Monatsarchiv: Mai 2012

Dudelfunk II

Europa – jedenfalls der Teil, der sich für den Schlager-Grand-Prix interessiert – hat gestern mal wieder einen furchtbaren Musikgeschmack bewiesen, denn beim diesjährigens Eurovision Song Contest hat das schreckliche Lied „Euphoria“ von einer schwedischen Sängerin namens Loreen gewonnen. ARD-Standardkommentator Peter Urban meinte in der gestrigen Livesendung, als sich der schwedische Sieg während der Punktevergabe immer mehr abzeichnete, dass es einen echten Siegertitel auszeichne, wenn er aus allen Ländern Punkte bekäme. Wenn der schwedische Song also gewissermaßen ein europäischer „Grundkonsens“ in musikalischer Hinsicht sein soll, dann ist es wirklich so schlimm, wie man es als kritischer Mensch erwartet.

Der Siegertitel ist nämlich so unterirdisch, dass es der Vergleich Peter Urbans mit diesem aktuell angesagten DJ David Gütta gut traf: „Euphoria“ ist nervigster Kirmes-Techno, den man üblicherweise an Straßenkreuzungen hört, wenn Ed Hardy tragende Sonnenstudiobewohner das Fenster ihres gebrauchten 3er-BMWs herunterkurbeln und Passanten an ihrem „Musikgeschmack“ teilhaben lassen. Oder aber wenn man Bus oder Straßenbahn fährt und die Nachwuchssonnenstudiobewohner sich rudelweise gegenseitig ihre eigene Männlichkeit bestätigen, indem sie ihre Mobiltelefone laut aufdrehen. Das einzige, was „Euphoria“ in dieser Hinsicht noch zur „Perfektion“ fehlt, ist ein großzügiger Autotune-Einsatz, was uns aber vermutlich wegen der Regularien des Wettbewerbs bislang glücklicherweise erspart geblieben ist.

Singen kann die Loreen, das kann man ruhig zugeben, aber das extrem anstrengende Synthesizer-Gedudel, das an 90er-Jahre-Eurodance erinnert („Saw Lead“ sagt der Musiker dazu, siehe auch Zypern) unterstreicht nur das primitive Songwriting, das dem Zuhörer rücksichtslos die immer gleichen vier Takte Refrain ins Gehör prügeln will. Besonders schlimm fand ich persönlich schon im Halbfinale die Stelle im Refrain, in der die Instrumentierung der Gesangsmelodie folgt, und zwar in etwa so:

Noten

Ich hielt dies eigentlich immer für einen Anfängerfehler im Songwriting, wenn man Akkordbegleitung noch nicht von Melodie abstrahieren kann, aber bei „Tanzmusik“ gilt das wohl nicht. Die Sängerin macht zu der Musik dann „mystische“ Handbewegungen und Tanzbewegungen, die wie eine Mischung aus Dr. Zoidberg und einem Waldorfschüler, der den Songtext tanzt, aussehen. Besonders kitschig wird dann die Bridge, in der Loreen am Boden kriecht, während Kunstschnee aus Polystyrolkügelchen auf sie regnet. Ganz schön schmalzig! Und nichts für mich.

Denn wenn man schon schmalzige Lieder zum Song Contest schicken will, dann sollten es auch gute Kompositionen sein, so wie der britische Beitrag (ja, wirklich!). Denn „Love Will Set You Free“ von Kultsänger Engelbert Humperdinck ist zum Beispiel ein rundum gelungener Song, der mit passenden Tonartwechseln tolle Spannungsbögen aufbaut, aber leider die undankbare erste Startposition zugelost bekam. Dass solch eine qualitative Komposition letztendlich nur den vorletzten Platz erreichte, und auch so viele andere aus dem Bumm-Bumm-Einheitsbrei herausstechende Songs auf den hinteren Rängen landeten (oder es gar nicht erst ins Finale schafften), müsste dem NDR (und der BBC, und so weiter) eigentlich zeigen, wie sinnlos dieser Wettbewerb geworden ist, zumal selbst in Ländern mit Jury-Abstimmung die miesesten Songs trotzdem ganz oben standen. Schöne Grüße gehen hier von mir an Italien, das als einziges Land dem schwedischen Beitrag null Punkte gab. Ich werde nun in den kommenden Wochen versuchen, an Straßenkreuzungen dem Song von Loreen aus dem Weg zu gehen.

Überzeugen Sie sich selbst:

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Dudelfunk I

Da ich vormittags häufiger in den Genuss komme, Sender wie 1 Live hören zu müssen (den „Jugendsender“ des WDR), möchte ich die Gelegenheit nutzen, meinen Unmut über die heutige Popmusik per Blog in die Welt zu rotzen (denn wenn sich alle außerhalb des Mainstreams dafür zu schade sind, tut es ja gar keiner). Einer der aktuellsten Neuzugänge in die dortige Heavy-Rotation-Endlosschleife ist ein Lied namens „We Are Young“ von einer Band mit dem originellen Namen „Fun“. Das Lied ist wohl schon 2011 in den USA erschienen, vor einigen Monaten überraschenderweise auf Platz 1 der Billboard-Charts gelandet, und deswegen nun auch in Europa veröffentlicht worden. Gemessen an der praktisch stündlichen Wiederholung dieses Songs im Radio und dessen sich häufenden Verwendung als Hintergrundmusik im Privatfernsehen droht uns in Deutschland nun wohl dasselbe.

