Vince Ebert

Da ich eine Naturwissenschaft studiert habe und politischem Kabarett nicht ganz abgeneigt bin, wurde ich schon desöfteren von Bekannten und Kommilitonen gefragt, ob ich Vince Ebert gut fände, der doch beide Bereiche miteinander verbindet. Ich muss dann darauf hinweisen, dass Ebert leider weder den einen, noch den anderen Bereich gut hinbekommt. Nicht nur verabscheue ich an ihm, dass er naturwissenschaftliche Methodik gerne auf unpassende Weise mit seiner politischen Agenda vermischt; auch seine politische Agenda allein ist schon so verabscheuungswürdig, dass die Medien ihn nicht immer mangels Alternativen als vermeintlich einzigen „humorvollen Wissenschaftler“ immer wieder zur Wort kommen lassen sollten. Als reiche es nicht, dass er allein durch seine gepresste Sprechweise und Überbetonung schon anstrengend anzuhören ist!

Sein aktuelles Programm hat er „Freiheit ist alles“ genannt, und dieses wurde leider sogar im WDR ausgestrahlt, wie ich gestern gesehen habe. Sein Freiheitsbegriff ist allerdings durch und durch neoliberal geprägt, was er selbst nicht einmal als Beleidigung empfinden würde, denn er schreibt nicht nur Kolumnen für die Quatschseite „Achse des Guten“ und lästert gerne über von ihm als links empfundene Kabarettisten, sondern versucht auch in seinen Programmen, die kapitalistische Wirtschaftsform unter naturwissenschaftlicher Perspektive als folgerichtig darzustellen. Aus seinem aktuellen Programm stammt beispielsweise der Satz: „Natürlich wird der freie Markt nie perfekt funktionieren, aber er funktioniert immer noch besser als irgendwelche staatlichen Lenkungen.“ Schließlich hat ja „der Kommunismus“ bewiesen, dass er nicht überlebensfähig ist. Das sinniert Ebert und versucht anscheinend wie so viele, die darwinsche Evolutionstheorie auf Dinge anzuwenden, für die sie gar nicht bestimmt ist. Kein Wunder, dass Vince Ebert auch gerne auf Wirtschaftsveranstaltungen auftritt, wo er den Anwesenden gut zureden kann. Wirklich widerlich finde ich es allerdings, dass er sich selbst schon allein durch die Betitelung seiner Programme und Bücher („Denken lohnt sich“, „Denken Sie selbst“) einen aufklärerischen Anstrich zu geben versucht, den er in keiner Weise einzulösen vermag, wenn man mal von seinen religionskritischen Scherzen absieht, die allerdings in diesem Kontext auch eher plump ausfallen. Gutes, aufklärerisches Kabarett hinterfragt die Verhältnisse anstatt sie zu stützen; der schlaue Dialektiker Ebert hingegen meint, er sei die Speerspitze der Aufklärung, wenn er das als links empfundene aufklärerische Kabarett „hinterfragt“ und damit wieder beim affirmativen, systemkonformen Standpunkt landet, für den auch ein paar weitere seiner Kollegen (wie Dieter Nuhr) bekannt sind. Wenig erstaunlich, dass er auch noch zu den „Klimaskeptikern“ gehört, wahrscheinlich bloß um sich noch weiter vom verhassten Gutmenschen-Mainstream abzuheben. Bitte denkt daran, liebe Nachwuchskabarettisten: Wer sich gegen einen herbeihalluzinierten „linken Mainstream“ auflehnt, gehört mitnichten zu einer mutigen Avantgarde, als die sich solche Künstler gerne darstellen, sondern zu genau dem spießigen Einheitsbrei, gegen den es überhaupt erst aufzulehnen wert ist.

Da frage ich mich immer: Und warum wird jemand so? Mein Verdacht ist, dass schon Vince Eberts autistisch anmutendes äußeres Auftreten auf eine Unfähigkeit zur Empathie hinweist. Da versucht man natürlich schon aus Hilflosigkeit, Menschen nicht nur in naturwissenschaftliche, sondern auch gleich in wirtschafts-„wissenschaftliche“ Formeln zu pressen. Es könnte womöglich seine Strategie sein, sein eigenes Selbstwertgefühl dadurch zu stärken, dass er Zuspruch von den Reichen und Mächtigen sucht. Das ist zwar legitim und wird schon seit Menschengedenken häufig praktiziert, ist aber alles andere als aufklärerisch. Dabei wäre das Konzept „Naturwissenschaft und Kabarett“ doch so vielversprechend, wenn man es richtig umsetzen würde. Vielleicht lernt Herr Ebert, der eigentlich auch gar nicht Vince heißt, ja irgendwann noch, die Dinge richtig zu hinterfragen, und vor allem, dass Freiheit ein zweischneidiges Schwert ist (und auch Joachim Gauck nicht die Deutungshoheit über diesen Begriff besitzt). Das wusste schon Georg Kreisler gekonnt zu erklären, und auch Herrn Ebert sei Folgendes gesagt:

Und wo wir schon dabei sind:

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Fernsehen, Wissenschaft

2 Antworten zu “Vince Ebert

  1. Stimmt, ein linker Mainstream existiert natürlich nicht. Deshalb gibt es auch nur zwei Kabarettisten, die dem linken Mainstream konträre Ansichten vertreten, Auch parteipolitisch ist absolut kein linker Mainstream zu erkennen. CDU (sozialdemokratisiert mit leicht religiösverblödeten pseudokonservativen Überbleibseln), FDP (ansatzweise liberal, jedoch von Machtgeilheit getrieben), SPD (sozialdemokratisch), Grüne (linksgerichtet), Die Linke (linksradikal), Piraten (links). Eine linker Mainstream im Bereich der Presse ist ebenso nicht existent, deshalb wird auch seit Jahrzehnten pausenlos im Feuilleton der Kapitalismus (oder noch schlimmer, der Raubtierkapitalismus) gegeißelt, im ÖR ständig irgendwelche Dokus über die ausbeuterischen Machenschaften von Großkonzernen gezeigt (ganz böse: Pharma- und Atomlobby, neuerdings abgelöst durch die böse Fleischlobby) oder flächendeckend in so ziemlich allen Publikationen ein übertriebener Antiamerikanismus geschürt.

    Auch Eberts Einwand mit dem Kommunismus ist natürlich vollkommen an den Haaren herbeigezogen. Es ist ja schließlich nicht so, als wären alle sozialistisch/kommunistischen System in der Geschichte entweder kläglich gescheitert (mit Millionen von Toten) oder würden bis heute ihr Dasein in bitterer Armut fristen. Ach halt, doch! Genau so isses ;)

    Aber der Staat kann natürlich das Leben der Menschen viel besser organisieren als sie selbst, das sieht man an so eindrucksvollen Projekten wie S21 und dem Berliner Flughafen. Das funktioniert wirklich ausgezeichnet! Es ist ja nicht so als würden privatwirtschaftliche Unternehmen in aller Welt haufenweise Großprojekte in Rekordzeit abschließen und das auch noch zu weitaus günstigeren Konditionen. Ach, doch … wieder falsch. Genau das ist die Realität ;)

    Aber naja, Enjoy your Realitätsverweigerung.

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