Monatsarchiv: Februar 2013

Dudelfunk IV

Weil es bei Sat 1 in den letzten Jahren quotentechnisch immer mehr bergab geht, wittern viele Musiklabels die Chance, dort möglichst günstige Werbezeit einzukaufen. Neulich wurde mir in einem solchen Werbespot die ideale CD für Fans ehrlicher, handgemachter Rockmusik empfohlen, denen Silbermond und Revolverheld aber zu hart sind. Es handelt sich dabei um das Debutalbum „Grenzenlos“ einer Band namens „F.R.E.I.“ (ausgesprochen: „frei“), das mit der sensationellen ersten Single „Wo bist du jetzt?“ beworben wird. Diese gefiel mir auf Anhieb so gut, dass ich sie an dieser Stelle näher besprechen möchte.

Zunächst fiel mir aber natürlich erst einmal der kreative Bandname auf. Wer kennt das als Musiker nicht: Partout will einem kein Titel für seine Band oder seine Platte einfallen. Nimmt man also einfach irgendein beliebiges Wort und setzt Punkte zwischen die Buchstaben, hat man im Handumdrehen einen tiefgründig wirkenden Namen, denn Abkürzungen wirken immer so, als hätte man sich dabei etwas gedacht. Unbekannt ist mir jedoch, ob den Mitgliedern dabei bewusst war, dass viele Leute, wenn sie „F.R.E.I.“ hören, erst einmal an „Frei.Wild“ denken. Aber Schwamm drüber: Wer steckt eigentlich hinter dieser Band, die gleich mit ihrer ersten Platte einen derartigen Hype (haha) losgetreten hat? „Fünf unterschiedliche Typen, die ein ungewöhnliches Ganzes ergeben“, lehrt mich ihre Website. So weit, so nichtssagend. „Zu den Stationen der Bandmitglieder zählen illustre Namen wie Sarah Connor, James Blunt, Doro, LaFee, Mousse T, Krypteria, Terenzi, Mike Posner, Caliban, Letzte Instanz, Nino De Angelo oder Kreator. Eine ungewöhnliche Mischung, die neugierig macht.“ Immerhin ihren Pressetextschreiber, mich hingegen nicht.

Was für einen Song kann eine Band nun veröffentlichen, um sich direkt in möglichst viele Gehörgänge zu katapultieren? Jeder erfahrene Komponist kennt die Lösung: Man setzt einfach auf die allseits bekannte magische Akkordfolge vi-IV-I-V, in diesem Fall Em-C-G-D, macht den Refrain dann so schmalzig wie möglich, und schon ist der Hit fertig – funktioniert schließlich auch bei gefühlt 75 % aller Chart-Songs*. Am emotionalsten kommt das rüber, wenn die Melodie im Chorus langgezogene hohe Tönen aufweisen kann, die als Ohrwurmfaktor dienen. Sollten einem Sänger die Töne zu hoch sein, hat man ja auch immer noch Autotune, um subtil nachzubessern (vgl. Stelle 2:22 im Video unten). Um dem Song noch die nötige Epicness zu verpassen, sollte man den Refrain am Ende unbedingt instrumental weiterlaufen lassen, während der Sänger „wohoho“ oder ähnliche Laute von sich gibt. 90 % aller Radiohörer (in diesem Falle vermutlich von WDR 4) wird somit das Herz aufgehen, denn für sie könnte eine komplette CD nur aus Songs mit Em-C-G-D als Akkordfolge bestehen, ohne dass ihnen etwas auffallen würde. So einfach ist das heutzutage für Songwriter. Viel E.R.F.O.L.G. also mit dem Lied!

Überzeugen Sie sich selbst:

PS: Fällt Ihnen beim Vergleich mit „Patience“ von Take That, einem der besten Popsongs des letzten Jahrzehnts, vielleicht etwas auf?

