Monatsarchiv: Januar 2012

Wer weiß es?

Thomas Gottschalk startet heute mit seiner neuen Sendung im Ersten*, und noch immer gibt es keinen Nachfolger für „Wetten dass“. Sollte der Wunschkandidat des ZDF, Jörg Pilawa, überraschenderweise wie ursprünglich versprochen absagen, schlage ich hiermit eine Kandidatin vor, die bisher noch keiner auf dem Schirm hatte, die aber ebenfalls auf einen großen Erfahrungsschatz im Quiz-Bereich zurückgreifen kann: Petra Theisen, Moderatorin der erfolgreichen (?) Quizshow „Wer weiß es?“ im Hessischen Rundfunk.

„Wer weiß es?“ läuft immer am späten Sonntagabend auf HR und ist meiner Meinung nach die Königin aller Quizsendungen. Zumindest, was das Durchhaltevermögen der Zuschauer betrifft, denn die Spiele sind, wie die Sendung auch selbst zugibt, auf Kreuzworträtselniveau, und moderiert wird das Ganze von einem Moderationsroboter, der nur eine kleine Stufe unter Jörg Pilawa einzusortieren ist. Denn wo dieser seine handwerklich einstudierten „spontanen“ Reaktionen (wie zum Beispiel „ja sach ma!“ wann immer ein Kandidat etwas Unerwartetes äußert, oder wie Oliver Pocher sagen würde, wenn ihm nichts Schlagfertiges einfällt: „das ist richtig!“) noch mit seinem aalglatten Charme eines Traumschwiegersohnes ausbügeln kann, ist die Moderatorin von „Wer weiß es?“ ganz allein auf ihren kleinen Fundus von Phrasen gestellt, darunter solche Klassiker wie „Jawollja“, „Bingo“ und „Das ist perfekt“. Das wird umso auffälliger, da in der Sendung zahlreiche kleine Fragen hintereinander abgearbeitet werden, und im Prinzip nach jeder Antwort ein neuer origineller Kommentar von Seiten der Moderation gefragt ist. Wenn man sich diese Low-Budget-Sendung (der Hauptpreis sind 1.000 €) öfter ansieht, kann man eigentlich die meisten Dialoge schon im Voraus erahnen; im Prinzip könnte daher jeder diese Sendung moderieren, und ich möchte eine typische Ausgabe davon einmal kurz erläutern.

Die Show beginnt mit einer fürs Öffentlich-Rechtliche angemessenen Titelmusik, und schon begrüßt Petra Theisen die Zuschauer aus ihrem kleinen Studio, in dem übrigens auch kein Publikum sitzt. Das könnte für eine intime Atmosphäre sorgen, hier fühlt man sich als Kandidat aber wohl eher in eine Prüfungssituation aus der Grundschulzeit zurückversetzt. Als niedliches Gimmick wird der Name der Moderatorin unten im Design eines der Wörterrätsel eingeblendet, und sie begrüßt die Fernsehzuschauer meistens mit einem hochtrabenden Spruch wie: „Hier wird ihr Gehirn auf Hochtouren gebracht“, „Willkommen bei der cleversten Sendung im deutschen Fernsehen“, „Sind Ihre grauen Zellen bereit für eine halbe Stunde Wissen pur?“ oder in der gestrigen Folge irgendein schmerzhaftes Wortspiel mit der Formulierung „aus den Tiefen des Wortalls“. Dann stellt sie ihre Kandidaten vor, immer jeweils zwei pro Runde, wobei die Sieger der beiden ersten Runden dann gegeneinander um den Einzug ins „große Finale“ kämpfen. In den ersten Runden gibt es dann jeweils mehrere Spiele, die zumeist etwas mit Wörtern zu tun haben. Es kommen dann Fragen wie „Als nächstes möchte ich von euch ein alkoholisches Getränk wissen“, während unten „B _ _ R“ eingeblendet wird. Wer es weiß, drückt den Buzzer, wird aufgerufen und nach einer richtigen Antwort gelobt mit „Jawollja“, „Bingo“, „Das ist perfekt“ oder manchmal sogar „Das ist Bingo perfekt“. Bei einigen Fragen bzw. Antworten bietet sich dann auch die Gelegenheit für interessanten Smalltalk zwischen Moderatorin und Kandidat, so würde Frau Theisen in diesem Falle den Kandidaten fragen: „Trinken Sie denn gerne Bier?“ Sobald der Kandidat aber tatsächlich darauf antworten will, wird er schnell wieder abgewürgt, damit man zur nächsten Frage kommen kann. „Als nächstes möchte ich von euch ein Land in Nordeuropa wissen“, eingeblendet ist „S _ _ _ _ _ _ N“. Kandidat: „Schweden!“ Moderatorin: „Kucken wir mal, was unser Computer dazu sagt – jawollja, Schweden ist richtig. Sind Sie schon mal da gewesen?“ – „Nein, noch nicht.“ – „Da haben Sie aber was verpasst!“ Nächste Frage. „Dann möchte ich von euch wissen: ein hochprozentiges alkoholisches Getränk“, eingeblendet ist „W _ _ _ _ Y“. Kandidat: „Whisky!“ Moderatorin: „Und das ist – perfekt! Trinken Sie denn gerne Whisky?“ – „Jaa, hin und wieder ganz gerne.“ – „Muss man sich auch mal gönnen, ne? Als nächstes möchte ich von euch wissen: einen Urlaubsort auf Rügen.“ Eine Kandidatin drückt: „Sansibar?“ Moep, leider falsch. Dann bekommt der andere Kandidat noch eine Chance: „Das müsste Sassnitz sein.“ – „Mal sehen, was der Computer dazu sagt – Bingo! Sassnitz ist über beide Ohren richtig. Sind Sie schon mal da gewesen?“ – „Also, ich…“ – „Gut, dann ziehen wir mal Bilanz und schauen auf die Punkte…“ Eigentlich hat sie ja Recht, dass es keinen interessiert, aber sie hat ja gefragt.

