Monatsarchiv: Dezember 2012

Casanovas Schwule Seite – Das Rock’n’Roll-Imperium schlägt zurück (2002)

Weil eine der besten deutschen Punkrockplatten überhaupt in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert und deswegen auch eine erstmalige Vinyl-Pressung erfahren hat, nutze ich den Dezember noch schnell, um sie auch hier kurz zu würdigen. „Das Rock’n’Roll-Imperium schlägt zurück“ ist die erste und bislang einzige Platte des vierköpfigen Kölner Kollektivs, das jeweils zur Hälfte aus Knochenfabrik- und Wohlstandskinder-Mitgliedern besteht, und erschien ursprünglich beim mittlerweile aufgelösten Qualitätslabel Vitaminepillen Records.

Die Platte klingt erwartungsgemäß nach einer Mischung aus beiden Bands: Die lyrische Extravaganz von Knochenfabrik und der rotzige Gesang verbindet sich gekonnt mit der poppigen Virtuosität der Wohlstandskinder, und heraus kommt eine Rock’n’Roll-Platte voller Hits und diskussionswürdiger Texte. Ein Blick auf die Songtitel verrät schon, wo es langeht: „Radiomoderator halt die Fresse“, „Der Kinn-Nasen-Professor“, „Gewalt ist eine Lösung“ und „Ich will Dich ficken“ sind nicht nur Ohrwürmer, sondern auch Texte, die sich angenehm vom Genre-Einheitsbrei abheben und im Eindruck im Gedächtnis hinterlassen. Hier eine kleine Kostprobe aus dem Lied „Mein Kühlschrank“:

Mein kühler Schrank verbraucht viel Strom
und gilt als Sondermüll, denn er enthält FCKW
Und irgendwann, wenn er verreckt
ja dann entsorg ich ihn gleich nebenan im Kiesloch-Baggersee

Ich habe keinen Bock auf diesen ganzen Umwelt-Scheiß
So’n bisschen Kühlschrank tut doch keinem Menschen weh
Dumme Leute finden sowas völlig asozial
doch für mich gehört so’n Kühlschrank in den See

Garniert wird das Ganze immer wieder mit raffinierten Gitarren-Solos [sic], die auch schon mal in Turbonegro-Manier ausarten und die Proleten-Attitüde, die das Album zu transportieren versucht, unterstreicht. Die ganze Platte ist eigentlich eine Parodie auf zahlreiche Punk- und Rock’n’Roll-Klischees, und dabei trotzdem auch als eigenständiges Werk so gut, dass ich sie spontan zu den besten drei Punkrock-Alben zählen würde, die in den 2000er Jahren in Deutschland erschienen sind. Nachdem „Das Rock’n’Roll-Imperium schlägt zurück“ ursprünglich ausschließlich auf CD erschienen war, hat das Aachener Label Rockstar Records das Ganze nun zur Feier des Tages erstmals auf LP (mit neuem Cover) herausgebracht, und das völlig zurecht!

Überzeugen Sie sich selbst:

Ein Kommentar

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Vince Ebert

Da ich eine Naturwissenschaft studiert habe und politischem Kabarett nicht ganz abgeneigt bin, wurde ich schon desöfteren von Bekannten und Kommilitonen gefragt, ob ich Vince Ebert gut fände, der doch beide Bereiche miteinander verbindet. Ich muss dann darauf hinweisen, dass Ebert leider weder den einen, noch den anderen Bereich gut hinbekommt. Nicht nur verabscheue ich an ihm, dass er naturwissenschaftliche Methodik gerne auf unpassende Weise mit seiner politischen Agenda vermischt; auch seine politische Agenda allein ist schon so verabscheuungswürdig, dass die Medien ihn nicht immer mangels Alternativen als vermeintlich einzigen „humorvollen Wissenschaftler“ immer wieder zur Wort kommen lassen sollten. Als reiche es nicht, dass er allein durch seine gepresste Sprechweise und Überbetonung schon anstrengend anzuhören ist!

