Monatsarchiv: Juni 2012

Pennywise – All or Nothing (2012)

Wenn man unter Punks in meiner Altersklasse eine Umfrage darüber durchführen würde, mit welchen Bands man als Jugendlicher den Einstieg ins Genre gefunden habe, dann dürften sich hierzulande vor allem vier große Fraktionen herauskristallisieren: Diejenigen, die damals mit deutschsprachigem Punkrock angefangen haben, kamen natürlich oft über Die Ärzte oder Die Toten Hosen auf den Geschmack; wem das aber zu poserhaft war, der hörte lieber schon die wesentlich cooleren WIZO oder die Terrorgruppe. Dann gibt es noch diejenigen, die über amerikanischen Punkrock den Einstieg fanden, und zwar entweder mit den von MTV bekannten Green Day und The Offspring, oder gleich mit den coolen Epitaph- und Fat-Wreck-Bands* wie NOFX, No Use for a Name oder natürlich Pennywise. Von denen bestellte man sich dann die Bandshirts und Aufnäher oder kritzelte die Bandlogos auf alle freien Stellen in Schulheften. Vor allem das ikonische Pennywise-Logo mit den eingekreisten Buchstaben P und W eignete sich gut dazu.

Ich persönlich gehöre zur letzteren Gruppe und kam mit 14 über Bad Religion und die ganzen Skatepunk-Bands zunächst zum 80er-Hardcore und dann zu deutschsprachigem Punkrock. Pennywise sind mir daher natürlich ein Begriff, auch wenn ich mir seit 2003 kein Album mehr von ihnen angehört habe. Nun war ja in den letzten Jahren der Nachricht schwer auszuweichen, dass Sänger Jim Lindberg die Band 2009 verlassen hatte und der Rest sich Zoli Téglás von den hochgeschätzten Ignite als Ersatz holte. Nun sind Sänger ja für gewöhnlich diejenigen, deren Ausstieg Bands am wenigsten verkraften können, da es ja beim Ersetzen eines Sängers ewig alte Fans geben wird, die den alten zurückfordern und dem neuen die Berechtigung absprechen. Eine Stimme lässt sich ja schwieriger imitieren als eine Spieltechnik an der Gitarre, zumal die Technik beim Punkrock ohnehin (meist freiwillig) eingeschränkt ist. Zoli Téglás ist aber nun kein unbeschriebenes Blatt und wusste wohl schnell zu überzeugen, und nun ist letzten Monat die erste Pennywise-LP mit ihm als Frontmann erschienen. Normalerweise hätte mich das gar nicht interessiert, aber nachdem ich viele überraschend positiv gestimmte Reviews gelesen hatte, hörte ich nun auch mal rein, und die Platte verbreitet tatsächlich ein angenehm nostalgisches Gefühl bei mir.

Für kurze Zeit fühle ich mich bei „All or Nothing“ (Epitaph Records) in die Zeit zurückversetzt, in der bei mir die meiste Zeit 90er-Jahre-Melodycore lief. Aber der Nostalgiefaktor allein wäre natürlich noch keine positive Auszeichnung, schließlich treten die Rolling Stones auch immer noch auf, und das bestimmt nicht, weil die Leute unbedingt neue Songs hören wollen. Die Pennywise-Platte bietet tatsächlich eine Reihe starker Songs und Ohrwürmer, wie ich sie seit „Fuck Authority“ (2001) nicht mehr erwartet hätte, und klingt dabei auch noch so rau, frisch und zeitgemäß, dass die ganze Aktion nicht zu einem Aufstand alter Männer verkommt. Wie sich herausstellt, ist Jim Lindbergs Weggang absolut zu verschmerzen, auch wenn der Titel „All or Nothing“ natürlich gut das Risiko beschreibt, das die Band hierfür eingegangen sind. Sämtliche Befürchtungen können beiseitegeräumt werden, wenn der Titeltrack als Opener ein anständiges Tempo vorlegt und mit einem Mitgrölrefrain glänzt, woran sich nahtlos das ebenso schnelle „Waste Another Day“ anschließt. Spätestens hier stellte sich ein Mitwippen bei mir ein, verbunden mit guter Laune. „Revolution“ und das hymnische „Let Us Hear Your Voice“ sind echte Hits, auch wenn Aufrufe zur Revolution bei vielen dieser berühmten Bands, die sich ja oft ein finanzielles Polster erspielt haben, ein wenig unglaubwürdig klingen. Das soll mir an dieser Stelle aber nicht so wichtig sein, solange die Band auf der richtigen Seite steht.