* Natürlich ist die Akkordfolge auch bei Punkbands gängig, aber es ist ein Unterschied, ob sie energisch geschrammelt wird oder schnulzig auf Airplay getrimmt ist.

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Floskeln, die man gerne liest

Die meisten Nachrichtenseiten hierzulande haben sich, um einer diffusen „Web-2.0“-Begeisterung nachzukommen, in den letzten Jahren offizielle Kommentarbereiche eingerichtet, in denen jeder und jede im Prinzip alles schreiben kann, was ihm oder ihr gerade in den Sinn kommt. Dass das nicht immer ein gutes Licht auf die Menschheit wirft, und in vielen Köpfen eher Durchzug herrscht, habe ich schon öfters anklingen lassen. Jetzt ist es für mich an der Zeit, diesem Thema einen weiteren Artikel zu widmen. Auch wenn viele vernunftbegabte Menschen bereits gewisse Vorahnungen haben dürften, werde ich im Folgenden einige der beliebtesten Phrasen aufzählen, anhand derer man im Internet mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit Vollidioten erkennen kann.

„1984 lässt grüßen“: Ausdruck eines Bedürfnisses, sich mit rudimentären Kenntnissen über Weltliteratur zum Bildungsbürger aufzuspielen, meist ohne das besagte Buch gelesen zu haben. Findet meist Verwendung bei selbsternannten Freiheitskämpfern, die regelmäßig für das Recht eintreten, auch als dummes Arschloch von der Öffentlichkeit respektiert zu werden.

„Armes Deutschland“: Soll eine gewisse persönliche Trauer darüber zum Ausdruck bringen, dass sich der Ruf Deutschlands seit den 1940er Jahren eher auf dem absteigenden Ast befindet. Die Kommentierenden sehnen sich daher meist eine Art Comeback früheren Weltruhms zurück. (Originell übrigens, dass „Armes Deutschland“ damals auch der Titel der APPD-Zeitung war.)

„braucht kein Mensch“: Bedeutet übersetzt soviel wie: „Ich kenne es zwar nicht einmal, aber wenn es nach meiner unheimlich wichtigen Meinung ginge, würde man es verbieten!“ Oft stellt sich dabei heraus, dass eine intellektuelle Hürde der tatsächliche Grund für die Abwehrhaltung ist.

„das wird man doch wohl noch sagen dürfen“: Solche Leute stellen sich unter Meinungsfreiheit vor, dass idiotische Meinungen nicht mehr als solche herausgestellt werden dürfen. (Ähnlicher Begriff: „Meinungsdiktatur“, siehe auch 1984)

„der Steuerzahler (alternativ: Verbraucher, kleine Mann) ist mal wieder der Dumme“: Bestätigt sich dann zumindest in einem Fall.

„die Journaille“, „die Systempresse“: Ausdrücke von Menschen, die PI-News für ein seriöses Medium halten, das sich „mutig“ mit den wirklich schlimmen Problemen der Gesellschaft auseinandersetzt (z. B. „politische Korrektheit“).

„einfach nur peinlich“: Meist ist einfach nur peinlich, dass die kommentierende Person zu schlicht im Geiste ist, eine reflektierte Meinung zu formulieren und/oder einen Sachverhalt in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

„Gutmenschen“: Synonym für „ich bin dumm“.

„haben die sonst keine Probleme?“/„gibt es nichts Wichtigeres?“: Bringt die überaus realitätsnahe Auffassung zum Ausdruck, dass man sich ausschließlich mit Dingen zu beschäftigen habe, die das sofortige Ende jeglicher Armut und Herstellung des Weltfriedens zum Ziel haben.

„Herr, lass Hirn regnen!“: Schwachkopf-Slang für: „Ich kann mich schlecht in andere Menschen hineinversetzen, also halte ich sie einfach pauschal für dumm.“ Zeugt fast immer von unberechtigtem geistigem Übermut.

