Monatsarchiv: Februar 2012

„Deutschland“ rundet auf

Was habe ich nun schon wieder im Fernsehen gesehen, mit der Befürchtung, davon in nächster Zeit noch viel mehr sehen zu müssen? Es gibt ab Donnerstag eine Spendenaktion namens „Deutschland rundet auf“, mit der sich ein paar Einzelhandelsunternehmen in ein etwas freundlicheres Licht rücken lassen wollen. Denn wer kann einen Konzern schon einen Ausbeuter nennen, wenn dieser sich doch nachweislich für das Menschliche einsetzt? Also hat man die coole, junge Marketingfirma „Dorland“ aus Berlin engagiert, die schon mit Werbung für soziale Einrichtungen wie Vattenfall, Bruno Banani oder HUK Coburg glänzen konnte, um die groß angelegte Kampagne in den Medien breitzutreten. Es geht in dieser Kampagne darum, dass „der Verbraucher“, wie man so schön sagt, in ausgesuchten Läden wie Kik, Kaufland, Netto oder Penny-Markt an der Kasse „aufrunden bitte“ sagen soll, um ein paar Cent an wohltätige Zwecke zu spenden. Hier ein Werbespot:

Hierzu fällt mir einiges ein. Erstens: „Deutschland“ macht gar nichts, es sucht keinen Superstar, schafft sich nicht ab und rundet erst recht nicht auf, es fängt höchstens Kriege an. Es rundet schließlich nicht jeder Deutsche auf, sondern nur jeder, dem Spendenaktionen wie diese nicht blöd genug sind. Zweitens: Die Spendeneinnahmen sollen an wohltätige Zwecke gehen wie Projekte gegen Kinderarmut und für Integration und den ganzen üblichen Kram. Aber da frage ich mich doch, wie heuchlerisch man als Unternehmer sein kann. Wenn den wenigen Menschen, die in einem Unternehmen wie Kik viel Geld verdienen, die Menschen wirklich so doll am Herzen liegen, warum fangen sie dann nicht an, etwas an den Arbeitsbedingungen ihres eigenen Personals in Deutschland wie in Bangladesch zu verbessern? Wenn man für „soziale Verantwortung“ ist, warum will man dann selbst nichts damit zu tun haben, sondern wälzt sie auf die eigenen Kunden ab? Warum nicht gleich im Pelzgeschäft eine Spendendose für Tierschutzorganisationen hinstellen? Wenn ein Unternehmen wie Netto laut Wikipedia etwa 10.400.000.000 € Umsatz im Jahr macht, warum sollen dann diejenigen, die dort einkaufen, in ihre Taschen greifen? Diejenigen, die eigentlich eher nichts entbehren können? „Für mich ist das nicht viel“, haha, grins, klar, du bist ja auch für eine Werbung engagiert worden, aber was ist mit der Manageretage, für die das durchschnittliche Monatsgehalt eines der eigenen Kunden eigentlich auch nicht viel ist? Ähnliches denke ich auch immer wieder bei Aktionen wie dem alljährlichen „RTL-Spendenmarathon“, den man sich zur Imageverbesserung ja auch gerne gönnt. Was sind die paar Millionen Euro an Spenden, die von Zuschauern mühsam zusammengekratzt werden, gegen die paar Milliarden, die RTL selber einnimmt, von denen aber weniger gerne etwas an Unterprivilegierte abgegeben will?

Nicht dass ich Spenden vom „kleinen Mann“ prinzipiell für schlecht halte. Ich will auch den Machern der Aufrundungsaktion nicht grundsätzlich etwas Böses unterstellen, aber solche Aktionen sind eben nur in dem Rahmen positiv erwähnenswert, den der Kapitalismus allen bietet. Und solange sich daran nichts Grundsätzliches ändert, ist ein bisschen Heuchelei immer dabei.

