Monatsarchiv: Juli 2012

Pascow/Spermbirds – Split (2012)

Zwei Bands, die ich schätze, die aber nicht nur aus unterschiedlichen Richtungen kommen, sondern auch aus unterschiedlichen Epochen, haben eine Split-EP aufgenommen. Es sind auf der einen Seite die Spermbirds, die schon seit den frühen 80ern ihren festen Platz in der Punkrock-Landschaft haben und heute einen fast schon legendären Status genießen, und auf der anderen Seite Pascow, die es erst in diesem Jahrtausend zu Ruhm und Erfolg gebracht haben, dafür aber erstaunlich schnell.

Als erstes sind Pascow dran, und sie covern zunächst „Spraypaint the Walls“, aber nicht von Black Flag, sondern von der Düsseldorfer Band Cüntsler, von denen ich eigentlich nichts weiß. Ihr zweiter Song ist dann eine etwas holprige Coverversion des Hits „Friseur“ von Dackelblut, einer von mir noch geschätzteren Band. Beide Lieder sind ganz nett, und es ist erstaunlich, dass der Pascow-Sänger „Friseur“ noch unmelodischer rüberbringen kann als Jens Rachut mit seinem berüchtigten Sprechgesang. Damit sind dann auch schon die Spermbirds an der Reihe, von denen es zwei Lieder gibt, die noch aus den Sessions zu „A Columbus Feeling“ (2010) übriggeblieben und dementsprechend eher im Midtempo-Bereich angesiedelt sind. Vor allem „What Jet Said“ kann mich mit seinem atmosphärischen Gitarrenspiel überzeugen. Und am Ende fällt auf, dass beide Bands doch besser zusammenpassen als es erst mal auf dem Papier klingt.

Fast noch besser als die eigentliche Musik ist aber die Aufmachung der EP, denn es handelt sich um eine Doppel-7″ in einem äußerst hübsch gestalteten Klappcover, wobei die Platten auch noch aus jeweils unterschiedlich gefärbtem Vinyl sind. Hier hat man sich Mühe gegeben, und das verdient Anerkennung!

Überzeugen Sie sich selbst:

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Slime – Sich fügen heißt lügen (2012)

Ich mag Slime! Ich hatte früher auch einen punkigen Aufnäher von denen auf meinem Rucksack (haha), und ich halte „Schweineherbst“ (1994) sogar immer noch für eines der besten deutschen Punkrock-Alben. Nun ist mittlerweile also die erste Platte der „Slime Revival Band“ erschienen, und nachdem ich ja neulich schon mal ein paar Gedanken zur Slime-Reunion losgeworden bin, habe ich die Platte nun erworben und angehört. Der erste Eindruck war allerdings enttäuschend, was wohl auch daran liegt, dass die Erwartungen an ein Slime-Album naturgemäß unheimlich hoch sein müssen.

„Sich fügen heißt lügen“ geht vielversprechend los mit dem schnellen Titeltrack, der tatsächlich den alten Flair von der letzten LP herüberbringt. Der Sound ist aggressiv und nicht zu glatt, das Riff ist super und die Texte auf der Platte passen erstaunlich gut zum Charakter von Slime. Diese wurden ja bekanntlich alle von Erich Mühsam übernommen, weil die Band ihren wichtigsten Songschreiber, Stephan Mahler, nicht für die Reunion gewinnen konnte. (Dieser nahm das Versprechen von 1994, Slime wolle sich endgültig auflösen, nämlich tatsächlich ernst.) Nach einem wirklich tollen ersten Song kommt dann an zweiter Stelle allerdings gleich eine alberne Punk-Reggae-Mischung, wo man eigentlich froh ist, dass Slime, Razzia und andere klassische 80er-Jahre-Bands nach ihren jeweiligen Debut-LPs von solchen Experimenten abgesehen haben. The Clash nachzueifern war um 1980 zwar sehr beliebt, ging aber damals schon meist schief, und Punk mit Ska oder Reggae zu mischen gehört eigentlich zum Standardrepertoire schlechter Schülerbands, obwohl das Riff von „Rebellen“ doch ziemlich vielversprechend ist. Derartige musikalische Versuche, genau wie auch der Klaviereinsatz im darauf folgenden Lied, erwecken zusammen mit den vielen im Midtempo-Bereich dümpelnden, äußerst rockig ausgefallen Songs Erinnerungen an die „experimentelle“ 1992er LP „Viva la Muerte“, die von Fans eher weniger geschätzt wird, trotz ein paar Hits (von denen „Wind“ immer mein Favorit gewesen ist). So schlecht wie diese ist „Sich fügen heißt lügen“ allerdings meiner Ansicht nach nicht. „Freiheit in Ketten“ hat wieder eine eingängige Mitsing-Melodie zu bieten, und „Bett aus Lehm und Jauche“ erinnert schon vom Aufbau her an den Hit „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