„wes Brot ich ess, des Lied ich sing“: Dieser Satz kommt vielfach von Leuten, die hauptsächlich mal mit der Kenntnis dieser originellen Redewendung glänzen wollen. Außerdem wollen dieselben in Diskussionen dafür bewundert werden, alle Sachverhalte in Politik und Wirtschaft durchschaut zu haben, wobei sie aber leider einem falschen Glauben aufsitzen.

„wir“: Ausdruck des Bedürfnisses, sich über ein Kollektiv zu definieren; deutet daher auf mangelnde geistige Reife hin.

Zu den genannten Phrasen gesellen sich noch einige gerade für Volltrottel typische Stilelemente. Das wäre zum einen die vollkommen grundlose Verwendung von Abkürzungen („In D. läuft einiges besser, seit A. Merkel an der Reg. ist“), zum anderen die Benutzung von Auslassungspunkten oder Sternchen in Ausdrücken, die man sich vor lauter kleinbürgerlicher Spießigkeit nicht auszuschreiben traut („Überall diese Sch… Gutmenschen“), und natürlich das absolut sinnlose persönliche Ansprechen von Politikern oder ähnlichen Persönlichkeiten („Sehr peinlich, Herr Lafontaine!“).

Ich hoffe, unerfahrenen Lesern von Spiegel Online und Co. hiermit wichtige Tips auf den Weg gegeben zu haben. Am Sinnvollsten wäre es aber natürlich für alle, Kommentarbereichen (oder auch direkt Spiegel Online selbst) gleich vollständig aus dem Weg zu gehen.

Ein Kommentar

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Bad Religion – True North (2013)

Wenn ich daran zurückdenke, was für Bands ich mit 14 regelmäßig gehört habe, dann stelle ich fest, dass mich die meisten davon heute nur noch am Rande interessieren. Die große Ausnahme sind die guten alten Bad Religion, die mich gerade wegen ihrer typischen Melodien über all die Jahre hinweg immer wieder begeistern konnten. Vor gar nicht langer Zeit war es dann mal wieder soweit, und bei ihrem Stammlabel Epitaph erschien das sechzehnte Studioalbum „True North“. Hurra! Angekündigt wurde die Platte vielversprechenderweise unter dem Motto „back to the roots“ (jedenfalls sinngemäß), und als dann noch der Name „No Control“ (1989) als Referenz fiel, wurde ich sehr hellhörig, zumal die letzte Platte so viel langsames Füllmaterial enthielt, dass ich es sogar (für BR-Verhältnisse) als mittelmäßig bezeichnen würde.

Zum Glück erfüllten sich Teile der Versprechungen, denn „True North“ ist tatsächlich das kürzeste, schnellste und kreativste Bad-Religion-Album seit langem geworden! 16 Songs in 36 Minuten sind in diesem Genre ja durchaus ein Qualitätsmerkmal, und besonders gut gefällt mir, dass das Tempo bis auf einen Durchhänger weit oben gehalten wird, ohne dass der Band dabei irgendwo die Ideen ausgehen würden. Natürlich wäre es für eine 33 Jahre alte Band albern, auf Teufel komm raus ein zweites „No Control“ aufnehmen zu wollen; stattdessen gibt es den klassischen Bad-Religion-Sound hier in einer zeitgemäßen, frischen Version, ohne dass er sich anbiedert.