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Sibylle Berg

Eigentlich bin ich ja selber Schuld, dass ich ohne triftige Ausrede eine Kolumne bei Spiegel Online angeklickt habe, aber der Titel hat mich aufmerken lassen, denn es geht in Sibylle Bergs neuester Kolumne um „Sexismus im Alltag“. Als vernunftorientiert denkender Mensch bin ich natürlich immer dafür zu haben, wenn berechtigterweise Missstände wie Sexismus aufgedeckt werden, aber dann bitte nicht so. Zu diesem Artikel sollten nämlich einige Dinge klargestellt werden:

  • Erstens hat sich Madonna, wenn man sich ihre Musikvideos von Anfang an betrachtet, schon immer als Sexsymbol vermarkten lassen und ihren Arsch gerne in jede Kamera gewackelt, bei Preisverleihungen dem geilen Männerpublikum alberne Lesbenspiele vorgeführt sowie zu den meisten Anlässen Klamotten getragen, die eigentlich nur dazu gedacht scheinen, Männerfantasien zu befriedigen.
  • Sie tut weiterhin alles dafür, um möglichst jugendlich auszusehen. Bei männlichen Prominenten wird solches Verhalten ebenfalls belächelt. (Ich habe leider die Namen dieser gelifteten Schauspieler vergessen, weil ich mich nicht für sowas interessiere.)
  • Die Red Hot Chili Peppers haben sich meines Wissens nie in einem erotischen Kontext in der Öffentlichkeit präsentiert, und wenn, dann höchstens ironisch.
  • Die Red Hot Chili Peppers sind ebenfalls peinlich und hätten sich längst auflösen sollen.

Wenn Frau Berg beklagt, dass die Leistung von Frauen nur dann geschätzt werde, wenn diese gut aussähen, dann meint sie eigentlich die Welt der Popkultur. Leider hat sie sich offenbar selber auf dieses System eingelassen, denn sie setzt es mit allem anderen absolut. Es bleibt immer noch jeder (und jedem) selbst überlassen, ob sie (oder er) sich in diese Welt der Mode und der Kosmetik begeben möchte, oder sich lieber mit wesentlicheren Dingen beschäftigen will. Hätte Madonna sich beim Musikmachen für zweiteres entschieden, wäre ihre Vermarktung natürlich anders gelaufen, und man hätte statt dem Aussehen den Maßstab des Talentes angewandt. Dann wäre sie zwar vermutlich nicht berühmt geworden, aber sie hätte immerhin die Würde gewahrt, die Frau Berg nicht so richtig definieren kann. Fragt jemand bei ernstzunehmenden Künstlerinnen wie Patti Smith, Kate Bush oder Björk nach dem Alter? Angela Merkels Politik wird auch nicht danach beurteilt, wie sie aussieht, und wenn es Witze darüber gegeben hat, dann sind die genauso legitim wie Witze über Westerwelles Grubenvisage. Niemand fordert den Rücktritt von Politikerinnen aus Altersgründen. Wenn Frau Merkel sich plötzlich liften ließe, müsste sie sich natürlich auch Witze darüber gefallen lassen. Die „sexistische Frechheit“ (Berg) ist nämlich nicht, dass Frauen wie Madonna nach oberflächlichen Maßstäben beurteilt werden, sondern dass sie sich diese als eigentlich mündige Bürgerinnen selbst haben auferlegen lassen.

Fairerweise muss ich Frau Berg gegenüber aber zugeben, dass es mir selber auch oft schwer fällt, mir mehrmals im Monat halbwegs sinnvolle neue Artikel auszudenken.

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Die dreisten Drei

Eine langgehegte Tradition ist es bei mir, wann immer ich beim Durchschalten auf eine Sketch-Sendung bei Sat 1 treffe, schnell weiterzuschalten, sofern nicht irgendwo das Auftauchen von Anke Engelke zu erwarten ist. Aufhorchen ließ mich nun neulich die Meldung, dass Mirco Nontschew, den ich in den 90ern – möglicherweise auch wegen meines damaligen Alters – schätzte, jetzt wieder eine Sendung hat, nämlich eine „Neuauflage“ der von mir eher weniger geschätzten Sketch-Sendung „Die dreisten Drei“. Und weil ich die Premierensendung letzte Woche verpasst habe, und untalentierte selbsternannte Fernsehkritiker und Satiriker (wie ich) eigentlich sowieso nur Texte über die erste Folge schreiben, habe ich mich nun einfach mit der gestrigen zweiten Folge beschäftigt.

