Monatsarchiv: April 2013

Jugendlicher Schwachsinn

Der Spiegel hat einen neuen Chefredakteur. Für mich Anlass genug, um zwei der journalistisch herausragendsten Abteilungen von Spiegel Online zu loben, nämlich den Schul-Spiegel und den Uni-Spiegel. Junge Leute kann man mit alten Pressetugenden wie Seriosität oder Relevanz schließlich kaum noch hinterm Ofen hervorlocken, muss sich mal jemand in der Redaktion gedacht haben, und heraus kamen dabei diese beiden frischen und frechen und lockeren Rubriken, die leider noch viel zu unbekannt sind. Der bereits an dieser Stelle behandelte Artikel über Musik auf Silvesterfeiern, der auch aus diesen Ablegern stammt, legte die Messlatte zwar bereits weit unten an, doch weitere Nachforschungen meinerseits haben gezeigt, dass hier durchaus noch ein wenig Limbo möglich ist, weshalb ich einmal einige Höhepunkte präsentieren möchte.

25. Dezember 2012: Kai (23) ist in Inga (24) verliebt, die gerne Mate-Tee trinkt; sie will hingegen nichts von ihm. Heutzutage erzählt man solche Geschichten aber nicht mehr einfach seinem Tagebuch oder Freundeskreis, denn eine der meistfrequentierten deutschen Internetseiten veröffentlicht sie gerne für die Allgemeinheit. Meiner Meinung nach genau das Richtige auf einer Nachrichtenseite zwischen Euro-Rettung und Champions League.

14. Februar 2013: Studentin Annkathrin (26) mag Rockabilly und hört zum Beispiel gerne die Peacocks. So sympathisch das auch sein mag – um mehr geht es im Artikel eigentlich nicht. Sollte man starke Nerven haben, kann man sich aber immerhin noch an der dümmlichen „Diskussion“ im Kommentarbereich erfreuen.

16. April 2013: Student Christian (30) hat einen langen Bart. Das war’s im Prinzip auch schon.

23. April 2013: Janine (16) benutzt eine Woche lang im Rahmen eines Schulprojekts kein Handy. Die Woche war nicht nur „ganz anders, als ich erwartet hatte“, sondern führte auch zu der großartigen Erkenntnis, dass der Schülerin ihr Handy zwar wichtig, aber doch nicht soo wichtig ist.

27. April 2013: Judith „wagt“ sich mit „Partyfachfrau“ Sarah durch Kneipen in Marburg. Was zunächst nach einer gescheiten Idee klingt, wird gleich zu Beginn des Artikels durch die von mir in Anführungszeichen gesetzten Wörter wieder relativiert. Die beiden besuchen also von 21 Uhr bis 1 Uhr drei Kneipen, worauf sich die Partyfachfrau bereits verabschiedet – eine vernünftige Entscheidung, wenn man die Impressionen aus dem Artikel zum Maßstab nimmt.

29. April 2013: „Beinahe-Abiturient“ Jan Felix (19) erzählt, wie viel Mühe er sich beim Lernen fürs Abi gibt. Obwohl er aber „jeden Tag mindestens zwei Stunden“ lernt, gönnt er sich mal den Besuch eines Konzerts seiner Lieblingsband. Dies sind übrigens die Toten Hosen, und das, obwohl er aus Düsseldorf kommt! Am Tag des Konzerts ist das Wetter schön, er trifft an der Halle in Essen eine Bekannte, Campino versingt sich, und nach dem Konzert muss der Beinahe-Abiturient doch noch für Bio lernen.

So spannend diese Geschichten auch klingen, so sehr fühle ich mich dabei an einen der schönsten Songtexte von Knochenfabrik erinnert, der aus dem Jahre 1998 stammt:

Im Reality-TV erklärt uns eine Frau
welche Stellung ihr beim Sex am liebsten ist
Das Frühstücksradio kommt heute live vom Klo
im Interview ein Rentner, der grad pisst

Sehr interessant, ich wollte immer schon mal wissen
warum Männer über 60 auf dem Klo im Sitzen pissen
Sehr interessant, und ich schalte wieder ein
wenn es nächste Woche heißt: Wessen Pimmel ist zu klein?

