Deutscher Comedypreis 2012

Vor ein paar Tagen fand mal wieder die jährliche Selbstbeweihräucherungsveranstaltung der deutschen „Comedy“-Industrie statt.  Und weil es immer wieder heißt, man solle doch wegschalten, wenn jemandem eine Sendung nicht gefalle, habe ich mir den deutschen „Comedy Preis“ (Eigenschreibweise) denn auch erst recht angekuckt, wo mein Interesse doch bereits von den recht wenigversprechenden Nominierungen geweckt worden war. Moderiert wurde der langgezogene Abend mal wieder vom ehemaligen Kabarettisten Dieter Nuhr, dessen konsequenter Verzicht auf Anspruch in Verbindung mit Selbstgefälligkeit möglicherweise auch zu seiner politischen Agenda als Linkenhasser passt. Sein Verdienst ist es immerhin, der „Scheibenwischer“-Nachfolgesendung in der ARD einen staatstragenden Anstrich verliehen zu haben. Dem entsprechend waren schon sämtliche Moderationen pointenarme Versuche, sich mit einem bis zwei Augenzwinkern mit dem Zeitgeschehen auseinanderzusetzen.

Dabei stimmte der Beginn der Veranstaltung zugegebenermaßen noch recht optimistisch: Anke Engelke und Bastian Pastewka eröffneten den Abend als „Wolfgang und Anneliese“ mit einem Schunkellied. Doch anstatt dabei wie üblich satirisch in alle Richtungen auszuteilen, beschränkten sich die beiden diesmal leider darauf, lediglich ein paar Nominierte singend vorzustellen, von einer gelungenen Spitze gegen Harald Schmidt mal abgesehen. Im Anschluss verschenkten sie weiteres Potential, indem sie für den Rest des Abends in ihren Rollen blieben und jedes Mal, wenn das Publikum im Bild war, ostentativ gelangweilt in die Kamera schauten, selbst wenn Anke Engelke direkt angesprochen wurde. Das ist in seiner Konsequenz zwar irgendwie eine Leistung, da die Preisverleihung mehrere Stunden dauerte, brachte aber vermutlich keinen einzigen zusätzlichen Lacher. Schade! Erstaunlich gut war dann die erste Laudatio des Abends, gehalten von Christoph Maria Herbst. Darin machte er sich über alle Nominierten der Kategorie „Beste Schauspielerin“ lustig, indem er auf ernste Art und Weise irgendeinen erfundenen Blödsinn über deren Privatleben erzählte. Wo sich andere „Comedians“ aber dreifach mit Verlegenheitslachern, unnötigen Erklärungen und Augenzwinkern abgesichert hätten, zog Herbst seine Rede überraschend trocken durch, und sorgte damit für einen der wenigen lustigen Momente des Abends.

Im Folgenden ging es jedoch konsequent bergab, denn „Paul Panzer“ betrat die Bühne und stellte auf gewohntem Niveau die Kategorie „Bester Komiker“ vor. Den entsprechenden Preis gewann übrigens Oliver Welke, der die Verkündung auch mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nahm und sich in seiner Rede über die merkwürdige Stempelung zum Komiker mokierte. Der nächste Laudator war Tom Gerhardt, den ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr in solch einem Kontext gesehen hatte, und mir wurde auch schnell klar warum. Selbst wenn ich ihm hoch anrechne, die deutsche Filmkultur mit den Klassikern „Voll normaaal“ und „Ballermann 6“ bereichert zu haben, muss ich ihm leider dennoch raten, sich wieder von der Bühne zurückzuziehen. Auch Comedy-Nervensäge „Olaf Schubert“ durfte eine Rede halten, deren Humorpotential sich wie immer hauptsächlich auf seine Aussprache und sein physisches Auftreten beschränkte. Noch skurriler wurde es, als ausgerechnet der senderübergreifend deplazierte Rea Garvey eine Rede für Bülent Ceylan halten durfte. Letzterer durfte sich nämlich endlich über die Auszeichnung für die meisten verkauften Eintrittskarten freuen, wo die Kamera ihn doch ansonsten stets sichtlich verärgert darüber zeigte, dass ihm in anderen Kategorien trotz Nominierung kein Preis vergönnt war. Er hält sich möglicherweise für unterschätzt, dabei ist das eigentlich kaum möglich.