Das neue Ensemble der Show besteht neben dem bereits erwähnten Mirco Nontschew aus Oliver Beerhenke, dem Dicken aus der legendären Kult-Humorsendung „Upps! – Die Superpannenshow“, und Sophia Thomalla, die keiner kennt. Der neue Untertitel der Sendung lautet „Jetzt noch dreister“, und das stimmt auch, insofern man die Dreistigkeit darauf bezieht, was die Gag-Autoren dem Publikum vorsetzen. Ein Sketch handelt beispielsweise in einem Krankenwagen, mit dem eine offenbar schwangere Frau, die in den Wehen liegt, ins Krankenhaus gebracht wird. Ihr Gatte sitzt an ihrer Seite und fleht den mitfahrenden Arzt an, doch etwas gegen ihr Geschrei zu tun. Darauf steckt dieser ihr einen Verband in den Mund. Das war die Pointe. Ein Truckerfahrer erzählt während der Fahrt in die Kamera, dass das Klischee nicht stimme, dass LKW-Fahrer sich während der Fahrt einen runterholen. Natürlich alles Quatsch, denn wie der Zuschauer nun sieht, befindet sich eine Frau auf dem Beifahrersitz, die Oralverkehr bei ihm andeutet. Hahaha! Unerreichtes Feingefühl. Hier ist noch einer: Ein Typ (der Dicke) sitzt biertrinkend und in dreckiger Unterwäsche bekleidet auf seinem Sofa und hört Schlagermusik. Er entschuldigt sich bei seinem nicht zu sehenden Gegenüber, dass es so unaufgeräumt sei, aber jetzt, wo seine Frau weg sei, würde er sich gerne „ein bisschen gehen“ lassen, und bietet seinem Gesprächspartner auch ein Bier an. Na, wer sieht die „Pointe“ kommen? Warum ist die zweite Person die ganze Zeit am Anfang nicht im Bild? Wer ist es diesmal, ein Polizist, eine Prostituierte, die Schwiegereltern? Nein, wie sich dann zeigt, ist es ein Bestatter, der über die Beerdigung der Frau reden möchte.

Erst einmal stellte sich für mich die Frage: Warum macht Mirco Nontschew bei so etwas mit? Dabei bin ich zum Glück auf eine erleichternde Antwort gestoßen, denn in einem Interview bei DWDL gab er zu: „Und bevor man gar nichts im Fernsehen hat, macht man eben sowas.“ Stimmt, schließlich kann man ja nicht alle zwei Wochen beim „perfekten Promi-Dinner“ auftreten, und fürs Dschungelcamp ist der Mann eigentlich zu talentiert. Und bevor man Teleshopping-Werbung für Fitnessgeräte moderiert, wie seine ehemalige Kollegin Tanja Schumann, ist eine regelmäßige Serie auf einem großen Sender für eine gewisse Übergangszeit noch ganz akzeptabel, bis sich hoffentlich wieder etwas Besseres anbietet. Aus der Perspektive eines Komikers betrachtet, natürlich.

Aber wer schreibt eigentlich diese eben angesprochenen „Witze“ auf Schülerzeitungsniveau? Sind diese Menschen zufrieden mit ihrer Arbeit? Ist diese Show wirklich, wie es scheint, eine Sendung von Humorlosen für Humorlose? Entweder sind die Gag-Autoren Menschen, die einmal selbst hohe Ambitionen hatten und berühmte „Comedians“ werden wollten, mit Late-Night-Show und allem drum und dran, aber wegen Mangel an Talent leider am unteren Ende der Karriereleiter steckengeblieben sind, nämlich bei „Die dreisten Drei“. Oder aber, was ich in diesem Falle für wahrscheinlicher halte: Diese Leute interessieren sich eigentlich gar nicht dafür, ob etwas Gutes bei der Sendung herauskommt! Sie machen sich intern nämlich darüber lustig, für welche Nichtigkeiten die Fernsehsender heutzutage Geld aus dem Fenster schmeißen – man denke nur mal daran, wie viele Kosten selbst eine so günstig produzierte Sendung für Kostüme, Technik und so weiter verursacht – und für welche Nichtigkeiten sogar einige besonders anspruchslose Zuschauer bereit sind, Geld zu bezahlen, schließlich sind die Staffeln der Serie sogar auf DVD erschienen. Das ist eigentlich total genial und verdient meine Sympathien! Es sind in Wirklichkeit Zyniker, die selber Satire produzieren. Das habe ich nämlich an einer Stelle gemerkt, an der die Sendung sogar selbstironisch wurde, wenn auch möglicherweise für die Darsteller unbemerkt: In einem Sketch erzählt eine unlustige Stimmungskanone, die am liebsten als Fernsehmoderator arbeiten würde, in einem Restaurant einen schlechten Witz nach dem anderen (obwohl der Unterschied zu den sonstigen Witzen gar nicht so groß ist), vergrault damit sein Date und sagt dann zum Schluss: „Verdammt, an der Schlusspointe muss ich noch arbeiten.“ An dieser Stelle habe ich am meisten gelacht.

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