Irgendwer hat sich verwählt, trotzdem hat er mir erzählt
dass er dreimal täglich onaniert
Abends auf dem Klo, mittags im Büro
und morgens, kurz bevor er sich rasiert

Sehr interessant, bitte ruf mich wieder an
und erzähl mir bitte alles über deinen krummen Hahn
Sehr interessant, du hast dich zwar verwählt
doch hättest du mich nicht erreicht, hätte mir etwas gefehlt

Natürlich kann selbst eine professionelle Redaktion nicht jeden Tag solch interessante Storys aus dem Ärmel schütteln. Falls also gerade kreative Flaute herrschen sollte, haben echte Journalisten ein Geheimrezept parat, das ich an dieser Stelle einmal verraten möchte: Wenn alle Stricke reißen, kann man immer noch einen Artikel über „Prokrastination“ schreiben!

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Verfahren im Prinzip auch im wöchentlichen Rhythmus möglich wäre, ohne dass es der Zielgruppe negativ auffiele. Dazu noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Ich habe diesen Blog-Eintrag hier größtenteils heute Mittag geschrieben, ihn aber noch nicht veröffentlicht, um ihn abends (also jetzt) noch mal Korrektur zu lesen. Und was sehe ich spontan als neue Sensationsmeldung bei Spiegel Online?

Und die Moral von der Geschicht: Der Erfinder des Wortes „Aufschieberitis“ sollte für seine Phantasie im Bereich Neologismen vielleicht mit einer rektalen Einschieberitis der eigenen Faust belohnt werden.

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Esoterik im Teleshopping

Wer im Fernsehen gerne Menschen in Extremsituationen sieht, kommt an Teleshoppingsendern nicht vorbei. Da preisen die sogenannten Moderatoren kitschige Bastelsets an oder erklären der kaum technikaffinen Zielgruppe, dass man mit einem Laptop auch ins Internet gehen kann. Neulich habe ich aber wieder einen ganz besonderen Moment von „wat is dat denn?“ erlebt, als in einer Sendung für Haushaltsutensilien der „Cleanergizer“ präsentiert wurde, ein Plastikklötzchen, das herkömmliches Leitungswasser „vitalisiert“ und den Benutzer damit „bares Geld“ sparen lässt.

Den „Cleanergizer“ gibt es in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen: zum Putzen, zum Trinken und für Garten und Haustiere. Und er wirkt, wenn man der Präsentation (siehe Video auf der Produktseite) glaubt, wahre Wunder: Man kann mit dem „vitalisierten Wasser“ alles ohne Putz- und Spülmittel sauber kriegen! Aber nicht nur das: Das „vitalisierte Wasser“ schmeckt auch noch besser und ist gesund, weil es basischer als normales Leitungswasser ist! Und außerdem bleiben Blumen länger frisch, in Teichen bilden sich weniger Algen, den Haustieren geht es besser, und wahrscheinlich wird das Wetter auch schlagartig schöner.

Der „Cleanergizer“ besteht laut Produktbeschreibung „zu 100 % aus Polyamid PA 6“, also einem nylonähnlichen Kunststoff, der chemisch gesehen eigentlich zu gar nichts zu gebrauchen ist, außer um daraus Fasern oder Ähnliches herzustellen. Wie soll dieses Ding also zu derartigen Leistungen fähig sein? Das fragt sich der mündige Konsument, der sich mit der Angabe „in Deutschland hergestellt und in Österreich vitalisiert“ nicht zufrieden geben will.