Los geht die LP direkt mit dem Titeltrack, der natürlich ein Ohrwurm ist und in zwei Strophen und zwei Refrains alles auf den Punkt bringt. Genau das habe ich schon immer an dieser Band geschätzt! Auch die nächsten Songs gehen in hohem Tempo weiter; „Past Is Dead“ kann sogar mit einer originellen Adolescents-Anspielung im Intro punkten. „Robin Hood in Reverse“ zitiert sogar Sham 69, haha. Gegen Ende zitieren sie sich bei „The Island“ dann auch noch selbst (da klingt eindeutig „When?“ von der 1988er „Suffer“-LP durch), aber immer so gewitzt, dass es nicht dreist oder plump erscheint. Ich kann jedem nur empfehlen, sich diese Platte mal anzuhören, selbst wenn man Bad Religion schon seit langem abgeschrieben hat, denn Songs wie „Land of Endless Greed“, „In Their Hearts Is Right“ oder „My Head Is Full of Ghosts“ haben in diesem Sinne fast schon etwas Revitalisierendes an sich. Gerne füge ich in meiner Euphorie auch noch hinzu, dass zum ersten Mal sogar Mr. Brett einen Song singen durfte. Dieses Lied, „Dharma and the Bomb“, klingt mit seinem sonnigen Riff auch noch irgendwie nach Surf-Punk.

Das Fazit ist klar: Eindeutig ist hier ein Jahrtausendmeisterwerk abgeliefert worden, das man gerne in eine Reihe mit den Klassikern der frühen 90er einsortieren kann, sofern man nicht aus Prinzip alle Bad-Religion-Platten nach 1994 (alternativ 1990) scheiße finden will. Und das meine ich sogar auch ohne meinen plumpen Übertriebene-Euphorie-Modus so. Mal sehen, ob sie immer noch so schnell unterwegs sein werden, wenn ich selber mal so alt bin wie die Bandmitglieder jetzt, haha.

Überzeugen Sie sich selbst (mit Proxy):

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Die große TV-total-Prunksitzung

Die Küchenpsychologie lehrt mich, dass Stefan Raab irgendeinen Komplex aufzuarbeiten hat: Alles, was ihm irgendwie gefällt, will er unbedingt auch mal machen, aber nur solange er selbst dabei im Mittelpunkt stehen kann. In der gestern zum ersten Mal ausgestrahlten „großen TV-total-Prunksitzung“ wollte Raab mit dem Thema Karneval mal wieder seinen kölschen Lokalpatriotismus zeigen, so wie er sich auch zu jeder Gelegenheit als treuer FC-Köln-Fan gibt. Das soll ihn sehr publikumsnah präsentieren, dabei dürfte er vermutlich seit zehn Jahren nicht viel mehr von Köln gesehen haben als sein Studio und das Villenviertel Hahnwald. Derart abgehoben von der plebs wirkte er bei der ganzen Veranstaltung auch nicht wie ein kölscher Jung, sondern nur wie ein Mann, der sich seinen großen Kindheitswunsch erfüllen wollte, einmal in einer Karnevalssitzung aufzutreten. Weil sein Ego es ihm aber grundsätzlich nicht erlaubt, in Shows aufzutreten, die nicht von ihm selbst stammen, kaufte er sich kurzerhand seine eigene Sitzung.

Man konnte Raab die ganze Sitzung über anmerken, dass er auch gerne ein Teil der Kölner Kultur wäre. Zum einen wäre da sein aufgesetztes Kölsch, das aber nicht mal über Immi-Niveau herausgeht. Dann wären da noch seine zwei selbstgeschriebenen kölschen Lieder, die er jedoch, da ihm jegliche street credibility abgeht, zusammen mit den Höhnern vorspielte, die in Köln als äußerst true gelten. Trotzdem ließen Raabs Stimme und mangelndes Kompositionstalent keinerlei Flair aufkommen. Ebenso wenig wie die Nummer mit seinem Kollegen Alexander Duszat alias „Elton“, die vermutlich an das Colonia-Duett angelehnt war, nur dass statt Hans Süper er selbst die Ukulele klingen ließ. Der Sketch wirkte wie mit heißer Nadel gestrickt und baute auch nur auf einer einzigen Pointe auf, da habe ich bei jeder „Du-Ei!“-Wiederholung mehr gelacht.