Die nächsten Runden laufen nach einem ähnlichen Schema ab. Als zweites Spiel folgt das Silbenrätsel. „Ich hoffe, ihr kennt die Regeln?“ Wenn jemand „ja“ sagt, heißt es dann aber: „Dann erklären Sie sie den Zuschauern doch mal mit eigenen Worten.“ So wie eine Lehrerin einen unruhigen Schüler bloßstellen würde. Eigentlich geht es nur darum, Silben zu Wörtern zu ordnen. Steht dort beispielsweise „OM|AT|SIK|PHY“, muss der Kandidat drücken und „Atomphysik“ sagen. Dann sagt Petra Theisen nämlich: „Ob das stimmt? Schauen wir mal, was der Computer dazu sagt… ‚Atomphysik‘ ist – Bingo richtig! Weiter geht’s mit dem nächsten Begriff. Was suchen wir hier?“ Eingeblendet ist „JUM|BUN|PING|GEE“. Als Hilfe sagt die Moderatorin: „Es ist eine Extremsportart…“ – „Bungeejumping!“ – „Sie sagen Bungeejumping, und – das ist perfekt! Bungeejumping… haben Sie das schon mal gemacht?“ – „Ja, einmal, war richtig toll.“ – „Donnerwetter! Schauen wir mal, was der Computer als nächstes von euch wissen will…“ Eingeblendet ist „CHEN|KU|BEL|GA“, und was sagt die Kandidatin? „Gabelkuchen!“ Frau Theisen reagiert zurecht ungehalten. Als nächstes kommt das „Schüttelrätsel“, bei dem Buchstaben eines Wortes alphabetisch geordnet sind und in die richtige Reihenfolge gebracht werden sollen. Beispielsweise „BCHU“. Wenn keiner drauf kommt, gibt die Moderatorin nach eigener Aussage „jede Menge Tips“ und sagt zum Beispiel: „Das kann man lesen“. Manchmal reicht das den Kandidaten aber nicht, wenn beispielsweise nach einer „christlichen Freikirche“ mit B gefragt wird und die Kandidatin „Buddhisten“ antwortet. Die meiner Meinung nach legendärste Antwort war allerdings auf die Frage nach einer „autonomen Region im Nordwesten Italiens“ mit dem Anfangsbuchstaben A. Die Dame drückt und sagt: „Antifa.“ So autonom sind die da nun auch wieder nicht!

