Razzia – Ausflug mit Franziska (1986)

Überrascht habe ich „zwischen den Jahren“ festgestellt, dass der Hamburger Mailorder „Colturschock“ die meiner Meinung nach beste deutsche Punk-Platte der 80er wiederveröffentlicht hat: „Ausflug mit Franziska“, die zweite LP von Razzia. Das ist die Band aus Hamburg-Langenhorn (dem Stadtteil, aus dem auch Slime stammen), die 1983 mit „Tag ohne Schatten“ eine der legendären Platten schlechthin rausgehauen hat, die noch heute regelmäßig bei Deutschpunk-Klassikern aufgelistet werden. Songs wie „Schatten über Geroldshofen“, „Kriegszustand“ oder „Nacht im Ghetto“ dürften den meisten Freunden des Punkrocks sicher ein Begriff sein. Die hinterhergeschobene Live-EP „Los Islas Limonados“ von 1985 war zwar nicht weltbewegend, diente aber auch nur dazu, auf einfache Weise den Vertrag mit Weird System zu erfüllen. Die Platte gehört heute zu den ganz teuren Sammlerobjekten dieses Genres. Warum es Razzia allerdings nie zu einer so langanhaltend großen Beliebtheit gebracht haben wie eben Slime, dürfte daran liegen, dass sie sich musikalisch nicht auf einen Sound festgelegt hatten, sondern den aggressiven Anfang-80er-Deutschpunk mit dem fremdartigen Instrument „Keyboard“ erweiterten. Das Ergebnis aus diesen Experimenten erschien 1986 unter dem Titel „Ausflug mit Franziska“.

Diese Platte, die auf dem bandeigenen Label Triton veröffentlicht wurde, wurde ein Meisterwerk, dem es gelang, das Tempo und die Aggressivität von dem, was man damals Hardcore nannte, mit Melancholie und ausgefeilten Songstrukturen zu verbinden. Die düstere Grundstimmung der ersten LP wurde noch weiter verfeinert, und der Synthesizer bildet dort, wo er eingesetzt wird, einen schaurigen Klangteppich, der dem Ganzen einen sehr vollen Sound gibt. Die Sologitarre spielt dazu passende kleine Melodien und Rajas Thiele „kotzt“ dazu die Texte aus. So manche moderne Band, die sich heute Deutschpunk schimpft, müsste sich schämen, wenn sie wüsste, was für unpeinliche Texte schon in den 80er Jahren möglich waren. Lieder wie der flotte Opener „Kranke Geister – kranke Leiber“ mit seiner ungewöhnlichen Akkordfolge, „Als Haus wärst du ’ne Hütte“ mit seiner Akustikgitarre oder „Helfende Hände“ mit seinem interessanten Aufbau gehören zu meinen Top-Favoriten, die ich immer wieder gerne herauskrame, und die auch auf einer heutigen Platte nicht veraltet klingen würden. Und nun wurde das Album, das seit grob geschätzt 20 Jahren ausverkauft gewesen sein dürfte, neu aufgelegt, und zwar auf CD und LP, mit leicht verändertem Cover (ich habe oben versucht, es anzudeuten). Das Cover und der Schriftzug darauf wurden allerdings damals schon von Auflage zu Auflage geändert, was die Unterscheidung einfach macht.

Mit dieser Platte reihen sich Razzia in eine ganze Gruppe von Bands ein, die mit klassischem Punkrock anfingen und noch in den 80ern plötzlich mit Keyboards experimentierten. In Deutschland gehören OHL dazu, die ebenfalls 1986 die LP „Jenseits von gut und böse“ veröffentlichten, und auch US-Bands wie T.S.O.L. oder Bad Religion probierten in den 80ern mal mehr und mal weniger erfolgreich Synthie-Klänge aus. Razzia entwickelten ihren Sound in der Folge aber auch konsequent weiter, mit der ruhigeren und noch etwas vertrackteren LP „Menschen zu Wasser“ von 1989. Die abwechslungsreiche Abschiedsplatte „Spuren“ vermischte dann 1991 den klassischen und den vertrackten Sound. (Diese LPs erschienen ebenfalls auf Triton und sind ebenfalls seit Ewigkeiten ausverkauft.) Nach der Auflösung tummelte sich zwar weiterhin eine Band namens Razzia in der Gegend herum, allerdings mit ganz anderer Besetzung, vor allem ohne Sänger Rajas Thiele. Aber dann: 2009 fand sich die Originalbesetzung wieder zusammen und berichtete im Internet über neue, noch vorsichtige Zukunftspläne. Dann folgte im letzten Sommer ein bislang einmaliger Reunion-Auftritt auf dem Ruhrpott-Rodeo. Und jetzt diese Wiederveröffentlichung! Neben „Ausflug mit Franziska“ wird übrigens auch das Livealbum vom Abschiedskonzert 1992 neu herausgebracht (es heißt „Live“!). Die Band soll ruhig mehr Aktivitäten folgen lassen, denn ich persönlich habe schließlich nichts gegen Gruppen im Greisenalter, solange die Musik nicht scheiße ist.

Zum Abschluss möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass der hippe Olli Schulz 2008 eine Tribute-7″-Single namens „Ausflug mit Razzia“ (Audiolith Records) veröffentlicht hat, wobei er drei Songs von dieser LP und einen von der ersten als langsame Akustikversionen nachgespielt hat. Es ist aber nicht so schlimm wie es klingt und macht ihn mir darüber hinaus auch sympathischer.

Überzeugen Sie sich selbst:

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Musik

2 Antworten zu “Razzia – Ausflug mit Franziska (1986)

  1. Pingback: Pogoradio » Blog Archive » Pogoradio-Sednung vom 3. April 2013

  2. m

    ich danke dir für diese würdigung.

    „ausflug mit franziska“ habe ich jahrelang ignoriert, eben u.a. wegen dem keyboard. aber fuck, mittlerweile würde sie in meine top-3 der besten deutschpunkplatten aus den 80ern auftauchen, wenn ich listen erstellen würde. mache ich aber ungern. egal. das ding hör ich noch in vierzig jahren.

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