Wer weiß es?

Thomas Gottschalk startet heute mit seiner neuen Sendung im Ersten*, und noch immer gibt es keinen Nachfolger für „Wetten dass“. Sollte der Wunschkandidat des ZDF, Jörg Pilawa, überraschenderweise wie ursprünglich versprochen absagen, schlage ich hiermit eine Kandidatin vor, die bisher noch keiner auf dem Schirm hatte, die aber ebenfalls auf einen großen Erfahrungsschatz im Quiz-Bereich zurückgreifen kann: Petra Theisen, Moderatorin der erfolgreichen (?) Quizshow „Wer weiß es?“ im Hessischen Rundfunk.

„Wer weiß es?“ läuft immer am späten Sonntagabend auf HR und ist meiner Meinung nach die Königin aller Quizsendungen. Zumindest, was das Durchhaltevermögen der Zuschauer betrifft, denn die Spiele sind, wie die Sendung auch selbst zugibt, auf Kreuzworträtselniveau, und moderiert wird das Ganze von einem Moderationsroboter, der nur eine kleine Stufe unter Jörg Pilawa einzusortieren ist. Denn wo dieser seine handwerklich einstudierten „spontanen“ Reaktionen (wie zum Beispiel „ja sach ma!“ wann immer ein Kandidat etwas Unerwartetes äußert, oder wie Oliver Pocher sagen würde, wenn ihm nichts Schlagfertiges einfällt: „das ist richtig!“) noch mit seinem aalglatten Charme eines Traumschwiegersohnes ausbügeln kann, ist die Moderatorin von „Wer weiß es?“ ganz allein auf ihren kleinen Fundus von Phrasen gestellt, darunter solche Klassiker wie „Jawollja“, „Bingo“ und „Das ist perfekt“. Das wird umso auffälliger, da in der Sendung zahlreiche kleine Fragen hintereinander abgearbeitet werden, und im Prinzip nach jeder Antwort ein neuer origineller Kommentar von Seiten der Moderation gefragt ist. Wenn man sich diese Low-Budget-Sendung (der Hauptpreis sind 1.000 €) öfter ansieht, kann man eigentlich die meisten Dialoge schon im Voraus erahnen; im Prinzip könnte daher jeder diese Sendung moderieren, und ich möchte eine typische Ausgabe davon einmal kurz erläutern.

Die Show beginnt mit einer fürs Öffentlich-Rechtliche angemessenen Titelmusik, und schon begrüßt Petra Theisen die Zuschauer aus ihrem kleinen Studio, in dem übrigens auch kein Publikum sitzt. Das könnte für eine intime Atmosphäre sorgen, hier fühlt man sich als Kandidat aber wohl eher in eine Prüfungssituation aus der Grundschulzeit zurückversetzt. Als niedliches Gimmick wird der Name der Moderatorin unten im Design eines der Wörterrätsel eingeblendet, und sie begrüßt die Fernsehzuschauer meistens mit einem hochtrabenden Spruch wie: „Hier wird ihr Gehirn auf Hochtouren gebracht“, „Willkommen bei der cleversten Sendung im deutschen Fernsehen“, „Sind Ihre grauen Zellen bereit für eine halbe Stunde Wissen pur?“ oder in der gestrigen Folge irgendein schmerzhaftes Wortspiel mit der Formulierung „aus den Tiefen des Wortalls“. Dann stellt sie ihre Kandidaten vor, immer jeweils zwei pro Runde, wobei die Sieger der beiden ersten Runden dann gegeneinander um den Einzug ins „große Finale“ kämpfen. In den ersten Runden gibt es dann jeweils mehrere Spiele, die zumeist etwas mit Wörtern zu tun haben. Es kommen dann Fragen wie „Als nächstes möchte ich von euch ein alkoholisches Getränk wissen“, während unten „B _ _ R“ eingeblendet wird. Wer es weiß, drückt den Buzzer, wird aufgerufen und nach einer richtigen Antwort gelobt mit „Jawollja“, „Bingo“, „Das ist perfekt“ oder manchmal sogar „Das ist Bingo perfekt“. Bei einigen Fragen bzw. Antworten bietet sich dann auch die Gelegenheit für interessanten Smalltalk zwischen Moderatorin und Kandidat, so würde Frau Theisen in diesem Falle den Kandidaten fragen: „Trinken Sie denn gerne Bier?“ Sobald der Kandidat aber tatsächlich darauf antworten will, wird er schnell wieder abgewürgt, damit man zur nächsten Frage kommen kann. „Als nächstes möchte ich von euch ein Land in Nordeuropa wissen“, eingeblendet ist „S _ _ _ _ _ _ N“. Kandidat: „Schweden!“ Moderatorin: „Kucken wir mal, was unser Computer dazu sagt – jawollja, Schweden ist richtig. Sind Sie schon mal da gewesen?“ – „Nein, noch nicht.“ – „Da haben Sie aber was verpasst!“ Nächste Frage. „Dann möchte ich von euch wissen: ein hochprozentiges alkoholisches Getränk“, eingeblendet ist „W _ _ _ _ Y“. Kandidat: „Whisky!“ Moderatorin: „Und das ist – perfekt! Trinken Sie denn gerne Whisky?“ – „Jaa, hin und wieder ganz gerne.“ – „Muss man sich auch mal gönnen, ne? Als nächstes möchte ich von euch wissen: einen Urlaubsort auf Rügen.“ Eine Kandidatin drückt: „Sansibar?“ Moep, leider falsch. Dann bekommt der andere Kandidat noch eine Chance: „Das müsste Sassnitz sein.“ – „Mal sehen, was der Computer dazu sagt – Bingo! Sassnitz ist über beide Ohren richtig. Sind Sie schon mal da gewesen?“ – „Also, ich…“ – „Gut, dann ziehen wir mal Bilanz und schauen auf die Punkte…“ Eigentlich hat sie ja Recht, dass es keinen interessiert, aber sie hat ja gefragt.