Es gab aber erfreulicherweise auch einige Lichtblicke: Raabs Büttenrede, die aus seinen bekannten Video-Samples zusammengebastelt war, war wirklich lustig und zeigte, was die frühen „TV-total“-Jahre eigentlich so unterhaltsam gemacht hatte. Auch die Auftritte von Carolin Kebekus (mit sehr viel kölscher credibility), Martin Klempnow als Robert Geiß, Lena Meyer-Landrut (die sich zum Glück nur aufs Optische konzentrierte), Helge Schneider und Bastian Pastewka als Ottmar Zittlau wussten zu überzeugen: Gerade letzterer war sehr witzig, weil er mit einem albernen Karnevalslied samt lächerlich simplem Text über die Reihenfolge der Wochentage mal eben die Primitivität herkömmlicher Karnevalslieder auf gelungene Weise parodierte. Außerdem traten neben den Höhnern auch noch die Brings auf. Wenn man einmal davon absieht, dass die meisten ihrer Hits auf immer derselben Akkordfolge basieren (vi-ii-V-I…), war der Auftritt okay wie immer, man könnte „routiniert“ dazu sagen.

Dann war dort neben Licht aber auch noch viel Schatten, sofern man auf gute Fernsehunterhaltung aus war und deshalb nicht den deutlich niedrigeren Maßstab für Karnevalssitzungen anlegte. Da wäre der Ruhrpottler Markus Krebs, der einfach aus dem Internet und alten Witzebüchern heraus­ge­schrie­be­ne Gags der Reihe nach vorlas. Einige davon waren zwar nicht schlecht, die Präsentation ließ allerdings zu wünschen übrig. Dann waren da noch die meist deplaziert wirkenden Mundstuhl mit ihrem pointenarmen Haudrauf-Humor, der mittlerweile als Fußballparodist etablierte Matze Knop, den ich persönlich völlig uninteressant finde, und zu allem Überfluss auch noch Dave Davis. Zu dessen Auftritt kann ich nicht viel schreiben, weil ich immer reflexhaft wegschalte, wenn er wieder einmal irgendwo mit seiner Klischeefigur des schwarzen Toilettenputzers auftritt, so auch dieses Mal. Warum müssen deutsche Komiker mit Migrationshintergrund ihre Bühnenfiguren fast immer auf Stereotypen aufbauen? Ist es bekömmlicher für das deutsche Publikum, sich in Vorteilen mehr bestätigt zu sehen als sie zu hinterfragen? Dabei könnte Dave Davis es doch viel besser, wie er beispielsweise bei der kurzlebigen „Wochenshow“-Neuauflage gezeigt hat.

Am Ende bleibt als Fazit doch nur ein weiteres Raab-Selbst­­be­weih­räu­che­­rungs­­pro­j­ekt, das seine Fans unter den Feuilletonisten auf ihrer „dieser-Raab-kann-ein­fach-al­les“-Lis­te verbuchen können. Leider ist die Veranstaltung aber nicht wegen, sondern trotz Raab doch noch unterhaltsamer ausgefallen als richtige Karnevalssitzungen. Er hätte sich vielleicht ein Beispiel an Cro nehmen sollen, der als prominenter Gast eingeladen war und während der gesamten Sendung im Hintergrund saß und absolut gar nichts machte.

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Paul Panzer

Was haben wir damals darüber gelacht: Vor ungefähr zehn Jahren schickte man sich, als es noch kein Youtube oder Facebook gab, per ICQ den Link zu „Katzen dünsten“ im Freundeskreis herum und erntete damit viel „LOL“. Wer hätte gedacht, dass der Scherzkeks, der sich fast immer hinter der Kunstfigur „Paul Panzer“ versteckt, im Jahre 2013 zu den meistgesehenen „Comedians“ in Deutschland gehören würde? Und wer hätte damals gedacht, dass er es auch ohne humoristische Weiterentwicklung bis in die ausverkaufte König-Pilsener-Arena in Oberhausen schaffen würde? Das Ergebnis dieser groß aufgebauschten Show wurde am Samstag bei RTL ausgestrahlt und nennt sich „Hart Backbord“. Da die Sendung in der Vorschau tagelang mit „wird lustig“ angekündigt worden war, wollte ich mir das Spektakel nicht entgehen lassen – schließlich mag ich lustige Dinge!