Mit Kaya Yanar, Michael Mittermeier, dem unvermeidlichen verkleideten Matze Knop, dem unlustigen Hundetrainer Martin Rütter sowie Ingo Appelt folgten noch weitere Tiefpunkte, und dann kam da noch ein tieferer Tiefpunkt: Ein Einspieler zum Tode Dirk Bachs, in dem Humorgrößen wie Elton oder „Mundstuhl“ in selbstgefilmten Einspielern ihre Anteilnahme zeigen. Auch wenn das alles gut gemeint war, hätten sich die Organisatoren der Preisverleihung wohl kaum weniger Mühe geben können. Und wo man sich eben noch wenigstens über die Abwesenheit Mario Barths freuen konnte, erschien dieser plötzlich doch noch in besagtem Einspieler, und als weiterer Fausthieb wurde dann auch noch sein weibliches Pendant „Cindy aus Marzahn“ als beste Komikerin ausgezeichnet. Man fragt sich wirklich, warum dieser Prototyp des Achtklässlerhumors mittlerweile sogar vom ZDF hofiert wird. Andererseits kann man in gewisser Weise doch schon wieder darüber lachen, wenn auch auf einer Metaebene.

Dann gab es da noch die Kategorie „Bester Newcomer“, die Jahr für Jahr zeigt, wie das Comedy-Geschäft hierzulande eigentlich wirklich funktioniert: Welcher Komiker wurde in diesem Jahr wohl trotz unterdurchschnittlicher Humorbegabung derart aggressiv von RTL ins Wochenendprogramm gepresst, mit dem Ziel, ihn möglichst schnell in die Mario-Barth-Liga aufsteigen zu lassen, dass es gar nicht mehr anders als abgekartet wirken kann, wenn er jetzt „zufällig“ auch noch den Newcomer-Preis zugeschoben bekommt? Das kann natürlich nur David Werker sein! Kein Wunder, dass er in seiner Dankesrede ausschließlich sein Management erwähnt, denn ohne lenkende Kräfte hinter den Kulissen hätte er es möglicherweise nicht einmal ins Fernsehen geschafft.

Kurz vor Schluss kamen dann noch Judith Richter und Alexander Schubert als Laudatoren. Keine Sorge, ich habe auch noch nie von denen gehört. Damit wusste Frau Richter aber zu Beginn der Rede gekonnt ironisch umzugehen: „Alle sehen uns an und denken sich: Das ist doch dieser Mann und diese Frau aus dieser Sketch-Comedy!“ Leider überschätzt sie dabei jedoch ihre eigene Prominenz. Es ist lohnenswert, sich diese Laudatio einmal selbst anzusehen, denn sie ist ein Beispiel dafür, wie hölzern ein offensichtlich nicht selbst verfasster aber auswendig gelernter und unnatürlich vorgetragener Dialog herüberkommen kann. Nach unten abgerundet wurde der Abend anschließend noch vom allzu omnipräsenten „Atze Schröder“, der den Ehrenpreis, also sozusagen den Preis für das Lebenswerk, an Gaby Köster verlieh. Unkenrufen zufolge könnte man mutmaßen, sie hätte diesen Preis ohne ihre Erkrankung niemals erhalten. So traurig ein derartiger Schicksalsschlag auch ist, so unangenehm würde mir persönlich als Comedian eine Auszeichnung zu einem solchen Zeitpunkt vorkommen, da man doch eigentlich lieber seine Leistungen ausgezeichnet wissen würde.

Bleibt am Ende nur noch zu sagen, dass man nicht alles Misslungene den anwesenden Komikern und Komikerinnen in die Schuhe schieben sollte, schließlich wurden im Abspann der Sendung explizit die im Hintergrund agierenden Autoren des Abends aufgelistet, darunter Micky Beisenherz und Ralf Husmann. Ich persönlich habe ja einen gewissen Verdacht, wer für die besseren und wer für die schlechteren Reden die Verantwortung tragen könnte. Doch ich werde mir Mühe geben, eher die angenehmen Momente der Verleihung zum Deutschen Comedypreis 2012 in Erinnerung zu behalten, und die anderen 95 % mit diesem Blog-Eintrag dem Vergessen zu übergeben.

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