Die nächsten Runden laufen nach einem ähnlichen Schema ab. Als zweites Spiel folgt das Silbenrätsel. „Ich hoffe, ihr kennt die Regeln?“ Wenn jemand „ja“ sagt, heißt es dann aber: „Dann erklären Sie sie den Zuschauern doch mal mit eigenen Worten.“ So wie eine Lehrerin einen unruhigen Schüler bloßstellen würde. Eigentlich geht es nur darum, Silben zu Wörtern zu ordnen. Steht dort beispielsweise „OM|AT|SIK|PHY“, muss der Kandidat drücken und „Atomphysik“ sagen. Dann sagt Petra Theisen nämlich: „Ob das stimmt? Schauen wir mal, was der Computer dazu sagt… ‚Atomphysik‘ ist – Bingo richtig! Weiter geht’s mit dem nächsten Begriff. Was suchen wir hier?“ Eingeblendet ist „JUM|BUN|PING|GEE“. Als Hilfe sagt die Moderatorin: „Es ist eine Extremsportart…“ – „Bungeejumping!“ – „Sie sagen Bungeejumping, und – das ist perfekt! Bungeejumping… haben Sie das schon mal gemacht?“ – „Ja, einmal, war richtig toll.“ – „Donnerwetter! Schauen wir mal, was der Computer als nächstes von euch wissen will…“ Eingeblendet ist „CHEN|KU|BEL|GA“, und was sagt die Kandidatin? „Gabelkuchen!“ Frau Theisen reagiert zurecht ungehalten. Als nächstes kommt das „Schüttelrätsel“, bei dem Buchstaben eines Wortes alphabetisch geordnet sind und in die richtige Reihenfolge gebracht werden sollen. Beispielsweise „BCHU“. Wenn keiner drauf kommt, gibt die Moderatorin nach eigener Aussage „jede Menge Tips“ und sagt zum Beispiel: „Das kann man lesen“. Manchmal reicht das den Kandidaten aber nicht, wenn beispielsweise nach einer „christlichen Freikirche“ mit B gefragt wird und die Kandidatin „Buddhisten“ antwortet. Die meiner Meinung nach legendärste Antwort war allerdings auf die Frage nach einer „autonomen Region im Nordwesten Italiens“ mit dem Anfangsbuchstaben A. Die Dame drückt und sagt: „Antifa.“ So autonom sind die da nun auch wieder nicht!