Auf jeden Fall haben Pennywise hier ein wirklich nettes Album aufgenommen, das eigentlich kaum einer so richtig scheiße finden kann. Auch wenn ich jetzt nicht wieder zum Fan dieser Musikrichtung werde, finde ich, dass die ruhig so weiter machen können, solange immer ein paar neue Hits dabei herausspringen. Und dafür, dass mir „Bro Hymn“, das seit einigen Jahren auf merkwürdigen Indie-Partys von fragwürdigen Volltrotteln kaputtgetanzt wird, mittlerweile auf die Nerven geht, kann die Band eigentlich gar nichts. Was allerdings noch besser ist: Brett Gurewitz, auf dessen Label Pennywise ja schon seit Ewigkeiten ihre Platten herausbringen, fühlte sich von dem Oldschool-Geist auf „All or Nothing“ angeblich so inspiriert, dass er die nächste Bad-Religion-LP wie den Klassiker „No Control“ (1989) klingen lassen will. Da bin ich aber mal gespannt!

Überzeugen Sie sich selbst:

* Mit den zeitweise lustigen Überschneidungen WIZO bei Fat Wreck und Terrorgruppe bei Epitaph.

Ein Kommentar

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Süddeutsche Zeitung

Da sehe ich auf der Website der Süddeutschen Zeitung heute ganz groß den falsch betitelten Artikel „Rechtsextremistische Tendenzen entzweien Burschenschaften“. Korrekt muss die Überschrift selbstverständlich lauten: „Rechtsextremistische Tendenzen vereinen Burschenschaften“. Darauf wollte ich schnell noch hinweisen, bevor dieser Lapsus korrigiert wird.

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The Offspring

„Ist das noch Punkrock?“ Nicht, dass sich diese Frage bei einer Band wie The Offspring nicht sowieso schon seit langem erübrigen würde, aber dank Metal Hammer kann man nun einen weiteren Minuspunkt für die Ex-Punkband aus Orange County verbuchen: Die Band scheint so eitel geworden zu sein, dass sie ihr Management offenbar dazu angehalten hat, Konzertfotografen Knebelverträge aufzuzwingen. Denen zufolge hätte ein jeder Fotograf nicht nur sämtliche Fotos vom Management abnicken lassen, sondern sich auch an mehrere weitere Einschränkungen halten müssen.

Das fügt sich gut in den Rest der Bandgeschichte ein, die ich hierzu einemal kurz rekapitulieren möchte: Mitte der 80er Jahre angeblich nach einem Social-Distortion-Konzert gegründet, sprangen The Offspring Anfang der 90er auf den melodischen Punkrock-Zug auf, den Bad Religion 1988 mit „Suffer“ gestartet hatten, und schafften es damit dann auch zu Epitaph Records, wo diese Stilrichtung damals ihr festes Zuhause hatte (Stichwort „Uffta-Uffta“). Nachdem ihre 1994er Platte „Smash“ ein Überraschungserfolg wurde (und bis heute das meistverkaufte Album eines Indie-Labels aller Zeiten ist), kehrten sie ihren alten Freunden aber den Rücken zu und versuchten ihr Glück bei einem Major-Label. Mit dem Plan, sich am Radiogeschmack anzubiedern, wurden sie noch erfolgreicher, weil alberne Popsongs wie „Pretty Fly (For a White Guy)“, „Hit That“ oder das von den Beatles „inspirierte“ „Why Don’t You Get a Job?“ über MTV und ähnliche Medien direkt in die Herzen „rebellischer“ Teenager gingen. Die Musik wurde also immer seichter und glatter, und während sich Punkrock-Hörer zügig abwendeten, konnte die Band nun Rekordumsätze mit T-Shirts und Aufnähern erzielen, für die (grob geschätzt) Millionen halbwüchsiger Skater ihr Taschengeld ausgaben.

Nun sind The Offspring seit Anfang des Jahrtausends so langsam aus dem Rampenlicht entrückt, wie die früheren Fans aus ihrem Skate-Alter; dafür sind letztere aber mittlerweile berufstätig, und somit die idealen Besucher für ein nostalgisches Konzert einer gealterten Rockband, dessen Eintrittskarten knapp 40 Euro kosten. Da kann man sich dann natürlich auch benehmen wie Rockstars, und jeden Rotz vorher vom Management autorisieren lassen. Um damit dann noch die am Anfang gestellte Frage zu beantworten: „Ich glaube nicht!“ (Und ich zitiere aus Altersgründen eigentlich nur extrem selten Die Ärzte!)

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