Slime

Nun sind ja schon seit geraumer Zeit die Deutschpunk-Legenden von Slime, die uns Nietenlederjacken tragenden, Karlsquell oder Oettinger trinkenden Punx von der Straße zahlreiche Hits wie „Deutschland muss streben“, „Polizei SA/SS“ oder „Bullenschweine“ gebracht haben, mit ihren Reunion-Konzerten unterwegs. Jedenfalls eine Band, die sich so nennt, aber nur zu 3/5 aus Originalmitgliedern besteht. Das ist an sich nicht so tragisch, da ja viele klassische 80er-Jahre-Bands noch erfolgreich auf Tour sind, von denen auch nicht mehr viel übriggeblieben ist. Social Distortion sind ja seit zehn Jahren auch nur noch die Begleitband von Mike Ness. Dass viele Leute Anstoß an der Slime-Reunion nehmen, liegt nun nicht nur daran, dass die Band 1994 noch stets versicherte, sich auf jeden Fall endgültig auflösen zu wollen. Das große Problem wird nämlich sein, dass die neuen Slime schon seit geraumer Zeit eine Comeback-Platte angekündigt haben, von der nun Titel und Cover bekannt gegeben wurden.

Die Platte soll den Titel „Sich fügen heißt lügen“ tragen und auf ihr sollen Texte von Erich Mühsam vertont werden. Das ist soweit zwar unspektakulär, aber nicht schlimm. Die eigentliche Gefahr der aktuellen Reunion droht nämlich mit der Musik evident zu werden: Es fehlt nämlich der alte Schlagzeuger Stephan Mahler, der die Band seit jeher mit vielen der großartigen Melodien (und Texten) bereichert hatte, die auch das 1994er Abschiedsalbum „Schweineherbst“ so großartig gemacht hatten (nachdem man zuvor auf der 1992er Platte „Viva la Muerte“ im mittelmäßigen Metal-Rock herumgedümpelt war, auch wenn die Geschmäcker hier natürlich auch verschieden sind). Dass er nicht mehr dabei ist, hat wahrscheinlich ideelle Gründe, schließlich hat er sich seit Mitte der 90er nicht vom Punkrock verabschiedet, sondern in den 2000er Jahren noch für Hamburger Top-Bands wie Oma Hans oder Kommando Sonne-nmilch getrommelt. Anhand späterer halbherziger Quasi-Reunion-Versuche wie Rubberslime konnte man vermuten, dass Stephan Mahler immer derjenige war, der die Band in die musikalisch aggressivere Richtung gelenkt hatte. Und Elfs Vorliebe für rockigeren Punk à la Social Distortion in allen Ehren – wenn man das auf deutsch macht, muss man immer gut aufpassen, dass man nicht schnell in einen üblen Altherrenrock-Sound abdriftet.

Nun will ich die neue Platte natürlich nicht vorverurteilen, sondern den 15. Juni abwarten, an dem sie erscheinen soll (interessanterweise beim mittlerweile zu EMI gehörenden Label I Used to Fuck People Like You in Prison Records, das ja auch eher für englischsprachigen Rock’n’Roll und Rockabilly bekannt ist). Aber die nun erschienene Presseinfo und insbesondere das Pressefoto stimmen mich eher skeptisch:

„Slime“ 2012

Nicht nur, dass die Gruppe hier in meinen Augen irgendwie wie ein Haufen Proleten aussieht (da war mir Elfs Metal-Mähne von damals sympathischer); der Infotext wirkt irgendwie völlig unangebracht mit Formulierungen wie „Slime – des Bürgers Alptraum sind zurück“ oder „der Mann singt wie ein Fussballstadion [sic]!“ in Bezug auf den Sänger Dirk. Auch folgender Satz ließ mich eher schmunzeln:

„Sich fügen heisst [sic] lügen“ ist das Ergebnis und eine Antwort auf eine Welt ausser [sic] Rand und Band, ein klärender Faustschlag im diffusen «Occupy»-Zeitalter.

Aber das alles muss natürlich noch gar nichts heißen. Die „Legende“ um Slime haben sie zwar für mich zerstört, aber ich bin trotzdem neugierig und würde mittlerweile sogar sehr gerne ein gelungenes neues Slime-Album hören (auch wenn die Erwartungen heutzutage natürlich denkbar hoch sind). Denn auch Anfang der 90er machten einzelne Bandmitglieder einen prolligen Eindruck (ich sag nur Vokuhila), und „Schweineherbst“ ist trotzdem immer noch eine meiner Lieblings-Punkplatten der 90er. Hoffen wir also das Beste!

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Slime

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