Anschließend kommt noch das Kreuzworträtsel, bei dem die Kandidaten nach dem Muster „ich nehme die 2 waagerecht“ ansagen, zu welchem Begriff sie die Frage hören wollen. Wenn jemand vergisst, „waagerecht“ dazuzusagen, fragt Frau Theisen immer noch mal nach, ob waagerecht gemeint ist, auch wenn es nur eine Möglichkeit gibt. Dazu sollte auch noch erwähnt werden, dass die gestellten Fragen oft mehrdeutig sind und die gesuchten Antworten oft archaische oder konstruierte Begriffe, auf die niemand kommt, die aber halt vom Aufbau gut ins Kreuzworträtsel passen, ebenso wie überraschende Deklinationsformen. „Dann ziehen wir doch mal Bilanz: Kunigunde hat 240 Punkte, Justin hat [kurze Kunstpause] 65 Punkte, aber keine Sorge, es ist noch alles offen!“ Stimmt, im letzten Spiel kann man ja noch 40 Punkte gutmachen. Es ist ein Musikquiz, und der Kandidat, der den Songtitel und Interpreten eines Liedes kennt, muss so schnell wie möglich drücken. Vorher gibt die Moderatorin sich aber noch interessiert: „Was hören Sie denn privat so für Musik, Kunigunde?“ – „Ach, eigentlich querbeet, alles was so im Radio läuft.“ – „Na, das sind ja die besten Voraussetzungen. Und Sie, Justin?“ – „Ach, ich hör eigentlich eher Indie, Alternative und sowas.“ Und Frau Theisen überspielt ganz subtil, dass sie mit diesen Begriffen nichts anfangen kann: „Na, das sind ja die besten Voraussetzungen.“ Dann werden nacheinander die zwei Lieder eingespielt, und wenn ein Lied nach 60er-Jahre-Rock klingt, drückt immer jemand und sagt „Die Beatles“, und wenn eins nach 70er-Jahre-Disco klingt „ABBA“, auch wenn es eigentlich Bob Dylan oder Boney M. waren. Dann steht ein Gewinner und ein Verlierer fest, „es hat nicht sollen sein, und Kunigunde, wir sehen uns in der nächsten Runde wieder“.

Es folgt die zweite Runde mit den identischen Spielen und dann das „Halbfinale“ mit den beiden Gewinnern und im Prinzip ähnlichen Spielen. Beispielsweise ein Bilderrätsel, für die die Redaktion auf die Schnelle irgendwelche Cliparts zusammengeworfen hat, die zusammen ein Wort ergeben sollen. Beispielsweise einen Stau und einen See. Eine Kandidatin weiß sofort die Lösung: „Kfz-Oase!“ Am Ende des Halbfinales kommen immer die „Top-10-Listen“, bei denen die Kandidaten abwechselnd beispielsweise „Die zehn beliebtesten Liebesfilme der Hessen“, „Die tiefsten Seen Deutschlands“ oder „Die längsten Autobahnen Deutschlands“ tippen sollen. Manchmal kommen zwei dieser Listen, manchmal nur eine, warum weiß man nicht, vielleicht wird das von der „Spannung“ des aktuellen Punktestandes abhängig gemacht. Dann kommt das Finale! „Kunigunde hat sich heute gegen alle Herausforderer durchgesetzt und hat jetzt die Chance auf 1.000 €.“ Als Belohnung gibt es 50 € Vorschuss. Vorher gibt es nichts zu gewinnen! Höchstens eine Busfahrkarte zum Hessischen Rundfunk. Und dafür diese Anstrengung! Es wird nun ein dreibuchstabiges Wort vorgegeben, beispielsweise „TOR“. Dann folgen fünf Gewinnstufen von 100 (glaub ich) bis 1000 €, und jedes Mal kommt ein Buchstabe hinzu. Beispielsweise steht dann dort „_ _ _ E“ und die Zeit läuft. Insgesamt hat man 60 Sekunden Zeit. „Tore!“ – „Und das ist… [Tusch] hey, perfekt! Das macht dann schon mal 100 € für Sie, und weiter geht’s.“ (Während des Gelabers hält die Uhr an.) Dann erscheint in der nächsten Zeile zum Beispiel „_ _ _ R _“. Dabei kommt es oft vor, dass dem Kandidaten gar nichts mehr einfällt (ich hasse es übrigens, wenn Leute in solchen Situationen als Scherz fragen, ob sie auch jemanden anrufen dürfen), nach 45 Sekunden Stille die Zeit vorbei ist und man merkt, dass sich dafür die Anreise eigentlich nicht gelohnt hat. „Es hat nicht sollen sein, aber immerhin 100 € sind Ihnen!“ Sic! Frau Theisen sagt bei Geldbeträgen stets „soundsoviel Euro sind Ihnen“. Verabschieden tut Petra Theisen die Fernsehzuschauer immer mit ihrer „Catchphrase“: „Bleiben Sie clever!“ Überhaupt benutzt sie diesen Begriff gerne während ihrer äußerst cleveren Sendung. Sie ist nebenbei übrigens auch schriftstellerisch tätig und hat ein Buch namens „Clevere Desserts“ veröffentlicht.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag dazu geeignet ist, Leuten den Mund wässrig zu machen auf dieses rundfunkgebührenfinanzierte Meisterwerk. Es ist nämlich eine Quizshow, die nicht nur zum motivierten Mitraten anregt, sondern auch zu Meta-Spielen einlädt. Ein Trinkspiel wäre auch eine Superidee! Dazu noch ein Tip: „Bingo“ muss auf jeden Fall selbst mit rein!