Zunächst fiel natürlich die gigantische Kulisse auf, die sich dem Titel entsprechend auf Schiffe bezog. Unklar war mir zwar, was der Titel überhaupt mit dem Inhalt zu tun haben soll, aber ich habe ja zum Lachen eingeschaltet, nicht zum Nachdenken. Nach ungefähr fünf Minuten kam dann auch schon der erste gute Witz: „Haschpre! Haschpre! Haschpre? […] Für die Haare, Haschpre!“ So kann der Abend gern weitergehen! Verstehen Sie? Haarspray! Nur wenig später kam auch schon der nächste Brüller: „Ich glaube es geht ums Bewutztsein! Wir müssen ein Bewutztsein entwickeln für die Welt. Bewutztsein! Bewutztsein!“ Haha, ich kann nicht mehr! Der spricht „Bewusstsein“ ja total falsch aus! Und mit jeder Wiederholung wird es noch lustiger!

Er kann aber auch anders, wie er einige Minuten später mit dem nächsten Highlight seines Programms unter Beweis stellt: „Das Platztik! Platztik? Platztik! Kunststoff, ja, sag ich doch, Platztik!“ Langsam tat mein Bauch schon weh. „Wo seid ihr? Flotzen hoch!“ Der Mann kann einfach alles erzählen und ich muss lachen! Endlich mal guter Humor, für den man nicht unbedingt Abitur gemacht haben muss. „Hier, die Etzkimos! Die Etzkimos, am Nordpol. Etzkimos! Inuit heißen die jetzt, früher Etzkimos.“ Was Paul Panzer zu einem Spitzenkomiker macht, ist dass er ein guter Beobachter des Alltags ist. Falls Loriot mal stirbt, haben wir hier schon mal einen ebenbürtigen Nachfolger.

Dabei qualifiziert ihn aber sein beißender politischer Spott, der den Finger in die großen Wunden der Gesellschaft legt, durchaus auch zum Kabarettisten im Range eines Dieter Nuhr. Das größte gesellschaftliche Problem in Deutschland ist dabei zweifellos die linksfaschistische Gutmensch-Diktatur (Meinungsverbot! 1984 lässt grüßen!) der political correctness, die Panzer in seinem Programm wie kein Zweiter entlarvt: „Dürfen wir nicht mehr sagen, Negerkutz! Negerkutz darf man nicht mehr sagen, politisch nicht korrekt, Negerkutz. Wir dürfen Negerkutz nicht mehr sagen, nicht. Ja! 120 Jahre lang haben wir Negerkutz gesagt, und uns nie was Böses bei gedacht. Jetzt darfst du’s nicht mehr sagen, ja. Was soll ich denn jetzt sagen? ‚Schaumwaffel mit Migrationshintergrund‘?“ Endlich spricht es mal jemand aus, und die originelle Pointe am Schluss hält diesen Gutmenschen endlich mal den Spiegel vor. Wo kommen wir da denn auch hin, wenn man die Dinge nicht mehr beim Namen nennen darf?

Gegen Ende kommt dann aber ein weiteres Highlight in diesem an Highlights nicht armen Programm: Wir alle kennen die Seitenbacher-Werbung, in der eine Stimme mit übermäßigem Schwäbisch die Müslis der genannten Firma präsentieren. Das nervt tierisch! Aber Paul Panzer hat es denen so richtig gezeigt und der Werbung einen Teil seines Programms gewidmet. Wie geil das war: Er ruft einfach gefühlte hundert mal laut „Seitenbacher!“ in den Saal. Man kann sich leicht denken, wie sich mein Lachen von Mal zu Mal gesteigert hat. Jetzt liege ich auf dem Boden, rolle hin und her und muss meinen Bauch festhalten, weil mir eine Zwerchfellüberdehnung kolikartige Schmerzen bereitet. Katzen dünsten, hahaha! Aaaaaaah!

