Dudelfunk II

Europa – jedenfalls der Teil, der sich für den Schlager-Grand-Prix interessiert – hat gestern mal wieder einen furchtbaren Musikgeschmack bewiesen, denn beim diesjährigens Eurovision Song Contest hat das schreckliche Lied „Euphoria“ von einer schwedischen Sängerin namens Loreen gewonnen. ARD-Standardkommentator Peter Urban meinte in der gestrigen Livesendung, als sich der schwedische Sieg während der Punktevergabe immer mehr abzeichnete, dass es einen echten Siegertitel auszeichne, wenn er aus allen Ländern Punkte bekäme. Wenn der schwedische Song also gewissermaßen ein europäischer „Grundkonsens“ in musikalischer Hinsicht sein soll, dann ist es wirklich so schlimm, wie man es als kritischer Mensch erwartet.

Der Siegertitel ist nämlich so unterirdisch, dass es der Vergleich Peter Urbans mit diesem aktuell angesagten DJ David Gütta gut traf: „Euphoria“ ist nervigster Kirmes-Techno, den man üblicherweise an Straßenkreuzungen hört, wenn Ed Hardy tragende Sonnenstudiobewohner das Fenster ihres gebrauchten 3er-BMWs herunterkurbeln und Passanten an ihrem „Musikgeschmack“ teilhaben lassen. Oder aber wenn man Bus oder Straßenbahn fährt und die Nachwuchssonnenstudiobewohner sich rudelweise gegenseitig ihre eigene Männlichkeit bestätigen, indem sie ihre Mobiltelefone laut aufdrehen. Das einzige, was „Euphoria“ in dieser Hinsicht noch zur „Perfektion“ fehlt, ist ein großzügiger Autotune-Einsatz, was uns aber vermutlich wegen der Regularien des Wettbewerbs bislang glücklicherweise erspart geblieben ist.

Singen kann die Loreen, das kann man ruhig zugeben, aber das extrem anstrengende Synthesizer-Gedudel, das an 90er-Jahre-Eurodance erinnert („Saw Lead“ sagt der Musiker dazu, siehe auch Zypern) unterstreicht nur das primitive Songwriting, das dem Zuhörer rücksichtslos die immer gleichen vier Takte Refrain ins Gehör prügeln will. Besonders schlimm fand ich persönlich schon im Halbfinale die Stelle im Refrain, in der die Instrumentierung der Gesangsmelodie folgt, und zwar in etwa so:

Noten

Ich hielt dies eigentlich immer für einen Anfängerfehler im Songwriting, wenn man Akkordbegleitung noch nicht von Melodie abstrahieren kann, aber bei „Tanzmusik“ gilt das wohl nicht. Die Sängerin macht zu der Musik dann „mystische“ Handbewegungen und Tanzbewegungen, die wie eine Mischung aus Dr. Zoidberg und einem Waldorfschüler, der den Songtext tanzt, aussehen. Besonders kitschig wird dann die Bridge, in der Loreen am Boden kriecht, während Kunstschnee aus Polystyrolkügelchen auf sie regnet. Ganz schön schmalzig! Und nichts für mich.

Denn wenn man schon schmalzige Lieder zum Song Contest schicken will, dann sollten es auch gute Kompositionen sein, so wie der britische Beitrag (ja, wirklich!). Denn „Love Will Set You Free“ von Kultsänger Engelbert Humperdinck ist zum Beispiel ein rundum gelungener Song, der mit passenden Tonartwechseln tolle Spannungsbögen aufbaut, aber leider die undankbare erste Startposition zugelost bekam. Dass solch eine qualitative Komposition letztendlich nur den vorletzten Platz erreichte, und auch so viele andere aus dem Bumm-Bumm-Einheitsbrei herausstechende Songs auf den hinteren Rängen landeten (oder es gar nicht erst ins Finale schafften), müsste dem NDR (und der BBC, und so weiter) eigentlich zeigen, wie sinnlos dieser Wettbewerb geworden ist, zumal selbst in Ländern mit Jury-Abstimmung die miesesten Songs trotzdem ganz oben standen. Schöne Grüße gehen hier von mir an Italien, das als einziges Land dem schwedischen Beitrag null Punkte gab. Ich werde nun in den kommenden Wochen versuchen, an Straßenkreuzungen dem Song von Loreen aus dem Weg zu gehen.

Überzeugen Sie sich selbst:

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen, Musik

Eine Antwort zu “Dudelfunk II

  1. Ich habe mir gestern den ESC auch angesehen, zusammen mit ganz vielen Freunden und Bekannten. Und wirklich: Mir bleibt es auch ein Wunder, wie das da gewinnen konnte! Es ist jetzt nicht so grässlich, aber es gab definitiv einige bessere Teilnehmer. Aber noch schlimmer ist ja wirklich, dass die Babuschki den zweiten Platz bekommen haben! Süß sind die zwar. aber das Lied..!!??
    Sehr schönen Blog hast du da übrigens :D
    Liebe liebe Grüße, Lisa :**

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