(Zu Informationszwecken hier noch ein Link zur Mediathek.)

* Und weil da eh jeder drüber schreiben wird, hebe ich mich hiermit angenehm vom Rest ab.

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Boxhamsters – Tupperparty (1996)

Weil es so schön ist, von klassischem deutschen Punkrock zu schwärmen, habe ich nun die nächste meiner Lieblingsplatten herausgekramt (so die romantische Vorstellung; wenn man sämtliche Schallplatten digitalisiert hat, muss man natürlich nicht viel kramen): „Tupperparty“ von den Boxhamsters aus Gießen, erschienen auf dem bandeigenen Label „Bad Moon“ Mitte der 90er Jahre. Diese LP gehört auf jeden Fall zu denen, denen ich jederzeit 10 von 10 Punkten geben würde.

Die musikalische Laufbahn der Boxhamsters lässt sich meiner Meinung nach in zwei Hälften aufteilen: die vor „Tupperparty“ und die danach. Das muss man natürlich nicht so sehen, weil viele andere vermutlich eine große Kontinuität erkennen würden. Sicherlich gibt es einen gewissen „Trademark“-Sound der Boxhamsters, aber ich würde sagen, dass die ersten Jahre ein bisschen wilder waren und die späteren Jahre, die ja bis heute andauern, die eher ruhigen und nachdenklichen, wie man so schön sagt. „Tupperparty“ vereint beides ganz grandios, und da ich beide Phasen schätze, ist dies nun mal meine Lieblings-LP der Boxhamsters. Dazu kommt, dass das Songwriting hier wirklich besonders grandios ausfällt, es gibt sozusagen nur Hits. Angefangen beim schnellen und rotzigen Opener „Ballermann 6“ über den Superhit „III“ bis zur „Proklamierung [sic] des Triumvirats von DACKELBLUT, EA 80 und BOXHAMSTERS“ (Ox #23), dreier von mir hochgeschätzten Bands, namens „Arschbombe“.

Wie ich bereits andeutete, ist die Platte sehr vielfältig, vom schnellen Uffta-Uffta-Song mit Geschrei bis zum für die heutigen Boxhamsters typischen gemächlichen, gitarrenorientierten Sound mit der tiefer Singstimme von Sänger Co. Dazu kommen lustige Spielereien wie die Bläsereinsätze bei „Geisel“. Los geht es also mit „Ballermann 6“, einem wütenden, schnellen Song über das typische deutsche Spießerbild. „Deine Bücher sagen mir: das Land der Denker und der Dichter. Doch alles was ich von dir seh‘: Mallorca-Prolls und Nazi-Richter.“ Natürlich ein dankbares Ziel für eine Punkband, aber das muss hin und wieder auch mal sein. Der zweite Song „Klostein“ mit seinem treibenden Rhythmus setzt sich mit der Szenepolizei auseinander, unter der die Boxhamsters damals wohl stark zu leiden hatten. Später folgt mit dem Song „mono“ auch noch eine weitere Abrechnung mit derartigen Klugscheißern, deren Text ich hier auch komplett wiedergeben könnte, aber ich beschränke mich auf die besten Zeilen: „Dummparolen rumzuschreien hass‘ ich einfach wie die Pest, mein System kann ich nicht ändern, mein System heißt VHS“ und „Ihr könnt die Idee nicht rauben, die ihr nicht erfunden habt. Uns den letzten Spaß zu rauben, dazu sag ich nein, nein, nein“. Und natürlich: „Punk wird immer alles dürfen, auch wenn’s unter’m Gürtel war.“ Das Highlight der Platte, und da gibt mir sogar die heilige Statistik von last.fm Recht, ist der Song „III“, der auch auf Konzerten immer mein persönlicher Höhepunkt ist. Auch im sexuellen Sinne, natürlich. Wenn man ein emotionales, unpeinliches Liebeslied im deutschen Punkrock sucht, dann wird man hier am ehesten fündig. Es ist ein episches Meisterwerk, das zwar über fünf Minuten dauert und auch ein langes Intro beinhaltet, aber es plätschert nie einfach dahin sondern weiß gekonnt Spannung aufzubauen, um in einem wunderbaren Schlussrefrain zu explodieren. Herrlich! Da weiß man, warum die Boxhamsters so gerne mit Hüsker Dü und Konsorten verglichen werden.

