„Deutschland“ rundet auf

Was habe ich nun schon wieder im Fernsehen gesehen, mit der Befürchtung, davon in nächster Zeit noch viel mehr sehen zu müssen? Es gibt ab Donnerstag eine Spendenaktion namens „Deutschland rundet auf“, mit der sich ein paar Einzelhandelsunternehmen in ein etwas freundlicheres Licht rücken lassen wollen. Denn wer kann einen Konzern schon einen Ausbeuter nennen, wenn dieser sich doch nachweislich für das Menschliche einsetzt? Also hat man die coole, junge Marketingfirma „Dorland“ aus Berlin engagiert, die schon mit Werbung für soziale Einrichtungen wie Vattenfall, Bruno Banani oder HUK Coburg glänzen konnte, um die groß angelegte Kampagne in den Medien breitzutreten. Es geht in dieser Kampagne darum, dass „der Verbraucher“, wie man so schön sagt, in ausgesuchten Läden wie Kik, Kaufland, Netto oder Penny-Markt an der Kasse „aufrunden bitte“ sagen soll, um ein paar Cent an wohltätige Zwecke zu spenden. Hier ein Werbespot:

Hierzu fällt mir einiges ein. Erstens: „Deutschland“ macht gar nichts, es sucht keinen Superstar, schafft sich nicht ab und rundet erst recht nicht auf, es fängt höchstens Kriege an. Es rundet schließlich nicht jeder Deutsche auf, sondern nur jeder, dem Spendenaktionen wie diese nicht blöd genug sind. Zweitens: Die Spendeneinnahmen sollen an wohltätige Zwecke gehen wie Projekte gegen Kinderarmut und für Integration und den ganzen üblichen Kram. Aber da frage ich mich doch, wie heuchlerisch man als Unternehmer sein kann. Wenn den wenigen Menschen, die in einem Unternehmen wie Kik viel Geld verdienen, die Menschen wirklich so doll am Herzen liegen, warum fangen sie dann nicht an, etwas an den Arbeitsbedingungen ihres eigenen Personals in Deutschland wie in Bangladesch zu verbessern? Wenn man für „soziale Verantwortung“ ist, warum will man dann selbst nichts damit zu tun haben, sondern wälzt sie auf die eigenen Kunden ab? Warum nicht gleich im Pelzgeschäft eine Spendendose für Tierschutzorganisationen hinstellen? Wenn ein Unternehmen wie Netto laut Wikipedia etwa 10.400.000.000 € Umsatz im Jahr macht, warum sollen dann diejenigen, die dort einkaufen, in ihre Taschen greifen? Diejenigen, die eigentlich eher nichts entbehren können? „Für mich ist das nicht viel“, haha, grins, klar, du bist ja auch für eine Werbung engagiert worden, aber was ist mit der Manageretage, für die das durchschnittliche Monatsgehalt eines der eigenen Kunden eigentlich auch nicht viel ist? Ähnliches denke ich auch immer wieder bei Aktionen wie dem alljährlichen „RTL-Spendenmarathon“, den man sich zur Imageverbesserung ja auch gerne gönnt. Was sind die paar Millionen Euro an Spenden, die von Zuschauern mühsam zusammengekratzt werden, gegen die paar Milliarden, die RTL selber einnimmt, von denen aber weniger gerne etwas an Unterprivilegierte abgegeben will?

Nicht dass ich Spenden vom „kleinen Mann“ prinzipiell für schlecht halte. Ich will auch den Machern der Aufrundungsaktion nicht grundsätzlich etwas Böses unterstellen, aber solche Aktionen sind eben nur in dem Rahmen positiv erwähnenswert, den der Kapitalismus allen bietet. Und solange sich daran nichts Grundsätzliches ändert, ist ein bisschen Heuchelei immer dabei.

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