Die dreisten Drei

Eine langgehegte Tradition ist es bei mir, wann immer ich beim Durchschalten auf eine Sketch-Sendung bei Sat 1 treffe, schnell weiterzuschalten, sofern nicht irgendwo das Auftauchen von Anke Engelke zu erwarten ist. Aufhorchen ließ mich nun neulich die Meldung, dass Mirco Nontschew, den ich in den 90ern – möglicherweise auch wegen meines damaligen Alters – schätzte, jetzt wieder eine Sendung hat, nämlich eine „Neuauflage“ der von mir eher weniger geschätzten Sketch-Sendung „Die dreisten Drei“. Und weil ich die Premierensendung letzte Woche verpasst habe, und untalentierte selbsternannte Fernsehkritiker und Satiriker (wie ich) eigentlich sowieso nur Texte über die erste Folge schreiben, habe ich mich nun einfach mit der gestrigen zweiten Folge beschäftigt.

Das neue Ensemble der Show besteht neben dem bereits erwähnten Mirco Nontschew aus Oliver Beerhenke, dem Dicken aus der legendären Kult-Humorsendung „Upps! – Die Superpannenshow“, und Sophia Thomalla, die keiner kennt. Der neue Untertitel der Sendung lautet „Jetzt noch dreister“, und das stimmt auch, insofern man die Dreistigkeit darauf bezieht, was die Gag-Autoren dem Publikum vorsetzen. Ein Sketch handelt beispielsweise in einem Krankenwagen, mit dem eine offenbar schwangere Frau, die in den Wehen liegt, ins Krankenhaus gebracht wird. Ihr Gatte sitzt an ihrer Seite und fleht den mitfahrenden Arzt an, doch etwas gegen ihr Geschrei zu tun. Darauf steckt dieser ihr einen Verband in den Mund. Das war die Pointe. Ein Truckerfahrer erzählt während der Fahrt in die Kamera, dass das Klischee nicht stimme, dass LKW-Fahrer sich während der Fahrt einen runterholen. Natürlich alles Quatsch, denn wie der Zuschauer nun sieht, befindet sich eine Frau auf dem Beifahrersitz, die Oralverkehr bei ihm andeutet. Hahaha! Unerreichtes Feingefühl. Hier ist noch einer: Ein Typ (der Dicke) sitzt biertrinkend und in dreckiger Unterwäsche bekleidet auf seinem Sofa und hört Schlagermusik. Er entschuldigt sich bei seinem nicht zu sehenden Gegenüber, dass es so unaufgeräumt sei, aber jetzt, wo seine Frau weg sei, würde er sich gerne „ein bisschen gehen“ lassen, und bietet seinem Gesprächspartner auch ein Bier an. Na, wer sieht die „Pointe“ kommen? Warum ist die zweite Person die ganze Zeit am Anfang nicht im Bild? Wer ist es diesmal, ein Polizist, eine Prostituierte, die Schwiegereltern? Nein, wie sich dann zeigt, ist es ein Bestatter, der über die Beerdigung der Frau reden möchte.

Erst einmal stellte sich für mich die Frage: Warum macht Mirco Nontschew bei so etwas mit? Dabei bin ich zum Glück auf eine erleichternde Antwort gestoßen, denn in einem Interview bei DWDL gab er zu: „Und bevor man gar nichts im Fernsehen hat, macht man eben sowas.“ Stimmt, schließlich kann man ja nicht alle zwei Wochen beim „perfekten Promi-Dinner“ auftreten, und fürs Dschungelcamp ist der Mann eigentlich zu talentiert. Und bevor man Teleshopping-Werbung für Fitnessgeräte moderiert, wie seine ehemalige Kollegin Tanja Schumann, ist eine regelmäßige Serie auf einem großen Sender für eine gewisse Übergangszeit noch ganz akzeptabel, bis sich hoffentlich wieder etwas Besseres anbietet. Aus der Perspektive eines Komikers betrachtet, natürlich.

Aber wer schreibt eigentlich diese eben angesprochenen „Witze“ auf Schülerzeitungsniveau? Sind diese Menschen zufrieden mit ihrer Arbeit? Ist diese Show wirklich, wie es scheint, eine Sendung von Humorlosen für Humorlose? Entweder sind die Gag-Autoren Menschen, die einmal selbst hohe Ambitionen hatten und berühmte „Comedians“ werden wollten, mit Late-Night-Show und allem drum und dran, aber wegen Mangel an Talent leider am unteren Ende der Karriereleiter steckengeblieben sind, nämlich bei „Die dreisten Drei“. Oder aber, was ich in diesem Falle für wahrscheinlicher halte: Diese Leute interessieren sich eigentlich gar nicht dafür, ob etwas Gutes bei der Sendung herauskommt! Sie machen sich intern nämlich darüber lustig, für welche Nichtigkeiten die Fernsehsender heutzutage Geld aus dem Fenster schmeißen – man denke nur mal daran, wie viele Kosten selbst eine so günstig produzierte Sendung für Kostüme, Technik und so weiter verursacht – und für welche Nichtigkeiten sogar einige besonders anspruchslose Zuschauer bereit sind, Geld zu bezahlen, schließlich sind die Staffeln der Serie sogar auf DVD erschienen. Das ist eigentlich total genial und verdient meine Sympathien! Es sind in Wirklichkeit Zyniker, die selber Satire produzieren. Das habe ich nämlich an einer Stelle gemerkt, an der die Sendung sogar selbstironisch wurde, wenn auch möglicherweise für die Darsteller unbemerkt: In einem Sketch erzählt eine unlustige Stimmungskanone, die am liebsten als Fernsehmoderator arbeiten würde, in einem Restaurant einen schlechten Witz nach dem anderen (obwohl der Unterschied zu den sonstigen Witzen gar nicht so groß ist), vergrault damit sein Date und sagt dann zum Schluss: „Verdammt, an der Schlusspointe muss ich noch arbeiten.“ An dieser Stelle habe ich am meisten gelacht.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fernsehen

Platz für Lob

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s