Ich werde allerdings den Eindruck nicht los, dass die Band hier insgesamt mit dem Songwriting etwas überfordert war, denn viele Songs sind mit unkreativen 08/15-Melodien aufgefüllt („Wir geben nicht nach“, „Bürgers Alptraum“, „Zum Kampf“), obwohl „Schweineherbst“ doch so eine große Hit-Dichte hatte. Nur wenige Songs sind direkt auf den Punkt gebracht, kaum ein Song ist kürzer als drei Minuten, viele sind sogar länger als vier Minuten. Man merkt eindeutig, dass die Protagonisten älter geworden sind und lieber den Rock’n’Roll-beeinflussten Punkrock mit viel Gitarrengedudel spielen wollen, den sie selber wohl am liebsten hören. Dies automatisch mit „Weiterentwicklung“ oder dem Etikett „moderner Punk“ erklären zu wollen finde ich zu simpel, siehe 1992. Ganz ehrlich fand ich sogar die Rubberslime-LP „Rock’n’Roll-Genossen“ (2005) besser, weil dort ganz unverkrampft auf Deutschpunk-Klischees verzichtet wurde und die Songs ausgefeilt und voller richtig guter Melodien waren.

Dies sind bis zu dieser Stelle allerdings bloß meine ersten Gedanken gewesen. (Ich habe diesen Artikel tatsächlich in zwei Schritten geschrieben!) Nach ein paar weiteren Durchläufen ist mir in der Zwischenzeit nämlich bewusst geworden, dass ich mit „Schweineherbst“ vielleicht die falsche Messlatte angesetzt hatte, denn wenn ich die neue LP mit dem Klassiker „Alle gegen alle“ (1983) vergleiche, fallen mir doch mehr Parallelen auf als gedacht. Hätte es in den 90ern keine Slime-Alben mehr gegeben, würde „Sich fügen heißt lügen“ sich musikalisch eigentlich wesentlich besser in die Reihe einfügen, denn wie die 80er-Jahre-Platten ist die neue LP von einer durchaus sympathischen Einfachheit geprägt, ohne natürlich vom Nostalgie-Bonus der Klassiker profitieren zu können. Möglicherweise vernebelten die moderne Produktion und das viele Gitarrengedudel meinen Blick, aber ich verstehe mittlerweile die Begeisterung vieler Fans über die neue Platte, und meine Enttäuschung liegt möglicherweise einfach nur daran, dass ich „Schweineherbst“ für den musikalischen Höhepunkt von Slimes Schaffen halte. Derart hin- und hergerissen kann ich an dieser Stelle gar keine richtige Bewertung abgeben. Sicher ist für mich nur, dass die Leute von Slime für ein möglicherweise doch ganz gutes Comeback-Album leider ihren Kultfaktor eingebüßt haben.

Überzeugen Sie sich selbst:

Und als Klassiker noch folgender optischer Leckerbissen:

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Shopping II

Hallo, ihr Lieben! Da sich, wie ich vor einigen Monaten schon schrieb, Blogs einer besonderen Beliebtheit erfreuen, in denen verwöhnte Jugendliche mit reichen Eltern präsentieren, was sie gerade gekauft haben, kommt hier zwecks Lesergewinnung ein bisschen Nachschub von mir. <3

Die Designer dieser Verpackung haben ein zweischneidiges Verständnis für Ästhetik: Einerseits schreiben sie „Preßsack“ nach alter Rechtschreibung, um keine drei s hintereinander haben zu müssen. Sehr ansprechend! Andererseits ist der Inhalt nach dem Öffnen vermutlich nicht ganz so geschmeidig komponiert.

„Preßsack“ wäre übrigens auch ein toller Szeneausdruck für bestimmte Aktivitäten im BDSM-Bereich.