Die offizielle Produktseite ist leider „aus Gründen technischer Revision derzeit nicht verfügbar“, aber zum Glück gibt es ja das Internet Archive, das einen Einblick auf die Seite von Mitte 2012 gewährt. Darauf finden sich erste Indizien für die Funktionsweise wieder: „Energetisiertes Wasser verfügt über aktiven Wasserstoff und kann Helfen [sic], den Kalziumhaushalt des Körpers auszugleichen und Ammoniak und Histamine zu neutralisieren.“ Aktiver Wasserstoff, wat is dat denn schon wieder? Man könnte da an naszierenden Wasserstoff denken, oder an atomaren. Gegen ersteren spricht, dass Polyamid 6 mit Wasser sozusagen überhaupt nichts macht, außer sich ein wenig damit vollzusaugen. Gegen letzteren spricht, dass Polyamid 6 das Wasser nicht auf „einige tausend Grad“ erhitzen kann, und auch keine „elektrische Durchladung bei hoher Stromdichte und niedrigem Druck, Bestrahlung mit dem ultravioletten Licht eines Quecksilberbogens, Bombardierung mit Elektronen im 10–20 eV-Energiebereich, Mik­ro­wel­len­be­strah­lung“ bewirken kann (Holleman-Wiberg: Lehrbuch der Anorganischen Chemie. 102. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin 2007, S. 271). Oder hat es vielleicht etwas mit dem Spin zu tun? Darüber kann die Seite leider nichts sagen, sonst könnte es ja womöglich noch jemand überprüfen. Google findet zu „aktivem Wasserstoff“ jedenfalls nur esoterischen Quatsch. Um eine Base wie Ammoniak zu neutralisieren, empfiehlt der Chemieunterricht der achten Klasse übrigens, eine Säure zu verwenden, haha. Es wird aber noch hanebüchener:

Durch die Energetisierung des Leitungswassers wird die Molekularstruktur neu geordnet und in den Zustand natürlichen Quellwassers gebracht. Gleichzeitig ionisiert Cleanergizer das Wasser. Dabei werden deformierte Wassercluster neu strukturiert und in neue, kleinere Molekülverbindungen gewandelt. Durch diese Vorgänge verwandelt Cleanergizer das Leitungswasser in wenigen Minuten zu einem weicheren Wasser, vermindert dabei die Oberflächenspannung und spaltet den Kalk vom Wasser ab.

Die Molekularstruktur des Wassers ist ja jedem Schüler bekannt. Man weiß, dass die zahlreichen Wasserstoffbrückenbindungen tatsächlich zur Bildung von Clustern führen, und man kann davon ausgehen, dass sich diese von der Quelle bis zum Wasserhahn ungefähr eine Milliausend mal umgruppiert haben dürften. Angesichts der Anzahl der Möglichkeiten (in einem Liter Wasser befinden sich ungefähr 3,35×1025 Moleküle) dürfte ein Klötzchen dem Wasser kaum dazu verhelfen, sich an die gute alte Zeit an der Quelle zu erinnern, selbst wenn es ein Gehirn hätte. Und schon gar nicht dürfte es so aussehen wie im Fernsehen angedeutet:

Über den „Cleanergizer“ werden übrigens „keine Inhaltsstoffe abgegeben“, „sondern der Molekulare [sic] Aufbau des Wassers optimiert“. Die Putzwirkung kommt nämlich durch „einen überdurchschnittlichen Anstieg des PH-Wertes [sic]“, das Klötzchen macht also das Wasser basischer. Jetzt weiß man auch, was mit der Ionisierung des Wassers gemeint ist: Aus H2O soll offensichtlich OH werden. Die versprochene Wirkung müsste sich also überprüfen lassen können, genau wie die Verminderung der Wasserhärte zu einem „weicherem Wasser“. Und jetzt kommt’s: Es gibt sogar schon Messwerte!

Das Ganze ist ja schließlich „laborgeprüft“, und zwar vom Fraunhofer-Institut, weil man ja auch seriöse Fakten auf den Tisch legen will. Der entsprechende Prüfbericht ist sogar gleich an die Produktbeschreibung angehängt, also habe ich ihn mir mal angekuckt. Darin heißt es zunächst einmal: „Vom Auftraggeber wurde [sic] 4 Wasserproben geliefert.“ Das heißt, der Vertrieb selbst hat vier Proben hergestellt und eingeschickt, und zwar „Leitungswasser“, „Leitungswasser – energetisiert“, „gechlortes Leitungswasser“ und „gechlortes Leitungswasser – energetisiert“. Was war nun das Ergebnis? Der pH-Wert des Leitungswassers stieg durch die „Energetisierung“ von 8,1 auf spektakuläre 8,1; derjenige des chlorierten Wassers von 9,0 auf 9,0. Die Wasserhärte (also die Konzentration an unlöslichen Salzen wie Kalk, die eh immer in Wasser vorhanden sind) stieg durch die Zauberverwandlung um 0,2 respektive 0,1 °dH an. Wohlbemerkt bei einer Skala, deren Werte üblicherweise von 0 bis über 20 schwanken können. Und nebenbei bemerkt bedeutet ein höherer Wert, dass das Wasser härter wird, nicht weicher. Kein Wunder, wenn die Konzentration der Calcium-Ionen teilweise sogar deutlich ansteigt. Man kann also feststellen: Die Firma widerlegt mehrere ihrer Behauptungen gleich selbst, vermutlich in der Hoffnung, dass die Analyse Seriosität vermittelt, und die Leute das sowieso nicht genauer lesen. Was man auch am im Fernsehen gewählten Maßstab erkennen kann:

