Jugendlicher Schwachsinn

Der Spiegel hat einen neuen Chefredakteur. Für mich Anlass genug, um zwei der journalistisch herausragendsten Abteilungen von Spiegel Online zu loben, nämlich den Schul-Spiegel und den Uni-Spiegel. Junge Leute kann man mit alten Pressetugenden wie Seriosität oder Relevanz schließlich kaum noch hinterm Ofen hervorlocken, muss sich mal jemand in der Redaktion gedacht haben, und heraus kamen dabei diese beiden frischen und frechen und lockeren Rubriken, die leider noch viel zu unbekannt sind. Der bereits an dieser Stelle behandelte Artikel über Musik auf Silvesterfeiern, der auch aus diesen Ablegern stammt, legte die Messlatte zwar bereits weit unten an, doch weitere Nachforschungen meinerseits haben gezeigt, dass hier durchaus noch ein wenig Limbo möglich ist, weshalb ich einmal einige Höhepunkte präsentieren möchte.

25. Dezember 2012: Kai (23) ist in Inga (24) verliebt, die gerne Mate-Tee trinkt; sie will hingegen nichts von ihm. Heutzutage erzählt man solche Geschichten aber nicht mehr einfach seinem Tagebuch oder Freundeskreis, denn eine der meistfrequentierten deutschen Internetseiten veröffentlicht sie gerne für die Allgemeinheit. Meiner Meinung nach genau das Richtige auf einer Nachrichtenseite zwischen Euro-Rettung und Champions League.

14. Februar 2013: Studentin Annkathrin (26) mag Rockabilly und hört zum Beispiel gerne die Peacocks. So sympathisch das auch sein mag – um mehr geht es im Artikel eigentlich nicht. Sollte man starke Nerven haben, kann man sich aber immerhin noch an der dümmlichen „Diskussion“ im Kommentarbereich erfreuen.

16. April 2013: Student Christian (30) hat einen langen Bart. Das war’s im Prinzip auch schon.

23. April 2013: Janine (16) benutzt eine Woche lang im Rahmen eines Schulprojekts kein Handy. Die Woche war nicht nur „ganz anders, als ich erwartet hatte“, sondern führte auch zu der großartigen Erkenntnis, dass der Schülerin ihr Handy zwar wichtig, aber doch nicht soo wichtig ist.

27. April 2013: Judith „wagt“ sich mit „Partyfachfrau“ Sarah durch Kneipen in Marburg. Was zunächst nach einer gescheiten Idee klingt, wird gleich zu Beginn des Artikels durch die von mir in Anführungszeichen gesetzten Wörter wieder relativiert. Die beiden besuchen also von 21 Uhr bis 1 Uhr drei Kneipen, worauf sich die Partyfachfrau bereits verabschiedet – eine vernünftige Entscheidung, wenn man die Impressionen aus dem Artikel zum Maßstab nimmt.

29. April 2013: „Beinahe-Abiturient“ Jan Felix (19) erzählt, wie viel Mühe er sich beim Lernen fürs Abi gibt. Obwohl er aber „jeden Tag mindestens zwei Stunden“ lernt, gönnt er sich mal den Besuch eines Konzerts seiner Lieblingsband. Dies sind übrigens die Toten Hosen, und das, obwohl er aus Düsseldorf kommt! Am Tag des Konzerts ist das Wetter schön, er trifft an der Halle in Essen eine Bekannte, Campino versingt sich, und nach dem Konzert muss der Beinahe-Abiturient doch noch für Bio lernen.

So spannend diese Geschichten auch klingen, so sehr fühle ich mich dabei an einen der schönsten Songtexte von Knochenfabrik erinnert, der aus dem Jahre 1998 stammt:

Im Reality-TV erklärt uns eine Frau
welche Stellung ihr beim Sex am liebsten ist
Das Frühstücksradio kommt heute live vom Klo
im Interview ein Rentner, der grad pisst

Sehr interessant, ich wollte immer schon mal wissen
warum Männer über 60 auf dem Klo im Sitzen pissen
Sehr interessant, und ich schalte wieder ein
wenn es nächste Woche heißt: Wessen Pimmel ist zu klein?

Irgendwer hat sich verwählt, trotzdem hat er mir erzählt
dass er dreimal täglich onaniert
Abends auf dem Klo, mittags im Büro
und morgens, kurz bevor er sich rasiert

Sehr interessant, bitte ruf mich wieder an
und erzähl mir bitte alles über deinen krummen Hahn
Sehr interessant, du hast dich zwar verwählt
doch hättest du mich nicht erreicht, hätte mir etwas gefehlt

Natürlich kann selbst eine professionelle Redaktion nicht jeden Tag solch interessante Storys aus dem Ärmel schütteln. Falls also gerade kreative Flaute herrschen sollte, haben echte Journalisten ein Geheimrezept parat, das ich an dieser Stelle einmal verraten möchte: Wenn alle Stricke reißen, kann man immer noch einen Artikel über „Prokrastination“ schreiben!

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Verfahren im Prinzip auch im wöchentlichen Rhythmus möglich wäre, ohne dass es der Zielgruppe negativ auffiele. Dazu noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Ich habe diesen Blog-Eintrag hier größtenteils heute Mittag geschrieben, ihn aber noch nicht veröffentlicht, um ihn abends (also jetzt) noch mal Korrektur zu lesen. Und was sehe ich spontan als neue Sensationsmeldung bei Spiegel Online?

Und die Moral von der Geschicht: Der Erfinder des Wortes „Aufschieberitis“ sollte für seine Phantasie im Bereich Neologismen vielleicht mit einer rektalen Einschieberitis der eigenen Faust belohnt werden.

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