Slime – Sich fügen heißt lügen (2012)

Ich mag Slime! Ich hatte früher auch einen punkigen Aufnäher von denen auf meinem Rucksack (haha), und ich halte „Schweineherbst“ (1994) sogar immer noch für eines der besten deutschen Punkrock-Alben. Nun ist mittlerweile also die erste Platte der „Slime Revival Band“ erschienen, und nachdem ich ja neulich schon mal ein paar Gedanken zur Slime-Reunion losgeworden bin, habe ich die Platte nun erworben und angehört. Der erste Eindruck war allerdings enttäuschend, was wohl auch daran liegt, dass die Erwartungen an ein Slime-Album naturgemäß unheimlich hoch sein müssen.

„Sich fügen heißt lügen“ geht vielversprechend los mit dem schnellen Titeltrack, der tatsächlich den alten Flair von der letzten LP herüberbringt. Der Sound ist aggressiv und nicht zu glatt, das Riff ist super und die Texte auf der Platte passen erstaunlich gut zum Charakter von Slime. Diese wurden ja bekanntlich alle von Erich Mühsam übernommen, weil die Band ihren wichtigsten Songschreiber, Stephan Mahler, nicht für die Reunion gewinnen konnte. (Dieser nahm das Versprechen von 1994, Slime wolle sich endgültig auflösen, nämlich tatsächlich ernst.) Nach einem wirklich tollen ersten Song kommt dann an zweiter Stelle allerdings gleich eine alberne Punk-Reggae-Mischung, wo man eigentlich froh ist, dass Slime, Razzia und andere klassische 80er-Jahre-Bands nach ihren jeweiligen Debut-LPs von solchen Experimenten abgesehen haben. The Clash nachzueifern war um 1980 zwar sehr beliebt, ging aber damals schon meist schief, und Punk mit Ska oder Reggae zu mischen gehört eigentlich zum Standardrepertoire schlechter Schülerbands, obwohl das Riff von „Rebellen“ doch ziemlich vielversprechend ist. Derartige musikalische Versuche, genau wie auch der Klaviereinsatz im darauf folgenden Lied, erwecken zusammen mit den vielen im Midtempo-Bereich dümpelnden, äußerst rockig ausgefallen Songs Erinnerungen an die „experimentelle“ 1992er LP „Viva la Muerte“, die von Fans eher weniger geschätzt wird, trotz ein paar Hits (von denen „Wind“ immer mein Favorit gewesen ist). So schlecht wie diese ist „Sich fügen heißt lügen“ allerdings meiner Ansicht nach nicht. „Freiheit in Ketten“ hat wieder eine eingängige Mitsing-Melodie zu bieten, und „Bett aus Lehm und Jauche“ erinnert schon vom Aufbau her an den Hit „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

Ich werde allerdings den Eindruck nicht los, dass die Band hier insgesamt mit dem Songwriting etwas überfordert war, denn viele Songs sind mit unkreativen 08/15-Melodien aufgefüllt („Wir geben nicht nach“, „Bürgers Alptraum“, „Zum Kampf“), obwohl „Schweineherbst“ doch so eine große Hit-Dichte hatte. Nur wenige Songs sind direkt auf den Punkt gebracht, kaum ein Song ist kürzer als drei Minuten, viele sind sogar länger als vier Minuten. Man merkt eindeutig, dass die Protagonisten älter geworden sind und lieber den Rock’n’Roll-beeinflussten Punkrock mit viel Gitarrengedudel spielen wollen, den sie selber wohl am liebsten hören. Dies automatisch mit „Weiterentwicklung“ oder dem Etikett „moderner Punk“ erklären zu wollen finde ich zu simpel, siehe 1992. Ganz ehrlich fand ich sogar die Rubberslime-LP „Rock’n’Roll-Genossen“ (2005) besser, weil dort ganz unverkrampft auf Deutschpunk-Klischees verzichtet wurde und die Songs ausgefeilt und voller richtig guter Melodien waren.

Dies sind bis zu dieser Stelle allerdings bloß meine ersten Gedanken gewesen. (Ich habe diesen Artikel tatsächlich in zwei Schritten geschrieben!) Nach ein paar weiteren Durchläufen ist mir in der Zwischenzeit nämlich bewusst geworden, dass ich mit „Schweineherbst“ vielleicht die falsche Messlatte angesetzt hatte, denn wenn ich die neue LP mit dem Klassiker „Alle gegen alle“ (1983) vergleiche, fallen mir doch mehr Parallelen auf als gedacht. Hätte es in den 90ern keine Slime-Alben mehr gegeben, würde „Sich fügen heißt lügen“ sich musikalisch eigentlich wesentlich besser in die Reihe einfügen, denn wie die 80er-Jahre-Platten ist die neue LP von einer durchaus sympathischen Einfachheit geprägt, ohne natürlich vom Nostalgie-Bonus der Klassiker profitieren zu können. Möglicherweise vernebelten die moderne Produktion und das viele Gitarrengedudel meinen Blick, aber ich verstehe mittlerweile die Begeisterung vieler Fans über die neue Platte, und meine Enttäuschung liegt möglicherweise einfach nur daran, dass ich „Schweineherbst“ für den musikalischen Höhepunkt von Slimes Schaffen halte. Derart hin- und hergerissen kann ich an dieser Stelle gar keine richtige Bewertung abgeben. Sicher ist für mich nur, dass die Leute von Slime für ein möglicherweise doch ganz gutes Comeback-Album leider ihren Kultfaktor eingebüßt haben.

Überzeugen Sie sich selbst:

Und als Klassiker noch folgender optischer Leckerbissen:

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