Anschließend kommt noch das Kreuzworträtsel, bei dem die Kandidaten nach dem Muster „ich nehme die 2 waagerecht“ ansagen, zu welchem Begriff sie die Frage hören wollen. Wenn jemand vergisst, „waagerecht“ dazuzusagen, fragt Frau Theisen immer noch mal nach, ob waagerecht gemeint ist, auch wenn es nur eine Möglichkeit gibt. Dazu sollte auch noch erwähnt werden, dass die gestellten Fragen oft mehrdeutig sind und die gesuchten Antworten oft archaische oder konstruierte Begriffe, auf die niemand kommt, die aber halt vom Aufbau gut ins Kreuzworträtsel passen, ebenso wie überraschende Deklinationsformen. „Dann ziehen wir doch mal Bilanz: Kunigunde hat 240 Punkte, Justin hat [kurze Kunstpause] 65 Punkte, aber keine Sorge, es ist noch alles offen!“ Stimmt, im letzten Spiel kann man ja noch 40 Punkte gutmachen. Es ist ein Musikquiz, und der Kandidat, der den Songtitel und Interpreten eines Liedes kennt, muss so schnell wie möglich drücken. Vorher gibt die Moderatorin sich aber noch interessiert: „Was hören Sie denn privat so für Musik, Kunigunde?“ – „Ach, eigentlich querbeet, alles was so im Radio läuft.“ – „Na, das sind ja die besten Voraussetzungen. Und Sie, Justin?“ – „Ach, ich hör eigentlich eher Indie, Alternative und sowas.“ Und Frau Theisen überspielt ganz subtil, dass sie mit diesen Begriffen nichts anfangen kann: „Na, das sind ja die besten Voraussetzungen.“ Dann werden nacheinander die zwei Lieder eingespielt, und wenn ein Lied nach 60er-Jahre-Rock klingt, drückt immer jemand und sagt „Die Beatles“, und wenn eins nach 70er-Jahre-Disco klingt „ABBA“, auch wenn es eigentlich Bob Dylan oder Boney M. waren. Dann steht ein Gewinner und ein Verlierer fest, „es hat nicht sollen sein, und Kunigunde, wir sehen uns in der nächsten Runde wieder“.

Es folgt die zweite Runde mit den identischen Spielen und dann das „Halbfinale“ mit den beiden Gewinnern und im Prinzip ähnlichen Spielen. Beispielsweise ein Bilderrätsel, für die die Redaktion auf die Schnelle irgendwelche Cliparts zusammengeworfen hat, die zusammen ein Wort ergeben sollen. Beispielsweise einen Stau und einen See. Eine Kandidatin weiß sofort die Lösung: „Kfz-Oase!“ Am Ende des Halbfinales kommen immer die „Top-10-Listen“, bei denen die Kandidaten abwechselnd beispielsweise „Die zehn beliebtesten Liebesfilme der Hessen“, „Die tiefsten Seen Deutschlands“ oder „Die längsten Autobahnen Deutschlands“ tippen sollen. Manchmal kommen zwei dieser Listen, manchmal nur eine, warum weiß man nicht, vielleicht wird das von der „Spannung“ des aktuellen Punktestandes abhängig gemacht. Dann kommt das Finale! „Kunigunde hat sich heute gegen alle Herausforderer durchgesetzt und hat jetzt die Chance auf 1.000 €.“ Als Belohnung gibt es 50 € Vorschuss. Vorher gibt es nichts zu gewinnen! Höchstens eine Busfahrkarte zum Hessischen Rundfunk. Und dafür diese Anstrengung! Es wird nun ein dreibuchstabiges Wort vorgegeben, beispielsweise „TOR“. Dann folgen fünf Gewinnstufen von 100 (glaub ich) bis 1000 €, und jedes Mal kommt ein Buchstabe hinzu. Beispielsweise steht dann dort „_ _ _ E“ und die Zeit läuft. Insgesamt hat man 60 Sekunden Zeit. „Tore!“ – „Und das ist… [Tusch] hey, perfekt! Das macht dann schon mal 100 € für Sie, und weiter geht’s.“ (Während des Gelabers hält die Uhr an.) Dann erscheint in der nächsten Zeile zum Beispiel „_ _ _ R _“. Dabei kommt es oft vor, dass dem Kandidaten gar nichts mehr einfällt (ich hasse es übrigens, wenn Leute in solchen Situationen als Scherz fragen, ob sie auch jemanden anrufen dürfen), nach 45 Sekunden Stille die Zeit vorbei ist und man merkt, dass sich dafür die Anreise eigentlich nicht gelohnt hat. „Es hat nicht sollen sein, aber immerhin 100 € sind Ihnen!“ Sic! Frau Theisen sagt bei Geldbeträgen stets „soundsoviel Euro sind Ihnen“. Verabschieden tut Petra Theisen die Fernsehzuschauer immer mit ihrer „Catchphrase“: „Bleiben Sie clever!“ Überhaupt benutzt sie diesen Begriff gerne während ihrer äußerst cleveren Sendung. Sie ist nebenbei übrigens auch schriftstellerisch tätig und hat ein Buch namens „Clevere Desserts“ veröffentlicht.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag dazu geeignet ist, Leuten den Mund wässrig zu machen auf dieses rundfunkgebührenfinanzierte Meisterwerk. Es ist nämlich eine Quizshow, die nicht nur zum motivierten Mitraten anregt, sondern auch zu Meta-Spielen einlädt. Ein Trinkspiel wäre auch eine Superidee! Dazu noch ein Tip: „Bingo“ muss auf jeden Fall selbst mit rein!

