn! Endlich gibt es große Welthits wie „Fraggles“ oder „Biervampir“ in Top-Klang und Super-Spielzeit! Das macht sich doch gut im Portfolio des Labels: die großen Normahl zwischen anderen Legenden wie den Bee Gees und den Puhdys. Und falls man die großen Heldentaten dieser von Iroträgern und Feuilleton gleichermaßen verehrten Väter des Deutschpunks noch einmal Paroli laufen lassen wollte, liest man sich einfach die „Star-Bio“ durch, über die ich mangels Besitz der CD hier leider nichts sagen kann.

Ich würde mir jedenfalls nichts lieber wünschen als eine Teleshopping-Werbung für diese Compilation auf Super RTL! Natürlich gesprochen von Allround-Talent Ekki Göpelt: „Punk – das ist Freiheit, Rebellion und viel Alkohol. Und ganz vorne dabei waren schon seit Anfangstagen Normahl! Die Liebe zur Musik und der Wunsch, Menschen eine Freude zu machen, haben sie zu einer der erfolgreichsten deutschen Punkbands gemacht. Wir haben 60 ihrer größten Hits auf einer Kollektion gesammelt, darunter Klassiker wie ‚Bullenschweine‘, ‚Helmut Kohl halt’s Maul‘ oder ‚Pflasterstein flieg‘. Und wenn Sie jetzt sofort anrufen und gleich bestellen, erhalten Sie das aktuelle Album ‚Voll Assi‘ [sic] gratis dazu!“ Manchmal könnte eine Indizierung oder Ähnliches aber auch sowas wie eine Erlösung sein.

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