Dudelfunk I

Da ich vormittags häufiger in den Genuss komme, Sender wie 1 Live hören zu müssen (den „Jugendsender“ des WDR), möchte ich die Gelegenheit nutzen, meinen Unmut über die heutige Popmusik per Blog in die Welt zu rotzen (denn wenn sich alle außerhalb des Mainstreams dafür zu schade sind, tut es ja gar keiner). Einer der aktuellsten Neuzugänge in die dortige Heavy-Rotation-Endlosschleife ist ein Lied namens „We Are Young“ von einer Band mit dem originellen Namen „Fun“. Das Lied ist wohl schon 2011 in den USA erschienen, vor einigen Monaten überraschenderweise auf Platz 1 der Billboard-Charts gelandet, und deswegen nun auch in Europa veröffentlicht worden. Gemessen an der praktisch stündlichen Wiederholung dieses Songs im Radio und dessen sich häufenden Verwendung als Hintergrundmusik im Privatfernsehen droht uns in Deutschland nun wohl dasselbe.

Wann immer dieser Song beginnt, steigen in mir die Aggressionen. Nicht nur, dass der Sänger den Refrain mit einer penetranten Eunuchenstimme singt und das Wort „tonight“ auf die Länge von zehn Tönen zieht; schon beim ersten Hören entsteht der Eindruck, dass der ganze Song fast ausschließlich aus dem Refrain besteht, der buchstäblich ad nauseam wiederholt wird. „Toni-i-i-i-i-i-i-ght, we are young“, heult der Sänger da gefühlte 100 mal ins Mikrofon, was allein schon albern ist, denn „Jugend“ ist ein so diffuser Zeitabschnitt, dass man ihn nicht tagesgenau definieren kann. „So let’s set the world on fire“, aber fangt bitte mit euren Instrumenten an, möchte man sagen*. Wenn man sich als Songtexter schon poetisch geben möchte, dann also bitte nicht auf Schülerniveau. Allerdings passt das wiederum gut zur hippen, „ironischen“ Partyjugend von heute, die sich dabei „gefällt mir“ denkt (oder sogar „leider geil“).

Der ganze Song ist dann auch noch so ein schmieriger und furchtbarer Stadionrock, dass man ihn auch mit der Ausrede „Satire“ nicht erträglich machen kann. Dagegen schreiben Muse richtig tolle Lieder, und auch „We Will Rock You“ macht wieder richtig Freude, wenn man vorher dieses Lied ertragen musste. Mit „We Are Young“ hat die Band „Fun“ alle möglichen Regeln für Fließband-Hits berücksichtigt: Angefangen bei der klassischen Ohrwurm-Akkordfolge F-Dm-B-C, über die großen Intervallsprünge in der Melodie (an passender Stelle natürlich mehrstimmig), bis hin zum überproduzierten, hallgetränkten Schlagzeug. In Verbindung mit einem Refraintext, der so kurz ist und so oft wiederholt wird, dass ihn sich jeder Trottel zum Mitsingen merken kann, bleibt der Song dementsprechend auch ganz sicher bei etwa 90 % der Zuhörer automatisch im Kopf hängen. Der Schmalz trieft aus jedem Takt, und die akustische Folter erreicht ihren Höhepunkt in der Bridge, die aus einer affigen Kindermelodie besteht, für die man als mündiger Hörer sofort einem Verantwortlichen eine Torte mit ebenso viel Zuckerguss ins Gesicht schmeißen möchte.

Die englischsprachige Wikipedia behauptet, „We Are Young“ bekäme „immense praise and positive commentary from major music critics and is considered a breakthrough for the indie music genre.“ Das ist natürlich kein Wunder, denn Popmusik wird schließlich auch hauptsächlich von Popmagazinen besprochen, die den immer gleichen musikalischen Müll automatisch abfeiern. An Menschen mit Musikgeschmack geht derartiges für gewöhnlich völlig vorbei, weil sie den Mainstream an sich vorübergehen lassen, aber ich bin der Meinung, dass man hier trotzdem einen Gegenpol schaffen sollte, weil sich sonst ja auch nichts ändern kann, also: Nach Meinung des kompetenten und erfahrenen Musikkritikers Roulade ist dieser Song vollständig durchgefallen und hat höchstens eine Daseinsberechtigung, um in Guantanamo die Metallica-Songs abzulösen. Und „Indie“ ist hier weder die glattpolierte und anbiedernde Musik noch das zu Warner Music gehörende Label „Fueled by Ramen“, das übrigens auch für viele dieser weinerlichen Kinder-Emo-Bands der letzten zehn Jahre verantwortlich ist. Hoffentlich zieht dieser Kelch schnell an uns vorüber!

Überzeugen Sie sich selbst:

(Und wenn das nicht geht, wählen Sie die Piratenpartei, oder machen Sie für zehn Minuten das Radio an.)

* Dabei klingt die Musik so synthetisch, dass sie eigentlich auch komplett am Rechner produziert worden sein könnte.

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