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Die fünf schlechtesten Punk-Parodisten

Nicht erst seit Dieter Hallervordens „Punker Maria“ von 1980 kann man feststellen, dass sich alle paar Jahre mal jemand findet, der den guten Ruf des Punk in den Dreck ziehen will. Die perfideste Methode ist dabei die der Anmaßung, da die allgemeine Öffentlichkeit dabei nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Fälschung unterscheiden kann. Um eine kleine Orientierungshilfe zu bieten, habe ich eine Liste derjenigen Personen erstellt, die sich am schamlosesten ungerechtfertigterweise im Glanz der Punk-Szene sonnen wollen. Falls man eines dieser Imitate entgegen aller Erwartungen trotzdem jemals auf Punk-Konzerten sehen, so sollte sich jeder aufgefordert sehen, die Person freundlich zum Ausgang zurück zu geleiten.

Platz 5: Markus Söder
Der bayerische Finanzminister hat es sich anscheinend vor einigen Jahren zum Ziel gesetzt, an Karneval (in dortiger Landessprache „Fasching“ genannt) stets mit dem dämlichsten Kostüm aufzufallen. Letztes Jahr war es das „Punker“-Kostüm, wie man Punks in reaktionären Kreisen wie der CSU nennt. An der wenig realitätsgetreuen Ausführung ist jedoch glücklicherweise schon für den Laien zu erkennen, dass es sich um einen Schwindel handelt. Insofern würde ich hier von einer eher geringen Gefährdung des Punk-Ethos ausgehen.

Platz 4: Die Redaktion von „Business Punk“
Als würden Business und Punk sich nicht schon wie selbstverständlich ausschließen, müssen die Macher dieses merkwürdigen „Business-Lifestyle-Magazins“, das sich augenscheinlich an die Rebellen unter den BWL-Studenten richtet (die durchaus gerne auch mal Green Day oder Kings of Leon hören), als Motto auch noch die Weisheit raushauen: „Work hard, play hard.“ Was zunächst an die alte Punkrock-Weisheit „Live fast, diarrhea“ (The Vandals) erinnert, zeugt doch nur von einem verkürzten Verständnis von dem, was Punk ausmacht: Tun was man will ist zwar schön und gut, aber nutzlos, solange es nicht gegen dem Scheiß System ist! (Dieses falsche Gleichsetzung ist auch die Krux bei den folgenden zwei Plätzen.) Die Zeitschrift gehört zum Verlag Gruner + Jahr, bei dem auch intellektuell ähnlich gelagerte Publikationen wie „Brigitte“, „Neon“ und „Gala“ erscheinen.  Laut Aussage des Verlags sind die Zielgruppe von Business Punk „junge Männer zwischen 20 und 35 Jahren. Sie sind berufstätig, überdurchschnittlich gebildet, mit einem hohen Haushaltsnettoeinkommen, urban und kosmopolitisch“. (Quelle) Also durchweg Attribute, die denen von Punks diametral entgegenstehen, wenn man davon absieht, dass auch echte Punks sehr urban sind (insbesondere was Fußgängerzonen, Parks und Bahnhöfe betrifft). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass diejenigen die tatsächliche Zielgruppe ausmachen, die diese Eigenschaften gerne hätten.