(Zu Informationszwecken hier noch ein Link zur Mediathek.)

* Und weil da eh jeder drüber schreiben wird, hebe ich mich hiermit angenehm vom Rest ab.

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8 Kommentare

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8 Antworten zu “Wer weiß es?

  1. Shaneymac

    DANKE hierfür, schöne Details beobachtet, ich spüre Seelenverwandschaft! ^^ Denn ich bleibe für diese Uglaublichkeit von Moderations-Unfähigket und Roboterhaftigkeit immer extra lange wach, obwohl voll berufstätig. Ich habe letztes Mal die „Bingos“ und „Perfekts“ gezählt, habe bei jeweils 20 aufgehört! ^^ Auch immer gut nach einem Lösungsversuch eines Kandidaten „Und (Kunstpause) – wir schauen (Kunstpause) was sagt die Realität (Kunstpause) -.jawollja (Kunstpause) – perfekt!“ ^^ Es ist soooo lustig… Danke HR!!!

  2. Ein Highlight war auch, als einmal „Marmor, Stein und Eisen bricht“ beim Musikrätsel lief. Eine Kandidatin nannte als Interpreten „Grafi Deutscher“, und Petra Theisen bestätigte auch sinngemäß: „Es ist tatsächlich Grafi Deutscher!“

    • Shaneymac

      DAS habe ich gesehen, großartig… das kam letzten Sonntag meine ich!!! Vor allem hat sie dabei keine Miene verzogen, ich habe zurückgespult weil ich zunächst dachte ich habe mich verhört oder der Rioja sei Schuld. Meine kindische Freude blieb allerdings ungeteilt weil meine Freundin die ironische Brechung in meiner Begeisterung nicht ganz mitbekommt und mich als vermeitlichen Fan der Sendung eher mitleidig belächelt. Mittlerweile habe ich sogar verstanden warum es manchmal ein und manchmal zwei von den Top-10 Spielen gibt, es liegt daran wie schnell vorher dieses Spiel mit dem langen Lösungswort gelöst wird (wo nacheinander die Buchstaben kommen wenn man einen Begriff rät). Dafür habe ich jetzt zwei nur Jahre gebraucht, es wird Zeit sich zu bewerben finde ich…

  3. So genau habe ich das noch gar nicht beobachtet! Aber neulich ist mir wieder ein Highlight aufgefallen: In einer der Top-10-Fragen ging es um Bundesligavereine, und als die Moderatorin zum Schluss die richtigen Lösungen vorlas, stand in einem Feld aus Platzmangel „TSG 1899 Hoffen.“, was sie dann auch genau so sagte.

  4. einfach mal auf facebook: p. monika theisen liken… :-)

  5. Rose

    Jeden Sonntag nutzen wir diese famose Quizshow um unser Gute Nacht Bierchen zu trinken. Für jedes „Perfekt!“ trinkt man einen Schluck.
    Rekord: 41 „Perfekt!“s in 45 Minuten.

    • Shaneymac

      @Rose
      Ja, zum Thema Meta-Spiel sicherlich eine gute Vorlage die Show, wie auch der aufmerksame Blog-Autor schon erwähnte. Mich ärgern nur die vielen Wiederholungen an dem Sonntag-Abend Programmplatz, da kommen seit Monaten keine neuen Folgen.
      Habe ich was verpasst? Gibt es die Sendung überhaupt noch???

      Besorgte Grüße,
      Shaneymac

      • rose

        @Shaneymac
        Seit letztem Jahr gibt es wieder aktuelle Folgen. Auch online zum streamen verfügbar :D Es werden wohl dieses Jahr auch wieder neue Folgen produziert.
        Die neuen Folgen lassen aber ihr „Perfekt“s vermissen.
        Viel Spaß beim rätseln, bleibt clever!
        Rose

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