Wann immer dieser Song beginnt, steigen in mir die Aggressionen. Nicht nur, dass der Sänger den Refrain mit einer penetranten Eunuchenstimme singt und das Wort „tonight“ auf die Länge von zehn Tönen zieht; schon beim ersten Hören entsteht der Eindruck, dass der ganze Song fast ausschließlich aus dem Refrain besteht, der buchstäblich ad nauseam wiederholt wird. „Toni-i-i-i-i-i-i-ght, we are young“, heult der Sänger da gefühlte 100 mal ins Mikrofon, was allein schon albern ist, denn „Jugend“ ist ein so diffuser Zeitabschnitt, dass man ihn nicht tagesgenau definieren kann. „So let’s set the world on fire“, aber fangt bitte mit euren Instrumenten an, möchte man sagen*. Wenn man sich als Songtexter schon poetisch geben möchte, dann also bitte nicht auf Schülerniveau. Allerdings passt das wiederum gut zur hippen, „ironischen“ Partyjugend von heute, die sich dabei „gefällt mir“ denkt (oder sogar „leider geil“).

Der ganze Song ist dann auch noch so ein schmieriger und furchtbarer Stadionrock, dass man ihn auch mit der Ausrede „Satire“ nicht erträglich machen kann. Dagegen schreiben Muse richtig tolle Lieder, und auch „We Will Rock You“ macht wieder richtig Freude, wenn man vorher dieses Lied ertragen musste. Mit „We Are Young“ hat die Band „Fun“ alle möglichen Regeln für Fließband-Hits berücksichtigt: Angefangen bei der klassischen Ohrwurm-Akkordfolge F-Dm-B-C, über die großen Intervallsprünge in der Melodie (an passender Stelle natürlich mehrstimmig), bis hin zum überproduzierten, hallgetränkten Schlagzeug. In Verbindung mit einem Refraintext, der so kurz ist und so oft wiederholt wird, dass ihn sich jeder Trottel zum Mitsingen merken kann, bleibt der Song dementsprechend auch ganz sicher bei etwa 90 % der Zuhörer automatisch im Kopf hängen. Der Schmalz trieft aus jedem Takt, und die akustische Folter erreicht ihren Höhepunkt in der Bridge, die aus einer affigen Kindermelodie besteht, für die man als mündiger Hörer sofort einem Verantwortlichen eine Torte mit ebenso viel Zuckerguss ins Gesicht schmeißen möchte.

Die englischsprachige Wikipedia behauptet, „We Are Young“ bekäme „immense praise and positive commentary from major music critics and is considered a breakthrough for the indie music genre.“ Das ist natürlich kein Wunder, denn Popmusik wird schließlich auch hauptsächlich von Popmagazinen besprochen, die den immer gleichen musikalischen Müll automatisch abfeiern. An Menschen mit Musikgeschmack geht derartiges für gewöhnlich völlig vorbei, weil sie den Mainstream an sich vorübergehen lassen, aber ich bin der Meinung, dass man hier trotzdem einen Gegenpol schaffen sollte, weil sich sonst ja auch nichts ändern kann, also: Nach Meinung des kompetenten und erfahrenen Musikkritikers Roulade ist dieser Song vollständig durchgefallen und hat höchstens eine Daseinsberechtigung, um in Guantanamo die Metallica-Songs abzulösen. Und „Indie“ ist hier weder die glattpolierte und anbiedernde Musik noch das zu Warner Music gehörende Label „Fueled by Ramen“, das übrigens auch für viele dieser weinerlichen Kinder-Emo-Bands der letzten zehn Jahre verantwortlich ist. Hoffentlich zieht dieser Kelch schnell an uns vorüber!

Überzeugen Sie sich selbst:

(Und wenn das nicht geht, wählen Sie die Piratenpartei, oder machen Sie für zehn Minuten das Radio an.)

* Dabei klingt die Musik so synthetisch, dass sie eigentlich auch komplett am Rechner produziert worden sein könnte.

