Boxhamsters – Tupperparty (1996)

Weil es so schön ist, von klassischem deutschen Punkrock zu schwärmen, habe ich nun die nächste meiner Lieblingsplatten herausgekramt (so die romantische Vorstellung; wenn man sämtliche Schallplatten digitalisiert hat, muss man natürlich nicht viel kramen): „Tupperparty“ von den Boxhamsters aus Gießen, erschienen auf dem bandeigenen Label „Bad Moon“ Mitte der 90er Jahre. Diese LP gehört auf jeden Fall zu denen, denen ich jederzeit 10 von 10 Punkten geben würde.

Die musikalische Laufbahn der Boxhamsters lässt sich meiner Meinung nach in zwei Hälften aufteilen: die vor „Tupperparty“ und die danach. Das muss man natürlich nicht so sehen, weil viele andere vermutlich eine große Kontinuität erkennen würden. Sicherlich gibt es einen gewissen „Trademark“-Sound der Boxhamsters, aber ich würde sagen, dass die ersten Jahre ein bisschen wilder waren und die späteren Jahre, die ja bis heute andauern, die eher ruhigen und nachdenklichen, wie man so schön sagt. „Tupperparty“ vereint beides ganz grandios, und da ich beide Phasen schätze, ist dies nun mal meine Lieblings-LP der Boxhamsters. Dazu kommt, dass das Songwriting hier wirklich besonders grandios ausfällt, es gibt sozusagen nur Hits. Angefangen beim schnellen und rotzigen Opener „Ballermann 6“ über den Superhit „III“ bis zur „Proklamierung [sic] des Triumvirats von DACKELBLUT, EA 80 und BOXHAMSTERS“ (Ox #23), dreier von mir hochgeschätzten Bands, namens „Arschbombe“.

Wie ich bereits andeutete, ist die Platte sehr vielfältig, vom schnellen Uffta-Uffta-Song mit Geschrei bis zum für die heutigen Boxhamsters typischen gemächlichen, gitarrenorientierten Sound mit der tiefer Singstimme von Sänger Co. Dazu kommen lustige Spielereien wie die Bläsereinsätze bei „Geisel“. Los geht es also mit „Ballermann 6“, einem wütenden, schnellen Song über das typische deutsche Spießerbild. „Deine Bücher sagen mir: das Land der Denker und der Dichter. Doch alles was ich von dir seh‘: Mallorca-Prolls und Nazi-Richter.“ Natürlich ein dankbares Ziel für eine Punkband, aber das muss hin und wieder auch mal sein. Der zweite Song „Klostein“ mit seinem treibenden Rhythmus setzt sich mit der Szenepolizei auseinander, unter der die Boxhamsters damals wohl stark zu leiden hatten. Später folgt mit dem Song „mono“ auch noch eine weitere Abrechnung mit derartigen Klugscheißern, deren Text ich hier auch komplett wiedergeben könnte, aber ich beschränke mich auf die besten Zeilen: „Dummparolen rumzuschreien hass‘ ich einfach wie die Pest, mein System kann ich nicht ändern, mein System heißt VHS“ und „Ihr könnt die Idee nicht rauben, die ihr nicht erfunden habt. Uns den letzten Spaß zu rauben, dazu sag ich nein, nein, nein“. Und natürlich: „Punk wird immer alles dürfen, auch wenn’s unter’m Gürtel war.“ Das Highlight der Platte, und da gibt mir sogar die heilige Statistik von last.fm Recht, ist der Song „III“, der auch auf Konzerten immer mein persönlicher Höhepunkt ist. Auch im sexuellen Sinne, natürlich. Wenn man ein emotionales, unpeinliches Liebeslied im deutschen Punkrock sucht, dann wird man hier am ehesten fündig. Es ist ein episches Meisterwerk, das zwar über fünf Minuten dauert und auch ein langes Intro beinhaltet, aber es plätschert nie einfach dahin sondern weiß gekonnt Spannung aufzubauen, um in einem wunderbaren Schlussrefrain zu explodieren. Herrlich! Da weiß man, warum die Boxhamsters so gerne mit Hüsker Dü und Konsorten verglichen werden.

Mit „Sunil“, „Lurchi“ und „Löwenzahn“ („Du bist der Löwenzahn im Rasen meiner Sehnsucht; ich reiß dich aus, doch du bist immer wieder da“) gibt es auch schön gemächliche Lieder der Art, die auf den späteren LPs ins Zentrum rückte. Wenn man wissen will, warum Powerchords im Punkrock nicht alles sind, dann muss man sich nur einmal diese Art von Boxhamsters-Songs zu Gemüte führen (da lassen Dackelblut und Konsorten wirklich grüßen). „Irrenhaus“ führt diese atmosphärische Intensität noch einmal zu einem weiteren Höhepunkt. Mit dem Song „Radio“ ist außerdem auch noch eine gelungene Coverversion der NDW-Band Nichts vertreten.

Ich habe für diesen äußerst wichtigen Weblog-Eintrag natürlich recherchiert, ob die Platte aktuell noch zu kaufen ist. Bei Amazon steht: „Neu kaufen: EUR 63,99“ Da muss man natürlich etwas machen! Dieses Album ist meiner Meinung nach ein Klassiker, den es unbedingt zu erhalten gilt! Also: Besucht Boxhamsters-Konzerte, so oft es geht, und kauft euch alle Platten. Am besten zuerst diese hier, aber eigentlich kann man gar nicht daneben greifen. Die Compilation „Thesaurus Rex“ (Major Label, 2011), die neulich erschienen ist, fasst das „Beste“ der vier frühen Platten „Der göttliche Imperator“ (1990), „Tötensen“ (1991), „Prinz Albert“ (1993) und dieser hier zusammen, auch wenn es da selbstverständlich immer etwas über die Songauswahl zu diskutieren gibt.

Überzeugen Sie sich selbst:

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Musik

Platz für Lob

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s