Mit „Sunil“, „Lurchi“ und „Löwenzahn“ („Du bist der Löwenzahn im Rasen meiner Sehnsucht; ich reiß dich aus, doch du bist immer wieder da“) gibt es auch schön gemächliche Lieder der Art, die auf den späteren LPs ins Zentrum rückte. Wenn man wissen will, warum Powerchords im Punkrock nicht alles sind, dann muss man sich nur einmal diese Art von Boxhamsters-Songs zu Gemüte führen (da lassen Dackelblut und Konsorten wirklich grüßen). „Irrenhaus“ führt diese atmosphärische Intensität noch einmal zu einem weiteren Höhepunkt. Mit dem Song „Radio“ ist außerdem auch noch eine gelungene Coverversion der NDW-Band Nichts vertreten.

Ich habe für diesen äußerst wichtigen Weblog-Eintrag natürlich recherchiert, ob die Platte aktuell noch zu kaufen ist. Bei Amazon steht: „Neu kaufen: EUR 63,99“ Da muss man natürlich etwas machen! Dieses Album ist meiner Meinung nach ein Klassiker, den es unbedingt zu erhalten gilt! Also: Besucht Boxhamsters-Konzerte, so oft es geht, und kauft euch alle Platten. Am besten zuerst diese hier, aber eigentlich kann man gar nicht daneben greifen. Die Compilation „Thesaurus Rex“ (Major Label, 2011), die neulich erschienen ist, fasst das „Beste“ der vier frühen Platten „Der göttliche Imperator“ (1990), „Tötensen“ (1991), „Prinz Albert“ (1993) und dieser hier zusammen, auch wenn es da selbstverständlich immer etwas über die Songauswahl zu diskutieren gibt.

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Razzia – Ausflug mit Franziska (1986)

Überrascht habe ich „zwischen den Jahren“ festgestellt, dass der Hamburger Mailorder „Colturschock“ die meiner Meinung nach beste deutsche Punk-Platte der 80er wiederveröffentlicht hat: „Ausflug mit Franziska“, die zweite LP von Razzia. Das ist die Band aus Hamburg-Langenhorn (dem Stadtteil, aus dem auch Slime stammen), die 1983 mit „Tag ohne Schatten“ eine der legendären Platten schlechthin rausgehauen hat, die noch heute regelmäßig bei Deutschpunk-Klassikern aufgelistet werden. Songs wie „Schatten über Geroldshofen“, „Kriegszustand“ oder „Nacht im Ghetto“ dürften den meisten Freunden des Punkrocks sicher ein Begriff sein. Die hinterhergeschobene Live-EP „Los Islas Limonados“ von 1985 war zwar nicht weltbewegend, diente aber auch nur dazu, auf einfache Weise den Vertrag mit Weird System zu erfüllen. Die Platte gehört heute zu den ganz teuren Sammlerobjekten dieses Genres. Warum es Razzia allerdings nie zu einer so langanhaltend großen Beliebtheit gebracht haben wie eben Slime, dürfte daran liegen, dass sie sich musikalisch nicht auf einen Sound festgelegt hatten, sondern den aggressiven Anfang-80er-Deutschpunk mit dem fremdartigen Instrument „Keyboard“ erweiterten. Das Ergebnis aus diesen Experimenten erschien 1986 unter dem Titel „Ausflug mit Franziska“.