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Jupiter Jones

Es ist ja nichts Neues, dass in letzter Zeit viele Leute, die sich zumindest selbst für Künstler halten, in Medien wie Spiegel Online herumjammern, weil sie Angst vor der Piratenpartei haben. Diese werden dann seitenweise in den Kommentarbereichen von Leuten gefeiert, deren Verständnis von Musik oder Kultur gleichbedeutend mit dem ist, was Major-Labels und ähnliche Konzerne so im Programm haben (also Leute, wie man sie auf eben solchen Seiten auch häufig findet). Nun hat sich auch der Gitarrist von Jupiter Jones dazugesellt; einer Band, deren Musik ich zwar nie besonders mochte, die mir aber wegen ihrer Ursprünge in der Punkszene nicht ganz unsympathisch war. Ich bin 2007 aus Neugier mal auf einem Konzert von ihnen gewesen, also in jener Zeit, in der die Band „allenfalls gut unterrichteten Musikfans ein Begriff“ (Spiegel Online) war, und fand, dass die Musik wie Muff Potter in ihrer Major-Zeit klang, nur noch seichter, kombiniert mit langweiligen Befindlichkeitstexten, und deswegen nicht so richtig was für mich war. Weil ich damals allerdings noch nicht wusste, dass die sympathischen Indie-Veröffentlichungen von damals für die Band nur eine Vorstufe auf dem kontinuierlichen Weg in Richtung Major-Vertrag waren, muss ich, der den Punk mit Löffeln gefressen hat, nun ein paar Anmerkungen zu dem loswerden, was der Gitarrist (der mit seinem albernen Vollbart, dem überdimensionierten Brillengestell und der Wollmütze, „obwohl er gar nicht friert“ (frei nach Chefdenker), jeden Hipster-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnen würde) nun sagt*:

  • „Ohne die geht es im Musikgeschäft nicht.“ Gemeint sind die Major-Labels, und der scheint das ernst zu meinen. Warum? Weil eine Albumproduktion 300.000 bis 400.000 € koste. Die meisten Punkbands, die ich so kenne, und die teilweise seit 30 Jahren regelmäßig Platten veröffentlichen, würden bei dieser Behauptung verdutzt schauen. Denn irgendwie haben diese Gruppen auch ohne „40 Tage Studiomiete, Gage für den Produzenten, Promotion und Videos“ im Wert eines großen Einfamilienhauses ein paar Fans gefunden und sind so zufrieden damit, dass sie immer noch weitermachen, und zwar auch heute noch, und die Platten klingen auch nach weniger Studiotagen so wie sie sollen, wenn man ordentlich geprobt hat. Auf Leute, die wegen eines Fernsehwerbespots zu meinen Konzerten kämen, könnte ich außerdem auch ganz gut verzichten, da qualitative Musik ohnehin ganz gut über Mundpropaganda oder Fanzines bekannter wird.
  • Aber auch Konzerte sind für eine Punkband eher eine lästige Qual. Man kennt das ja: Die Vorfreude steigt, wenn man eine tolle neue Auftrittsmöglichkeit gefunden hat; wenn es dann endlich soweit ist, werden nachmittags die Sachen in den Kombi oder einen geliehenen VW-Bus geladen und man fährt abends dann zur Kneipe oder zum Kulturzentrum, wo man dann seinen Auftritt hat. Wie das halt unzählige Bands seit Jahrzehnten tun, weil es ihnen Spaß macht. Oder aus der Perspektive des Jupiter-Jones-Gitarristen: „Zwischen 4000 und 5000 Euro pro Tour-Tag kosten Crew, Tourmanager und Booking-Agentur. Allein der Nightliner-Bus, in dem die Band fährt und auch schläft, verschlinge 1000 Euro täglich, so Eigner.“ Stimmt, das habe ich vergessen. Wenn man aber nicht in ganz so unmenschlichen Verhältnissen wie er übernachten will, kommen allerdings noch mal 1.000 € für die Hotelsuite dazu. Das ist einfach das Minimum, das man an Komfort braucht, um „gescheiten Rock’n’Roll“ (Sven Regener) auf die Bühne zu bringen.
  • Aber auch die Fans sind wohl meistens scheiße: „Und niemand, der sich ein Album runtergeladen hat, geht zwei Wochen später in den Laden und kauft es sich.“ Ich habe zwar leider keine entsprechende Statistik parat, aber ich bin mir relativ sicher, mir Platten, die mich begeistert haben, zumindest schon einmal 13 und 15 Tage, manchmal auch nur einen Tag nach dem erstmaligen Probehören gekauft zu haben, und kenne auch viele, die das ähnlich handhaben. Oder zumindest handhabten, bis sie es einfach aufgegeben haben, unbekanntere Bands im Internet kennenzulernen, um sich vor raffgierigen Anwälten in Sicherheit zu bringen, die sich ihre neuen „soliden deutschen Mittelklassewagen“ dadurch finanzieren, dass sie im Fließbandverfahren Abmahnungen an irgendwelche Jugendliche schicken lassen. Und dies geschieht auf Veranlassung der Major-Labels, die der Mann mit dem lustigen Bart hier verteidigt. Die Piratenpartei pinkelt solchen Leuten ja quasi ins Gesicht, wenn sie etwas dagegen tun will!

„Ohne die Gema gäbe es Jupiter Jones vielleicht nicht mehr.“ Erstaunlich gut fasst dieser Satz des Spiegel-Online-Redakteurs die offensichtliche Einstellung von Jupiter Jones zu ihrer Musik und zu ihrer ehemaligen Subkultur zusammen, denn Spaß und Selbstverwirklichung sind schließlich nur sekundäre Motivationen, um Musik zu machen, wenn es doch auch so geht, wie der Titel verspricht: „Rocken auch fürs Bankkonto“.

* Ich unterstelle hierbei einmal, dass er auch korrekt zitiert wurde und der vom Artikel vermittelte Grundtenor dessen ursprünglichen Aussagen nicht entgegensteht.

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