Screenshot 2

Die drei Geschmacksrichtungen der Klötzchen sind übrigens in ihrer „Funktion“ identisch, der Vertrieb gibt auf der FAQ-Seite sogar selbst an, dass die Farben den Benutzern lediglich „die Anwendung erleichtern“ sollen. „Denn nicht jeder möchte seinen Cleanergizer zuerst im Putzeimer nutzen und denselben im Anschluss dann in die Wasserkaraffe geben.“ Also kauft man sich am Besten gleich mehrere – ein „Cleanergizer“ kostet schließlich nur 40 Euro (bei HSE24 als Sonderangebot nur 35 Euro)! Eine Übersicht des Herstellers empfiehlt schon einmal die dauerhafte Anschaffung jeweils einzelner Klötzchen für das Scheißhaus, die Regentonne, den Gartenteich (einer pro 500 l), das Aquarium und die Kaffeemaschine; wenn man jetzt noch die universellen „Cleanergizer“ für Trinkwasser, Putzen und Garten dazuzählt, kommt man im Idealfall (für den Hersteller) auf acht Stück à 35–40 Euro (immerhin gibt es aber Mengenrabatt).

Soviel zum Vertrieb. Der Hersteller selbst heißt übrigens „ZARO“ (vermutlich vom Namen des Gründers abgeleitet), und dessen mit Kommafehlern nicht geizende Website „zarobiotec.com“ macht einen noch weniger überzeugenden Eindruck als die bisher genannten Produktpräsentationen: „Menschen glauben nur was sie sehen oder anfassen können“, heißt es dort, und da denkt man sich doch schon: „Oooooch! :-(“ – „Trotzdem glauben sie an elektrischen Strom, obwohl man den nicht sehen kann.“ Stimmt, aber vielleicht sollten die Macher es hier ja mal mit Anfassen probieren, haha. Es folgen noch so einige physikalische Fachbegriffe (Quantenphysik, Photonen, Quarks, Energie), deren völlig willkürliche und sinnfreie Verwendung darauf schließen lässt, dass der Autor des Textes nicht einmal über rudimentäre Realschulkenntnisse in Physik verfügen dürfte, und darauf vertraut, dass es seiner Zielgruppe genauso geht. Vermutlich um Google mit positiven Suchergebnissen über die eigenen Produkte zu füllen, wurde zusätzlich noch eine „PresseAgentur“ [sic] namens „zaronews.com“ gegründet, und um allen haltlosen Behauptungen einen… äääh… „akademischen“ Unterbau zu verleihen, gibt es zusätzlich noch die Seite „zarolightacademy.org“ zu Themen wie Lichtnahrung oder Geistheilung, die an Universitäten bislang komischerweise keinen Platz gefunden haben.

Also, liebe HSE24-Kundinnen: Wenn Sie sich auch drei Wochen lang von Licht ernähren würden, dann greifen Sie beim „Cleanergizer“ zu! Und hier noch ein guter Tip an die christlichen Zuschauerinnen: Den gleichen Effekt beim Putzen erzielen Sie übrigens auch, wenn Sie nach der Befüllung des Eimers einfach ganz doll beten, dass das Wasser den Boden auch ohne Putzmittel sauber bekommt. Denn: „Sie werden feststellen, je mehr cleanergized Wasser Sie auftragen, desto schneller wird es sauber und rein.“ Was bei uncoolem Leitungswasser bekanntlich nicht der Fall ist.

Und hier noch der Punk-Bezug:

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