Platz 3: Sascha Lobo
Eine der bedenklichsten Entwicklungen der letzten Jahre ist es, dass selbst halbwegs seriöse Medien glauben, es sei auch nur von rudimentärer Relevanz, was irgendwelche Blog-Schreiber, Twitter-Benutzer und der Facebook-Pöbel täglich an uninteressanten Gedanken ins Internet stuhlen. Wer schon einmal den Kommentarbereich von Medien wie Spiegel Online gelesen hat, merkt schnell, dass es für das menschliche Zusammenleben eigentlich besser wäre, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen von der Meinungsbildung ausgeschlossen würden, da sie argumentativ auf dem Stande eines Dreizehnjährigen stehengeblieben und insofern gar nicht als wirklich mündig zu betrachten sind. Am Anfang dieser krampfhaft auf das sogenannte „Web 2.0“ ausgerichteten Entwicklung stand allerdings Sascha Lobo: Der Erfinder des Begriffs „Digitale Bohème“ (als Euphemismus für seine eigene Arbeitslosigkeit, Computersucht und Irrelevanz) hatte mit allen Mitteln versucht, irgendwie Beachtung in den richtigen Medien zu finden, und dachte sich irgendwann vor ein paar Jahren: „Wenn ich mir einen roten Iro machen lasse und dazu mit einer 80er-Jahre-Rotzbremse herumlaufe, bekomme ich bestimmt endlich die Aufmerksamkeit, die mein Ego schon immer nötig hatte!“ Gesagt, getan: Als „Aushängeschild“ der Blogger-„Szene“ wurde er seitdem dank seines Rufs als „bunter Vogel“ ins Fernsehen eingeladen, von Vodafone für Werbespots eingekauft und mittlerweile sogar von besagtem Spiegel Online für das Verfassen meist belangloser wöchentlicher Kolumnen bezahlt. Zwar hat er mit echten Punks gemeinsam, dass er auch nicht richtig arbeiten will, ansonsten merkt glücklicherweise jeder Leser und Zuhörer aber nach wenigen Minuten, dass Herr Lobo keiner von „uns“ ist.

Platz 2: Gerald Hörhan
Ähnlich wie Herr Lobo hat es auch der österreichische Investmentbanker und Multimillionär Gerald Hörhan (38) gemacht: Um Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen, zog er sich irgendwann regelmäßig ein improvisiertes Punk-Kostüm an und bezeichnete sich als „Investment Punk“, um gutgläubige Zeitungen und Fernsehsender mit der ach so überraschenden eingeplanten Symbiose aus Punk-Aussehen und Kapitalistenmentalität zu ködern. Logisch, dass die ersten schnell anbissen, schließlich hat er auf die Frage, was ihn denn zum Punk mache, auch die passendste (siehe oben) Plattitüde parat: Er mache halt, was er will. Im Gegensatz zu uns echten Punks versuche er aber, das System wirtschaftlich zu durchschauen und zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Dass er mit seiner marktliberalen Mentalität tatsächlich das genaue Gegenteil eines Punk-Standpunktes vertritt, fällt ihm natürlich nicht selber auf: Punks wollen das System, das solchen Leuten ihre Geschäfte ermöglicht, bekanntlich abschaffen, und außerdem ist ihnen bei aller „ich-mach-was-ich-will“-Mentalität eine gewisse Ablehnung materieller Oberflächlichkeit und ein Hang zur Solidarität wichtig. Schließlich dürfte ebenso allgemein bekannt sein, wozu die Einstellung „mach, was du willst“ auf wirtschaftlicher Ebene führt. Herrn Hörhan ist das aber vermutlich auch völlig egal, denn sein großes Ziel der Medien­auf­merk­samkeit hat er mit seiner Marketing-Masche ja schon erreicht, mit leider steigender Tendenz. Dazu passt auch sein Dauergrinsen, das auch beim Sprechen so wirkt, als hätte ihm jemand die Mundwinkel an die Backen festgetackert. Mit Punk hat jemand, der die schlimmsten neoliberale Positionen propagiert und öffentlich mit seinem Millionenvermögen prahlt, aber leider doch nur so viel gemeinsam wie Guttenberg mit einem Wissenschaftler.

Platz 1: Campino
(Selbsterklärend)

Und nicht vergessen:

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