Bad Religion – The Process of Belief (2002)

Wenn man älter wird, vergeht die Zeit immer schneller, und daher habe ich die Tage erstaunt festgestellt, dass es nun schon zehn Jahre her ist, dass Bad Religion ihr „Comeback“-Album „The Process of Belief“ herausbrachten. Genauer gesagt erschien die Platte hierzulande am 21. Januar 2002, von daher bin ich ein bisschen spät dran.

Nun kann man natürlich geteilter Meinung sein gegenüber Bad Religion; viele finden sie zu eintönig oder zu poppig, aber ich mag die Band und ihr Händchen für eingängige Melodien sehr und „The Process of Belief“ hat auch erheblich dazu beigetragen. Ende der 90er war es nämlich zugegebenermaßen ziemlich schwer, ein Fan der Band zu bleiben, und wer die Bandgeschichte zumindest am Rande wahrgenommen hat, weiß natürlich warum. Nach dem großartigen 1994er Album „Stranger than Fiction“, für das man zum Major-Label gewechselt war (Atlantic Records/Warner in Amerika, Sony in Europa), verließ Gitarrist und Epitaph-Records-Besitzer Brett Gurewitz die Band im Streit. Er und Sänger Greg Graffin waren immer die Hauptsongschreiber gewesen, praktisch die Lennon/McCartney des kalifornischen Punkrock. In der Folgezeit gewann man zwar mit Brian Baker einen äußerst erfahrenen und fähigen Ersatzgitarristen (bekannt unter anderem von Minor Threat und Dag Nasty), aber das Songwriting blieb jetzt praktisch alleine an Greg Graffin hängen, der mit dieser Aufgabe zunehmend überfordert war. Zwar ist das 1996er Album „The Gray Race“ meiner Meinung nach auch noch top, aber mit den nächsten Platten „No Substance“ von 1998 sowie „The New America“ von 2000 ging es für Bad Religion steil bergab, und man verkam zur routinierten, langsamen und mittelmäßigen Rockband, zu der man eigentlich nur noch hinging, weil man live an den alten Klassikern interessiert war.

Und auch wenn laut Bassist Jay Bentley die Band damals knapp davor stand, sich aufzulösen, ist es ein Glücksfall, dass sie es nicht getan haben, denn kurze Zeit später überschlugen sich plötzlich die Ereignisse. Nachdem sich Brett Gurewitz wieder an die Band angenähert hatte (und sogar wieder einen Song zu „The New America“ beigetragen hatte), stieg er wieder offiziell bei Bad Religion ein (als dritter Gitarrist); der alte Plattenvertrag von Bad Religion war ausgelaufen und man wechselte wieder zu Epitaph Records; und was nicht ganz so erfreulich war: Schlagzeuger Bobby Schayer musste wegen einer Schulterverletzung mit dem Trommeln aufhören, für ihn kam allerdings der unglaublich gute Brooks Wackerman in die Band. Derart präpariert ging man 2001 mit neuen, wieder gemeinsam geschriebenen Songs ins Studio und nahm das sehr sehr gute „Comeback“-Album „The Process of Belief“ auf, von dem ich hier ja rede.

Von Langeweile war nun nichts mehr zu spüren, und um allen zu beweisen, dass man es noch drauf hat, zog man das Tempo stark an und bretterte fast so schnell wie auf „No Control“ durch die Songs. Die drei ersten Songs sind schon nach vier Minuten vorbei, und auch die längeren Songs wirken nicht mehr so Altherrenrock-mäßig wie zuvor, „Epiphany“ ist sogar ein richtiger Hit, und es ist erstaunlich, dass Greg Graffin im Beisein von Brett plötzlich um Welten bessere Songs schreiben konnte als auf den zwei vergangenen Platten. Das hinreichend bekannte „Sorrow“ halte ich noch nicht mal für einen der besten Songs, denn Knaller wie „Supersonic“ oder „Kyoto Now!“ sind noch mitreißender und kommen auch live gut rüber.

Mittlerweile – erstaunlich, wie gesagt, wie schnell die Zeit vergeht – ist das „neue“ Bad-Religion-Lineup in der Bandgeschichte sogar das am längsten stabile, und seit 2002 konnte die Band auf dem gleichen hohen Niveau weitere gute Platten raushauen, zum Beispiel das politisch deutlichere Nachfolgewerk „The Empire Strikes First“ (2004), und damit die „finstere Zeit“ Ende der 90er vergessen machen. Und auch wenn die Qualität der Platten natürlich insgesamt immer schwankt, von etwas besseren Platten wie „New Maps of Hell“ (2007) bis zu etwas schwächeren Platten wie „The Dissent of Man“ (2010), sind Bad Religion heute (meiner Meinung nach) meilenweit entfernt von Alte-Leute-Punk wie den Toten Hosen, denn weil sie immer noch genug Hits raushauen können, kann ich mich nach wie vor auf jedes neue Album freuen.

Überzeugen Sie sich selbst:

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