Sein aktuelles Programm hat er „Freiheit ist alles“ genannt, und dieses wurde leider sogar im WDR ausgestrahlt, wie ich gestern gesehen habe. Sein Freiheitsbegriff ist allerdings durch und durch neoliberal geprägt, was er selbst nicht einmal als Beleidigung empfinden würde, denn er schreibt nicht nur Kolumnen für die Quatschseite „Achse des Guten“ und lästert gerne über von ihm als links empfundene Kabarettisten, sondern versucht auch in seinen Programmen, die kapitalistische Wirtschaftsform unter naturwissenschaftlicher Perspektive als folgerichtig darzustellen. Aus seinem aktuellen Programm stammt beispielsweise der Satz: „Natürlich wird der freie Markt nie perfekt funktionieren, aber er funktioniert immer noch besser als irgendwelche staatlichen Lenkungen.“ Schließlich hat ja „der Kommunismus“ bewiesen, dass er nicht überlebensfähig ist. Das sinniert Ebert und versucht anscheinend wie so viele, die darwinsche Evolutionstheorie auf Dinge anzuwenden, für die sie gar nicht bestimmt ist. Kein Wunder, dass Vince Ebert auch gerne auf Wirtschaftsveranstaltungen auftritt, wo er den Anwesenden gut zureden kann. Wirklich widerlich finde ich es allerdings, dass er sich selbst schon allein durch die Betitelung seiner Programme und Bücher („Denken lohnt sich“, „Denken Sie selbst“) einen aufklärerischen Anstrich zu geben versucht, den er in keiner Weise einzulösen vermag, wenn man mal von seinen religionskritischen Scherzen absieht, die allerdings in diesem Kontext auch eher plump ausfallen. Gutes, aufklärerisches Kabarett hinterfragt die Verhältnisse anstatt sie zu stützen; der schlaue Dialektiker Ebert hingegen meint, er sei die Speerspitze der Aufklärung, wenn er das als links empfundene aufklärerische Kabarett „hinterfragt“ und damit wieder beim affirmativen, systemkonformen Standpunkt landet, für den auch ein paar weitere seiner Kollegen (wie Dieter Nuhr) bekannt sind. Wenig erstaunlich, dass er auch noch zu den „Klimaskeptikern“ gehört, wahrscheinlich bloß um sich noch weiter vom verhassten Gutmenschen-Mainstream abzuheben. Bitte denkt daran, liebe Nachwuchskabarettisten: Wer sich gegen einen herbeihalluzinierten „linken Mainstream“ auflehnt, gehört mitnichten zu einer mutigen Avantgarde, als die sich solche Künstler gerne darstellen, sondern zu genau dem spießigen Einheitsbrei, gegen den es überhaupt erst aufzulehnen wert ist.

Da frage ich mich immer: Und warum wird jemand so? Mein Verdacht ist, dass schon Vince Eberts autistisch anmutendes äußeres Auftreten auf eine Unfähigkeit zur Empathie hinweist. Da versucht man natürlich schon aus Hilflosigkeit, Menschen nicht nur in naturwissenschaftliche, sondern auch gleich in wirtschafts-„wissenschaftliche“ Formeln zu pressen. Es könnte womöglich seine Strategie sein, sein eigenes Selbstwertgefühl dadurch zu stärken, dass er Zuspruch von den Reichen und Mächtigen sucht. Das ist zwar legitim und wird schon seit Menschengedenken häufig praktiziert, ist aber alles andere als aufklärerisch. Dabei wäre das Konzept „Naturwissenschaft und Kabarett“ doch so vielversprechend, wenn man es richtig umsetzen würde. Vielleicht lernt Herr Ebert, der eigentlich auch gar nicht Vince heißt, ja irgendwann noch, die Dinge richtig zu hinterfragen, und vor allem, dass Freiheit ein zweischneidiges Schwert ist (und auch Joachim Gauck nicht die Deutungshoheit über diesen Begriff besitzt). Das wusste schon Georg Kreisler gekonnt zu erklären, und auch Herrn Ebert sei Folgendes gesagt:

Und wo wir schon dabei sind:

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