Klingt „Bierkugel“ da nicht wesentlich einladender?

Das hier könnte ich mir sehr gut als Buchtitel vorstellen. „Streit! – Saure Nieren“, ein Roman, der mitunter auch zum Nachdenken anregt. Ähnlich wie in einer Fabel tragen darin anthropomorphisierte Organe ihre Konflikte in einer beeindruckenden verbalen Auseinandersetzung aus.

Bis zum nächsten Mal, XOXO, Eure Roulade.

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Dudelfunk III

Das neueste Lied, das mir in der Heavy Rotation von 1 Live schon nach dem ersten Hören auf den Sack gegangen ist, kommt überraschenderweise mal wieder aus Schweden, und nennt sich „I Follow Rivers“, obwohl ich hätte schwören können, dass irgendwie „Aa“ im Titel vorkommen müsste, zumal es dem Song besser gerecht werden würde. Denn auch hier handelt es sich um völlig triviale „Dance“-Musik, die man aus den späten 90er Jahren noch kennt*, als es zum Ideal der Popmusik wurde, dass drei Minuten Song mit einem konstant wiederholten Refrain gefüllt werden. Auch in diesem Fall hat man den Eindruck, 90 % des Songs bestünden ausschließlich aus den bis zum Erbrechen wiederholten Zeilen „I, I follow, I follow you, deep sea baby, I follow you/I, I follow, I follow you, dark boom honey, I follow you.“  Bei dieser übersprudelnden Kreativität der 26jährigen Sängerin Lykke Li musste ihr Berufsweg natürlich schon vorgegeben sein, denn wie sie selbst sagt:

Für mich war es immer klar, dass ich später etwas mir [sic] Kunst machen möchte. […] Ich habe überlegt ob es Mode oder Malerei sein könnte, bis ich mich für die Musik als Ausdrucksform entschied.**

Ihre reichen Eltern bezahlten der ausgebufften Künstlerin also prompt Musikinstrumente und was sie sonst noch alles zur Selbstverwirklichung benötigte, wie zum Beispiel Weltreisen, eine Wohnung in New York und natürlich ein eigenes Plattenlabel (!). Ohne sich also erst mühevoll hochspielen zu müssen, kam für Lykke Li schnell der große Erfolg bei jungen Leuten, die sich mit ihrer „artsy“ Herangehensweise identifizieren können (also eine Teilmenge der Kategorie „Hipster“), und natürlich bei Liebhabern belangloser Dudelmusik, weshalb sie auch schon bald einen Song für einen „Twilight“-Soundtrack aufnehmen durfte. Glücklicherweise gibt es für den anspruchsvolleren Musikfreund aber mittlerweile einen Hoffnungsschimmer, denn laut Wikipedia hat die mittelmäßig begabte Schwedin neuerdings eine neue Arbeitsstelle in dem „Beruf“ gefunden, der ihr eher zu liegen scheint, nämlich dem des Models. Dort wird nämlich das zelebriert, was Frau Li sich wohl schon immer als Ziel ihrer Selbstverwirklichung gewünscht hat: mit bedeutungsvoll aufgeblasener Oberflächlichkeit ins Rampenlicht zu kommen. Hauptsache, sie macht dann auch keine Musik mehr!

„I Follow Rivers“ ist nämlich derzeit der nervigste, weil repetitivste Radiosong, der in Deutschland regelmäßig über den Äther dudelt. Lykke füllt damit eine Lücke (haha), die uns schon vor drei Jahren mit „Jungle Drum“ (Emiliana Torrini) und vor zwei Jahren mit „Hollywood“ (Marina and the Diamonds) aufgezeigt wurde: Den Sommerhit, der von einem jungen, mainstream-hübschen One-Hit-Wonder gesungen wird, welchem zu Vermarktungszwecken irgendwie die Prädikate „indie“ und „alternative“ umgehängt wurden. Irgendwie ist es aber letztendlich doch nur triviale Popmusik.

Überzeugen Sie sich selbst:

* Ich weiß, dass es sich bei dem im Radio gespielten Lied um einen Remix handelt; das Original ist aber musikalisch nur unwesentlich anspruchsvoller.

** Das Zitat stammt von dieser Seite, auf die ich natürlich über den Wikipedia-Artikel gekommen bin.

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