Diese Platte, die auf dem bandeigenen Label Triton veröffentlicht wurde, wurde ein Meisterwerk, dem es gelang, das Tempo und die Aggressivität von dem, was man damals Hardcore nannte, mit Melancholie und ausgefeilten Songstrukturen zu verbinden. Die düstere Grundstimmung der ersten LP wurde noch weiter verfeinert, und der Synthesizer bildet dort, wo er eingesetzt wird, einen schaurigen Klangteppich, der dem Ganzen einen sehr vollen Sound gibt. Die Sologitarre spielt dazu passende kleine Melodien und Rajas Thiele „kotzt“ dazu die Texte aus. So manche moderne Band, die sich heute Deutschpunk schimpft, müsste sich schämen, wenn sie wüsste, was für unpeinliche Texte schon in den 80er Jahren möglich waren. Lieder wie der flotte Opener „Kranke Geister – kranke Leiber“ mit seiner ungewöhnlichen Akkordfolge, „Als Haus wärst du ’ne Hütte“ mit seiner Akustikgitarre oder „Helfende Hände“ mit seinem interessanten Aufbau gehören zu meinen Top-Favoriten, die ich immer wieder gerne herauskrame, und die auch auf einer heutigen Platte nicht veraltet klingen würden. Und nun wurde das Album, das seit grob geschätzt 20 Jahren ausverkauft gewesen sein dürfte, neu aufgelegt, und zwar auf CD und LP, mit leicht verändertem Cover (ich habe oben versucht, es anzudeuten). Das Cover und der Schriftzug darauf wurden allerdings damals schon von Auflage zu Auflage geändert, was die Unterscheidung einfach macht.

Mit dieser Platte reihen sich Razzia in eine ganze Gruppe von Bands ein, die mit klassischem Punkrock anfingen und noch in den 80ern plötzlich mit Keyboards experimentierten. In Deutschland gehören OHL dazu, die ebenfalls 1986 die LP „Jenseits von gut und böse“ veröffentlichten, und auch US-Bands wie T.S.O.L. oder Bad Religion probierten in den 80ern mal mehr und mal weniger erfolgreich Synthie-Klänge aus. Razzia entwickelten ihren Sound in der Folge aber auch konsequent weiter, mit der ruhigeren und noch etwas vertrackteren LP „Menschen zu Wasser“ von 1989. Die abwechslungsreiche Abschiedsplatte „Spuren“ vermischte dann 1991 den klassischen und den vertrackten Sound. (Diese LPs erschienen ebenfalls auf Triton und sind ebenfalls seit Ewigkeiten ausverkauft.) Nach der Auflösung tummelte sich zwar weiterhin eine Band namens Razzia in der Gegend herum, allerdings mit ganz anderer Besetzung, vor allem ohne Sänger Rajas Thiele. Aber dann: 2009 fand sich die Originalbesetzung wieder zusammen und berichtete im Internet über neue, noch vorsichtige Zukunftspläne. Dann folgte im letzten Sommer ein bislang einmaliger Reunion-Auftritt auf dem Ruhrpott-Rodeo. Und jetzt diese Wiederveröffentlichung! Neben „Ausflug mit Franziska“ wird übrigens auch das Livealbum vom Abschiedskonzert 1992 neu herausgebracht (es heißt „Live“!). Die Band soll ruhig mehr Aktivitäten folgen lassen, denn ich persönlich habe schließlich nichts gegen Gruppen im Greisenalter, solange die Musik nicht scheiße ist.

Zum Abschluss möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass der hippe Olli Schulz 2008 eine Tribute-7″-Single namens „Ausflug mit Razzia“ (Audiolith Records) veröffentlicht hat, wobei er drei Songs von dieser LP und einen von der ersten als langsame Akustikversionen nachgespielt hat. Es ist aber nicht so schlimm wie es klingt und macht ihn mir darüber hinaus auch sympathischer.

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Ein Weblog das beginnt

Warum schreiben so viele Leute Blogs? Weil sie sich für wichtig halten. Warum schreibe ich jetzt auch eins? Natürlich weil ich wichtiger als die meisten davon bin, haha.

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